Römer 1, 18-32: Paulus und die Homosexualität

Dieser Text ist heiß umstritten. Denn für viele ist er ein biblischer Schlüsseltext zum Thema Homosexualität. Das große Problem ist jedoch, dass sich Paulus hier gar nicht differenziert zu diesem Thema äußern will, sondern es nur streift. Daraus eine biblische Stellungnahme für die eine oder andere Richtung abzuleiten, ist ganz einfach schwierig.

Paulus Anliegen in diesem Abschnitt ist es, die menschliche Schuldverfallenheit aufzuzeigen. Auch ohne direkte göttliche Offenbarung könnte der Mensch zumindest eine Ahnung von Gott haben. Aus der Schöpfung kann man Rückschlüsse auf die Existenz eines Schöpfers ziehen (V.20). Das zentrale Problem ist, dass die Menschen diesen Schöpfergott ablehnen und sich andere Götter suchen. Das ist Sünde. Das ist das Grundproblem, um das es geht: dass Menschen Gott nicht erkennen oder ihn nicht anerkennen wollen. Darum geht es Paulus.

Dann stellt Paulus eine lange Liste von Dingen zusammen, welche Folge von dieser grundsätzlichen Verkennung Gottes folgen. Dazu zählen für ihn auch Dinge wie Treulosigkeit, Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit (V.33). Auch Homosexualität beurteilt Paulus als Folge dieser grundsätzlichen Ablehnung Gottes (V.26-27). Von seinem kulturellen, religiösen und zeitgeschichtlichen Hintergrund her steht für ihn gar nicht in Frage, dass Homosexualität ein genauso schlimmes Vergehen ist, wie Lieblosigkeit oder Unbarmherzigkeit.

Aber wie gesagt: Er geht hier nicht differenziert auf dieses Thema ein. Deutlich ist auf jeden Fall, dass es für ihn nicht Ursache für Gottlosigkeit ist, sondern eine Folge. Selbst für Paulus ist es also nicht das eigentliche Problem. Und selbst wenn wir Paulus kulturellen Hintergrund ungefragt auch heute übernehmen wollen, müssten wir mit Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit genauso scharf ins Gericht gehen, wie es manche es mit homosexuellen Menschen tun. Aber das ist eben die Frage: Können wir heute die Einstellung des Paulus gegenüber Homosexualität, die er hier nicht theologisch begründet, sondern die er ganz selbstverständlich aus seinem zeitgeschichtlichen und kulturellen Umfeld übernimmt, einfach so so übernehmen und daraus eine biblische Lehre machen?

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Sacharja 3, 1-10 Erfolgloser Ankläger

Das ist eine der wenigen Stellen im Alten Testament, in denen der Satan erwähnt wird. Wie bei Hiob ist er ein himmlischer Ankläger, welcher die Schuld der Menschen offen legen will. Interessant ist, dass er sowohl bei Hiob als auch hier von Gott in die Schranken gewiesen wird. Anders als bei Hiob ist der Hohepriester hier wohl tatsächlich mit Schuld beladen. Derjenige, der in ritueller Reinheit vor Gott stehen sollte, um Vergebung für das ganze Volk zu erwirken, steht nun mit unreinen Kleidern (V.3) vor Gott. Aber anstatt auf die Anklage des Satans einzugehen, tut Gott genau das Gegenteil. Er schickt den unreinen Hohepriester nicht von sich weg, sondern er lässt ihm neue Kleider geben. D.h. er nimmt die Sünde von ihm weg (V.4).

Mir ist bei diesem Text wichtig geworden, dass es nicht Aufgabe von uns Menschen ist, andere Menschen vor Gott anzuklagen. Dafür gibt es den Satan, das ist sein Job. Zugleich finde ich es spannend, wie erfolglos der Satan bei seiner Aufgabe ist. Er wird, wie gesagt, im Alten Testament nich oft erwähnt. An den zwei eindeutigen Stellen (hier und bei Hiob) hat er mit seinen Anklagen keinen großen Erfolg. Aus alttestamentlicher Sicht ist er nicht gerade eine Furcht einflößende Figur. Das hängt wohl damit zusammen, dass Gott uns ja auch ohne die Anklage des Satans durch und durch kennt. Wenn wir uns Gott zuwenden, dann brauchen wir den Satan nicht zu fürchten. Wenn wir uns aber von Gott abwenden, dann sollten wir uns viel mehr vor Gott als vor dem Satan fürchten…

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Apostelgeschichte 2, 22-28 Wer ist schuld?

In einem Satz bringt Petrus sehr differenziert die Frage nach der Schuld von Jesu Tod zur Sprache: „Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht.“ (V.23) Sehr viel kürzer und dabei doch treffend kann man das nicht sagen.

Zunächst einmal hat Gott selbst seine Finger mit im Spiel. Jesu Tod war kein überraschender Betriebsunfall, mit dem Gott nicht gerechnet hat. Nein, sein Tod am Kreuz gehörte zu seiner Mission mit dazu. Aber deswegen können sich die Menschen nicht rausreden. Weder die Juden noch die Römer. Beide tragen Verantwortung – das macht Petrus durch seine schlaue Formulierung deutlich: Ihr (die angesprochenen jüdischen Zuhörer) habt ihn durch die Hand der Heiden (der Römer) ans Kreuz geschlagen und umgebracht.

Letztendlich bin auch ich selbst mitverantwortlich an diesem Tod. Denn auch für meine Schuld ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. Das ist das Entscheidende an diesem Tod: er geschah nicht nur durch Andere, sondern vor allem für Andere. Und das Schlusswort zu diesem Tod spricht Gott selbst: er hat Jesus Christus auferweckt. Sein Tod war nicht das Ende, er war nicht vergeblich. Gott hat den Tod in seine Schranken gewiesen.

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Sprüche 28, 12-28 Habgier, Schuld und Vergebung

Wer aber eilt, reich zu werden, wird nicht ohne Schuld bleiben.“ (V.20b) Ja, das hat schon mancher erlebt, der um das große Geld gezockt hat und dann sein Geld auf schwarzen Konten verstecken wollte. Es gilt aber auch: „Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ (V.13) Die Habgier ist nicht nur ein Problem der Reichen, die steckt in jedem von uns. Natürlich zeigen wir gerne auf die großen Fische und versuchen damit, unsere eigene Schuld zu relativieren. Aber egal, ob große oder kleine Schuld – entscheidend ist, sie zu bekennen und zu lassen. Wer das tut, der darf – zumindest bei Gott – Barmherzigkeit erlangen.

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Daniel 9, 1-19 Unsere große Schuld und Gottes große Barmherzigkeit

Ein beeindruckendes Bußgebet. Bekannt aus diesem Gebet ist vor allem V.18b: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“. Ein toller Vers! Mir hat es allerdings zu denken gegeben, dass gerade dieser Vers bekannt ist und ich stelle bei meinem Beten fest, dass ich mich nicht lange mit dem Thema Buße beschäftige, sondern sehr schnell bei der Barmherzigkeit Gottes lande.

Natürlich ist die Barmherzigkeit Gottes das Entscheidende, auch in diesem Bußgebet des Daniel. Ohne Gottes Barmherzigkeit bringt alles nichts. Aber bei Daniel dauert es eine Weile, bis er im Gebet dazu kommt. Zunächst steht das eigene Versagen und die eigene Schuld im Mittelpunkt. Er lässt sich nicht gleich von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auffangen, sondern stellt sich zunächst ehrlich der Schuld. Um Gottes Barmherzigkeit wirklich ernst zu nehmen und sie ermessen zu können, ist es nötig, dass ich mich auch dem eigenen Versagen stelle.

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Lukas 22, 1-6 Satanische Ausrede

Immer wieder neu unvorstellbar, wie ein Jünger Jesus, den er selbst für die Nachfolge ausgesucht hat, Jesus dem Tod preisgeben kann. Wie kann das passieren? Wie konnte sich Jesus so in Judas täuschen? Lukas kann sich das nur dadurch erklären, dass der Satan seine Hände im Spiel gehabt hat. Bei den Parallelstellen in Markus und Matthäus ist nicht vom Satan die Rede, Lukas fügt es also ganz bewusst als eigene Deutung ein. Diese Deutung erscheint mir auch logisch: Der Satan muss irgendetwas damit zu tun haben.

Als einzige und alleinige Erklärung ist es mir allerdings zu wenig. Denn dann hätte Judas eine feine Ausrede: Er konnte ja gar nicht anders. Es war ja nicht seine Schuld, sondern der Satan hat ihn missbraucht. Die Rede vom Satan kann auch zu einer recht einfachen und eindimensionalen Ausrede werden. Für mich hat auch Judas selbst etwas mit dem Verrat zu tun. Er ist dafür mitverantwortlich. Es ist nicht nur Schuld des Satans, sondern auch seine eigene Schuld. Und wenn wir das Neue Testament insgesamt anschauen, dann wird auch deutlich, dass Gott irgendwie etwas damit zu tun hatte. Es war ja sein Wille, dass Jesus ans Kreuz geht. Er hätte die Macht gehabt es zu verhindern. Es gibt also keine einfache und eindimensionale Erklärung für dieses unerklärliche Geschehen.

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Lukas 6, 37-42 Splitter und Balken

Regt uns in unserer ach so toleranten und verständnisvoller Welt der Splitter im Auge des Anderen überhaupt noch auf? Das ist doch sein Problem und nicht meins. Im Gegenteil, der Splitter im Auge des Anderen kann für mich sogar zur bequemen Entschuldigung werden: Der Andere hat doch auch einen Splitter im Auge, da ist es doch auch okay, wenn ich selbst einen Splitter oder Balken im Auge habe…

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Cormac McCarthy: All die schönen Pferde

John Grady ist sechzehn Jahre alt und nichts hält ihn mehr zu Hause in Texas. Zusammen mit seinem Freund Lacey Rawlins reitet er zu Pferd nach Mexiko. Unterwegs schließt sich ihnen Jimmy Blevis an, ein noch jüngerer Ausreißer, der die beiden in ziemliche Schwierigkeiten bringt. Die beiden Freunde kommen jedoch ungeschoren davon und finden auf einer Farm Arbeit. John Grady besitzt ein einmaliges Talent für das Zureiten von Pferden und das kann er bei seinem wohlhabenden Arbeitgeber mit Erfolg einsetzen. Die Beiden sind eigentlich am Ziel ihrer Träume.

Doch John Grady verliebt sich in die Tochter des Farmbesitzers. Das geht nicht lange gut, denn diese Beziehung stößt beim Vater und der Tante auf wenig Gegenliebe. Die beiden Freunde werden überraschend festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Ihnen ist lange nicht klar warum eigentlich. Sie geraten in einen Albtraum aus Gewalt und knallhartem ÜberlebenskampfCormac McCarthy: All die schönen Pferde weiterlesen

Richter 9 Mord und Totschlag

Ganz und gar nicht erbaulich dieses Kapitel. Da geht es nur um blutrünstige Machtkämpfe. Abimelech, ein Sohn von Gideon, erschlägt seine 70 Brüder, damit er das Sagen hat. Abimelech bekämpft noch weitere Widersacher, die ihm die Macht nehmen wollen, stirbt aber am Ende einen schmachvollen Tod: bei der Eroberung einer feindlichen Burg wirft ihm eine Frau einen Mühlstein auf den Kopf und um nicht von einer Frau umgebracht worden zu sein, bittet er seinen Waffenträger ihn zu erstechen.

Was soll ich daraus für mich und meinen alltäglichen Glauben lernen?!? Ich muss zunächst einmal feststellen, dass hier eine ganz andere Welt und Kultur beschrieben ist. Die Bibel ist mehr als ein frommes Erbauungsbuch, sie ist auch ein Geschichtsbuch. Aber ich kann ganz allgemein daraus lernen, dass Gott letztendlich das Böse bestrafen wird. „So vergalt Gott dem Abimelech das Böse, dass er seinem Vater angetan hatte, als er seine siebzig Brüder tötete.“ (V.56)

Dazu fällt mir auch ein Ausschnitt aus der Bergpredigt ein. Dort nimmt ein gewisser Jesus das alttestamentliche Gebot „Du sollst nicht töten“ auf und sagt, dass nicht nur derjenige des Gerichts schuldig ist, der buchstäblich tötet, sondern schon derjenige, der seinem Bruder zürnt oder ihn beleidigt (Mt. 5,21f).

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Joseph Conrad: Lord Jim

Eine nicht ganz einfach zu lesende und vielschichtige Charakterstudie über Träume, Ideale, Versagen und Schuld eines Menschen. Hauptperson ist Jim, ein junger britischer Seemann. Er träumt von Anerkennung und Ruhm. Er hat einen hohen Anspruch an sich selbst und seine Ideale. Aber durch eine folgenschwere Fehlentscheidung werden diese Ideale und Träume in Frage gestellt und sein weiteres Leben unter dem Vorzeichen dieser Enttäuschung.

Jim war erster Offizier auf dem vollbesetzten Pilgerschiff Patna. Nach einer unerklärlichen Kollision flieht er – entgegen seiner Ideale von Ruhm und Heldenmut – mit der restlichen Schiffsbesatzung von dem vermeintlich verlorenen Schiff. Die Patna geht doch nicht unter und Jim wird vor Gericht gestellt. Er verliert seine nautischen Patente, erhält danach jedoch Hilfe von Marlow, der sich mit ihm anfreundet. Bei allen neuen Anstellungen die ihm Marlow besorgt, fällt jedoch der Schatten seiner Vergangenheit auf ihn zurück.

Ein wirklicher Neuanfang gelingt ihm erst in einem abgelegenen Eingeborenendorf in Afrika. Dort gewinnt er die Achtung und Liebe der Einwohner – sie nennen ihn „Lord Jim“. Er wird zu ihrem Anführer, der ein friedliches Miteinander verschiedener Stammesgruppen garantiert. Er findet eine Frau, welche ihn von Herzen liebt – auch wenn sie im Innersten eine Ahnung davon hat, dass es einen dunklen Fleck in Jims Vergangenheit gibt.

Doch letztendlich bleibt Jim ein tragischer Held. Die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein heruntergekommener Freibeuter greift mit seiner Bande die Stadt an. Anstatt die chancenlosen Angreifer im Kampf zu vernichten, entscheidet sich Jim die Freibeuter ziehen zu lassen. Er will damit seine Großmut zeigen, trifft damit aber wieder eine tragische Fehlentscheidung. Auf ihrer Flucht ermorden die Räuber den Sohn eines Eingeborenenfürsten. Jim nimmt die Schuld dafür auf sich, indem er sich dem Fürsten stellt. Dieser macht Jim für den Tod seines Sohnes verantwortlich und tötet ihn.

Zu lesen ist der Roman nicht so einfach. Conrad erzählt recht weitschweifig und detailliert – dadurch wird der Roman insgesamt recht lang und die Handlung zieht sich recht zäh durch das Buch. Für den Leser anstrengend sind auch die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Die Geschichte wird nicht von einem allwissenden Erzähler ausgebreitet oder aus der Perspektive der Hauptperson. Der Großteil der Handlung ist die Wiedergabe einer Erzählung von Marlow, des guten Freundes von Jim. Diese Erzählung wird wiederum vom Ich-Erzähler gehört und wiedergegeben. Das führt dann manches mal zu mehrfach gebrochenen Schilderungen der Handlung: der Ich-Erzähler gibt wieder, was Marlow erzählt und Marlow seinerseits gibt an vielen Stellen wieder, was dritte über Jim erzählt haben. Da verliert man leicht den Überblick…

Diese komplizierte Erzählweise ist aber bewusst gewählt und ermöglicht es Conrad die Hauptfigur aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dem Leser bleibt es selbst überlassen, den Charakter und die inneren Vorgänge in der Hauptperson Jim zu deuten. Für einen im Jahr 1900 geschriebenen Roman ist diese Herangehensweise erstaunlich modern.

Lord Jim ist viel mehr als ein Seefahrer- und Abenteuerroman. Er ist ein zutiefst existentieller Roman. Große Lebensfragen werden in der Geschichte angedeutet. Wie gehen wir mit Scheitern und Versagen um? Wie kann Schuld gesühnt werden, wie kann Erlösung geschehen? Lohnt es sich von großen Idealen zu träumen, oder ist es nicht sinnvoller sein Leben pragmatisch zu sehen?

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