Hermann Hesse: Peter Camenzind

Peter Camenzind wächst in einem abgelegenen Bergdorf der Schweizer Alpen auf. Eingeklemmt zwischen hohen Bergen und einem See wird auch Peter von klein auf durch die Natur bestimmt. Er liebt es auf die Berge zu steigen, träumend auf der Wiese zu liegen und ist fasziniert von den Wolkengebilden, die am Himmel vorbei ziehen. Die Menschen des Dorfes sind größtenteils miteinander verwandt und die meisten heißen mit Nachnamen Camenzind. Es sind wortkarge und einfache Leute. Über Gefühle wird nicht geredet und der Frust des Lebens wird, wie z.B. von Peters Vater, im Wirtshaus hinunter getrunken. Hermann Hesse: Peter Camenzind weiterlesen

Thomas von Steinaecker: Geister

Raffiniert und hintergründig ist der zweite Roman des jungen deutschen Schriftstellers Thomas von Steinaecker. Der Autor wurde nach seinem Debütroman „Wallner beginnt zu fliegen“ hoch gelobt – nach einem gelungenen ersten Roman ist der zweite um so schwieriger zu schreiben. Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es mir insgesamt etwas zu bedeutungsschwer daherkommt.

Die Hauptperson Jürgen findet sich nur schwer in der Welt zurecht. Sein Leben ist geprägt vom spurlosen Verschwinden seiner älteren Schwester Ulrike. Als Sechsjährige taucht sie einfach nicht mehr auf und keiner weiß, was mit ihr passiert ist. Kurz darauf wird Jürgen geboren – er hat sie also nie kennengelernt und doch ist sie als Abwesende in der Familie immer anwesend (wie ein Geist). In der ersten Hälfte des Buches wird die Problematik dieses Familienhintergrundes und wie Jürgen damit zu kämpfen hat, entfaltet.

In der zweiten Hälfte lässt der Autor seine Hauptfigur die Suche nach einer eigenen Identität auf andere Weise fortführen: Jürgen lernt eine geheimnisvolle Comic-Zeichnerin kennen, welche das Verschwinden vor Ulrike zum Anlass nahm, um eine fiktive Lebensgeschichte von Ulrike als Graphik-Novell fortzuführen. Seit Jahren veröffentlicht sie wöchentliche Comic-Strips im Internet in denen es um Ute geht (eine Mischung aus der Zeichnerin selbst und einer fiktiven Geschichte der verschwundenen Ulrike). Als Jürgen von der Zeichnerin schließlich in die Comic-Serie als Person eingebaut wird, beginnt für Jürgen eine neue Auseinandersetzung zwischen fiktionaler (Geister-)Welt und Realität. Er gerät in den Sog der virtuellen Geschichte und merkt, dass die Fiktion für ihn wichtiger wird als die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit entpuppt sich dann auch als nicht halb so spannend, wie die virtuelle Geschichte.

Eine formale Besonderheit des Romans ist, dass in der zweiten Hälfte die Comic-Strips als Zeichnungen mit ins Buch einfließen. Sie sind ein Teil der Geschichte und laufen parallel zu den Ereignissen in der Romanwirklichkeit. Das ist neu und interessant – ich find diese Kombination durchaus gelungen. Vor allem weil es kein überflüssiges Beiwerk ist, sondern die Romanhandlung mit voran treibt.

Nach meinem Empfinden gibt es allerdings zwischen dem ersten und zweiten Teil einen Bruch: Nachdem die verschwundene Ulrike im ersten Teil im Zentrum stand, spielt sie im zweiten Teil im Grunde keine Rolle mehr. Zwar sind beide Teile miteinander verknüpft, aber eigentlich könnte man daraus zwei Romane machen: einen in dem es darum geht, wie Jürgen mit dem Trauma der verschwundenen Schwester umgeht und einen zweiten, in dem beschrieben wird, wie eine virtuelle Liebesgeschichte in der Realität kläglich scheitert. Was mich auch etwas stört: zwischen den Zeilen quillt immer wieder das medientheortische Interesse des studierten und promovierten Literaturwissenschaftlers von Steinaecker hervor. Ich finde es zwar prinzipiell begrüßenswert, wenn nicht nur spannende Geschichten erzählt werden, sondern unter der Oberfläche auch noch anderes verborgen liegt – aber in dem Fall ist es etwas zu aufdringlich.

Trotzdem: gelungenes Buch und absolut lesenswert!

(Amazon-Link: Thomas von Steinaecker: Geister)

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

Ein monströser Roman der versucht, alles mögliche mit einzubinden. Gewaltig ist allein schon der Umfang: über 750 Seiten. Vielfältig sind auch die Erzählstränge und Personen. Schwer einzuordnen ist auch das Genre: Was ist dieser Roman? Ist es ein Entwicklungsroman? Ein Selbstfindungroman? Eine Liebesgeschichte? Ein surrealistischer Traum? Eine Fantasygeschichte? Eine Allegorie? Pure Esoterik? Eine neuromantische Suche nach dem Kern des Seins? Ein postmodernes Spiel mit der Realität? Irgendwie ist es von allem etwas…

Die Hauptfigur und der Ich-Erzähler des Romans ist Toru Okada. Der 30-jährige steht an einem Scheidepunkt in seinem Leben. Er hat seinen Job als besserer Laufbursche in einer Anwaltskanzlei gekündigt und ist sich unsicher, wie sein Leben weitergehen soll. Doch dann gerät sein normales bürgerliches „Hausmannsdasein“ aus den Fugen. Er erhält seltsame obszöne Anrufe, der geliebte Kater seiner Frau verschwindet, dann verschwindet ohne ersichtlichen Grund und ohne deutlicher Erklärung seine Frau (mit der er eigentlich ganz glücklich zusammen gelebt hat), er begegnet vielen seltsamen Menschen…

Am Ende wird deutlich, dass es um einen Kampf zwischen Gut und Böse geht. Das Böse wird repräsentiert vom Bruder seiner Frau, Noboru Wataya. Er ist ein aufstrebender, mediengewandter Politiker. Von Anfang an ist er Toru unsympathisch und im Lauf des Buches wird deutlich, dass Noboru eine übersinnliche Gabe hat, um Menschen auszunutzen und zu manipulieren.

Neben diesem Grundgerüst gibt es noch jede Menge Nebenfiguren, Erzählstränge und wiederkehrende Motive. Ein Motiv ist das des Aufziehvogels. Verschiedene Personen hören in entscheidenden Phasen ihres Lebens den Schrei eines Vogels, der sich anhört, als ob eine Feder aufgezogen wird. Die Hauptfigur deutet das so, als ob der Vogel durch seinen Schrei die Feder der Welt aufzieht, um sie am Laufen zu halten. Er selbst bekommt den Spitznamen „Mister Aufziehvogel“ von einer 16-jährigen nachdenklichen und suchenden Nachbarin, weil ihr sein wirklicher Name zu kompliziert ist.

Ein weiteres Motiv ist das des Brunnens. Toro Okada steigt in einen tiefen trockenen Brunnen, um in Ruhe über sich und seine Welt nachzudenken. Das Motiv symbolisiert deutlich die innere Einkehr, den Rückzug in die eigene innere Welt, indem man sich von allem Äußeren abschirmt. Zugleich ist für die Hauptfigur der Brunnen der Ort an dem er Zugang zu anderen Welten findet.

Etwas verloren und zusammenhanglos kommen mir in der Rahmenhandlung einige Episoden aus dem japanisch-chinesischen Krieg (welcher von 1937-1945 stattfand). Hier tritt das phantastische Element zurück und Murakami schildert eindrücklich an Einzelschicksalen die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges.

Charakteristisch ist für Murakami der prägnante, fesselnde und sehr realistische Erzählstil. Dieser steht in Spannung zu den fantastischen und surrealen Inhalten, welche in die reale Welt eingeschoben werden. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind fließend. Aber es sind nicht unbedingt nur reale und surreale Welt, die aufeinander stoßen, sondern es sind unterschiedliche Wahrnehmungen der Welt und damit – postmodern gesprochen – unerschiedliche Welten, die aufeinander stoßen.

Ich fand den Roman einerseits faszinierend. Er erinnert mich an fantastisch-phantasiereiche Romane von E.T.A Hoffmann, allerdings vermischt mit der bedrückenden Schwere eines Kafkas und einem schonungslos realistischen modernen Erzählstil. Handwerklich und stilistisch ist Murakami ein richtig Großer.

Andererseits wurde es mir nach dem ersten Drittel auch ein wenig zu viel. Zu viele Unklarheiten, zu viele surreale Begebenheiten, zu viele Personen, die dann plötzlich verschwinden, zu viele Nebenschauplätze,… Es ist teilweise kein roter Faden mehr zu erkennen. Aber vielleicht will der Autor gerade damit die Verlorenheit von uns Menschen in der postmodernen Welt verdeutlichen, in der einfach alles zu viel wird. Auf jeden Fall erschwerte es mir das Lesen, des vom Stil her eigentlich spannenden Buches. Man braucht schon eine gewisse Geduld und Ausdauer.

Es gelingt Murakami eine faszinierende fremde Welt aufzubauen. Ich kann verstehen, dass der Roman so manchen Leser in seinen Bann zieht und auf manche fast therapeutische Wirkung haben kann. Für mich ging der Roman aber hart an den Punkt, an dem ich dem Autor seine Romanwelt nicht mehr abgenommen habe. Nach meinem Empfinden ist der Roman knapp davor, den Bogen zu überspannen. Für mich wäre der Roman mit etwas weniger Durcheinander und weniger Übersinnlichem überzeugender gewesen. Aber Murakami bleibt trotzdem ein faszinierender Schriftsteller und jeder Leser muss selbst entscheiden und ausprobieren, ob er in das Murakamische Universum abtauchen und überzeugen lassen kann.

(Amazon-Link: Murakami: Mister Aufziehvogel)

J.M.G. Le Clézio: Fisch aus Gold

Seltsam, wie einen manchmal ein Roman oder eine Geschichte berührt, fesselt und bewegt – und manchmal eben nicht. Ich kann gar nicht mal genau sagen, woran es gelegen hat, aber dieser Roman hat mich nicht berührt. Obwohl es eigentlich eine bewegende Geschichte ist, die von einem guten Schriftsteller erzählt wird. Ich habe schon andere Bücher von Le Clézio gelesen und die haben mich mehr gefesselt und angesprochen.

Es geht um das Schicksal eines afrikanischen Mädchens, das in jungen Jahren aus ihrer Familie geraubt wird und als Dienstmädchen verkauft wird. Dieses traumatische Ereignis zieht sich durch die ganze Geschichte hindurch, denn das heranwachsende Mädchen weiß nicht, wer sie ist und wo ihr Platz ist. So irrt sie durch das Leben: immer auf der Suche und immer in der Gefahr von anderen ausgenutzt zu werden. Zunächst lebt sie an verschiedenen Orten in Afrika, dann gelingt ihr die Flucht nach Frankreich und schließlich landet sie in Amerika.

So ziellos wie dieses Mädchen erscheint mir auch der ganze Roman. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, ohne richtigen Spannungsbogen. Pausenlos treten irgendwelche neuen Personen auf, die nach wenigen Seiten wieder verschwinden. Auch der Charakter des Mädchens erscheint sehr wechselhaft: mal scheint sie durch Lernen und Eigenstudium heraus kommen zu wollen aus dem unsteten Leben und dann versinkt sie wieder völlig in der Ziellosigkeit und treibt sich stehlend und trinkend in der Gosse herum. Das ist sicher so vom Autor beabsichtigt, aber mir als Leser bleibt dieses Mädchen, bzw. am Ende eine junge Frau, bis zum Schluss hin seltsam fremd. Sie macht viel Schlimmes durch, aber durch dieses ziellose dahinplätschern des Romans, spricht es zumindest mich auf der emotionalen Ebene nicht an. Schade!

Trotzdem finden sich dazwischen drin immer wieder schön formulierte Gedanken, die zum Nachdenken anregen. Hier einige Zitate:

  • „Er schwieg lange, damit ich ihn fragen konnte: ‚Was ist das Wichtigste, El Hadsch?‘ ‚Das selbst der unbedeutendste Mensch in Gottes Augen ein Kleinod ist.“ (S. 138)
  •  „Ich weiß nicht, warum, aber ich erzählte ihr etwas, was ich noch nie jemandem anvertraut hatte, […] nämlich dass ich nicht wisse, wer ich sei, und auch nicht wisse, wo ich herkomme.“ (S. 146) Wer kann diese Fragen denn eigentlich wirklich beantworten? In gewissem Sinn, sind wir alle auf der Suche nach den Antworten auf diese Fragen.
  •  „Ich hatte begriffen, dass nicht Martial oder Abel oder Zohra oder Monsieur Delahaye wirklich gefährlich sind, sondern ihre Opfer, weil sie mit ihrer Opferrolle einverstanden sind.“ (S. 191) Da ist sicher was wahres dran, aber ich denke es ist auch gefährlich, das alleine so stehen zu lassen.
  • „Das machte mich fast wahnsinnig. Nirgendwo auf der Welt ließ sich Frieden finden. Wenn man einen abgelegenen Ort, einen Felsvorsprung, eine Grotte oder ein vermeintlich unberührtes Plätzchen gefunden hatte, stieß man immer auf ein obszönes Zeichen, einen Scheißhaufen oder einen Voyeur.“ (S. 203)
  • „Und da dachte ich, dass es nirgendwo auf der Welt einen Ort gab, an dem ich mich wirklich zu Hause fühlen konnte, und dass man, wo immer ich auch hinging, zu mir sagen würde, ich sei hier nicht zu Hause und müsse mich darauf gefasst machen, woanders hinzugehen. (S. 213)

(Amazon-Link: Le Clézio: Fisch aus Gold)

Tim Parks: Stille

Schade, der Roman hat mich nicht überzeugt. Obwohl ich die Grundidee der Geschichte interessant finde und der Autor zweifellos gut und spannend schreiben kann. Es geht um einen übergewichtigen Topjournalisten, der sich in die Einsamkeit einer kleinen Berghütte in Südtirol zurück zieht. Der äußere Anlass ist ein Enthüllungsbuch seines Sohnes über ihn. Dabei kommt der Vater nicht gut weg und das kränkt ihn zutiefst.

In der Stille und Einsamkeit der Bergwelt und in Auseinandersetzung mit den wenigen Nachbarn, die er wegen des Dialektes kaum versteht, kommt seine tragische Familiengeschichte an die Oberfläche, mit welcher er sich im Getriebe seiner erfolgreichen Karriere kaum beschäftigt hatte.

Der Roman ist gut zu lesen und dafür, dass relativ wenig passiert, recht spannend geschrieben. Besonders gefallen haben mir die schnellen Wechsel zwischen den Beschreibungen der alltäglichen Begebenheiten in der einsamen Berghütte und der inneren Reflektion der Hauptperson. Da wird auch stilistisch etwas deutlich von der inneren Unruhe, die den Journalisten auch in der Stille noch umtreibt.

Allerdings hatte ich das ganze Buch hindurch nicht das Gefühl, dass die Hauptfigur eine reale Person sein könnte. Es scheint alles etwas konstruiert und übertrieben. Die Personen und die Geschichte wirkt auf mich nicht so richtig glaubwürdig. Vor allem das Ende, der große Showdown zwischen Vater und Sohn hat mich nicht überzeugt. Aber das ist ja das schöne an Literatur: anderen Lesern geht’s da vielleicht ganz anders…

Noch ein schönes Zitat, das mir wirklich gefallen hat: „Warum bin ich so erschöpft? Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist, allein zu sein? So laut.“ (S. 225) Klasse! Ja, diese Erfahrung wird wohl so mancher machen: dass in der äußeren Stille erst der innere Lärm so richtig an die Oberfläche kommt.

(Amazon-Link: Tim Parks: Stille)

Eric-Emmanuel Schmitt: Vom Sumo, der nicht dick werden konnte

Ja, ganz nett. Aber insgesamt doch etwas platt und konstruiert. Es geht um einen japanischen Jungen, der eine unglückliche Kindheit hinter sich hat und auf den Straßen Tokios irgendwelchen Plunder verkauft. Man merkt, dass Schmitt mit dem aggressiven Ton der Straße und der Jugend nicht vertraut ist, die Dialoge klingen etwas bemüht und unnatürlich.

Natürlich kommt für den armen kleinen Jungen die Rettung: sie kommt in Gestalt eines alten Sumo-Ringers, der inzwischen eine Schule für Sumo-Ringer betreibt. Er überzeugt den Jungen in seine Schule zu kommen und nach ein paar Hindernissen wird am Ende alles gut. Das Problem des Jungen ist, dass er nicht zunehmen kann – was er aber unbedingt muss, um ein richtiger Sumo-Kämpfer zu werden. Das eigentliche Problem liegt aber hinter dem körperlichen Bereich im psychischen: der Junge hat sich selbst nicht gefunden und keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Diesen Zugang findet er durch Gespräche mit seinem Lehrer und durch den Zen-Buddhismus.

Ein nettes Büchlein für zwischendurch. Aber auf den groß bedruckten gut hundert Seiten darf man keine großartigen Erkenntnisse über den Zen-Buddhismus erwarten und auch keine detaillierte Beschreibung der inneren Entwicklung vom hoffnungslosen Straßenverkäufer zum glücklichen und ausgeglichenen Mann. Was ich allerdings nach wie vor Klasse finde, ist der Titel des Buches und die Grundidee, die dahinter steht.