Apostelgeschichte 6, 8-15 Ein sozial-diakonischer Evangelist

Interessant wie Stephanus seine diakonische Aufgabe wahrnimmt. Er kümmert sich nicht nur um arme Witwen, sondern „tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk“ (V.8) und wird schließlich von Diasporajuden wegen seinen Predigten angeklagt (V.11). Für ihn gehörte also das ganz praktische sozial-diakonische Helfen ganz selbstverständlich zusammen mit der Christus-Verkündigung. Er spielt das eine nicht gegen das andere aus. Es ist für ihn gar keine Frage, dass er neben praktischer Hilfe auch seinen Glauben bezeugt.

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Sprüche 29, 1-18 Glaube und Politik

In diesen Sprüchen geht es vor allem um die politisch-soziale Dimension des Glaubens. Erstaunlich, wie ähnlich die Themen damals wie heute sind: Steuer, Armut, respektvolles Miteinander. Oder muss man sagen: das ist gar nicht erstaunlich, sondern die Probleme menschlichen Zusammenlebens sind heute die dieselben  wie damals? Trotz allen Fortschrittes, trotz aller neuen Erkenntnisse und Entdeckungen – der Mensch ist immer noch derselbe. Die Grundfragen menschlicher Gesellschaft sind heute noch dieselben: Wie kommt es zu einer gerechten Verteilung des Geldes und wie gehen wir in Respekt und Weisheit miteinander um?

Für die Sprüche ist klar, dass dazu ein offenes Ohr für die Weisungen Gottes gehört (V.18). Aber gerade in den Sprüchen wird auch deutlich, dass dazu nicht nur ein fester Glaube nötig ist, sondern auch nüchterner und sachlicher Menschenverstand. Gerade die Sprüche sind Sammlungen von Lebensweisheiten, die zwar mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht als göttliche Offenbarung vom Himmel gefallen sind. Wichtig ist, dass sich menschliche Weisheit und Lebenserfahrung mit Gottesfurcht (oder anders übersetzt: Respekt vor Gott) verbindet. Glaube kann sich nicht nur auf innerliche und persönliche Erfahrungen zurück ziehen. Er hat Verantwortung auch für andere. Aber umgekehrt gilt auch: eine Politik ohne Respekt vor Gott, steht in der Gefahr, falsche Maßstäbe anzuwenden.

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1. Timotheus 5, 1-16 Hauptamtliche Beterinnen

Anscheinend gab es in der Gemeinde des Timotheus so etwas wie einen von der Gemeinde offiziell anerkannten Witwenstand, der wohl mit gewissen Rechten und Pflichten verbunden war. Zu diesem Stand – oder kann man schon sagen, dass es ein Amt war? – musste man auserwählt werden (V.9) und hatte bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen: die Witwen mussten über 60 Jahre alt sein, sie durften nur die Frau eines einzigen Mannes gewesen sein und sie mussten ein vorbildliches christliches Leben führen. Jüngere Witwen sollten besser wieder heiraten (V.14). Es ist anzunehmen, dass die anerkannten Witwen von der Gemeinde versorgt wurden und dafür dann Zeit hatten zum Gebet (V.5). Also so etwas wie hauptamtliche Beterinnen!

Ich finde das für die damalige Zeit eine tolle Regelung. Witwen standen am Rand der Gesellschaft, sie mussten oft um das Überleben kämpfen, weil sie keinen Mann hatten, der sie versorgt. Dieses Witwenamt gab ihnen die Möglichkeit, nicht mehr am Rand stehen bleiben zu müssen, sondern sich selbst sinnvoll in die Gemeinschaft einzubringen. Das ist doch genial: auch die scheinbar Schwachen dürfen und sollen sich mit ihren Gaben in die Gemeinschaft einbringen! Die Witwen sind nicht wertlos und unwichtig, sie sind nicht eine soziale Laste, welche die Gemeinschaft zu tragen hat, sondern sie sind als Beterinnen das verborgene Herzstück der Gemeinde.

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Hesekiel 45 Gottesdienst und Menschendienst

Erstaunlich, dass beim Priester Hesekiel, dem soviel am Tempel, dem rechten Opferdienst, der korrekten Ausführung aller religiösen Pflichten liegt, zwischendurch auch die soziale Dimension des Glaubens auftaucht. In dieser Vision des idealen Tempels taucht auch der Fürst auf (der betont nicht König genannt wird, weil Hesekiel das Königtum in Israel als gescheitert ansieht), der nicht nur für den rechten Opferdienst zu sorgen hat (V.13-25), sondern auch zur sozialen Gerechtigkeit gegenüber seinem Volk aufgefordert wird (V.9-12).

Selbst bei Hesekiel wird deutlich, dass Gottesdienst nicht nur auf Gott ausgerichtet ist, sondern dass der richtige Gottesdienst auch das Wohl des Nächsten im Blick hat. Gottesliebe ohne Nächstenliebe geht auch bei Hesekiel nicht. Das sollten auch wir nicht vergessen: wer sich wirklich Gott ganz hingeben will, muss sich auch um die Nöte seiner Mitmenschen kümmern.

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Jeremia 22, 10-30 Gott erkennen

Dieser Abschnitt ist die Fortsetzung von dem Text gestern. An konkreten Beispielen entfaltet Jeremia, was es heißt (bzw. was es nicht heißt) seinen Glauben auch mit sozialer Verantwortung zu leben. Er zählt drei Könige seiner Zeit auf, die eben nicht auf Recht und Gerechtigkeit geschaut haben, sondern nur auf ihren eigenen Vorteil (nebenbei bemerkt: ganz schön mutig, die mächtigsten Männer im Land so offen zu kritisieren).

Als Gegenbild stellt Jeremia dem Leser König Josia, den Vater von zwei dieser drei Könige, vor Augen: „Er half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm gut. Heißt dies nicht, mich recht erkennen?, spricht der HERR.“ (V.16) Mich hat dieser Vers besonders angesprochen. Es gibt offensichtlich verschiedene Wege, um Gott zu erkennen: Den Weg des Gebets, der Meditation, der Gottesdienste und des Lobpreises. Aber es gibt auch den Weg, den Elenden und Armen zu helfen. Auch das bringt mich Gott näher, hilft mir, ihn zu erkennen.

Mir ist dazu noch Mt. 25,40 eingefallen: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
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Jeremia 21, 11 – 22, 9 Die soziale Dimension des Glaubens

An dieser Stelle wird mal wieder deutlich, dass Glaube nicht nur eine innerliche und spirituelle Ausrichtung auf Gott ist, sondern dass Glaube auch eine äußerliche und sozial Dimension hat. Glaube bedeutet nicht nur, Gott zu vertrauen, sondern es bedeutet genauso seinen Nächsten gerecht zu behandeln. Oder wie Jesus es sagt: Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.

Jeremia klagt hier die Könige von Juda an: Sie haben den Bund mit Gott verlassen. Nicht nur weil sie andere Götter angebetet haben, sondern auch weil sie nicht für Recht und Gerechtigkeit gesorgt haben. Für Jeremia gehört das untrennbar zusammen: Gottesliebe und Nächstenliebe. Bei beidem haben die Könige versagt.

„Hilf mir mein Gott, Dich zu lieben. Immer mehr. Immer tiefer. Immer umfassender. Und schenke mir Liebe für meinen Nächsten. Immer mehr. Immer tiefer. Immer umfassender.“
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Jeremia 5, 20-31 Dieselbe Medaille

Was mir wieder mal bei Jeremia auffällt (und das gilt wohl für alle atl. Propheten): Es wird nicht nur der Unglaube angeklagt, sondern auch falsches moralisches Handeln. Jeremia klagt hier vor allem die Reichen an, die sich nicht um die Schwachen kümmern und die andere ausbeuten. Auch die religiösen Führe kriegen ihr Fett weg. Aber auch dem Volk insgesamt wird der Spiegel vorgehalten: „… und mein Volk hat’s gern so.“ (V.31)

Glaube und Ethik gehören immer zusammen. Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten sind zwei Seiten derselben Medaille. Wo das eine nicht mehr stimmt, da gerät auch das andere aus dem Gleichgewicht. Es geht Gott nicht nur um den reinen Glauben, die richtige Theologie und die Ausrichtung auf ihn selbst – es geht ihm genauso um ein respektvolles und liebevolles Miteinander seiner Geschöpfe. Wenn sozialdiakonisches Handeln und die Vertiefung meiner persönlichen Beziehung zu Gott gegeneinander ausgespielt werden, dann ist das absolut unbiblisch.
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Henderson/Casper: Jim and Casper go to Church

Ein hochinteressantes Buch. Eine ungewöhnliche und spannende Idee steht dahinter. Der Pastor Jim Henderson besucht zusammen mit einem Atheisten verschiedene Gemeinden und die beiden schreiben darüber, wie sie den Gottesdienst empfanden.

Zunächst mal zum Stil: Das Buch ist sehr gut zu lesen. Es ist spannend und unterhaltsam – nicht zu trocken! Die Eindrücke von den verschiedenen Gottesdiensten sind ganz bewusst sehr subjektiv gehalten. Es geht nicht um eine absolute Bewertung der einzelnen Gemeinden, sondern um die subjektiven und ganz persönlichen Eindrücke der beiden Autoren. In gewisser Weise ist das Buch eine gute Ergänzung zu dem Buch „unchristian„. Dort ging es anhand von Umfragen darum, wie Nichtchristen in Amerika die Christen wahrnehmen. Hier geht es um ganz persönliche Eindrücke.

Was dem Buch Frische und Authentizität verschafft ist die Grundidee: Wie sieht ein kirchlicher Außenseiter die Kirche? Natürlich gibt es dazu viele Bücher und Untersuchungen dazu, aber meistens sind es dann eben die Christen, die das ganze auswerten und die anderen Christen dann erklären wollen wie ein Außenseiter die Kirche sieht. Hier kommt der Außenseiter selbst zu Wort!

Die beiden haben Gottesdienste der unterschiedlichsten amerikanischen Gemeinden besucht, von ganz klein bis riesig groß. Natürlich waren auch Rick Warrens Saddleback und Willow Creek darunter (und die kamen nicht unbedingt am besten weg…). Neben der anderen Sichtweise auf einen ganz normale Gottesdienst ist das Buch auch ein tolle Einführung in die wichtigsten amerikanischen Kirchen.

Zwei Punkte die mir persönlich von dem Buch am meisten hängen blieben: Authentizität und Glaube, der in der Tat konkret wird. Das sind Gedanken, die immer wieder bei Casper auftauchten. Ihn schreckte oft die übertriebene Show ab (gerade in den Mega-Gemeinden). Da wird mit viel Technik, Aufwand, Geld, gestylten Musikern und geschliffenen Predigten die Botschaft des armen und einfachen Predigers Jesu weitergegeben. Was Casper am meisten beeindruckte waren dagegen Gemeinden, die nicht nur über Nächstenliebe sprachen, sondern die das auch ganz konkret lebten.

Mich überkam aber auch manchmal ein ungutes Gefühl beim Lesen des Buches. Die beiden klingen manchmal sehr überheblich, wenn sie die unterschiedlichen Bereiche des Gottesdienstes „bewerten“. Dieses über andere urteilen kann schnell in eine falsche Richtung führen. Ich finde dass das bei den beiden nicht ungut abdriftet, aber ich kann mir vorstellen, dass mancher Leser sich durchaus ermutigt fühlt, im Urteilen über andere Kirchen, die ihm nicht so passen. Dazu passt, dass im Zuge des Buches eine Homepage eingerichtet wurde, auf der man unterschiedliche Gemeinden bewerten konnte – inzwischen ist diese Bewertung wieder geschlossen, weil es wohl viel unangemessene Beiträge gab (sowohl in Richtung Eigenerbung der eigenen Gemeinde als auch böses Herunterziehen anderer Gemeinden… 🙁 )

Aber trotzdem: ein sehr anregendes Buch, um auch mal den Blickwinkel auf die eigene Gemeinde zu erweitern.

Matthäus 4, 12-17 – Jesus am Rand

Zwei Dinge sind mir in dem Abschnitt aufgefallen: Zum einen dass, Jesus sich nach Galiläa zurück zieht. Das war ein Randgebiet Israels. Die meisten Israeliten in diesem Gebiet wurden 732 v. Chr. von den Assyrern verschleppt und seitdem wohnten dort auch viele Nicht-Israeliten. Jesus beginnt seine Wirksamkeit also nicht im Zentrum des jüdischen Volkes (das wäre in Judäa), sondern am geographischen Rand.

Und das gilt ja nicht nur für die Geographie: Auch von den Gesellschaftsschichten her wendet er sich an die Außenseiter und Ausgestoßene (Zöllner, Huren, Kranke,…). Das heißt nicht, dass er eine Art „social gospel“ hatte, das nur auf sozial Schwache zugeschnitten war – seine Botschaft war allgemein und galt allen. Aber es zeigt ganz deutlich, dass er keine Berührungsängste hatte und dass ihm gerade die Leute am Rand der Gesellschaft wichtig waren.

Das zweite was mir auffällt ist seine Botschaft: Wortwörtlich die gleiche wie bei Johannes dem Täufer: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt. 3,2 und Mt. 4,17). Jesus hatte es offenbar nicht nötig, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Er wollte nicht unbedingt etwas Neueres, Besseres, Spektakuläreres als andere sagen, sondern konnte sich bescheiden der richtigen Botschaft anderer anschließen. Und das obwohl Johannes ja ganz groß Jesus angekündigt hat als denjenigen, der stärker ist als er, als denjenigen, der nicht nur mit Wasser tauft, sondern mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, als denjenigen, für den er nicht mal gut genug ist, ihm die Schuhe hinterher zu tragen. Jesus war die Botschaft wichtiger als seine Person. Obwohl sich dann im Lauf des Evangeliums herausstellt, dass seine Botschaft untrennbar mit seiner Person zusammenhängt.