Kolosser 3, 18 – 4, 1 Seltsame Konsequenzen

Ich finde solche sogenannten „christlichen Haustafeln“ wie wir sie in diesem Text haben immer wieder seltsam. Auf der einen Seite wird klar gestellt, dass wir vor Gott alle gleich sind, dass es kein Ansehen der Person gibt (V.25). Es wird deutlich, dass wir alle einen Herrn im Himmel haben (V.1), d.h. dass wir in Christus alle Brüder und Schwestern sind. Da kann sich niemand über den anderen erheben. Da kann es eigentlich keine menschlichen Herren mehr geben, sie sich über andere erheben.

Aber genau diese hierarchische Ordnung wird in dem Text fest zementiert. Die Botschaft von der Gleichheit vor Gott führt nicht dazu, dass Gesellschaftsstrukturen verändert werden sollen. Nein, die damals übliche Struktur der Unterordnung soll erhalten bleiben: die Frauen und Kinder sollen sich den Männern unterordnen und die Sklaven ihren Herren. Dass ein Mensch unfrei ist, nicht sich selbst gehört, sondern Besitz eines anderen ist, wird nicht in Frage gestellt.

Immerhin sollen die Übergeordneten ihre Macht nicht missbrauchen. Das ist schon mal etwas. Aber ist dafür Christus gestorben, dass die bestehenden Verhältnisse etwas menschlicher gestaltet werden? Interessanterweise waren es gerade Christen, die sich später für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Sie haben aus der Botschaft Christi einen anderen Schluss gezogen. Ihnen hat es nicht gereicht, die Sklaven etwas menschlicher zu behandeln. Sie zogen aus dem Christusgeschehen die Konsequenz, dass sich auch strukturell etwas ändern muss.

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Galater 4, 1-7 Abba, lieber Vater

Durch Jesus Christus sind wir nicht mehr Sklaven, sondern Kindern. Durch den Heiligen Geist dürfen wir in unseren Herzen sprechen: „Abba, lieber Vater“. Ich sehne mich danach, dass das nicht nur theologische Richtigkeiten sind, dass das nicht nur steile theoretische Verheißungen sind, sondern dass diese Worte in und durch mich immer mehr lebendig werden.

Ich weiß es ja, aber entspricht es auch meiner Wirklichkeit? Kann ich das immer so leben, bei all den äußerlichen Zwängen und Ansprüchen, die in unserer Welt an mich heran treten? Lebe ich als mündiges Kind und nicht als Sklave? Wenn diese Worte wahr sind, warum sehen wir Christen dann nicht erlöster und befreiter aus? Sehen wir nicht oft mehr aus wie Getriebene und Unfreie? Fühlen wir immer die Gelassenheit und Geborgenheit eines Kindes?

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Exodus 21 Auge um Auge

Manches in diesem Kapitel erscheint mir fremd. Das sind Rechtssätze aus einer anderen Zeit und anderen Kultur. Niemand den ich kenne würde z.B. ernsthaft auf die Idee kommen, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen (vgl. V.7 – wobei das auch heute in anderen Kulturen noch normal ist). Die konkreten Gebote der Bibel kritisieren nicht die damalige Kultur des Sklavenhandels, aber sie ordnen die damalige Kultur mit bestimmten Grundsätzen.

Einer dieser Grundsätze ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn,…“ (V.24). Dieser Grundsatz gilt von der Bedeutung her bis heute in unserem Rechtssystem. Es ist der Grundsatz der angemessenen Strafe: Die Schwere der Strafe muss dem Gewicht des Vergehens angemessen sein, sie darf nicht zu leicht und nicht zu schwer sein. Jemand der einen Kaugummi geklaut hat muss anders bestraft werden, als jemand der einen Mord begangen hat. Ob dieses Auge um Auge damals wörtlich ausgeführt wurde ist umstritten. Verse wie V.18f und V.26f deuten eher auf eine übertragene Bedeutung hin. Dieses Gebot verhindert eine hemmungslose Rachsucht, sie beschränkt die Bestrafung auf ein angemessenes Maß. So fremd und veraltet sind also die Grundsätze hinter diesen Geboten gar nicht.

Nun hat ja Jesus bekanntlich dieses Gebot in Frage gestellt (Mt.5,38-42). Wen uns jemand Böses tut, so sollen wir uns nicht wehren, sondern im Gegenteil: wenn uns jemand auf die linke Backe schlägt, sollen wir ihm auch noch die rechte hinhalten! Was gilt nun als Christ? Auge um Auge? Oder soll ich die andere Backe hinhalten?

Ich denke es ist wichtig, den Hintergrund der Aussagen mit ein zu beziehen. In Exodus geht es um allgemeine Rechtssätze für das Zusammenleben. Hier muss es gewisse Grundsätze geben, wie eine Gemeinschaft mit Menschen umgeht, die andere schädigen. Jesus spricht den Menschen persönlich an: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand Böses tut? Poche ich auf mein Recht oder verzichte ich bewusst darauf, um dem anderen etwas von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes deutlich zu machen? In dieser Spannung leben wir: Wo ist es nötig, dem Bösen Einhalt zu gebieten und wo ist es nötig, das Böse durch Gutes zu überwinden?

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Epheser 6, 1-9 Imitieren oder übertragen

Auch in diesem Abschnitt besteht biblischer Gehorsam nicht darin, dass wir versuchen das Leben der Urchristen zu imitieren. Denn dann müssten wir uns wieder den damaligen kulturellen Gegebenheiten anpassen und uns wieder Sklaven anschaffen. Es geht um die Aussageabsicht, mit der Paulus in damalige kulturelle Gegebenheiten hinein spricht.

Und da fällt auf, dass er nicht nur das damals Selbstverständliche fordert (nämlich dass Kinder ihren Eltern gehorchen und dass Sklaven ihren Herren gehorchen), sondern dass er auch die Väter und die Herren dazu auffordert, ihre Kinder und Sklaven nicht ungerecht zu behandeln, sondern in der Verantwortung vor dem Herrn.

Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird, so sprechen diese Aufforderungen doch tendenziell für eine Veränderung dieser hierarchischen Strukturen hin zu einem partnerschaftlichen Miteinander. Alle miteinander, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven, stehen in der Verantwortung vor Gott.

Biblischer Gehorsam heißt nun zu überlegen, was diese Aufforderungen in unserer heutigen Kultur bedeuten könnten: Im Miteinander von Eltern und Kindern, oder z.B. auch im Miteinander von Chef und Angestellter.

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Jeremia 34 Nichts dazu gelernt

Ja gibt’s denn so was?! Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln! Endlich ringen sich die Israeliten mal dazu durch, Gott zu gehorchen und lassen ihre Sklaven frei – und dann vermasseln sie kurz darauf wieder alles. Der Hintergrund: Seit der Befreiung aus Ägypten gab es eigentlich eine Abmachung (einen Bund) zwischen Gott und seinem Volk, dass die Israeliten in jedem siebten Jahr ihre Sklaven aus dem eigenen Volk freilassen sollten. Leider haben sich die Israeliten nicht lange daran gehalten.

Angesichts der konkreten Bedrohung durch die Babylonier kam wohl einigen die Idee, dass es vielleicht ganz gut wäre, diese alten Abmachungen wieder einzuhalten – sozusagen um Gott milde zu stimmen. Feierlich wurde dieser Bund im Tempel neu geschlossen und die Sklaven freigelassen. Und – oh Wunder! – der „Trick“ schien tatsächlich „funktioniert“ zu haben: Das Heer des Feindes war abgezogen. Aber anstatt Gott zu danken und ihm auch auf anderen Gebieten wieder neu gehorsam zu sein, ist das erste was die Israeliten tun, dass sie ihre freigelassenen Sklaven wieder einsammeln und sie erneut versklaven! Nichts dazu gelernt! (Der Abzug der Babylonier war dann übrigens nur ein zeitweiliger. Sie kamen mit einem neuen Heer zurück und machten Jerusalem platt.)

Ich fürchte, dass auch wir Heutigen nicht so viel dazu gelernt haben. Auch wir versuchen oft – bewusst oder unbewusst – Gott aus zu tricksen und ihn zu manipulieren. Auch wir meinen viel zu oft uns durch gute Taten Gottes Belohnung erarbeiten zu können („Wenn ich genug Bibel lese und bete, wenn ich genug Geld spende, wenn ich nett genug zu meinem Nächsten bin, wenn mein Leben missionarische Ausstrahlung hat… dann wird Gott mich doch dafür segnen, oder nicht?!“). Das ist natürlich nicht immer so offensichtlich, wie in diesem Fall bei den Israeliten. Aber ähnliches Verhalten und Denken (nur subtiler und unterm frommen Deckmäntelchen) entdecke ich viel zu oft bei mir selbst und anderen. Die Kunst ist, Gott zu gehorchen, auch dann wenn es mir scheinbar nichts einbringt!
Bibeltext