Johannes 10, 31-42 Wer ist Jesus?

Immer wieder umkreist das Johannesevangelium die Frage nach dem Unglauben: Warum glauben die Menschen nicht an Jesus, obwohl sie doch seine Werke sehen und zumindest Jesus selbst seinen Selbstanspruch im Einklang mit der Schrift sieht. Es geht immer wieder um die Frage nach dem Selbstverständnis Jesu. Es wird ihm vorgeworfen, dass er sich selbst mit Gott gleichsetzt – obwohl wir das so direkt nirgends im Johannesevangelium aus dem Mund Jesu hören. Er spricht von sich selbst aber als vom Vater gesandten Sohn Gottes, und er sagt, dass Gott in ihm ist und er in Gott (V.38). Und im Prolog und aus dem Mund des Thomas finden wir eine Gleichsetzung Jesu mit Gott (Joh. 1,1.18; 20,28). Insofern ist der Vorwurf der Gotteslästerung verständlich und aus jüdischer Sicht nicht unberechtigt.

Jesu Verteidigung an dieser Stelle finde ich seltsam. Er führt ein Zitat aus Psalm 82,6 an und bezieht die Aussage „ihr seid Götter“ auf das Volk Israel („zu denen das Wort Gottes geschah“, V.35). Allerdings ist der Vers nach damals üblicher rabbinischer Schriftauslegung völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Im ursprünglichen Psalm geht es um eine himmlische Thronratsversammlung und die Angesprochenen sind eben keine Menschen. Wenn ich heute so die Bibel auslegen würde, dann würden sich zurecht viele beschweren. Aber auch wenn man der Argumentation folgt und annimmt, dass alle aus dem Volk Israel auch Gottes Kinder sind, so trägt sie doch wenig dazu bei Jesu Selbstanspruch verständlicher zu machen. Er sieht sich ja gerade nicht als einer unter vielen, als ein Kind Gottes von vielen, sondern als der eine, erstgeborene Sohn Gottes.

Ich kann den Unmut, das Unverständnis und den Unglauben der Menschen damals recht gut nachvollziehen. Jesus kann seinen Anspruch nicht beweisen. Er verweist auf seine Werke: aber Wundertäter gab es damals viele. Er verweist auf die Schrift. Aber mit seinen Ausführungen kann er seinen Anspruch nicht wirklich beweisen. Glaube bleibt ein Vertrauen auf etwas, das man nicht beweisen kann. Glaube ist bis heute ein Risiko. Es gibt Hinweise in unserem Leben (Jesu Werke oder Dinge, die auch heute noch in seinem Namen geschehen) oder in der Schrift – aber keine Beweise. Es damals wie heute ein Wunder, wenn Menschen glauben und vertrauen können.

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Johannes 2, 13-25 Worauf es wirklich ankommt

Für Johannes hat die Tempelreinigung ebenso programmatische Bedeutung wie das Zeichen bei der Hochzeit zu Kana. Gleich zu Beginn des Berichts über Jesu Wirksamkeit wird auch hier deutlich, um was es Jesus geht. Indem er den Tempel reinigt, macht er zeichenhaft deutlich, dass er die wahre Gottesverehrung wieder herstellen will. Glaube soll kein religiöses Geschäft sein, sondern soll sich allein auf Gott ausrichten. Gleich in dieser Geschichte wird auch deutlich, wie Jesus das letztendlich erreichen will: durch seinen Tod und seine Auferstehung (V.19). In der damaligen Situation konnte das niemand verstehen – erst im Nachhinein ist auch den Jüngern klar geworden, was damit gemeint ist.

Gleich zu Beginn lesen wir also hier einen Hinweis auf Jesu Heilshandeln in Tod und Auferstehung. So wie es schon vorher Hinweise darauf gab (z.B. Joh.1,29: Jesus als Gottes Lamm), soll hier deutlich werden, dass das ganze Evangelium unter diesem Blickwinkel zu lesen ist. Hier handelt nicht ein menschlicher Wundertäter oder ein großer Rabbi, sondern es handelt der Sohn Gottes, der für uns Erlösung und Heil bringt.

Für viele interessant ist natürlich die Frage, warum die Tempelreinigung bei Johannes zu Beginn von Jesu Wirksamkeit steht und bei den anderen Evangelien am Ende seiner Wirksamkeit. Was stimmt jetzt? Wer hat Recht? Wie war es historisch tatsächlich? Wenn wir ängstlich am Buchstaben kleben bleiben wollen, dann müssen wir behaupten, dass es zwei Tempelreinigungen gab. Ich für mich sage: Ich kann es historisch nicht genau sagen. Wir haben zwei Überlieferungen, die verschiedene Aussagen machen und dahinter kann ich nicht zurück. Wichtig ist für mich auch nicht, wann es geschehen ist, sondern dass es geschehen ist – und darin sind sich beide Überlieferungen einig.

Gerade dieser Abschnitt zeigt uns ja, wie sehr wir Jesus missverstehen, wenn wir uns nur am Buchstaben festklammern: die Juden können Jesu Aussage über den Tempel überhaupt nicht verstehen, weil sie Jesus nur buchstäblich verstehen (V.20). Jesus geht es aber in Wahrheit um eine ganz andere Ebene. So begegnen uns im Johannesevangelium häufig Missverständnisse, weil die Zuhörer Jesus auf einer viel zu oberflächlichen Ebene verstehen und gar nicht die geistlichen Wahrheiten dahinter erkennen. Ähnlich geht es uns, wenn wir die Wahrheit der Bibel an rein historischen Fragen festmachen wollen.

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Hebräer 7, 1-10 Prophetisches Bibellesen

Für uns moderne Ohren ist das ein sehr eigenwilliger Umgang mit der Heiligen Schrift. Wir sind es gewohnt, analytisch an die Texte heran zu gehen – besonders wir Theologen. Wir fragen nach dem ursprünglichen Sinn der Texte und versuchen herauszufinden, was der Text in seinem damaligen Zusammenhang sagen wollte. Dann versuchen wir diese Aussage in unsere heutige Zeit zu übertragen. Der Hebräerbrief geht hier mit dem biblischen Bericht von Melchisedek ganz anders um. Ich würde das eher als eine prophetische und symbolische Auslegung des Textes bezeichnen.

Für den Hebräerbrief ist der königliche Priester Melchisedek ein Vorabbild und Voraushinweis für den königlichen Priester Jesus Christus. Er sieht im Priestertum des Melchisedeks ein Priestertum, das vor und über allen anderen folgenden aaronitischen Priestern steht. Das begründet er damit, dass schon der Stammvater Abraham sich Melchisedek unterordnete, indem er ihm den Zehnten gab. Historisch gesehen wissen wir nicht viel von Melchisedek, er wird in 1. Mose 14,18-20 als Priester des Höchsten bezeichnet. Aber gerade wegen diesen wenigen Informationen kann er dem Hebräerbrief als Bild für den Messias dienen.

Wenn wir heute alle so die Schrift auslegen würden, dann könnten wir alles mögliche aus den Texten herauslesen. Aber ich denke trotzdem hat diese Art des Bibellesens seine Berechtigung. Es geht dem Hebräerbrief nicht darum, den Text über Melchisedek auszulegen, sondern mit diesem Text die Person Jesu Christi besser zu verstehen. Seine prophetische Art die Bibel zu lesen ist von anderen als geistgewirkt bestätigt worden, deshalb steht dieser Brief heute im Neuen Testament. Wir können auch heute die Bibel nicht nur analytisch lesen, sondern auch prophetisch. Wir können darauf achten, was Gott uns dadurch sagen möchte. Aber das ist dann keine Schriftauslegung mehr, sondern geht schon darüber hinaus. Für mich ist beides wichtig: das analytische Lesen als Korrektiv (in Jesus Christus und der Bibel hat Gott maßgeblich gesprochen – an diesen Aussagen müssen wir alles andere messen), aber auch das prophetische Lesen als Offenheit für Gottes spezielles Reden in unsere Zeit und Situation hinein.

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Lukas 24, 36-49 Bibellesen mit Jesus

Diese Textstelle war mir bei den Auferstehungsberichten der Evangelien nicht so bekannt. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Zum einen die Betonung der Leiblichkeit des Auferstandenen. Deutlicher als an anderen Stellen wird betont, dass der Auferstandene mehr ist als eine Erscheinung. Lukas sagt, dass er Fleisch und Knochen hat. Ja, Jesus fordert sogar auf, ihn anzufassen und isst vor den Augen der Jünger etwas. Jesus ist leibhaftig ins Leben zurück gekommen. Es war mehr als eine Erscheinung.

Das zweite was mir aufgefallen ist: Wie schon bei den Emmausjüngern ist es für Lukas wichtig, dass Jesus uns das Verständnis für die Heilige Schrift neu eröffnet (V.45). Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus ist keine neue Offenbarung, sondern ganz eng an die Schrift gebunden und nur von ihr her zu verstehen. Lukas macht deutlich, wie wichtig für uns Christen das Lesen der Bibel ist. Gerade das Neue, das wir mit Jesus erleben, gerade die neue Gotteserfahrung in Christus und durch den Heiligen Geist, kann nur von der Schrift her richtig verstanden und gedeutet werden. Für einen Christen gehört das Lesen der Bibel essentiell zu seinem Glauben dazu.

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Lukas 6, 1-5 Die Jesus-Brille

Jesu geht mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld. Die Jünger schnappen sich einige Ähren, zerreiben sie und essen die Körner. Das ist nach 5. Mo 23,26 ausdrücklich erlaubt. Aber einige Pharisäer sehen darin Erntearbeit und werfen Jesus vor, dass seine Jünger dadurch das Gebot der Sabbatheiligung brechen. Ganz egal welche Motivation hinter diesem Vorwurf steckt – die Frage bleibt ja auch für uns heute: Was heißt es, Gottes Wort und seine Gebote ernst zu nehmen? Was heißt es hier im konkreten Fall den Sabbat zu heiligen?

Manche meinen: Je ernster ich Gott nehme, desto radikaler und enger muss ich seinen Geboten folgen. Schon mit dem leisesten Hauch von Arbeit übertrete ich Gottes Gebot. In der Parallelstelle bei Markus wird uns dagegen eine allgemeine Regel gegeben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk.2,27) D.h. dass Gott uns Gebote zu unserem Besten gibt und nicht, um uns damit zu knechten. Es kommt auf den Geist der Gebote an und nicht auf den Buchstaben.

Lukas lässt diese allgemeine Regel weg und erklärt alles von Jesus her: „Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.“ (V.5) So weist er noch radikaler als Markus (der diese Erklärung neben der allgemeinen Regel auch noch aufführt) darauf hin, dass wir Gottes Gebote nur von Jesus Christus her verstehen und leben können. Gottes Wort ist keine abstrakte Wahrheit, sondern will immer von Christus her gedeutet werden. Beim Bibellesen sollten wir also immer die Jesus-Brille aufhaben…

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Bonhoeffer: Nachfolge (10) – Der Bruder – Das Weib

Jesus zitiert in der Bergpredigt nun alttestamentliche Gebote und setzt jeweils hinzu: „Ich aber sage euch…“ Normalerweise wird das als Antithese bezeichnet. Bei Bonhoeffer taucht dieser Begriff nicht auf, er scheint ihm nicht passend zu sein. Nach dem vorherigen Abschnitt ist er überzeugt, dass Jesus sich nicht gegen das Gesetz wendet, sondern es bestärken will. Die sogenannten Antithesen sind für Bonhoeffer keine revolutionäre Neudeutung der alttestamentlichen Gebote oder eine weitere Meinung im Streit der rabbinischen Schriftauslegung, sondern „vielmehr bringt Jesus in Fortsetzung des Gesagten seine Einheit mit dem Gesetz des mosaischen Bundes zum Ausdruck.“ (S.122) Jesus wendet sich nicht gegen das Gesetz, sondern gegen ein falsches Verständnis des Gesetzes.

In konsequenter Radikalität legt Bonhoeffer das Wort vom Zorn gegenüber dem Bruder aus: „Jeder Zorn richtet sich gegen das Leben des Anderen, er gönnt ihm das Leben nicht… Der Jünger darf den Zorn überhaupt nicht kennen.“ (S.123) Bonhoeffer unterscheidet hier nicht zwischen Zorn im Affekt oder Zorn als andauernde Haltung, aber aus seinen Worten wird doch deutlich, in welcher Richtung er den Zorn versteht. Er schreibt davon, dass die Trennung vom Bruder auch von Gott trennt, dass die Verachtung des Bruders auch den Gottesdienst unwahr macht. Und zwar „solange dem Bruder der Dienst und die Liebe versagt wird, solange er der Verachtung preisgegeben bleibt…“ (S.124) Hier wird deutlich, dass es nicht um einen ersten Gefühlsausbruch geht, sondern um das Festhalten am Zorn.

Tieferer Grund für die Unmöglichkeit des Zorns gegenüber dem Bruder ist für Bonhoeffer die Menschwerdung Jesu. Jesus wurde Mensch, er wurde „unser aller Bruder“ (S.125). „Um der Menschwerdung des Sohnes Gottes willen ist Gottesdienst vom Bruderdienst nicht mehr zu lösen.“ (S.125) Ja sogar: „In Jesus wurde Dienst am geringen Bruder und Gottesdienst eins.“ (S.125) Wer sich durch den Zorn vom Bruder trennt, der trennt sich damit selbst auch von Gott.

In der Bergpredigt sagt Jesus dann als weiteres, dass der Ehebruch schon beim begehrlichen Blick beginnt. Bonhoeffer zentriert auch diese Aussage ganz auf die Beziehung des Nachfolgers zu Jesus. „Die Unreinheit der Begierde ist Unglaube.“ (S.127) Die Begierde ist nicht unrein, weil sie irgendwelche moralischen Standards verletzt, sondern weil sie Ausdruck von Unglaube ist. Der Jünger, der meint sich im begehrlichen Blick selbst Lust zu verschaffen vertraut nicht auf Jesus, sondern auf sich selbst. „Er traut nicht aufs Unsichtbare, sondern ergreift die sichtbare Frucht der Lust.“ (S.127)

Jesus fährt fort, dass man lieber sein Auge ausreisen soll, als dass der ganze Leib in die Hölle geworfen wird. Bonhoeffer stellt an dieser Stelle die Frage, „ob Jesus sein Gebot wörtlich gemeint habe oder in übertragenem Sinn?“ (S.127) Aber auch hier weicht Bonhoeffer mit seiner Auslegung nicht ins Unverbindliche aus. Er sagt ganz einfach: „Diese Frage selbst ist falsch und böse. Sie kann keine Antwort finden.“ (S.127) Wenn man diese Stelle wörtlich verstünde, dann würde die Absurdität dieses Gebots deutlich werden. Wenn man sie aber übertragen verstünde, so nähme man dem Gebot den Ernst.

Ich muss gestehen, an dieser Stelle werde ich etwas ratlos. Ich verstehe die Absicht Bonhoeffers: Er will verhindern, dass wir den Worten Jesu ausweichen („Wir können nach keiner Seite ausweichen“, S.128), er möchte, dass wir auf einfältige Weise gehorsam sind. Aber was mache ich denn, wenn ich ein Gebot nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragen Sinn verstehen kann? Dann kann ich es gar nicht mehr verstehen! Dann bleibt es ein abstraktes Gebot, dass ich nicht mit Leben füllen kann. Schießt hier Bonhoeffer übers Ziel hinaus, oder möchte er den Leser provozieren, jenseits alles Verstehens auf Jesus allein zu schauen?

Epheser 4, 7-10 Seltsamer Schriftbeweis

Seltsame Überleitung. Paulus kommt von der Einheit der Gemeinde auf die Vielfalt der Gaben zu sprechen. Die Neue Genfer Übersetzung schreibt hier: „Jedem Einzelnen von uns hat Christus einen Anteil an den Gaben gegeben, die er in seiner Gnade schenkt.“ (V.7) Die Begründung dafür, dass Christus der Geber dieser Gaben ist, wird in einem typisch rabbinischen Schriftbeweis geführt, der uns heute ziemlich weit hergeholt erscheint.

Paulus zitiert Psalm 68,19, allerdings in einer völlig anderen Bedeutung als er im ursprünglichen Zusammenhang dasteht. Im Original geht es darum, dass Gott wie ein Kriegsherr nach dem Sieg triumphal den Berg Zion zum Tempel hinaufzieht, Gefangene mitbringt und Gaben empfangen hat. Paulus liest diesen Vers christologisch und macht in Weiterentwicklung einer bestimmten rabbinischen Auslegung aus den empfangenen Gaben kurzerhand Gaben, die verteilt werden.

Im Theologieexamen wäre er damit sang- und klanglos untergegangen. Er reist einen Text aus seinem ursprünglichen Kontext heraus, zitiert nicht einmal richtig und verdreht die Bedeutung.

Von der Art der Schriftauslegung her unterscheidet sich Paulus damit wenig von anderen damaligen Schriftgelehrten und Pharisäern. Ich denke, er nutzt die damals anerkannten und üblichen Methoden der Schriftauslegung und kommt trotzdem zu ganz anderen Ergebnissen, weil er die Schrift im Licht Christi und unter der Leitung des Heiligen Geistes liest. Wahrscheinlich würde er es heute ähnlich machen: er würde die heutigen Methoden und Hilfsmittel gebrauchen und sich dabei von Gott leiten lassen.

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Bonhoeffer: Nachfolge (4) – Der einfältige Gehorsam

Jesus fordert von seinen Nachfolgern einen einfältigen, wörtlichen Gehorsam. Wenn er von dem reichen Jüngling fordert, er solle all sein Besitz verkaufen, dann meint er das wirklich so. Wir heute verstehen die biblischen Gebote dagegen oft auf paradoxe Weise. Wir sagen, dass es Jesus nicht auf gesetzlichen Gehorsam ankommt, sondern auf den Glauben. Wenn Jesus nun auffordert, alles zu verkaufen, dann geht es ihm letztendlich nicht um Reichtum oder Armut, sondern um die Abhängigkeit von ihm im Glauben. Wenn ich diesen Glauben habe, dann kann ich auch als Reicher ein Nachfolger sein.

Bonhoeffer warnt vor solch einem paradoxen Verständnis: „Es ist überall dasselbe, nämlich die bewußte Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.“ (S.71) Der reiche Jüngling habe nicht den Ausweg eines paradoxen Gehorsams gesucht, sondern er hat sehr gut verstanden, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: die wörtliche Befolgung oder der Ungehorsam.

Wenn Bonhoeffer hier stehen bleiben würde, dann wäre er einfach ein naiver Bibel-Fundamentalist, der dann auch konsequenterweise fordern müsste, dass jeder Christ alles verkauft und es den Armen gibt (und noch manch andere biblische Gebote müsste er unter allen Umständen wortwörtlich ausführen, wie wäre es z.B. mit dem abhacken der Hand, die einen zur Sünde verführt?)… Aber als scharf denkender Mensch sieht er durchaus, dass „das paradoxe Verständnis der Gebote […] sein christliches Recht“ (S.73) hat. Denn „es hängt letzten Endes gar nichts an dieser oder jener Tat des Menschen, sondern es hängt alles an dem Glauben an Jesus als den Sohn Gottes und Mittler. Es hängt letzten Endes allerdings nichts an Armut oder Reichtum, Ehe oder Ehelosigkeit, Beruf oder Nicht-Beruf, sondern es hängt alles am Glauben.“ (S.72)

Aber Bonhoeffer wehrt sich mit Vehemenz dagegen, dass das paraodoxe Verständnis der Gebote zur bequemen Ausflucht wird, mit dem ich jederlei Anspruch Jesu leichtfertig abwehren kann. Deshalb hält er es für notwendig, „daß das paradoxe Verständnis des Gebotes Jesu das einfältige Verständnis einschließt“ (S.75). Nur wer „an irgendeinem Punkt seines Lebens mit dem einfältigen Verständnis schon ernstgemacht hat, der so in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, in der Erwartung des Endes steht“ (S.73), der kann sich über die Möglichkeit einer paradoxen Auslegung Gedanken machen.

Das ist leider etwas schwammig formuliert („an irgendeinem Punkt seines Lebens“), aber ich versteht es in die Richtung, dass man nicht von vornherein und grundsätzlich alle Gebote Jesu durch ein paradoxes Verständnis (es kommt eigentlich auf die Absicht des Gebotes an, auf den Glauben und nicht auf die wörtliche Erfüllung) abmildern kann. Es geht zunächst immer um einen einfältigen Gehorsam und erst in einem zweiten Schritt kann ich mir über ein paradoxes Verständnis Gedanken machen.

Bonhoeffer stellt dann noch klar, dass für ihn einfältiger Gehorsam nicht bedeutet, „uns mit den von Jesus Gerufenen unmittelbar zu identifizieren“ (S.74). Der einfältige Gehorsam entbindet uns nicht von einer Auslegung und Interpretation des Textes (in der Theologie wird dieser Vorgang „Hermeneutik“ genannt): „Einfältiger Gehorsam wäre also hermeneutisch mißverstanden, wenn wir in direkter Gleichzeitigkeit mit dem Gerufenen handeln und nachfolgen wollten.“ (S.75) Nicht jeder ist einfach gleichzusetzen mit dem reichen Jüngling und muss als Nachfolger alles verkaufen. Aber auf der anderen Seite sollte auch nicht jeder für sich gleich von vornherein ausschließen, dass Jesus auch an ihn ähnlich harte Forderungen stellt, wie an den reichen Jüngling.

Ich verstehe Bonhoeffers Anliegen: Er will kein liberales wegtheologisieren des harten Anspruches des Nachfolge. Das finde ich gut und wichtig, auch und gerade heute! Zugleich will er jedoch auch nicht einfach ein platter Bibelfundamentalist sein, der auf jegliche Auslegung verzichtet und bei dem Nachfolge dann ziemlich willkürlich wird (je nachdem welche Bibelstelle er jetzt gerade wörtlich befolgt). Auch das ist gut und wichtig, auch heute! Aber für mich bleibt schwammig, wann denn jetzt konkret einfältiger Gehorsam gefragt ist, wie weit man Bibeltexte für solchen Gehorsam interpretieren darf und was der Maßstab ist, für die Möglichkeit eines paradoxen Verständnisses von Geboten. Aber von der konkreten Anwendung dieser grundsätzlichen Abgrenzungen wird sicher noch etwas im restlichen Buch deutlich werden…

Kohelet 9, 1-10 Christus gegen die Schrift

Die Bibel ist Wort Gottes. Hier reden nicht Menschen, sondern Gott. Auch das Buch Kohelet ist ein Teil dieses Wortes Gottes… Wir müssen aber alle Aussagen der Bibel auch in ihrem Gesamtzusammenhang der Schrift lesen. Und manchmal müssen wir feststellen, dass die Bibel sich auch selbst korrigiert. Martin Luther hat davon gesprochen, dass es eine Mitte der Schrift gibt: Christus selbst. Von dieser Mitte aus kann man auch einzelne Schriftstellen kritisch lesen. „Denn wenn die Gegner die Schrift gegen Christus ins Feld führen, führen wir Christus gegen die Schrift ins Feld.“ (WA 39 I,47,19ff)

Nun ist Kohelet kein „Gegner“, aber er hat eine sehr radikale und nüchterne Sicht der Welt und er kennt die neutestamentliche Auferstehungshoffnung nicht. In diesem Abschnitt schreibt er, dass letztendlich alle das gleiche Ende haben, der Gerechte wie der Ungerechte: den Tod. Für den Prediger ist mit dem Tod alles aus und er zieht die Konsequenz, dass das einzige was wir tun können ist, das irdische Leben zu genießen. Diese Konsequenz ist ja nicht an sich falsch, aber im Licht Christi sehen wir weiter: Mit dem Tod ist nicht alles aus!

In diesem Sinn müssen wir hier Schriftkritik üben und den Ansichten des Kohelet widersprechen, oder milder ausgedrückt: sie ergänzen. Ich weiß, dass manchen Christen das Sorge macht, wenn man die Schrift kritisch liest und wenn man einzelnen biblischen Aussagen widerspricht, aber es führt letztendlich kein Weg daran vorbei. Entweder hat Kohelet recht und es ist mit dem Tod alles aus, oder Christus hat Recht und er führt uns nach dem irdischen Tod in Gottes ewige Welt. In diesem Fall werden sich auch die härtesten Verfechter einer bibeltreuen Auslegung mit Christus gegen Kohelet entscheiden müssen (oder sie lassen sich irgendwelche raffinierten exegetischen Tricks einfallen, um beide Aussagen stehen lassen zu können… 😉 ).

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Apostelgeschichte 2, 14-41 – Geistliche Predigt

Bei dieser ersten „Pfingstpredigt“ des Petrus wird für mich eine entscheidende Wirkung des Heiligen Geistes deutlich: Er schenkt die Fähigkeit Gottes Wort so zu predigen und auch zu hören, dass es wirklich trifft! Das interessante ist ja, dass die Reaktion auf die Pfingstereignisse selbst und auf das Reden in fremden Sprachen äußerst zwiespältig ist. Die einen spotten nur, die anderen sind verwirrt und ratlos (Apg. 2,12f). Erst nach der Predigt des Petrus ging es den Zuhörern durch’s Herz und sie waren bereit für ein Leben mit Jesus (Apg. 2,37).

Eine gute Beobachtung von Douglass fand ich, dass Petrus hier in seiner Predigt an Juden sehr viele alttestamentliche Zitate anbringt. Für die Juden war die Bibel eine selbstverständliche Autorität. Bei der apostolischen Predigt vor Heiden dagegen spielte das AT keine so offensichtlich zentrale Rolle mehr. Wobei es trotzdem, auch ohne explizite Zitate, die Grundlage der Botschaft bildete.

Dass der Heilige Geist die Schrift auslegt heißt also nicht, dass jede Predigt mit Bibelzitaten gespickt sein muss und dass die Predigt nur in einer Auslegung von Schriftzitaten besteht. Leider gibt es heute so manche Christen, denen eine Predigt nicht biblisch genug ist, wenn nicht ausdrücklich und offensichtlich Schriftauslegung darin geschieht. Das Problem ist, dass für viele normale Menschen heute die Bibel keinerlei Autorität hat (so wie für die Heiden damals). Reine Schriftauslegung ist für einen Menschen von heute totlangweilig. Deswegen müssen wir mit der Sprache von heute den Geist der Bibel lebendig werden lassen. Wenn dann dieses Bemühen um bibelferne Menschen als unbiblisch bezeichnet wird, dann ist das einfach nur tottraurig.