Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

Ein sehr weises und tiefgründiges Buch. Ein Buch, das mich bewegt hat. Ein Buch, das den Leser zum Nachdenken über die eigenen Prioritäten seines Lebens bringt.

Tiziano Terzani war Autor und Journalist. Er war lange Zeit Korrespondent des „Spiegels“ in Asien. Aus dieser Zeit ist ihm die asiatische Kultur und Religion sehr vertraut. Terzani erkrankt an Krebs und lässt sich nach konventionellen westlichen Methoden in den USA behandeln. Weil er verschiedene Krebsarten hat, wird er sowohl operiert, als auch bestrahlt und er erhält eine Chemotherapie. Die Behandlung verläuft zufriedenstellend, aber er wird durch sie aus seinem Alltag heraus gerissen und beginnt ganz neu sein Leben zu überdenken.

Er fängt an, auf der Suche nach äußerer und innerer Heilung durch die Welt zu reisen. Sein Weg führt ihn zu verschiedenen Gurus, alternativen Heilern und esoterischen Gesundheitsaposteln durch Indien, Thailand, Hongkong, die Philippinen und schließlich in die Abgeschiedenheit des Himalaja. Sehr differenziert setzt er sich in seinem umfangreichen Buch mit westlicher und östlicher Medizin auseinander. Er vermittelt auch einen sehr guten Einblick in östliche Spiritualität.

Auf der einen Seite ist er überzeugt, dass die westliche Medizin ihm am besten bei der Bekämpfung des Krebses helfen kann. Andererseits sieht er auch sehr klar die begrenzte Sichtweise der westlichen Medizin: der Mensch wird als Materie betrachtet und nicht als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist – und dann auch dementsprechend behandelt. Dabei sieht er aber auch die Schwächen der östlichen Medizin und Religion. Vor allem deckt er die Flachheit und Scharlatanerie von nebulösen New-Age Vorstellungen auf, in welche östliche Elemente einfließen, um damit im Westen Geschäfte zu machen.

Faszinierend finde ich vor allem, mit welcher Schärfe und Präzision Terzani die materialistische Weltsicht unserer westlichen Hemisphäre kritisiert. Er legt den Finger auf die Wunde einer Welt, in der es viel zu sehr um Äußerlichkeiten geht. Im Lauf seiner Reise wird ihm immer klarer, dass das wichtigste nicht die äußere Heilung und Gesundheit ist, sondern zu erkennen, wer man ist. Am nächsten kommt er diesem Geheimnis in der Einsamkeit des Himalaja.

Als schließlich der Krebs doch wieder ausbricht und die Ärzte in New York nichts mehr für ihn tun können, reagiert er nicht mit Verbitterung und Verzweiflung, sondern er macht das beste aus der verbliebenen Zeit. Er kehrt noch einmal in seine abgelegen Hütte im Himalaja zurück und schreibt dieses Buch. Er fährt fort mit seiner Suche nach Weisheit, nach Frieden, nach einem Leben in Einklang mit sich und der Welt.
Es ist kein christliches Buch. So manches mal setzt er sich auch kritisch mit mit Christen auseinander (v.a. mit westlichen Evangelikalen, die in der asiatischen Welt missionieren wollen). Aber es ist ein sehr religiöses Buch, das sich offen mit der Frage nach dem Sinn auseinander setzt. Ich fand es auch für mich als Christ sehr inspirierend und bewegend.

Zitate

  • “Es ist doch seltsam, dass der moderne Mensch Tausende von Dingen erforscht, studiert, sich aneignet, aber übers Sterben nichts lernen will. Ganz im Gegenteil. Soweit nur irgend möglich, vermeidet er es, über den Tod zu sprechen (es gilt sogar als unschicklich, ähnlich wie früher die Erwähnung sexueller Dinge); er verdrängt ihn einfach, und wenn dann der vorhersehbare, völlig natürliche Zeitpunkt da ist, ist er nicht darauf vorbereitet und leidet entsetzlich, klammert sich ans Leben und leidet gerade darum noch mehr.” (S. 364)
  • Ich „wollte nur noch das sein, was mir immer schon am meisten entsprach: ein Forscher. Aber nicht, um die Welt draußen zu erforschen – die hatte ich einigermaßen kennengelernt -, sondern jene Welt, von der die Weisen aller Kulturen schon immer wussten, dass sie jeder Mensch in sich trägt. Der moderne Mensch denkt immer seltener an diese Welt. Dazu fehlt ihm die Zeit, meist auch die Gelegenheit. Besonders in den Städten denken wir immer weniger in größeren Zusammenhängen, sondern rennen ständig irgendwelchen Details, irgendwelchen Kleinigkeiten hinterher und verlieren zum darüber den Sinn für das Ganze.“ (S. 440)
  • Terzani erzählt ein Gleichnis von Tagore, einem bengalischen Dichter: „An einem Abend sitzt er bei Kerzenschein in seinem Hausboot auf dem Ganges und lies einen Essay von Benedetto Croce. Der Wind löscht die Kerze, und plötzlich ist der Raum vom Mondschein erfüllt. Und Tagore schreibt: ‚Umgeben war ich ganz von seiner Schönheit, doch der Kerze Schein trennte mich von ihr. Jenes kleine Licht versperrte dem schönen, großen Licht des Mondes den Weg zu mir.‘ In unserem täglichen Leben wimmelt es von solch kleinen Lichtern, die uns daran hindern, ein größeres zu sehen. Es ist beängstigend, welch enge Fesseln wir unserem Geist angelegt haben. Und ebenso unserer Freiheit. Eigentlich reagieren wir nur noch. Wir reagieren auf das, was uns passiert, auf das, was wir lesen, war wir im Fernsehen sehen, was uns gesagt wird. Wir reagieren entsprechen vorgefertigten gesellschaftlichen und kulturellen Handlungsmustern. Und immer öfter reagieren wir automatisch. Zu etwas anderem bleibt uns keine Zeit. Also nehmen wir den bereits gespurten Pfad.“ (S.442)
  • „Dass der Tisch immer reich gedeckt ist, versteht sich, zumindest im Westen, von selbst. Es ist kein Geschenk mehr, für das man irgendjemandem danken müsste. Und so essen wir dann auch: Roboterhaft stopfen wir die Nahrung in uns hinein, schauen dabei fern oder lesen in der ans Glas gelehnten Tageszeitung.“ (S. 472)
  • „Mir ging es vor allen Dingen auch um ein Prozess der Enthaltsamkeit, der Reinigung. Ich sehnte mich danach, all das wieder loszuwerden, mit dem man sich in der Welt unten im Tal so voll stopft und das einen nur ablenkt: Information, Wünsche, Hoffnungen, Unterhaltungen. Dort oben, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Zeitungen, ohne irgendwen oder irgendwas, das einzuplanen war, fiel es leicht, ein bisschen auszumisten. Sobald man sich aus der Alltagsroutine löst, stellt man fest, wie wenig einem an innerer Freiheit im täglichen Leben bleibt und in welch hohem Maße das, was wir üblicherweise tun und denken, das Ergebnis eingefahrener Verhaltensmuster ist.“ (S.668)
  • „Schon lange predigte ich – denen, die es hören wollten – den Wert der Stille, als ich eines Tages auf eine antike indische Geschichte stieß, die mit einfachen Worten alles erklärt. Ein König sucht einen berühmten Rishi im Wald auf. ‚Was ist das Wesen des Selbst?‘, fragte er ihn. Der Greis blickt ihn an und schweigt. Der König wiederholt die Frage. Doch der Rishi schweigt. Der König fragt noch einmal, aber der Rishi bleibt stumm. Da gerät der König in Zorn und fährt ihn an: ‚Was ist nun? Willst du nicht endlich antworten?‘ ‚Drei Mal habe ich dir geantwortet, aber du hörst nicht zu‘, antwortete der Rishi ganz gelassen. ‚Das Wesen des Selbst ist die Stille.'“ (S.671)
  • Ein alter Weise gibt Terzani einen Rat, wie er sich auf seine letzte Reise vorbereiten soll: „Indem du dich erforschst und nach und nach allen Zierrat deiner Persönlichkeit und deines Wissens über Bord wirfst. Indem du zum Wesen deines Seins vorstößt. Dazu gehört Mut, denn es handelt sich darum, eine Sache nach der anderen wegzugeben, bis du nichts mehr hast, woran du dich festhalten kannst. Aber dann entdeckst du, dass es da etwas gibt, das dich festhält. Erst dann verstehst du, dass dieses Etwas all das in sich vereint, was du gesucht hast.“ (S.677)

(Amazon Link: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell)

J.M.G. Le Clézio: Der Goldsucher

Auf der Buchrückseite steht etwas von „wilden Abenteuern“ – die wird man in dem Buch vergeblich suchen. Es ist kein wildes Buch, mit viel Action und wilden Kampfgeschehen. Und auch unter einem „Abenteuerroman“ stellt man sich etwas anderes vor. Es ist ein ruhiges, gemächliches Buch mit vielen genauen und ausufernden Naturbeschreibungen. Es geschieht rein äußerlich gesehen, seitenweise gar nicht viel. Und es geht letztendlich auch gar nicht um eine Suche nach richtigem „Gold“.

Erzählt wird die Geschichte von Alexis. Er wächst auf der Insel Mauritius auf und träumt nach dem frühen Tod seines Vaters davon, einen legendären Piratenschatz zu finden, den sein Vater auf einer Insel im indischen Ozean vermutete. Es wird seine Familiengeschichte beschrieben, seine Reise zu der Insel, seine Suche nach dem Schatz (den er letztendlich nicht findet), seine Liebe zu einer schönen Eingeborenen (die letztendlich auch keine Erfüllung findet) und eine etwas deplatziert wirkende Zwischenepisode als Soldat im ersten Weltkrieg.

Es geht Le Clézio nicht um das Abenteuer oder das Gold, es geht nicht um einen spannenden und fesselnden Abenteuerroman, sondern es geht um die Suche (nach sich selbst, nach Erfüllung, nach der Verwirklichung seiner Träume oder dem Enttarnen seiner Träume…). Es geht ihm um die Auseinandersetzung zwischen europäischer Zivilisation und ursprünglicher Naturverbundenheit. Immer wieder klingt das Motiv des „edlen Wilden“ an, der den wahren Wert und Sinn des Lebens viel besser erkannt hat, als der auf Macht und Reichtum fixierte Europäer. Letztendlich ist die Geschichte des Helden eine Entwicklungsgeschichte, in der er lernt, dass der Goldschatz gar nicht so wichtig ist.

Was findet er am Ende? Eigentlich nur das, was er schon von Kindheit an gehört hat und was sein Herz höher schlagen ließ: Das Rauschen des Meeres.

Kein Buch von dem ich ganz unmittelbar begeistert und gefesselt bin. Es hat seine Längen, man muss sich durchkämpfen, der Schreibstil ist teilweise etwas ausufernd und kompliziert. Aber trotzdem hat der Stil und auch die Geschichte eine gewisse Magie, die einen bezaubert, die einen hinein nimmt in eine fremde Welt. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvolleres liest und es dabei schätzt, dass trotzdem noch einen Geschichte erzählt wird (wenn auch auf etwas schleppende Weise) und der sich auch von manchmal etwas langen Natur- und Seefahrerbeschreibungen abschrecken lässt, für den ist es das richtige Buch.

Ich hab es nach dem Lesen erst einmal etwas unzufrieden (auch über den Schluss) aus der Hand gelegt. Aber nachdem sich das Buch gesetzt hat und ich ein bisschen darüber nachgedacht habe, finde ich den Roman gar nicht so schlecht: er hat seinen Zauber, seinen Reiz, er regt zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte an.

Zitate:

„Bedürfen sie [die Seevögel] des Goldes, der Reichtümer? Ihnen genügen der Wind, der Morgenhimmel, das Meer, das von Fischen strotzt, und die Felsen, die aus ihm emporragen, ihrem einzigen Schutz vor den Unwettern.“ (S.221)

„Das Gold ist nichts wert, man muß keine Angst vor ihm haben, es ist wie die Skorpione, die nur den stechen, der Angst hat.“ (S.273)

„Mir scheint, mit dem Tod meines Vaters habe ich begonnen, rückwärts zu schreiten, einem Vergessen entgegen, das ich nicht akzeptieren kann, das mich für immer von dem entfernt, was meine Kraft war, meine Jugend. Die Schätze sind unerreichbar, unwirklich. Sie sind das ‚Narrengold‘, das die schwarzen Goldsucher mir bei meiner Ankunft in Port Mathurin gezeigt haben.“ (S.365)

Kohelet 4, 13-16 Der Traum vom Star

Je nach Übersetzung ein gar nicht so einfach zu verstehender Abschnitt. Es geht um hypothetische Überlegungen zu Weisheit, Erfolg und Volksgunst. Grundsätzlich wird festgestellt, dass es besser ist arm und weise zu sein, statt mächtig, reich und töricht. Nun wird der Gedanke aber weiter gesponnen. Selbst wenn ein armer, aber weiser Mann König wird und das Volk ihm zujubelt, so ist das doch auch nicht von bleibender Bedeutung. Denn Die Gunst des Volkes kann sich schnell wenden und sich auch gegen den weisen König wenden. Letztendlich ist das auch alles „Haschen nach Wind“. Politische Macht, Reichtum und Popularität ist selbst verbunden mit Weisheit nichts Bleibendes.

Das ist ja bis heute so: An einem Tag werden prominente Politiker, Sportler oder Medienstars von den Massen hochgejubelt und am anderen Tag sind sie schon vergessen. Es geht dem Prediger nicht in erster Linie darum, diese Wechselhaftigkeit zu kritisieren, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass man sein Leben nicht auf Popularität, Erfolg und Reichtum aufbauen sollte. Diese Dinge können genau so schnell vergehen, wie sie gekommen sind. Wenn das der einzige Sinn im Leben ist, dann ist man letztendlich arm dran.

Die ganzen Castingshows, von denen es im Fernsehen nur so wimmelt sind ein gutes Beispiel dafür. Da wird der Traum vom Star verkauft: „Wenn du die Castingshow gewinnst, dann bist du populär, erfolgreich und reich, dann hat dein Leben einen Sinn.“ Aber eigentlich weiß doch jeder, wie schnell dieser Ruhm auch wieder zerbröseln kann… Haschen nach Wind!

| Bibeltext |

Kohelet 3, 9-15 Spaßgesellschaft?!

Gar nicht so leicht zu verstehen, was der Prediger eigentlich sagen will. Aber ich glaube, es geht in folgende Richtung: Versuche nicht die großen Dinge und Zusammenhänge zu verstehen. Dafür ist Gott zuständig. Auch wenn wir das manchmal nicht kapieren und durchschauen, wird er dafür sorgen, dass alles zur richtigen Zeit passiert (V.11: Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit).

Was wir tun können und sollen ist, dass wir uns an den „kleinen Dingen“ freuen: Fröhlich sein, gemütlich tun, essen und trinken, guten Mutes sein (V.12-13). Auch das ist ein Geschenk Gottes. Genieße, was du hast und zerbrich dir nicht dauernd den Kopf über Dinge, die du nicht verstehst.

Wobei ich ergänzen würde, dass es schon ganz sinnvoll sein kann, auch mal über die großen Dinge (wie z.B. dem Sinn des Lebens) nachzudenken. Auch der Prediger hat das ja getan und ist erst durch diese Überlegungen hindurch zu seinem Fazit gelangt. Wenn man von Anfang an nur an Spaß und einen vollen Bauch denkt, dann kann das auch schief gehen…

| Bibeltext |

Benedict Wells: Becks letzter Sommer

So, in den nächsten Tagen stelle ich noch einige Artikel online zu Büchern, die ich während der Reha gelesen habe. Legen wir los mit Bededict Wells:

Wow, was für ein Roman! Eigentlich wollt ich noch dazu schreiben: …für einen Dreiundzwanzigjährigen! Aber unabhängig vom Alter des Autors ist dieses Buch einfach gut. Um so erstaunlicher ist es jedoch, dass der Autor erst dreiundzwanzig ist und er in diesem Alter schon solch einen gut geschriebenen, ideenreichen, witzigen und an vielen Stellen tiefgründig-melancholischen Roman über den Sinn des Lebens vorlegt.

Die Hauptperson des Romans ist Robert Beck, ein Musik- und Deutschlehrer Ende Dreißig. Als junger Mensch hatte er jede Menge Träume. Er machte Musik und träumte davon, mit seiner Band groß raus zu kommen. Doch dann wurde er aus der Band raus geschmissen und desillusioniert wählte er für sein weiteres Leben die sichere und langweilig-bürgerliche Variante: Er wurde – wie schon sein Vater – Lehrer. Doch in seinem Inneren spürt er, dass dieses Leben nicht genug ist für ihn. Auch in der Liebe ereignet sich nichts besonderes. Er hat eine Reihe kurzlebiger Beziehungen, die immer wieder an seiner Gefühlskälte und seiner Bindungsangst scheitern.

Das ändert sich, als er herausfindet, dass einer seiner Schüler, Rauli, ein hochbegabter Gitarrist und Musiker ist, ein richtiger „Gitarregott“, der scheinbar mühelos auf seiner Gitarre die schwierigsten Sachen spielt und dem ohne Probleme einfach himmlisch schöne Melodien einfallen. Beck wittert seine Chance, aus dem grauen Einerlei heraus zu kommen und als Manager und Songschreiber des Jungen doch noch zu Ruhm und Erfolg im Musikbusiness zu kommen. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht: Beck freundet sich zwar mit dem Jungen an, musiziert mit ihm, finanziert eine Demo-CD und eine Releaseparty, aber Rauli ist ein notorischer Lügner und er führt Beck immer wieder hinters Licht. Es kommt wie es kommen muss: Becks Träume gehen nicht in Erfüllung. Rauli bekommt einen Vertrag von einer großen Plattenfirma – ohne Beck als Manager.

Ein anderer Handlungsstrang erzählt von Becks großer Liebe: Laura. Obwohl er selbst nicht mehr daran glaubt, erwischt ihn mit dieser Frau die große Liebe. Es dauert lange, bis er das erkennt. Aber auch in dieser Beziehung scheitert er kläglich. Laura verlässt ihn letztendlich. Eine weitere Person in dieser Geschichte ist Charly. Er war in Becks früherer Band Schlagzeuger und er verließ mit Becks Rausschmiss aus Solidarität auch die Band. Seitdem ist er der einzig wirkliche Freund von Beck. Charly ist ein großer, muskelbepackter Schwarzer mit psychischen Problemen und Drogenproblemen.

All diese skurrilen Figuren und gescheiterten Existenzen verwebt Wells zu einer spannenden und immer wieder überraschenden Geschichte. Zu den Überraschungen zählt auch, dass der Erzähler irgendwann im Buch selbst auftaucht und von seiner eigenen Geschichte mit Beck berichtet. Das wirkt zwar an manchen Stellen etwas gekünstelt, aber ist eine interessante Idee, um noch einmal einen anderen Blick auf die Hauptperson zu gewinnen.

Mir hat das Buch gefallen. Ich hab es gern gelesen. Wells wirft einen illusionslosen und manchmal harten Blick auf das Leben. Aber immer wieder blitzt auch Hoffnung auf, immer wieder blitzt die Freude am Leben auf. Wells schreibt kurzweilig, gut lesbar, ideenreich und doch nicht oberflächlich. Es geht ihm nicht nur darum, eine spannende und skurrile Geschichte zu schreiben, die unterhaltsam ist, sondern er will den Leser anregen, über sein eigenes Leben nachzudenken: Was sind meine Träume? Was sind meine gescheiterten Träume? Was sind die Träume, die ich nie gewagt habe zu verwirklichen?

Die Botschaft dieses Buches ist – zumindest hab ich es so verstanden: Lebe deine Träume, auch wenn du daran scheiterst. So musst du am Ende keinen verpassten Chancen hinterher trauern, sondern kannst sagen: Ich hab’s zumindest versucht. Für mich als Christ greift das zu kurz. Selbstverwirklichung ist nicht das einzige und größte Ziel im Leben. Für mich ist der Glaube und das Vertrauen auf Gott noch einmal eine ganz andere und tiefere Dimension, die mein Leben wirklich sinnvoll macht…

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

Wow! Das war mein erster Gedanke, nachdem ich mit Lesen fertig war! Wow! Ich bin beeindruckt. Hab schon länger nicht mehr solch ein intelligentes, witziges und doch auch tiefgründiges Buch mehr gelesen. Manche Bücher haben einen gewissen Zauber, sie schaffen es, mich mehr als andere Bücher, in ihre Welt hinein zu ziehen. Manche Bücher wirken ähnlich wie eine Droge: Das Bewusstsein wird erweitert, man hat das Gefühl die Welt ganz anders zu sehen, man meint plötzlich, einen schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu haben. Bei diesem Buch ging es mir so.

Diese Frau, die Autorin, ist schlau – das merkt man. Sie hat Philosophie studiert. Auch das merkt man in dem Buch. Aber zugleich ist sie nicht abgehoben. Zumindest nicht in diesem Buch. Es geht nicht um abgehobene Intelligenz, sondern um Lebensweisheit. Die „Eleganz des Igels“ ist 2006 in Frankreich erschienen und ist mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden.

Im Mittelpunkt des Romans steht Renée, eine vierundfünfzig Jahre alte Concierge in einem Stadthaus, in welchem einige reiche Leute wohnen. Eine Concierge ist sowas wie eine Pförtnerin oder Hausmeisterin. Sie sagt von sich: „Ich bin Witwe, klein, häßlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.“ (S.11) Was sie außergewöhnlich macht ist ihre Intelligenz: Sie ist hochgebildet und hochbegabt. Allerdings weiß das niemand, denn sie verbirgt ihre Leidenschaft für Literatur, Philosophie, Musik und Malerei. Für all die anderen spielt sie die dümmliche Concierge.

Die zweite Hauptperson ist Paloma. Ein zwölfjähriges Mädchen, Tochter reicher Eltern und irgendwie verloren in dieser Welt. Auch sie ist hochintelligent und durchschaut die schöne Scheinwelt der Erwachsenen. Die Leere und der Unsinn des Erwachsenenlebens will sie nicht mitmachen. Und so beschließt sie, dass sie sich an ihrem dreizehnten Geburtstag das Leben nehmen will. Es macht sowieso keinen Sinn.

Als nun ein neuer Mieter in dem Stadthaus einzieht verändert sich für beide ihre Welt: Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann dringt schnell hinter die Fassade von Renée und Paloma. Und er eröffnet durch seine Art den beiden einen völlig neuen Zugang zum Leben.

Ein wirklich schönes, bewegendes Buch. Durch das erste Drittel muss man sich etwas durchkämpfen. Aber bei diesem Buch lohnt sich das! Nicht zu schnell aufgeben. Es wird gegen Ende hin immer besser.

Le Clezio: Wüste

Die zwei letzten Bücher, die ich gelesen habe (Barbal: Wie ein Stein im Geröll und Le Clezio: Wüste) sind in gewisser Weise sehr ähnlich. Beides mal geht es um das Lebensschicksal einer einfachen Frau. Beides mal sind es keine leichten Wege und beide Frauen finden so manches kleine Glück in ihrem harten Alltag. Doch wie diese Geschichten erzählt werden ist total unterschiedlich. Barbal beschränkt sich auf eine ganz einfach Sprache und erzählt auf unter 160 Seiten das ganze Leben der Hauptperson. Sie braucht ganz wenige Worte, um sehr viel zu beschreiben. Le Clezio ist genau das Gegenteil: Er beschreibt mit ganz vielen Worten relativ wenig (aber das macht er sehr gut!). Er erzählt auf über 400 Seiten nur einen Ausschnitt von wenigen Jahren aus dem Leben der Hauptperson.

Zum Inhalt: Das Buch hat zwei Erzählstränge, die einander ohne direkte Verknüpfung abwechseln. Zum einen geht es um den Nomadenjungen Nour. Er ist Anfang des 20. Jh. mit seinem Clan auf der Flucht vor den Franzosen, die in Afrika ihre Kolonien aufbauen wollen. Der andere Erzählstrang ist intensiver. Es geht um Lalla, die an der marokkanischen Küste in einem Elendsviertel bei ihrer Tante aufwächst. Sie liebt das Meer, die Wüste und die Einsamkeit. Mit 17 soll sie mit einem Mann verheiratet werden, aber sie will nicht und flieht in die Großstadt Marseille. Dort arbeitet sie in einem heruntergekommenen Hotel als Putzfrau. Sie wird dann einem Fotografen entdeckt und kommt als Fotomodell groß raus. Allerdings macht sie sich nichts aus Geld und Ruhm. Sie kehrt wieder in die Wüste zurück und bringt dort ihr Kind zur Welt, welches vor ihrer Flucht nach Marseille mit einem einfachen Hirtenjungen gezeugt wurde.

Ich hab das Buch gerne gelesen. Le Clezio schreibt gut. Er hat eine poetische Sprache. Er vermittelt die karge Schönheit und Faszination der Wüste mit wunderschönen Bildern. Er nimmt einen mit hinein in ein fremde Welt. Trotzdem sind es nicht nur schöne Dinge, die er beschreibt. Im Gegenteil: Hinter der schönen Sprache wird viel Elend und Leid sichtbar. Vor allem bei der Flucht der Nomaden vor den Franzosen und bei der Episode in der Stadt Marseille.

Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises für Le Clezio war ja nicht auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen. Manche finden seinen Stil zu ausschweifend und langweilig. Ich denke auch dass er nicht unbedingt Bestseller-geeignet ist (wobei der Nobelpreis wohl auch das möglich macht…). Das Buch „Wüste“ ist schon an vielen Stellen eher Adrenalin senkend. Große dramaturgische Spannung darf man nicht erwarten. Aber auch wenn nicht viel passiert: Le Clezio beschreibt es mit eindrücklicher Sprache und lebendigen Bildern.

Schön an dem Buch fand ich die spirtuelle Dimension. Eine Aussage des Buches ist ja, dass Geld und Erfolg nicht alles ist, sondern dass andere Dinge das Leben sinnvoll und schön machen. Lalla zieht das einfache Leben in der Wüste dem Erfolg in der Großstadt vor. Und sie hat in der Wüste auch spirituelle Erfahrungen, die sie tief berühren (vgl. dazu „Das Reden des Geheimnisvollen„). Das hat alles nichts direkt mit dem christlichen Glauben zu tun, aber es mach deutlich, dass es auch etwas anderes gibt, als der Materialismus unserer modernen Konsum- und Mediengesellschaft.