Richter 10 Schizophrene Gebete

Kommt mir irgendwie bekannt vor: Ein Großteil der deutschen Bevölkerung hat mit dem Gott der Bibel wenig am Hut. Man glaubt zwar schon irgendwie an etwas göttliches, es ist bei vielen eine gewisse religiöse Offenheit da – aber sich konkret auf den biblischen Gott oder eine verbindliche christliche Gemeinschaft einzulassen, das kommt für viele nicht in Frage.

Aber dann, wenn etwas Schreckliches passiert, schreien alle: „Gott, wo bist du? Wie konntest du nur so etwas zulassen?“ Das Richterbuch schreibt dazu passend: „Geht hin und schreit zu den Göttern, die ihr euch erwählt habt; lasst diese euch helfen zu der Zeit eurer Bedrängnis!“ (V.14) Wem im Alltag tausend andere Dinge wichtiger sind als Gott, der müsste konsequenterweise auch in der Not die Hilfe von tausend anderen Dingen erwarten und nicht von Gott…

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Richter 3 Allzu menschlich

Wenn man das so im Rückblick und als komprimierte Zusammenfassung liest, dann erscheint das Verhalten der Israeliten geradezu grotesk. In der Zeit der Richter wenden sie sich immer wieder neu von Gott ab und beten andere Götter an. Und immer wieder machen sie dieselbe Erfahrung: wenn sie dann in Not geraten und zu Gott schreien, dann sendet er ihnen eine Retter, der ihnen aus der Not hilft und das Land hat für einige Jahre Ruhe. Bis dasselbe Spiel von vorne beginnt.

Irgendwie traurig, aber auch menschlich. Mir geht es ja selbst auch immer wieder ähnlich: Wie oft schon hab ich Gottes Wirken erlebt und tolle Glaubenserfahrungen gemacht. Und dann kommen Zeiten, in denen nichts besonderes geschieht oder, noch viel eher, in denen man sich an Gottes Segen gewöhnt und alles als selbstverständlich hinnimmt. Zeiten in denen andere Dinge so groß und wichtig erscheinen. Aber unweigerlich kommt irgendwann wieder die Not und wir schreien zu Gott um Hilfe. Was für ein Wunder, dass dieser Gott sich nicht schon längst die Ohren zugestopft hat, sondern dass er immer wieder hört und hilft! Gott sei Dank reagiert Gott göttlich und nicht menschlich!

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Psalm 102 – Von ganz unten nach ganz oben

Wieder mal ein Gebet von einem der am Ende ist und der zu Gott schreit. Er scheint schwer krank zu sein und dem Tod nahe. In eindrücklichen Bilder beschreibt er seine Lage: „Ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen.“ (V.10) Er fühlt sich von Gott nicht geborgen und getröstet, sondern „hochgehoben und zu Boden geworfen“ (V.11) Also: Ganz unten, ganz dunkel, ganz aussichtslos…

Was tun? Der Beter blickt ins andere Extrem. Nach oben, ins Licht, ins Unvergängliche. Was für ein Kontrast! Überdeutlich stellt der Beter den Gegensatz zwischen seiner Vergänglichkeit und der Ewigkeit Gottes heraus. Gott hat vorzeiten die Erde erschaffen und auch die Erde wird einmal vergehen. Gott wird Himmel und Erde wechseln, wie wir Menschen die Kleidung wechseln (V.27). Aber Gott selbst wird bleiben (V.27f).

Tröstet das wirklich? Oder ist das nicht erst so richtig deprimierend? Man sitzt selbst im Dunkeln und Kalten und weiß nur: irgendwo, weit weg von mir, ist es schön hell und warm…
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Psalm 88 – In der Finsternis

Was für ein Psalm! Ein einziger Schrei der Klage und Verzweiflung. Normalerweise leuchtet auch in den bittersten Klagepsalmen ein Funken Hoffnung auf, oder die Gewissheit, dass Gott hört und irgendwie eingreift. In diesem Psalm bleibt alles dunkel. Es gibt nur die Klage und die Erfahrung der Ferne Gottes. Im hebräischen Original endet der Psalm mit dem Wort „Finsternis“ (welches auch für das Grab stehen kann).

Der Psalm ist – Gott sei Dank! – recht weit von meinem Leben entfernt. Und bei seinen verzweifelten Fragen „Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?“ (V.11) möchte ich dazwischen schreien: Ja! Ja! Ja! Er tut Wunder an den Toten und durch Christus werden die Verstorbenen aufstehen und Gott danken!

Aber wer schon mal in depressiven Phasen steckte und von dunklen Gefühlen gefangen war, der ist dankbar, dass auch solche Psalmen ihren Platz in der Heiligen Schrift haben. Der Psalm drückt genau die Gefühle aus, wie es einem geht, wenn man sich von Gott verlassen fühlt. Es ist gut zu wissen, dass auch diese Gefühle ihren Platz vor Gott haben dürfen und dass wir nicht jedes Gebet einfach aus Prinzip mit Halleluja abschließen müssen.
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Psalm 69 – Für depressive Zeiten

Der Psalm ist eine intensive Bitte und Klage an Gott. Der Beter wird unschuldig verfolgt (V.5), er wird verspottet (V.11-12), er fühlt sich dem Tod nahe (V.16), keiner hat Mitleid mit ihm (V.21) und hat körperliche Schmerzen (V.27.20). Dazu kommt noch, dass er schon lange zu Gott schreit und er bis jetzt noch keine Hilfe erfahren hat (V.4).

Ich kann mit dem Psalm nicht viel anfangen, denn er ist zum Glück weit weg von meiner Lebensrealität. Aber er macht wieder neu deutlich, wir gut es mir zur Zeit eigentlich geht. 😀 Und dafür bin ich dankbar. Es ist toll, dass die Psalmen die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen abdecken. Für die unterschiedlichsten Situationen gibt es treffende Psalmen. Dieser Psalm passt eher in eine depressive Phase, in der man sich dem Tod nahe fühlt und sich von Gott verlassen fühlt. Erstaunlich und ermutigend finde ich bei diesem Psalm, dass der Beter trotz allem an Gott festhält und darauf vertraut, dass Gott ihm helfen wird.
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Psalm 28 – Zu Gott schreien

SchreiImmer wieder kommt es in den Psalmen vor, dass die Beter zu Gott schreien (V.2). Ich frag mich, wie das wohl zu verstehen ist: Metaphorisch oder Wörtlich? Schreien die Psalmbeter innerlich zu Gott, oder wurde es da beim Beten tatsächlich etwas lauter? Ich kann mir vorstellen, dass es im damaligen Kulturkreis durchaus möglich war, dass man im wörtlichen Sinn zu Gott geschrieen hat. Psalm 28 zeichnet das Bild eines Beters, der im Vorhof des Tempel betet, seine Hände aufhebt in Richtung Tempel (welcher damals als Ort der Gegenwart Gottes gesehen wurde) und der in seiner Verzweiflung zu Gott schreit. So wie damals die Totenklage laut und deutlich hinaus geschrieen wurde (vgl. dazu: Dem Tod ins Angesicht schreien), so schreit der Beter seine Not vor Gott heraus .

Ich muss zugeben, das ist mir fremd. Dazu bin ich zu zurückhaltend, zu introvertiert, zu westeuropäisch, zu kontrolliert. Das wär mir peinlich. Selbst wenn ich das wollte, würde aus mir nie im Leben ein orientalischer Christ um die Zeitenwende, der seine Gefühle und seine Klage einfach laut in die Welt hinaus posaunt. Aber vielleicht kann ich lernen ehrlicher zu sein, ehrlicher mit meinen Gefühlen umzugehen – sei es mit meinem Schmerz und meiner Klage, sei es mit meiner Freude. Warum müssen wir so tun, als ob bei uns Christen immer alles glatt läuft und wir in einer ständigen Zufriedenheit und Freude leben? Warum müssen wir ständig so tun, als ob wir alles im Griff haben und einen echten Christen nichts aus der Bahn werfen kann?Bibeltext

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