Johannes 13, 12-20 Überforderung

Das überfordert mich! Jesus wäschst seinen Jünger die Füße und deutet damit seine eigene Lebenshingabe für sie an. Jetzt fordert er seine Jünger auf, sich auch gegenseitig die Füße zu waschen. Natürlich müssen wir unterscheiden zwischen Jesu Sühnetod für uns und dem, was wir für andere tun können. Wir brauchen für andere keine Erlösung zu erwirken, das hat Jesus am Kreuz getan. Aber Jesus fordert uns nachdrücklich zum Dienst am anderen auf – und dabei sollen wir uns Jesus selbst als Beispiel und Vorbild nehmen.

Wie soll das gehen? Wie sollen wir uns den, der von keiner Sünde wusste, zum Vorbild nehmen? Wie sollen wir je so perfekt, liebend und hingegeben werden wie Jesus? Wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann kann man verstehen, dass so manche Christen an diesem Anspruch von vornherein scheitern und sich dauernd als Versager fühlen. Wer kann das schon erreichen? Je länger ich Christ bin, desto deutlicher spüre ich mein Unvermögen. Diesen Anforderungen kann ich nicht gerecht werden. Ich brauche selbst diesen Jesus, der mir immer wieder die Füße wäscht – wie sollte ich dann für andere ein Jesus werden? Ich kann nur hoffen und beten, dass Jesus gerade in meiner Schwachheit selbst durch mich wirkt.

| Bibeltext |

Johannes 4, 1-10 Gib mir zu trinken!

Schon durch seine Auswahl und seine Anordnung des Stoffes betreibt das Johannesevangelium Theologie. Das erste längere Gespräch hat Jesus mit Nikodemus, einem gesellschaftlich und religiös hoch angesehenen und respektierten Mann. Sozusagen als Ergänzung folgt nun gleich ein Gespräch mit einer Frau, die gesellschaftlich am Rand stand und die als Samaritanerin religiös von den Juden nicht akzeptiert war. Jesus lässt sich auf beide ein, redet mit ihnen und lässt sich Zeit für sie. Für Jesus spielt das Geschlecht, die gesellschaftliche Stellung und auch die religiös-moralische Ausgangslage eines Menschen keine Rolle. Er kommt zu allen, nicht nur zur Mitte der Gesellschaft. Das sollte uns vielleicht auch für manch aktuelle Debatte zu denken geben…

Was mir an dieser Geschichte auch auffällt ist, wie menschlich Jesus zu Beginn geschildert wird. Das ist gerade im Johannesevangelium ungewöhnlich, denn in ihm wird ja auf extreme Weise von Anfang an Jesus Hoheit und seine göttliche Seite betont. Hier jedoch ist er ganz Mensch. Er ist müde von der Reise (V.6) und er bittet eine Frau um Hilfe (V.7). Für jemand der Wasser in Wein verwandeln kann, wird er hier ganz schön schwach und hilfsbedürftig dargestellt.

Für mich ist das ein Trost: Gott verzichtet in Jesus auf seine Hoheit und will uns Menschen gerade auch in unserer Schwachheit und Menschlichkeit gebrauchen. Die Frau kann kein Wasser in Wein verwandeln, aber sie kann ihren Wasserbehälter nutzen, um Jesus zu trinken zu geben. Obwohl Jesus es ist, der ihr das entscheidende Wasser gibt – das lebendige Wasser – kann sie ihren ganz menschlichen Teil beitragen, um Jesus zu helfen. So möchte auch ich mich in meiner Schwachheit gebrauchen lassen. Ich kann kein lebendiges Wasser geben, aber wenn Jesus mich ruft, etwas kleines und mir mögliches zu tun, dann will ich es tun.

| Bibeltext |

Hebräer 4, 14 – 5, 10 Thron der Gnade

Der Hebräerbrief hat ein ganz eigenes Bild vom Wirken Jesu Christi: er bezeichnet ihn als den wahren Hohepriester. Kein anderes Buch des Neuen Testament sagt dies über Jesus aus. In diesem Abschnitt sieht der Hebräerbrief zwei Gemeinsamkeiten zwischen einem Hohepriester im Tempel in Jerusalem und Jesus Christus. Beide können mit den Menschen, die mit ihren Sünden vor Gott kommen, mitfühlen. Der Hohepriester im Tempel, weil er selbst ein Mensch mit Sünden ist. Jesus Christus ist dagegen ohne Sünde, aber er hat in seinem irdischen Leben gelitten (V.7) und kann deshalb unsere Schwachheit verstehen (V.15). Außerdem sind beide von Gott berufen – sie ernennen sich nicht selbst, sondern werden von Gott auserwählt.

Mich hat an dem Abschnitt vor allem angesprochen, dass wir nicht voller Furcht zum Thron Jesu Christi kommen müssen, sondern dass wir Zuversicht haben dürfen (V.16). Es ist kein Thron des Gerichts und der Verdammnis, sondern der Gnade und Barmherzigkeit. Derjenige der auf dem Thron sitzt kennt unsere Leiden und unsere Schwachheit. Er hat selbst gelitten und kann uns nur zu gut verstehen. Das heißt allerdings auch, dass ich vor mir selbst und vor Jesus meine Schwäche auch zugeben muss. Wenn ich meine Schwäche gar nicht wahrhaben will, dann brauche ich nicht zum Thron der Gnade kommen.

Lukas 22, 31-38 Glaube und Bekehrung

Etwas seltsam ist diese Zusammenstellung: Jesus betet für Petrus, dass sein Glaube nicht aufhöre und dann spricht er davon, dass Petrus sich „dereinst“ bekehren wird. Nach unserer normalem Verständnis bekehrt man sich ja zuerst zu Jesus Christus und damit fängt man an, ein gläubiger Mensch zu sein. Aber die Bedeutung und der Zusammenhang zwischen Glaube und Bekehrung scheint wohl nicht immer so einfach unserer menschlichen Logik zu folgen. Petrus hatte schon Glauben, er vertraut auf Jesus, er ist sogar nach seiner eigenen Einschätzung bereit, mit Jesus in den Tod zu gehen (V.33). Aber das war wohl ein unvollständiger Glaube, der zuviel auf sich selbst und die eigene Kraft baut.

Erst nachdem Petrus an seinen eigenen Versprechungen gescheitert ist und Jesus verleugnet hat, konnte er erkennen, was Glaube wirklich ist (vielleicht spielt das Stichwort Bekehrung auf diese Erfahrung an). Glaube ist kein Vertrauen auf die eigene Glaubensstärke, sondern im Gegenteil: ein Erkennen der eigenen Schwachheit und ein Vertrauen auf Jesus allein. Selbst der Glaube eines Petrus ist abhängig von der Fürbitte Jesu. Wie viel mehr dann mein Glaube!

| Bibeltext |

Lukas 21, 20-28 Aufsehen

Diese Verse erinnern mich an Bonhoeffers berühmtes Gedicht: „Wer bin ich?“ Er hat es in seiner Zelle geschrieben, als er von den Nazis gefangen genommen wurde. In diesem Gedicht schreibt er von seinen Ängsten und seiner Schwachheit. Zugleich wird er aber von anderen als stark und gelassen wahrgenommen.

So ist es als Glaubender: Auch wir haben Angst und sind schwach. Auch bei uns gibt es genügend Gründe dafür. Jesus beschreibt das auch in diesem Text. Aber wir haben etwas, an das wir uns festklammern können: Die Angst hat nicht das letzte Wort. Wir dürfen aufsehen, unsere Häupter erheben, weil wir wissen, dass sich unsere Erlösung naht. Wir dürfen auf Jesus schauen. Er kommt.

| Bibeltext |

Josua 19 Wie gewonnen, so zerronnen

Aufgefallen in diesem Kapitel ist mir die Zuteilung des Landes an den Stamm Dan. Dan sollte ursprünglich ein Gebiet westlich vom Stamm Benjamin bekommen. Doch dann wird berichtet: „Dem Stamm Dan aber ging sein Gebiet verloren, und er zog hinauf und kämpfte gegen Leschem und eroberte und schlug es mit der Schärfe des Schwerts und nahm es ein.“ (V.47) Dieses neue Gebiet liegt ganz im Norden des verheißenen Landes, also an einem völlig anderen Ort als vorgesehen. Dieser Verlust und die Neueroberung wird in Josua 19 nicht kommentiert, sondern einfach nur festgestellt.

Finde ich interessant, dass Dan durch göttliches Los ein Landstück zugeteilt bekommt, dann aber zu schwach ist, um es gegen die ursprünglichen Bewohner zu verteidigen. Dafür gelingt es dem Stamm, woanders ein neues Gebiet zu erobern. Dazu fällt mir eine Liedzeile ein: „You give and take away.“ War das nun Schwachheit und Versagen von Dan, dass er das ursprüngliche Gebiet aufgab, oder war es eine kluge und gottgewollte Entscheidung,sich ein anderes Gebiet zu suchen? Die Frage stellt sich ja uns heute auch in unserem Leben: an welchen Stellen lohnt es sich zu kämpfen und wo ist es sinnvoll dem Kampf auszuweichen und an anderer Stelle etwas Neues auszuprobieren?

| Bibeltext |

Support the best?

Hab heute ein T-Shirt mit einem ziemlich ekligen Spruch gesehen: „Support the best – God fuck the rest“. Getragen hat es ein großer, muskulöser Mann mit blond gefärbten Haaren. Ich weiß nicht, ob er wirklich über diesen Spruch auf seinem Shirt nachgedacht hat. Das erinnert nämlich auf fatale Weise an eine Zeit, in der man auch glaubte, die anscheinend besten Eigenschaften eines Volkes, einer Rasse müsse man fördern und die anderen, die Schwachen, Kranken, Behinderten,… wären lebensunwertes Leben, das man ausmerzen müsse. Traurig!

Aber auf gewisse Weise stimmt dieser Spruch dann auch wieder. Auf einer ganz anderen Ebene als er verstanden werden will. Denn es ist tatsächlich so, dass wir Menschen uns immer an den Besten orientieren und jeder zu den Besten dazu gehören möchte. Gott aber wendet sich vor allem den Schwachen und Hilflosen zu, den Unterdrückten und Ausgestoßenen. Da muss man nur einmal eins der Evangelien durchlesen.

In der hebräischen Sprache wird unser niveauloses und aller Schönheit und allem Zauber beraubtes Wort „fuck“ ausgedrückt mit „eins werden“. Gott wird eins mit dem Rest, er vereinigt sich mit den Schwachen und Zerbrochenen, mit den Verwundeten, Ausgebeuteten, Einsamen und Traurigen. Er hilft den Hilflosen.

Psalm 40 – Keine Privatangelegenheit

Zu diesem Psalm steht in der Stuttgarter Erklärungsbibel eine interessante Bemerkung: „In Israel waren Krankheit und Not keine Privatangelegenheit, sondern etwas, das alle anging.“ Deshalb wurden sowohl Klage und Bitte als auch der Dank in der Gemeinde angesprochen. Die Psalmen sind ein deutlicher Beleg dafür, wie Krankheit und Not auch in der Öffentlichkeit angesprochen wurden.

Ich empfinde heutzutage eher die Tendenz, dass wir über Not und Krankheit schweigen. Zumindest über die eigene Not. Über die anderen kann man viel leichter reden. Z.B. über Promis: Da sind die Klatschspalten voll mit persönlichen Notsituationen und wir reden auch gerne mit entsetztem Schaudern über so manchen Skandal. Und Im persönlichen Umfeld reden wir gern hinter vorgehaltener Hand über die Not der anderen. Da wird getuschelt und gelästert.

Aber über die eigene Not: da wird oft hartnäckig geschwiegen. „Das ist ja peinlich. Das offenbart ja meine Schwäche und Hilflosigkeit. Das lässt mich ja in schlechtem Licht erscheinen!“ Schade eigentlich: Gerade als Christen müssten wir doch ehrlich mit unser Schwachheit umgehen können und bereit sein, uns gegenseitig zu helfen (und helfen zu lassen!).
Bibeltext

Exodus 3, 1-15 – Ausgebrannt?

Wieder eine geniale Auslegung von Klaus Douglass zu einem zentralen Bibeltext. Ich staune, wie er es immer wieder schafft, auf der einen Seite fundiert und mit theologischem Tiefgang an Texte heran zu gehen und andererseits den Text persönlich und existentiell sprechen lässt. Das fällt ja oft auseinander: da gibt es die einen, die hoch theologisch über Bibeltexte philosophieren und streiten können, bei denen aber der Bibeltext oft seltsam unwirklich bleibt und nicht zu nah an das persönliche Leben heran gelassen wird. Und dann gibt es die Betroffenheitsprediger, die immer tief berührt sind von biblischen Texten, bei denen aber oft keine tiefer gehende und auch kritische Beschäftigung mit den Texten stattfindet.

FeuerflammeBei dem Text heute bringt Douglass den brennenden Dornbusch mit uns selbst in Verbindung. Mose und auch wir sollten so sein, wie der brennenden Dornbusch: Wir sollten nicht aus eigener Kraft brennen (und dabei schnell ausgebrannt zu Asche zerfallen), sondern wir sollten uns Gott in unserer ganzen Stacheligkeit, Schwachheit und Trockenheit zur Verfügung stellen, damit er in uns brennen kann.

Dazu ein schönes Zitat aus dem Buch: „Es ist kein Zufall, dass Gott einen Dornbusch wählte, um sich darin zu offenbaren. Indem Gott Mose in einem brennenden Dornbusch erscheint, vermittelt er ihm: ‚Gerade das Öde und Leere, das Gescheiterte und Ausgebrannte, das von anderen Verurteilte und Verachtete, das Verwundete und Verletzte in deinem Leben soll zum Ort meiner Gegenwart werden. Es gibt nichts in deinem Leben, das keinen Sinn hätte, das nicht von mir, Gott, verwandelt werden könnte in Schönheit und Herrlichkeit.‘ Welch ein Umwertung aller Werte! Es kommt nicht darauf an, dass wir grünen und blühen, sondern dass wir uns so, wie wir sind, Gott hinhalten.“ (S.96)

___
Foto: aboutpixel.de / Die Farbe des Feuers © Markus Burck

Matthäus 8, 14-17 – Er hat unsere Krankheit getragen

„Er hat unsere Schwachheit auf sich genommen, und unsere Krankheit hat er getragen.“ (Jes.53,4) Bei diesem Jesaja-Zitat hab ich bis jetzt immer automatisch ans Kreuz gedacht. Jesus stirbt für uns und nimmt unsere Schwachheit auf sich. Diese Assoziation liegt natürlich nahe, weil bei Jesaja im Zusammenhang auch davon die Rede ist, dass wir durch seine Wunden geheilt sind und dass er war wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wurde.

Aber Matthäus stellt dieses Zitat in einen ganz anderen Zusammenhang: Jesus heilt das Fieber von Petrus Schwiegermutter und er macht all die Kranken gesund, die man zu ihm bringt. Es geht hier nicht um unsere ewige Erlösung von Schuld und Sünde, sondern um Heilung in diesem irdischen Leben. Schon lange vor Kreuz und Auferstehung ist Jesus der Gottesknecht, der unsere Krankheit trägt. Heil und Heilung gehören zusammen – Jesus will beides.

Allerdings finde ich das von Matthäus schon sehr optimistisch formuliert: Er „machte alle Kranken gesund“. Die Parallelstelle bei Markus klingt für mich da ehrlicher und realistischer (Mk.1,32-34): Man brachte alle Kranken und Besessenen zu ihm und er half vielen Kranken und trieb viele böse Geister aus.