Lukas 20, 41-47 Gefahren des Glaubens

Ja, das ist gefährlich: fromme Bibelkenner, denen es in Wirklichkeit vor allem darum geht, Ansehen zu haben, sich selbst den Bauch vollzuschlagen und nach außen besonders heilig dazustehen. Nicht nur politische Macht kann korrumpieren, sondern auch religiöse Macht. Jesus warnt vor ihnen.

Aber diese Gefahren betreffen nicht nur die Anderen, sie betreffen jeden Christen. Wer hat nicht gerne Anerkennung und Ansehen? Das ist ja auch okay, aber wo ist die Grenze zur Selbstgefälligkeit? Wer ist wirklich frei von aller Selbstsucht, so dass er wirklich von Herzen lieber andere beschenkt, als selbst zu genießen? Es ist ja auch okay, das was man hat zu genießen, aber wo ist die Grenze zur Gier? Welcher Christ kennt das nicht, dass Gottesdienstbesuch, Bibellesen und Gebet zur äußeren Form verkommt, dass das innere Leben zu erlöschen droht? Das ist ja ganz normal und es ist wichtig, trotzdem weiter dran zu bleiben. Aber wo ist die Grenze zur Scheinheiligkeit?

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Lukas 10, 1-8 Jesu Vollmacht

Über die Vollmacht Jesu kann man nicht theoretisch und abstrakt diskutieren. Man muss sich auf ihn einlassen, um wirklich beurteilen zu können aus welcher Vollmacht er handelt. Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten sind in diesem Text gar nicht wirklich an Jesu Vollmacht interessiert. Sie haben sich längst ihr eigenes (ablehnendes) Urteil gebildet.

Für mich ist klar, aus welcher Vollmacht Jesu handelt. Für mich stellt sich eher die Frage, warum ich heute so wenig von dieser Vollmacht sehe. Liegt es an meinem Kleinglauben? Sehe ich nicht genau genug hin? Kann man Jesu vollmächtiges Wirken überhaupt „sehen“, oder kann man nur im Glauben darauf vertrauen, dass er auch heute noch vollmächtig handelt? Warum aber konnten Jesu Gegner damals so offensichtlich erkennen, dass Jesus in Vollmacht handelt (auch wenn sie nicht sicher waren aus welcher Vollmacht) und ich tue mich so schwer damit?

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Lukas 11, 37-52 Kern und Schale

Ganz schön hart, wie Jesus hier die Pharisäer und Schriftgelehrte kritisiert. Da kann man verstehen, dass viele von ihnen nicht gut auf Jesus zu sprechen waren. Ich frag mich bei diesem Text, wer heute die Pharisäer und Schriftgelehrten sein könnten? Die Pharisäer waren Laien, denen der Glaube und die Bibel besonders am Herz lagen. In ihren Reihen gab es auch viele Schriftgelehrte, also Menschen, die sich besonders intensiv mit der Bibel auseinandersetzten. Wenn dir also der Glaube und die Bibel wichtig ist – so wie mir – dann stehst du wie ich in der Gefahr zum Pharisäer zu werden!

Jesus kritisiert hier nicht die Lehren der Pharisäer, sondern ihr Tun und ihre innere Einstellung. Das Richtige lehren und das Richtige tun sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Er kritisiert auch eine falsche Schwerpunktsetzung. Die Pharisäer sind so mit der Oberfläche ihres Glaubens beschäftigt, dass sie den Kern gar nicht mehr sehen. In V.42 kritisiert er z.B. dass die Pharisäer sich im Kleinsten genau an den Zehnten halten, aber im Großen am Recht und der Liebe vorbei gehen. Damit will er nicht sagen, dass wir keinen Zehnten geben sollen. Nein, er betont: „Dies sollte man tun und jenes nicht lassen.“ Beides ist gut und richtig – aber die äußerliche Gebotserfüllung darf nie zum Kern des Glaubens werden.

Wichtig ist auch für uns heute zu unterscheiden, was der Kern unseres Glaubens ist und was Auswirkungen unseres Glaubens sind. Der Kern ist für Jesus das Recht und die Liebe. Wenn das nicht mehr stimmt, dann bringen auch an sich richtige äußerliche Zeichen unseres Glaubens nicht viel. Wenn der Kern verfault ist, dann bringt auch eine schöne Schale nicht viel.

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Lukas 10, 25-37 Der wissende Schriftgelehrte

Das ist eigentlich nicht die Geschichte vom barmherzigen Samariter, sondern die Geschichte vom wissenden Schriftgelehrten. Denn er weiß doch eigentlich alles. Er stellt die richtige Frage: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Und er gibt mit dem Doppelgebot der Liebe die goldrichtige Antwort. Genauso hat auch Jesus selbst den Sinn der Gebote Gottes zusammengefasst (Mk. 12,28-31). Was ist das Problem?

Das Problem ist, dass er nicht nach seinem Wissen handelt. Zweimal fordert Jesus ihn auf das, was er weiß, auch zu tun (V.28.37) Alles Wissen ersetzt nicht die Barmherzigkeit. So ist das ja auch bei mir: ich kann viele schlaue Gedanken über Bibeltexte bloggen, das heißt noch lange nicht, dass ich auch danach lebe.

Ich sehe beim Schriftgelehrten noch ein zweites Problem: „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen.“ (V.29) Er ahnt, dass er nach Jesu Maßstäben nicht richtig handelt. Aber anstatt es einzusehen und um Vergebung zu bitten, versucht er sich selbst zu rechtfertigen. Er versucht sein mangelndes Handeln schön zu reden. Und als Schriftgelehrter nicht nur schön zu reden, sondern wahrscheinlich auch mit irgendwelchen theologischen Spitzfindigkeiten zu rechtfertigen. Hier wird es dann völlig schief: Wenn das Wissen nicht nur ohne Handeln bleibt, sondern sogar noch das fehlende Handeln rechtfertigt…

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Lukas 6, 6-11 Jesus lehrt die Schriftgelehrten

Jesus lehrt in der Synagoge. Auch einige Schriftgelehrte und Pharisäer sind anwesend. Aber sie sind gar nicht an Jesu Lehre interessiert, sondern warten nur darauf, dass sie was finden, um ihn zu verklagen. Was er sagt, interessiert sie gar nicht. Sie haben sich ihre Meinung schon gebildet. Sie versuchen auch nicht, mit ihm zu diskutieren oder seine Lehre zu widerlegen, sondern warten nur auf eine vermeintliche Gesetzesübertretung. Ihr Bild von Gott und vom Glauben steht festgezimmert und Jesus entspricht diesem Bild nicht.

Ich glaube das ist bis heute eine Gefahr: dass gerade die Frommen, die sich in der Schrift so gut auszukennen meinen, gar nicht mehr richtig zuhören, was Jesus zu sagen hat, sondern sie sich auf Äußerlichkeiten konzentrieren. Die selbstgebauten Glaubenssysteme und theologische Richtigkeiten werden dann wichtiger als der eigentliche Kern der Gebote Gottes.

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Lukas 5, 17-26: Entsetzen und Lob

Diese Geschichte finde ich immer wieder neu faszinierend. Immer wieder neu stolpere ich beim Lesen über die Reaktion Jesu. Diese Männer bringen einen Gelähmten zu Jesus. Sie lassen sich von Hindernissen nicht abhalten. Was erwarten sie von Jesus? Es wird nicht gesagt. Wie so oft lässt die knappe Darstellung der Bibel Raum für eigene Deutungen. Aber vom Zusammenhang her wird deutlich dass die Männer hoffen, dass Jesus den Gelähmten heilt (kurz vorher wird berichtet wie Jesus einen Aussätzigen heilt, in V. 15 kommen viele zu Jesus um ihn zu hören und gesund zu werden und in V. 17 wird gesagt, dass Gottes Kraft mit Jesus war, so dass er heilen konnte).

Und Jesus? Er heilt ihn zunächst nicht, sondern spricht ihm Sündenvergebung zu. Will er damit deutlich machen, dass körperliche Gesundheit nicht das Wesentliche ist? Will er die anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten provozieren? Wäre es ohne ihre Einwände bei der Sündenvergebung geblieben? Das alles wird im Text nicht deutlich beantwortet. Es wird aber deutlich, dass Heil und Heilung viel mehr als körperliche Heilung bedeutet. Auch ich als Leser werde in Frage gestellt: Was ist für mich das größere Wunder? Dass Jesus Sünden vergeben kann oder dass er einen Gelähmten heilt?

Schließlich frage ich mich: worüber sind die Menschen so aufgebracht? Am Ende des Textes wird beschrieben, wie sich alle entsetzen, Gott preisen und von Furcht erfüllt werden. Das ist eine seltsam ambivalente Reaktion: Entsetzen und Lob. Betrifft diese Reaktion die Heilung oder die Sündenvergebung oder Jesu provozierenden Umgang mit den Pharisäern und Schriftgelehrten? Wie auch immer – vielleicht wäre das auch bei uns heute manchmal  eine angemessene Reaktion auf diesen fremdartigen Jesus, der sich nicht an unseren Erwartungen ausrichtet, sondern an Gott: eine Mischung von Entsetzen und Lob.

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Matthäus 23, 13-36 – Weh uns!

Sieben Wehe-Rufe gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Matthäus schreibt sein Evangelium vor allem für Judenchristen, die sich zur Zeit der Abfassung in ziemlich harten Auseinandersetzungen mit der jüdischen Gemeinde befanden. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der scharfe Ton dieser Verse. Sicher hat auch Jesus selbst sich gegen die Schriftgelehrten seiner Zeit ausgesprochen, aber es scheint als ob Matthäus das besonders betont und in besonders ausführliche Worte kleidet. Bei Markus und Lukas (die ja an vielen Stellen wortwörtliche Übereinstimmungen haben) finden sich diese Verurteilungen nur ansatzweise (Mk.12,38-40).

Schon die Bibel gewichtet als Jesu Worte je nach der Situation, in die diese Worte hineinsprechen. So muss auch ich heute bei diesen Worten überlegen, in welche Situation sie bei mir im Jahr 2009 in Deutschland hineinsprechen. Wir Christen hier in Deutschland befinden uns nicht in Auseinandersetzung mit jüdischen Schriftgelehrten. Ich höre aus diesen Worten etwas anderes, als Matthäus selbst gehört hat. Ich höre eine Warnung an mich selbst: Pass auf, dass du nicht solch ein Mensch bist, wie hier exemplarisch und verallgemeinernd die Pharisäer und Schriftgelehrte dargestellt werden.

Ein Wehe-Ruf hat mich auf diesem Hintergrund besonders getroffen: „Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.“ ( V.28 ) Das ist bis heute noch eine Gefahr für jeden Christen und ganz besonders für uns Pastoren. Nach außen ein schönes Bild abgeben, aber innen drin wohnen ganz andere Gefühle und Gedanken. Zweierlei ist dann nötig: Innere Erneuerung und authentisches Leben nach außen.

Wehe uns, die wir oft als Hochglanzchristen erscheinen wollen, bei denen scheinbar immer alles glatt läuft und die ständig mit ihrem zufriedenen „Ich bin erlöst“-Lächeln herumlaufen. Weh uns, die wir unser Versagen nicht eingestehen können und die wir nur die weniger dramatischen Sünden öffentlich zugeben. Weh uns, die wir überheblich auf die weniger „frommen“ und „begeisterten“ Christen herab schauen und dabei selbst ein hartes, selbstgerechtes Herz haben.

Matthäus 21, 12-18 – Für Gott nur das Beste

Wieder einmal ertappe ich mich bei so einem typischen Bibellesen-Gedanken: „Ach, die Tempelreinigung. Den Text kenn ich gut, gäähhhn.“ Und dann entdeckt man doch wieder so manches Neues! Fantastisch dieses Buch, oder?! Der Text ist ganz und gar nicht langweilig und auch nicht so altbekannt wie ich dachte.

Mir war nicht mehr bewusst, dass Jesus nicht nur die Händler hinaustreibt, sondern auch die Käufer. Er wendet sich nicht nur gegen die religiösen Geschäftemacher, sondern auch gegen diejenigen, die sich darauf einlassen. Spannend ist außerdem dass (zumindest bei Matthäus) Jesus danach Blinde und Lahme im Tempel heilt. Menschen Heilung zu schenken entspricht offensichtlich sehr viel mehr Gottes Wille für den Tempel.

Was mich bei der Matthäus-Variante der Tempelreinigung besonders erstaunt hat, war die Reaktion der Hohenpriester und Schriftgelehrten. Sie sind natürlich gegen Jesus. Aber so wie Matthäus das darstellt, sind sie vor allem von den Heilungswundern und den Hosianna-Rufen der Kinder genervt. Sie scheinen sich weniger darüber aufzuregen, dass Jesus auf recht aggresive Weise die Geschäftemacher rauswirft, als viel mehr darüber, dass Jesus Blinde, Lahme und Kinder in den Tempel lässt!

Das ist wahrscheinlich das revolutionärste bei Jesus: Dass man sich den Zugang zu Gott nicht erst erkaufen oder verdienen muss, sondern dass gerade die Krüppel, Armen, Hilflosen, Kranken und die Kinder zu Gott kommen dürfen. Nach damaligem Verständnis haben Blinde, Lahme und Kinder nichts im Tempel verloren. Um Gott angemessen dienen zu können, musste man (in Anlehnung an alttestamentliche Vorstellungen) rein und perfekt sein. Man muss untadelig sein und durfte auch keine körperlichen Fehler haben. So nach dem Motto: „Für Gott nur das Beste!“ Jesus stellt das auf den Kopf und sagt: Nein, gerade das Kaputte und scheinbar Minderwertige darf zu Gott kommen.