Johannes 20, 24-31 Selig sind, die nicht sehen

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (V.29) Damit sind wir gemeint. Wir können den auferstandenen Christus nicht in der gleichen Weise sehen, wie die Jünger und dann auch Thomas damals. Wir müssen glauben und vertrauen ohne zu „sehen“. Ich würde so manches mal gerne mehr sehen von Jesus. Mir geht es da oft ähnlich wie dem Thomas. Ich würde gerne sehen, wie Jesus sichtbarer und deutlicher in unsere Welt eingreift. Ich erlebe in vielen Gemeinden und bei vielen Christen eine Sehnsucht nach mehr Eindeutigkeit, nach mehr greifbaren Glaubenserlebnissen.

Manche versuchen solche Eindeutigkeit durch strikte und engführende Lehre herbei zu führen, andere versuchen sich im Glaubensleben zu besonderen emotionalen Höhepunkten zu puschen, manche arbeiten bis zur Erschöpfung, um erfolgreich Gemeinde zu bauen, und wieder andere resignieren still und leben den Glauben nur noch als äußerliche Hülle. Wo ist der auferstandene Christus in all dem? Müssen wir mehr, fester, tiefer und inniger glauben, um etwas von ihm zu sehen?

Nein, Jesus sagt ja gerade: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Das Ziel ist nicht, über das Sehen zum Glauben zu kommen, sondern zu glauben ohne zu sehen. Auf den Auferstandenen vertrauen, gerade dann wenn man nichts sieht! Das ist schwer!

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Hebräer 11, 8-22 Sehnen nach dem himmlischen Vaterland

Ist das jetzt ermutigend, oder nicht doch eher deprimierend? Wenn die großen Glaubensvorbilder des Alten Testament der Maßstab und das Vorbild für meinen eigenen Glauben sein sollen, dann kann ich gleich einpacken. Abraham verlässt auf Gottes Wort hin alles, was er hat und weiß nicht einmal, wo es hingehen soll. Er ist bereit seinen Sohn zu opfern, weil er an die Auferstehung der Toten glaubte (so sieht es zumindest der Hebräerbrief). Solch einen starken, ja schon übermenschlichen Glauben werde ich nie haben. Und dabei haben diese Glaubensvorbilder „das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen“ (V.13). Wenn wir solchen Glauben brauchen, um vor Gott gerecht zu werden, dann sind wir alle verloren. Dann wird aus der tröstlichen Zusage des sola fide (Glaube allein) ein Schreckensgespenst.

Ist es so gemeint? Wohl nicht, denn der Brief will ja die müden Christen gerade zum Glauben ermutigen und sie nicht davon abschrecken. Trotzdem weiß ich nicht, ob gerade diese lange Liste von Glaubensgrößen dazu der richtige Weg ist. Mir hat aus dem Abschnitt V.16 besonders gefallen. Das ist eine Beschreibung von Glaube und Vertrauen, die ich sehr schön finde: „Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen.“ Ja, das ist für mich Glaube: kein Wissen und Nichtzweifeln, sondern eine Sehnen nach dem himmlischen Vaterland.

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Kolosser 1, 15-23 Es muss doch noch mehr geben

In diesem Text kommt eine der wichtigsten Stellen vor, die auf eine Allversöhnung hindeuten könnte. Ja, hier taucht der Begriff selbst sogar auf. In diesem Christushymnus mit ganz grundsätzlichen und universalen Aussagen taucht die Aussage auf, dass Gott „durch ihn [Christus] alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (V.20) Hier ist die Erlösungstat Jesu am Kreuz konsequent und radikal zu Ende gedacht. Wenn in Christus alles erschaffen ist, dann ist es nur logisch, dass durch ihn auch alles erlöst wird.

Zugleich wird im Vers nach diesem gigantischen Hymnus auch deutlich, dass es trotz dieser universalen Erlösungstat Menschen geben kann, die Gott „fremd und feindlich gesinnt“ sind (V.21). Es ist also durch den Kreuzestod noch nicht alles so wie es sein sollte. Die große Frage ist nun, wie Gott das am Ende sehen wird: Werden einfach alle gerettet – auch wenn sie bis zum Tod Gott fremd und feindlich gesinnt waren? Oder bekommen sie ihren eigenen Willen und bleiben auch nach dem Tod Gott fremd und feindlich gesinnt?

Ich gebe hier keine Antwort, weil das erstens vermessen wäre und zweitens vor allem auch die Bibel selbst keine eindeutige Antwort gibt. Aber – so sehe ich es zumindest – sie hält trotz allen Gerichtsankündigungen auch einen kleinen Hoffnungsschimmer aufrecht, dass Gott es letztendlich doch schafft, alles mit sich zu versöhnen und so die ganze Schöpfung zu ihrem Ziel führt. Ob und wie das geschieht, darf ich getrost Gott überlassen.

Aber mich persönlich hat in diesem Text etwas ganz anderes tief angesprochen: „Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (V.16) Das spüre ich immer wieder bei mir selbst und bei anderen: dass tief drin in uns ein Sehen nach etwas ist, das größer ist als unsere irdische Welt. Wir sind alle zu ihm hin geschaffen. Diese Sehnsucht nach mehr ist jedem Geschöpf eingepflanzt. Oder wie Augustinus es sagt: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

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John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Schade, seine frühen Romane habe ich regelrecht verschlungen und war begeistert von seinen skurrilen Figuren, von einfallsreichen Geschichten und seiner bizarren Fantasie. Die letzten paar Bücher von ihm fand ich nicht so prickelnd und auch bei diesem (wie üblich langen) Roman musste ich mich phasenweise durchkämpfen.

Trotzdem ein guter Roman, der mir letztendlich auch gefallen hat. Und mit dem urwüchsigen und eigensinnigen Holzfäller Ketchum ist Irving wieder einmal ein toller skurriler Charakter gelungen. Wer Irving kennt, wird sich freuen, dass auch in diesem Buch wieder einmal Bären auftauchen und es an einigen Stellen um das Ringen geht.

Die Hauptperson des Buches und zugleich der Erzähler ist ein Schriftsteller, der als Sohn eines Kochs in einem Holzfällercamp aufwächst. Der Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von über 50 Jahren und erzählt fast die ganze Lebensgeschichte der Hauptperson. Auf Grund eines (wieder mal skurrilen) „Unfalls“ müssen der Erzähler und sein Vater aus dem Holzfällercamp fliehen und sie verbringen ihr restliches Leben in der Angst, aufgespürt und getötet zu werden. Immer wieder finden sie ein neues zu Hause und verbringen einige Jahre oder Jahrzehnte an einem Ort.

Der Holzfäller Ketchum ist im gleichen Alter wie der Vater und der beste Freund der beiden. Er begleitet ihr Leben aus der Ferne. Weil sie auf der Flucht sind wechseln sie öfters die Namen. Der Schriftsteller wird unter dem Pseudonym Danny Angel nach einiger Zeit recht erfolgreich, findet aber nie so richtig ein geordnetes Leben und privates Glück. Im Grunde ist das ganze Buch eine Beschreibung davon, wie einige Menschen trotz dunklen Schicksalsschlägen irgendwie durch’s Leben torkeln, ohne unter zu gehen.

Schwierig bei diesem Buch fand ich die Länge, die vielen verschiedenen Schauplätze und auch die vielen verschiedenen Personen, die auftauchen. Für meinen Geschmack ist das einfach zu viel des Guten und es verwirrt den Leser unnötig.

Gefallen hat mir wie gesagt die Figur des Ketchum, da leuchtet noch etwas auf von Irvings bissiger, übertriebener und doch liebevoller Erzählweise der frühen Romane. Gefallen hat mir auch der melancholische Grundton des Buches. Das Leben der Hauptperson ist geprägt von Verlustangst. Er hat mit zwei Jahren seine Mutter verloren und fürchtet nun ständig, die wenigen ihm nahestehenden Personen zu verlieren. Zur Dramatik des Buches gehört natürlich, dass er in diesem Bereich Schweres durchmachen muss. Er bleibt bis zum Ende auf der Suche nach einem Ort der Sicherheit und des Friedens, nach einem Engel, der ihn in die Arme nimmt und tröstet. Vielleicht ist es die Suche nach der verlorenen Mutter, in deren Armen er sich Geborgenheit und Sicherheit erhofft.

Ich glaube jeder Christ hat eine Ahnung von dieser Sehnsucht und Suche nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Friede. Biblisch gesprochen: Schalom. Wir sollten als Christen nicht so tun, als ob wir schon am Ziel sind und alle Fragen des Lebens beantworten können. Auch wir sind noch auf dem Weg, auf der Suche nach diesem umfassenden Schalom. Auch wir haben nur eine leise Ahnung von dieser Geborgenheit in Gottes Armen, die allen Schmerz verschwinden lassen wird. Aber ich glaube auch, dass wir Christen zumindest auch eine Ahnung davon haben, in welcher Richtung wir diesen Schalom suchen sollen…

Per Petterson: Pferde stehlen

So kitschig, wie der deutsche Titel dieses Buches klingt ist es nicht. Ich habe es ganz gern gelesen. Trotzdem war ich überrascht, als ich nach dem Lesen einige Rezensionen zu diesem Buch angeschaut habe: durchgängig positiv, viele sogar begeistert. Das hätte ich nicht erwartet.

Die Geschichte die erzählt wird, spielt sich auf zwei Zeitebenen ab. Der Rahmen ist der Bericht über den 67-jährigen Trond, der sich am Ende seines Lebens in die Einsamkeit Ostnorwegens zurück zieht. Sein neuer Nachbar ist Lars, den er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Durch die Begegnung mit ihm wird ein Sommer vor gut 50 Jahren wieder lebendig, in welchem sich dramatische Dinge ereignet haben.

Trond verbrachte damals seine Ferien mit seinem geliebten Vater in einem ähnlich einsamen Dorf. Nach und nach stellt sich heraus, dass sein Vater dort wenige Jahre zuvor, während des Krieges, im Untergrund gegen die Nazi-Besatzung kämpfte. Er beförderte Nachrichten und Flüchtlinge ins benachbarte Schweden. Dabei half ihm die Mutter von Tronds bestem Freund. Am Ende dieses Sommers verlässt der Vater ohne große Erklärungen seine Frau und seine beiden Kinder für die Mutter von diesem Freund. Erst im Lauf der Zeit wird Trond so langsam klar, was in diesem Sommer alles passiert ist.

Im krassen Gegensatz zu den dramatischen Geschehnissen, die erzählt werden, ist das Buch von einer geradezu einlullenden Langsamkeit. Der Autor bauscht die Ereignisse nicht auf, sondern erzählt sie ganz nüchtern und scheinbar unbeteiligt. Aber gerade dadurch gibt er ihnen Gewicht. Das ganze Buch durchzieht eine eigentümliche Melancholie, die aber nie in Verzweiflung abdriftet.

Es geht auf der doppelten Zeitebene zum einen um das Erwachsenwerden und zum anderen um das Älterwerden. Es geht um Glücksmomente und Enttäuschungen. Es geht um die Sehnsucht nach Liebe, nach einem Gegenüber, nach Familie und um den Rückzug in die Einsamkeit.

Begeistert hat mich das Buch nicht. Nein. Aber der Autor hat mich durch seine Erzählweise doch hinein gezogen in diese Geschichte. Am Ende ging es mir, wie Trond selbst: eigentlich müsste man enttäuscht und wütend über diesen Vater sein, der einfach so seine Familie verlässt. Und doch liebt Trond seinen Vater noch immer und lässt das Unbegreifliche einfach stehen. Soll man jetzt lachen oder weinen, oder doch keins von beiden? Ein Schlüsselsatz in dem Roman ist: „Wir entscheiden schließlich selbst, wann es weh tut.“ Das sagt der Vater seinem Sohn Trond als er Brenneseln mit der bloßen Hand ausreißt. Das lernt der Sohn im Lauf seines Lebens selbst anzuwenden: zuerst auf körperliche Schmerzen, aber dann wohl auch auf die seelischen Wunden…

Viele andere Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass der Erzählstil und die ganze Geschichte die Landschaft Norwegens widerspiegeln. Ich denke da ist etwas dran: Herb, nüchtern und doch schön.

windhauch goes youtube

Meine Frau wollte gerne mal ein Lied auf youtube einstellen – das haben wir gemacht und nun bin ich auch selbst auf den Geschmack gekommen. Das geht ja erstaunlich einfach… 🙂 Kamera und Computer reicht schon.

When a knight won his spurs

Hier zunächst mal das Lied von meiner Frau. Ich find’s klasse (und das nicht nur weil ich mit ihr verheiratet bin 😉 ) Wenn ihr das auch findet, dann gebt ihr auf der youtube-Seite liebe Kommentare und viele Sternchen… :

Der Gott, den ich suche

Und dann noch mein Lied. Es ist ein Ergebnis meiner Beschäftigung mit den Psalmen. Wer mein Blog verfolgt weiß, dass ich besonders von manchen Psalmen angesprochen wurde, in denen etwas von der Sehnsucht nach Gott deutlich wurde. Einige Verse von Psalm 63 (nach der der Neues Leben Übersetzung) hab ich nun versucht zu vertonen:

Ref.: Gott… Gott… Du bist der Gott, den ich suche.

1. Meine Seele dürstet nach dir,
mein ganzer Leib sehnt sich nach dir.
In diesem dürren, trockenen Land,
in dem es kein Wasser gibt.

2. Deine Gnade bedeutet mir mehr,
mehr als das Leben.
Dich preise ich von ganzem Herzen,
ich will dich ehren, so lange ich leb.

Psalm 107 – Durst

Komisch, spannend, interessant, überraschend und faszinierend, wie einen manchmal ein einzelner Vers aus der Bibel ganz tief in’s Herz trifft. Psalm 107 ist ein schönes, langes Danklied, das vielleicht ursprünglich bei großen Dankfesten in Israel gesungen wurde. Mich hat der V.9 getroffen. Hört sich vielleicht für andere nach nichts besonderem an, aber mich hat er angesprochen: „Dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“

Bei diesem Vers ist es ganz gut Luther oder eine andere eher wörtliche Übersetzung zu lesen. Moderne Übersetzung verflachen an dieser Stelle den Text: Gute Nachricht, Hoffnung für alle und auch Neues Leben sprechen nicht von der Seele, sondern reduzieren den Vers auf den leiblichen Hunger und Durst. Es ist ja richtig, dass im Hebräischen mit der Seele (anders als bei uns heute) auch die leibliche Seite des Menschen gemeint ist. Aber eben auch und nicht ausschließlich. Es geht um Hunger und Durst des Menschen in seiner „leiblich-seelischen Ganzheit“ (so die Stuttgarter Erklärungsbibel dazu).

Ich bin ja jetzt schon ein paar Jahre Christ, aber ich habe immer noch diese durstige Seele. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Durst eher noch zunimmt anstatt weniger zu werden. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Ps. 42,3) So schön das Leben hier ist – ich hab Durst auf mehr! Ich hab immer noch diese gierige Sehnsucht nach mehr Leben, nach mehr Fülle, nach mehr Gott! In meiner Seele gibt es immer noch irgendwo diese kleine schwarze Lücke, die sich mit nichts füllen lässt, die sich nicht übertünchen lässt und die immer wieder zum Vorschein kommt und fragt: War das alles?
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Psalm 84 – Tausend zu eins

„Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.“ (V.11) Naja, ich weiß nicht. Ich könnt mir schon 1000 Tage vorstellen, an denen ich viele schöne Dinge machen könnte, anstatt einen Tag in den Vorhöfen des Jerusalemer Tempels herum zu hängen… Ist diese Aussage wirklich ernst gemeint und kann der Beter das von Herzen sagen? Ich hab bei den Psalmen immer wieder das Gefühl, dass da manchmal doch etwas übertrieben wird. Dass da im Überschwang des Lobpreises, so manches mal die Bodenhaftung verloren geht.

Wie ist das, wenn man etwas selbstkritischer, vorsichtiger und bodenständiger ist – kann man dann überhaupt so richtig Beten? Muss man vielleicht im Gebet alles etwas übertreiben, weil wir solch einen großartigen Gott haben, der alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt? Liegt es an der hebräischen Mentalität, in der die Gefühle stärker noch oben und nach unten ausschlagen als bei mir unterkühltem Westeuropäer? Oder hab ich einfach zu wenig Leidenschaft im Glauben und zu wenig echte Sehnsucht nach Gott?
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Psalm 43 – Von Gott verstoßen

Eine Zeile bewegt mich bei diesem Psalm besonders: „Warum hast du mich verstoßen?“ (V.2) Dem Beter geht es elend und er fühlt sich von Gott vergessen und verlassen, ja er sagt sogar, dass Gott ihn verstoßen habe. Schrecklicher Gedanke, oder? (Ob das denn wirklich so war, dass Gott ihn verstoßen hat, und was das bedeutet, ist noch mal ’ne andere Frage. Aber der Beter hat das auf jeden Fall so empfunden).

Der Psalm gehörte ursprünglich mit Ps. 42 zusammen – der sich wiederholende Kehrvers in Ps. 42,6.12 und Ps. 43,5 macht deutlich, dass es ein zusammenhängendes Lied war. Es spricht also immer noch derselbe Beter, der eine ganz tiefe Sehnsucht danach hat, Gottes Angesicht zu schauen (Ps. 42,3). Auf dem Hintergrund dieses Gefühls des Verstoßenseins wird diese Sehnsucht noch schärfer und drängender deutlich. Es geht nicht „nur“ um körperliche Leiden oder um menschliche Anfeindungen, es geht um die Erfahrung von Gottes Verborgenheit.
Bibeltext