Römer 3, 27-31: sola fide?

Für Martin Luther war V.28 eine zentrale Stelle von der aus er seine berühmte Zusammenfassung des Evangeliums begründet hat: „sola fide“ – der Mensch kann vor Gott nur gerecht werden „allein durch Glaube“. Allerdings findet sich im griechischen Urtext dieses „allein“ nicht. Hat Luther damit den Sinn des Textes verfälscht? Ich denke, es handelt sich um eine berechtigte Zuspitzung. Denn Paulus stellt hier ja die Gerechtigkeit durch Gesetzeswerke der Gerechtigkeit durch Glaube gegenüber. Der Sinn ist dann gerade nicht, dass beides ein bisschen zutrifft, sondern es ist ein entweder – oder. Gerecht werden wir nicht durch das Gesetz, sondern durch den Glauben. Sinngemäß ist das ergänzende „allein“ also angebracht.

Inhaltlich bleibt – egal wie man die Stelle übersetzt – ein gewisses innerbiblisches Spannungsfeld. V.a. gegenüber dem Jakobusbrief der scheinbar das genaue Gegenteil behauptet: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“ (Hier steht übrigens das „allein“ auch im griech. Text; es scheint so, als ob schon Jakobus Paulus im Sinne Luthers verstanden hätte). Wie ist das nun? Wer hat Recht? Paulus oder Jakobus?

Zunächst muss man feststellen, dass es kein totaler Gegensatz ist, denn Jakobus lehnt natürlich den Glauben nicht ab, sondern betont, dass die Werke dazu kommen müssen. Auch für ihn ist der Glaube eine unaufgebliche Voraussetzung, um vor Gott gerecht zu sein. Der entscheidende Unterschied ist wirklich, ob Glaube „allein“ ausreicht, oder ob zum Glauben doch noch irgendwie die Werke dazu kommen müssen.

Ich denke auch hier liegen Paulus und Jakobus nicht völlig auseinander. Die Frage ist ja, was mit Glaube gemeint ist. Wenn man unter Glaube nur versteht, dass ich mich auf Jesu Tat am Kreuz verlasse, um gerettet zu werden und dann trotzdem ein Leben führe, das Gott nicht gefällt, dann kann mit diesem Glauben nicht alles richtig sein. Genau dieses Missverständnis lehnt Jakobus so betont ab. Glaube muss Auswirkungen auf die Werke haben, sonst ist es kein echter Glaube. Paulus würde das nicht so pointiert sagen, aber von der Sache her formuliert er ähnlich in Galater 5,6: „Denn in Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ Echter biblischer Glaube ist auch für Paulus ein Glaube, der sich im Leben auswirkt, der Werke nach sich zieht, der in der Liebe tätig wird.

Trotzdem bleibt zwischen Paulus und Jakobus eine gewisse Spannung. Paulus betont mehr die Gerechtigkeit allein aus Glauben und Jakobus mehr die Notwendigkeit, dass zum echten Glauben auch die Werke gehören. Das finde ich schön an der Bibel: hier werden nicht alle Spannungen völlig aufgelöst, es wird nicht alles zu einem festen theologischen System glatt gebügelt. Die Bibel ist Gottes lebendiges Wort gerade in und mit ihren Spannungen.

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Hebräer 11, 8-22 Sehnen nach dem himmlischen Vaterland

Ist das jetzt ermutigend, oder nicht doch eher deprimierend? Wenn die großen Glaubensvorbilder des Alten Testament der Maßstab und das Vorbild für meinen eigenen Glauben sein sollen, dann kann ich gleich einpacken. Abraham verlässt auf Gottes Wort hin alles, was er hat und weiß nicht einmal, wo es hingehen soll. Er ist bereit seinen Sohn zu opfern, weil er an die Auferstehung der Toten glaubte (so sieht es zumindest der Hebräerbrief). Solch einen starken, ja schon übermenschlichen Glauben werde ich nie haben. Und dabei haben diese Glaubensvorbilder „das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen“ (V.13). Wenn wir solchen Glauben brauchen, um vor Gott gerecht zu werden, dann sind wir alle verloren. Dann wird aus der tröstlichen Zusage des sola fide (Glaube allein) ein Schreckensgespenst.

Ist es so gemeint? Wohl nicht, denn der Brief will ja die müden Christen gerade zum Glauben ermutigen und sie nicht davon abschrecken. Trotzdem weiß ich nicht, ob gerade diese lange Liste von Glaubensgrößen dazu der richtige Weg ist. Mir hat aus dem Abschnitt V.16 besonders gefallen. Das ist eine Beschreibung von Glaube und Vertrauen, die ich sehr schön finde: „Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen.“ Ja, das ist für mich Glaube: kein Wissen und Nichtzweifeln, sondern eine Sehnen nach dem himmlischen Vaterland.

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Apostelgeschichte 13, 26-41 Gerecht durch Glauben

Nach der Darstellung des Lukas predigt Paulus schon auf seiner ersten Missionsreise das, was er später im Römerbrief ausführlich entfaltet darstellt: durch Jesus Christus haben wir Vergebung der Sünden; wir werden nicht durch das Gesetz gerecht gemachte, sondern durch den Glauben an Jesus (V.38f). Sicher hat sich Paulus im Lauf der Zeit verändert und auch seine Theologie hat sich weiterentwickelt. Aber der Grundgedanke ist von Anfang an da: gerecht durch Glauben.

Auch mir tut diese Erinnerung immer wieder gut. Ja, ich habe es schon tausend mal gehört. Ja, ich weiß es. Ja, es ist mir klar, dass mein Leben nicht durch eigene Werke gelingt, sondern durch die Gnade Gottes. Und doch muss ich das immer wieder neu durchbuchstabieren. Was bedeutet das für meinen Glauben? Was bedeutet das für meinen Alltag? Wie kann ich diese befreiende Botschaft leben?

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Titus 3 Gute Werke

Als evangelischer Christ zuckt man beim Stichwort „gute Werke“ immer ein wenig zurück. Haben wir nicht alle von Luther gelernt, dass wir allein aus Gnade gerechtfertigt sind und nicht aus guten Werken? So manches mal wird das geradezu auf die Spitze getrieben und gute Werke sogar als schädlich für die Erlösung allein durch Glaube gesehen.

Herrlich unverkrampft steht hier im Text beides nebeneinander: Gott macht uns selig nicht durch Werke, sondern durch seine Barmherzigkeit (V.5). Zugleich werden wir aber eindringlich zu guten Werken aufgefordert (V.1.8.14), weil das gut ist und den Menschen nützt (V.8). Hier ist klar: Rechtfertigung geschieht natürlich nur durch Gottes Barmherzigkeit – aber deswegen dürfen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten! Gute Werke bleiben für uns Christen trotzdem absolut erstrebenswert und unverzichtbar! Nicht weil wir uns dadurch unsere Seligkeit verdienen könnten, sondern weil Gott es ganz einfach will, dass wir Gutes tun.

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Galater 3, 6-14 Erfahrung und Bibel

Interessant: im vorigen Abschnitt argumentiert Paulus mit der Erfahrung der Galater (sie haben den Heiligen Geist nicht nur Gesetzeswerke erhalten, sondern durch das hören und vertrauen), jetzt belegt Paulus diese Erfahrung mit grundlegenden Bibelworten. Schon bei Abraham war es so, dass sein Glaube ihn vor Gott gerecht gemacht hat und nicht seine Werke.

Für Paulus sind wohl beide Argumentationslinien wichtig: die religiöse Erfahrung der Christen aber auch die theologische Verankerung und Deutung dieser Erfahrung in der Bibel. Das kann auch für uns heute ein wichtiger Anhaltspunkt sein: Wenn jemand nur mit persönlicher Glaubenserfahrung argumentiert, dann ist Vorsicht geboten. Aber auch, wenn jemand auf einer abstrakten, rechtgläubigen Ebene nur mit der Bibel argumentiert. Beides muss zusammenkommen: die Erfahrung und die Lehre der Bibel.

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Galater 1, 1-5 Jesus allein

Der übliche Briefeingang mit Absender, Adressat und Gruß. Die Adressaten sind nicht die Christen einer einzelnen Gemeinde, sondern Christen in verschiedenen Gemeinden einer bestimmten Gegend. Diese Gegend Galatien liegt da, wo heute Ankara liegt.

Der Friedensgruß kann bei Paulus unterschiedlich aussehen, mal knapper (z.B. 1. und 2. Korintherbrief) mal ausführlicher (z.B. Römerbrief). Bei den Galatern deutet er schon in diesem Gruß ein wichtiges Thema an: Jesus hat sich für uns dahingegeben, um uns von der bösen Welt (vom griechischen her genauer: „Weltzeit“) zu erretten. Damit ist implizit schon gesagt: Nicht wir erretten uns selbst durch die Befolgung bestimmter Vorschriften, sondern Jesus rettet uns. Nicht weil wir selbst uns von dieser bösen Welt so gut abgrenzen sind wir errettet, sondern weil Jesus uns heraus reißt.

Der Galaterbrief ist ein sehr leidenschaftlicher Brief, in dem Paulus sehr deutlich für die Gerechtigkeit allein aus Glauben kämpft. Es gab wohl einige Irrlehrer in Galatien, die den Christen weismachen wollten, dass man bestimmte alttestamentliche Vorschriften (wie die Beschneidung) unbedingt befolgen muss, um errettet zu werden. Paulus sagt dagegen klar: Neben dem Glauben an Jesus Christus ist nichts nötig. Jesus hat dich errettet – niemand sonst!

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Epheser 2, 8-10 Vergesst die Werke nicht!

Das war die große Wiederentdeckung der Reformation: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“ (V.8-9) Hier tauchen die bedeutenden Stichwörter der Reformation auf: sola gratia (allein aus Gnade) und sola fide (allein aus Glauben). Ebenso betont wird hier die Verneinung einer Werkgerechtigkeit.

Aber in der überschwänglichen Begeisterung über die wiedergewonnene Erkenntnis hat man vergessen weiter zu lesen: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (V.10) Natürlich stimmt es nicht, dass die Reformatoren „vergessen“ haben weiter zu lesen. Luther hat sehr wohl betont, dass eine Ablehnung der Werkgerechtigkeit nicht bedeutet, dass man gar keine Werke mehr tun soll. Er war genauso wie Paulus überzeugt, dass wir in Christus geschaffen sind zu guten Werken.

Aber in der Praxis hat man in der reformatorischen Tradition sehr stark und grundsätzlich die Ablehnung der Werke betont, um die Rechtfertigung allein aus Gnaden noch größer heraus zu stellen. Allerdings wird das Bild dann schief: Zu einem Leben als Christ gehören nun mal die guten Werke, auch wenn sie nicht unser Verdienst sind. Gott hat uns dazu bestimmt. Paulus drückt es so aus, dass Gott diese Werke schon für uns geschaffen hat und wir nur noch darin wandeln brauchen. Sie sind also auch Gnade und Geschenk. Aber trotzdem sind wir gefordert diese guten Werke auf unserem Weg auch zu finden und dann zu tun!

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Psalm 15 – Wer darf zu Gott kommen?

„Uaaahhhh!“ Als jemand, der evangelische Theologie studiert hat, stehen mir bei diesem Psalm die (weniger werdenden 😉 ) Haare zu Berge! Der Beter fragt dem Sinn nach: Wer darf zu Gott kommen? Und seine Antwort: „Wer untadelig lebt und tut, was recht ist.“ Nein, nein, nein! Das geht doch so nicht! SOLA GRATIA! SOLA FIDE! Allein aus Gnade! Allein aus Glaube! Das bekommen wir protestantischen Christen doch schon mit der Muttermilch eingetrichtert: Wie werden wir vor Gott gerecht? Allein durch Gottes Gnade und durch unser Vertrauen (=Glaube). Nicht unsere Taten, nicht unsere Werke, nicht unser vorbildliches Leben verschafft uns Zugang zu Gott, sondern allein unser Vertrauen darauf, dass Jesus durch Tod und Auferstehung den Weg frei gemacht hat!

Soweit, so gut! Aber auf der anderen Seite machen wir es uns damit auch manchmal zu bequem und einfach. Solange du nur richtig glaubtst (womöglich noch Glaube im Sinn von rein intellektuell etwas für richtig halten), ist es egal wie du lebst. Es gibt mehr als genug Stellen in der Bibel, die dieser Vereinfachung widersprechen. Zum Glauben gehört immer auch ein entsprechendes Leben. Natürlich schaffe ich es nicht, ein wirklich „untadeliges“ Leben zu führen. Ich werd immer wieder Fehler machen und ich brauche jeden Tag neu die Gnade und Vergebung Gottes. Aber wenn ich nicht wenigstens das ehrliche Verlangen danach habe, solch ein Leben zu führen, dann muss ich mich fragen, ob mit meinem Glauben alles in Ordnung ist.

Matthäus 7, 1-6 – Mangelnde Lutherkenntnis bei Jesus

Bei Luther haben wir gelernt, fein säuberlich zu trennen: Ein moralisch gutes Leben hat nichts mit meiner Errettung zu tun. Gerettet werde ich allein durch Glaube und allein durch Gnade. Erst vor kurzen habe ich erlebt, wie entsetzt wir reagieren (auch ich selbst) wenn dieses „allein durch Glaube“ irgendwie eingeschränkt wird. Da hat ein Bruder betont, dass im Gericht auch zählt, ob man seine Sünden bekannt hat und Buße dafür getan hat. Wenn nicht, dann wird man auch nicht gerettet. Wir anderen haben uns alle mit Händen und Füßen gegen diese Meinung gewehrt: Im Gericht zählt allein der Glauben, allein das Vertrauen auf Jesus – selbst wenn es da noch Sünden gibt, für die ich noch nicht bewusst Buße getan habe. Ich würde heute noch genau so reagieren.

So weit – so gut. Aber was macht Jesus hier? „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Da wird mein moralisches Handeln verknüpft mit dem Gericht Gottes über mich. Aber hoppla, Jesus! Kennst du denn keinen Luther? Allein aus Gnade! Im Gericht zählt allein der Glaube und nicht meine Werke! Oder haben wir da was falsch verstanden? Diffidieren wir da in unserem theologischen Denken künstlich etwas auseinander, was eigentlich untrennbar zusammenhängt?