Georges Simenon: Der Schnee war schmutzig

Vor einigen Wochen ist mir zum ersten mal bewusst der Name Georges Simenon begegnet. Ich las irgendwo, dass er einer der meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jh. war. Er hat rund 400 Romane geschrieben, die weltweit erfolgreich waren und sind. Bekannt ist er vor allem für seine Romane über den Pariser Kommissar Maigret. Seltsam, dass ich noch nie was von ihm gehört hatte. Da ich Krimis nicht so besonders mag, hab ich mir einen seiner anderen Romane ausgesucht, um ihn kennen zu lernen.

Der Roman „Der Schnee war schmutzig“ hat mich nicht begeistert, was zum entspannen ist es auch nicht – im Gegenteil: über weite Strecken des Romans regt man sich über die Hauptfigur auf. Aber trotzdem hat er mich gefesselt. Schreiben kann Simenon auf jeden Fall.

Schauplatz des Romans ist ein besetztes Land im zweiten Weltkrieg. Die Hauptfigur ist ein achtzehnjähriger, skrupelloser junger Mann, Frank Friedmaier. Seine Mutter betreibt ein Hinterzimmerbordell und damit verdient sie mehr als viele andere in dieser schwierigen Zeit. Frank aber genügt dieser relative Wohlstand nicht. Er benimmt sich wie ein Raubtier, das ohne Gewissen und ohne Rücksicht auf andere tut was es will. Er schläft mit den Mädchen des Bordells, ohne je richtig zu lieben. Er tötet, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Er stiehlt wegen des Nervenkitzels. Er spielt mit der Liebe einer jungen Nachbarin, die sich hoffnungslos in ihn verliebt hat, ohne die geringste Gefühle zu zeigen. Er fordert aus Langeweile das Schicksal heraus.

Das Schicksal schlägt dann auch zu: in der Form der Besatzungsmacht. Frank wird gefangen genommen, in einer ehemaligen Schule eingesperrt und unzähligen Verhören unterzogen. Erst in diesem letzten Teil regen sich so etwas wie menschliche Gefühle in ihm…

Simenon mutet dem Leser einiges zu. Vor allem weil er die Hauptfigur ganz ohne Wertung beschreibt – weder positiv noch negativ. Frank ist natürlich ein Scheusal, aber als Leser will man sich ganz automatisch in irgend einer Weise mit der Hauptfigur identifizieren. Mir war lange Zeit nicht klar, worauf der Roman hinausläuft und warum Frank solch ein gefühlloses Ekel ist.

Simenon führt den Leser mit eiskalter Präzision in die Abgründe der menschlichen Seele. Er beschönigt nichts. Er erklärt nichts. Er beobachtet und beschreibt. Erst am Ende wird deutlich, dass auch in dieser heruntergekommenen Seele auch noch etwas menschliches steckt. Mir ist zu dieser Hauptfigur des Romans ein Lied von Jens Böttcher eingefallen: „Nur die Liebe kann uns retten“.

Orhan Pamuk: Schnee

Um was geht es in diesem Buch des Literaturnobelpreisträgers Pamuk? Gar nicht so einfach zu beantworten, weil der Autor sehr viele Themen anschneidet: Politik und Religion, die Spannung in der Türkei zwischen Verwestlichung und Islamismus, die Spannung zwischen Individualität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Volk, Familie, politische Partei, Glaubensgemeinschaft), Lyrik und Inspiration, die Suche nach Glück und Erfüllung, Kunst und Künstler, Atheismus und Glaube an Gott, … aber letztendlich geht es hinter allem und vor allem um die große Liebe, um die eine Person von der man erhofft, dass sie mein Leben sinnvoll macht.

Die Hauptperson ist der Dichter Ka. Er stammt aus der Türkei und lebt viele Jahre in Deutschland. Er besucht für ein paar Tage die kleine Grenzstadt Kars in der Türkei und der Roman beschreibt ausführlich, was in diesen wenigen Tagen in dieser Stadt geschehen ist. Ka reist offiziell im Auftrag einer Zeitung, um einen Artikel zu schreiben über Selbstmorde von jungen Mädchen, die gezwungen werden sollen ihr Kopftuch abzulegen. Parmuk arbeitet in dem Buch sehr gut das Spannungsfeld heraus, in welchem sich muslimische Frauen (nicht nur in der Türkei) befinden: nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in politischer und familiärer. Aber eigentliche, innere Antriebsgrund für diese Reise in die Provinz ist Ipek, eine schöne Freundin aus Studienzeiten.

Die Stadt Kars ist während Kas Aufenthalt durch extreme Kälte und viel Schnee drei Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser Zeit wird Ka zum Spielball der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen in Kars. Er ist ein hin und her Getriebener, dem es letztendlich nur um die Liebe von Ipek geht. Er verliebt sich nämlich vom ersten Augenblick an in diese unglaublich schöne Frau.
Die Geschichte nimmt teilweise groteske Wendungen und als Leser ist man nie sicher, wer denn jetzt die Guten und wer die Bösen sind. Das ist sicherlich auch ein Anliegen Pamuks: zu zeigen, dass die Welt viel zu kompliziert und verworren ist, um sie einfach in Schwarz und Weiß aufzuteilen.

Der Titel des Buches „Schnee“ hängt mit Kas Faszination von den Schneeflocken in Kars zusammen. Der Schnee sorgt rein äußerlich für die Voraussetzungen der außergewöhnlichen Ereignisse in Kars, indem die Stadt für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist. Zugleich tauchen an einer Stelle des Buches die Schneeflocken als ein Sinnbild für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen auf: so wie jede Schneeflocke einzigartig ist, so ist auch jeder Mensch einzigartig. An dieser Stelle schlägt sich Parmuk eindeutig auf die Seite der westlich-europäischen Sicht der Individualität eines jeden Menschen. Auf der anderen Seite sehnt sich die Hauptfigur Ka immer wieder nach der wirklichen Zugehörigkeit zu einer Familie oder Volksgruppe (die er aber aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht mehr erreichen kann).

Im Umschlagtext wird das Buch als ein „raffinierter, melancholischer Kriminalroman“ beschrieben. Man könnte vielleicht ergänzen: raffinierter, melancholischer Liebes- und Kriminalroman. Aus irgendeinem Grund erscheinen mir die Bücher von Pamuk nicht so leicht und unmittelbar zugänglich wie manch andere Romane. Aber ich hab diesen Roman trotzdem mit Genuss und Faszination gelesen. Er regt an über so manche Themen weiter nachzudenken und er hält uns Europäern immer wieder den Spiegel vor, wie leicht wir überheblich auf andere Kulturen herab schauen.