Eric-Emmanuel Schmitt: Vom Sumo, der nicht dick werden konnte

Ja, ganz nett. Aber insgesamt doch etwas platt und konstruiert. Es geht um einen japanischen Jungen, der eine unglückliche Kindheit hinter sich hat und auf den Straßen Tokios irgendwelchen Plunder verkauft. Man merkt, dass Schmitt mit dem aggressiven Ton der Straße und der Jugend nicht vertraut ist, die Dialoge klingen etwas bemüht und unnatürlich.

Natürlich kommt für den armen kleinen Jungen die Rettung: sie kommt in Gestalt eines alten Sumo-Ringers, der inzwischen eine Schule für Sumo-Ringer betreibt. Er überzeugt den Jungen in seine Schule zu kommen und nach ein paar Hindernissen wird am Ende alles gut. Das Problem des Jungen ist, dass er nicht zunehmen kann – was er aber unbedingt muss, um ein richtiger Sumo-Kämpfer zu werden. Das eigentliche Problem liegt aber hinter dem körperlichen Bereich im psychischen: der Junge hat sich selbst nicht gefunden und keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Diesen Zugang findet er durch Gespräche mit seinem Lehrer und durch den Zen-Buddhismus.

Ein nettes Büchlein für zwischendurch. Aber auf den groß bedruckten gut hundert Seiten darf man keine großartigen Erkenntnisse über den Zen-Buddhismus erwarten und auch keine detaillierte Beschreibung der inneren Entwicklung vom hoffnungslosen Straßenverkäufer zum glücklichen und ausgeglichenen Mann. Was ich allerdings nach wie vor Klasse finde, ist der Titel des Buches und die Grundidee, die dahinter steht.

Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. – Zwei Leben

Ganz schön mutig von Schmitt. Als erfolgreicher Bestsellerautor hätte er beim Bewährten bleiben können. Aber nein, er sucht sich ausgerechnet Adolf Hitler als Hauptperson für eine Art Romanbiographie heraus. Viele Freunde haben ihm aus gutem Grund abgeraten. Bei diesem Thema kann man eigentlich nur verlieren (zumindest als ernsthafter Schriftsteller, dem es nicht um billige Sensationshascherei geht). Ein hoch sensibles und hoch emotionales Thema. Viele Rezensionen sind auch entsprechend kritisch ausgefallen. Meiner Meinung nach gebührt ihm aber allein für seinen Mut Respekt.

Schmitt sagt zurecht, dass wir es uns in der Beschäftigung mit Hitler oft viel zu einfach machen. Er ist für uns das unbegreifliche Ungeheuer, ein Monster, das Böse schlechthin. Er ist so ganz anders als jeder normale Mensch, so ganz anders als wir. Und genau damit halten wir Hitler auf Distanz, damit halten wir das Böse auf Distanz. Wir denken: Ich bin ja auch nicht perfekt, aber so böse wie Hitler bin ich doch bei weitem nicht. Aber auch Hitler war ein Mensch und wir müssen uns fragen, wie es möglich ist, dass aus einem Menschen solch ein Ungeheuer wurde.

Schmitt versucht das in seinem Roman. Es ist keine gewöhnliche Biographie, sondern ein fiktiver Roman verbunden mit einer romanhaften Biographie von Hitler. Schmitt stellt sich die Frage, was aus Adolf Hitler geworden wäre, wenn er in jungen Jahren von der Kunstakademie angenommen worden wären und nicht (wie es tatsächlich geschehen ist) eine Ablehnung erhalten hätte. Der Autor erzählt von diesem Punkt an eine zweifache Geschichte, zwei Leben: Zum einen die tatsächliche Geschichte, wie aus diesem gescheiterten Künstler der fanatische Diktator wurde und zum anderen eine erfundene Geschichte, wie das Leben von Adolf Hitler als Künstler vielleicht ablaufen hätte können.

Schmitt erzählt die beiden Biographien nun parallel durch das Buch hindurch. Es wechseln sich immer längere Abschnitte ab, in denen es zum einen um den Diktator Hitler geht und zum anderen um den Künstler Adolf H. Als jemand, der noch keine Biographie über Hitler gelesen hat, war für mich die wirkliche Geschichte faszinierender als das Gedankenexperiment der erfundenen Geschichte. Die spannende Frage bei Hitler ist ja, wie aus einer solch gescheiterten Existenz solch ein die Massen verführender Führer werden konnte. Diese Frage ist spannender, weil sie konkreter ist, als die hypothetische Frage, was hätte passieren können wenn…

Die fiktive Geschichte des Künstlers Adolf H. ist an vielen Stellen sehr klischeehaft und platt. Er begegnet dem Psychoanalytiker Freud, der ihm hilft, mit seinen Kindheitserfahrungen umzugehen und von seiner verklemmten Sexualität frei zu kommen. Eine interessante Idee, denn ein junger Hitler, der sich mit seinen ernsthaft mit seinen Persönlichkeitsproblemen auseinander gesetzt hätte, wäre sicher ein anderer Mensch geworden. Aber je länger die Geschichte erzählt wird, desto willkürlicher verläuft natürlich diese fiktive Biographie. Der Reiz des „was wäre wenn“ liegt ja gerade an den vielen unterschiedlichen Möglichkeiten und er verflüchtigt sich mit der Zeit immer mehr, weil sich der Autor auf eine Variante festlegen muss.

Die Gefahr bei diesem Projekt ist natürlich, dass jeder Erklärungsversuch, wie Hitler zu dem wurde was er war, als eine Verharmlosung wahrgenommen wird. Die Gefahr auf der anderen Seite ist aber, dass wir es uns mit dem Bösen zu einfach machen und in Hitler einfach das Monster sehen, das mit einem normalen Menschen nichts mehr zu tun hat. Schmitt öffnet uns die Augen dafür, dass das Potential zu diesem Bösen in jedem von uns steckt. Für jeden von uns ist es wichtig, sich seinen Schwachpunkten und Problemen zu stellen und sie nicht zu verdrängen.

Auf jeden Fall ein mutiges Buch, das auch vom Stil her gut zu lesen ist. Eine faszinierende Grundidee, die aber sehr schwierig umzusetzen ist. Auch wenn die fiktive Biographie an vielen Stellen klischeehaft übertrieben ist und auch wenn man sich über manche psychologische Deutungsversuche in der Biographie des tatsächlichen Adolf Hitlers streiten kann – das Buch hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt, ja geradezu dazu provoziert.

Zitate

  • Aus der fiktiven Biographie des Künstlers Adolf H.: „‚Gewißheiten bringen nur Idioten hervor.‘ ‚Egal! Ein bißchen mehr Selbstvertrauen würde mich manchmal weiterbringen.‘ ‚Weiter weg von den anderen, Adolf, das ist alles.‘ ‚Egal! Wenn ich aufhören könnte zu zweifeln…‘ ‚Höre nicht auf zu zweifeln. Das ist es schließlich, was aus dir den macht, der du bist. Ein Mensch, dem man nicht aus dem Weg gehen muß. Das verleiht dir ein Gefühl der Unsicherheit, gewiß, aber diese Unsicherheit, das ist dein Atmen, dein Leben, das ist dein Menschsein. Wenn du damit Schluß machtest, würdest zu zum Fanatiker werden. Fanatiker einer Idee! Oder schlimmer noch: Fanatiker deiner selbst.'“ (S.430)
  • Aus der fiktiven Biographie des Künstlers Adolf H.: „Was ist ein Monstrum? Es ist ein Mensche, der das Böse immer wieder tut. Ist er sich dessen bewußt, dass er Böses tut? Nein, die meiste Zeit nicht. Manchmal ja, aber dieses Bewußtsein ändert nichts daran. Weil sich das Monstrum, weil sich das Ungeheuer in seinen Augen damit rechtfertigt, es hätte ja nie etwas Böses gewollt. Es ist nur dumm gelaufen“ (S.466f)
  • „‚Was ist ein Mensch?“ spricht der Vater weiter. ‚Ein Mensch ist durch Umstände gemacht, und er hat die Wahl, sich zu entscheiden. Niemand hat die Macht über die Umstände, doch jeder hat die Wahl, wie er sich entscheidet.'“ (S.480)
  • Aus dem abschließenden Arbeitsjournal zu diesem Buch: „Adolf H. sucht sich zu verstehen, während der echte Hitler nichts von sich weiß. Adolf H. erkennt die Existenz von Problemen in sich an, während Hitler sie begräbt. Adolf H. heilt sich und öffnet sich den anderen, während Hitler in seiner Neurose versinkt und jede menschliche Beziehung kappt. Adolf H. stellt sich der Realität, während Hitler sie leugnet, sobald sie seinen Wünschen entgegensteht. Adolf H. erlernt Demut, während Hitler ‚der Führer’ wird, ein lebender Gott. Adolf H. öffnet sich der Welt, Hitler zerstört sie, um sie wieder in Ordnung zu bringen.“ (S.506)

Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah

Ein wundervolles Buch von Schmitt. Wieder mal! Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Eleganz er es auf relativ wenig Seiten schafft, eine tiefgehende Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die fesselt, berührt und nachdenklich macht.

Es geht um einen kleinen jüdischen Jungen, namens Joseph. Er ist zu Beginn der Erzählung sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Nazi-Deutschland. Als die Situation für die Juden immer brenzliger wird, entschließen sich seine Eltern, ihn zu verstecken. Über Umwege landet er bei Pater Bims, der in seinem katholischen Waisenhaus außer Joseph noch mehr jüdische Kinder versteckt. Joseph bekommt einen gefälschten Pass und verliert den Kontakt zu seinen Eltern. Das Buch erzählt nun, wie Joseph die Zeit im Waisenhaus bis zum Ende des Krieges übersteht und wie ihm sein älterer Freund und Beschützer Rudy und vor allem Pater Bims ans Herz wachsen.

Aber bei Schmitt geht es natürlich um mehr als „nur“ eine spannenden Überlebendgeschichte aus dem dritten Reich. Es geht um das jüdische Volk und im Besonderen auch um den jüdischen Glauben (auch in seiner Beziehung zum christlichen Glauben). Pater Bims will aus Joseph keinen Katholiken machen, sondern im Gegenteil: Er bringt ihm den jüdischen Glauben nahe. Der Pater sieht sich selbst als eine Art Noah: So wie Noah damals in der Arche die Tiere vor dem Aussterben bewahrt hat, so möchte er die jüdische Tradition vor dem Untergang bewahren. Er beschäftigt sich selbst mit der hebräischen Sprache, mit den jüdischen Gebräuchen und trägt auch durch die Rettung von jüdischen Kindern zum Fortbestand des Judentums bei. Seine Waisenhaus  ist auch so etwas wie die Arche Noah. Und Joseph ist als Jude, der die Katastrophe des Natinalsozialismus überlebt, ein Kind von Noah: Er rettet in seiner Person die jüdische Kultur in die Zukunft.

Schmitt ist ein richtiger Sprachkünstler. Man merkt an vielen Stellen, dass er richtig um treffende und originelle Formulierungen gerungen hat. Und trotzdem scheint sein Schreibstil immer leicht und mühelos zu klingen. Er zeichnet die Personen scharf und eindrücklich. Ganz besonders gefallen hat mir in diesem Buch der Charakter der „Kruzitürk“ (Sie wird von allen so genannt, weil sie gerne und oft flucht und dabei vorzugsweise diesen Ausdruck gebraucht…). Ein richtiges, deftiges Original wird uns hier vor Augen gemalt, mit harter Schale und darunter doch irgendwo ein weicher Kern.

Hier ein Zitat (die Stelle an der „Kruzitürk“ eingeführt wird):

„Madmoiselle Marcelle galt als Kinderschreck, und als sie sich zu mir hinunterbeugte, blieb die übliche Wirkung nicht aus: Ich hätte um ein Haar laut aufgeschrien. War es das diffuse Licht? Die Beleuchtung von unten? Madmoiselle Marcelle ähnelte allem, nur keiner Frau, eher einer Kartoffel auf einem Vogelkörper. Ihr Gesicht, matt, braun, gefleckt und unförmig, wirkte mit seinen grobgeschnittenen, faltigen Zügen und den zusammengekniffenen Lidern wie eine frisch geerntete Rübe, in die ein Bauer mit seiner Hacke einen schmalen Mund und zwei kleine Ausbuchtungen – die Augen – geschlagen hatte; schütteres, an den Wurzeln weißes und an den SPitzen rötliches Haar ließ vermuten, dass es im Frühjahr möglicherweise neu wuchs. Auf dünnen Beinen, ihren wie bei einem Rotkelchen vom Hals bis zur Leiste bauchiger Rumpf vornübergebeugt, die Hände in die Hüften gestemmt und die Ellbogen wie Flügel nach hinten gelegt, beäugte mich Madmoiselle Marcelle, ehe sie nach mir pickte.“ (S.33)

Köstlich!!!