Lukas 20, 41-47 Gefahren des Glaubens

Ja, das ist gefährlich: fromme Bibelkenner, denen es in Wirklichkeit vor allem darum geht, Ansehen zu haben, sich selbst den Bauch vollzuschlagen und nach außen besonders heilig dazustehen. Nicht nur politische Macht kann korrumpieren, sondern auch religiöse Macht. Jesus warnt vor ihnen.

Aber diese Gefahren betreffen nicht nur die Anderen, sie betreffen jeden Christen. Wer hat nicht gerne Anerkennung und Ansehen? Das ist ja auch okay, aber wo ist die Grenze zur Selbstgefälligkeit? Wer ist wirklich frei von aller Selbstsucht, so dass er wirklich von Herzen lieber andere beschenkt, als selbst zu genießen? Es ist ja auch okay, das was man hat zu genießen, aber wo ist die Grenze zur Gier? Welcher Christ kennt das nicht, dass Gottesdienstbesuch, Bibellesen und Gebet zur äußeren Form verkommt, dass das innere Leben zu erlöschen droht? Das ist ja ganz normal und es ist wichtig, trotzdem weiter dran zu bleiben. Aber wo ist die Grenze zur Scheinheiligkeit?

| Bibeltext |

Matthäus 23, 13-36 – Weh uns!

Sieben Wehe-Rufe gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Matthäus schreibt sein Evangelium vor allem für Judenchristen, die sich zur Zeit der Abfassung in ziemlich harten Auseinandersetzungen mit der jüdischen Gemeinde befanden. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der scharfe Ton dieser Verse. Sicher hat auch Jesus selbst sich gegen die Schriftgelehrten seiner Zeit ausgesprochen, aber es scheint als ob Matthäus das besonders betont und in besonders ausführliche Worte kleidet. Bei Markus und Lukas (die ja an vielen Stellen wortwörtliche Übereinstimmungen haben) finden sich diese Verurteilungen nur ansatzweise (Mk.12,38-40).

Schon die Bibel gewichtet als Jesu Worte je nach der Situation, in die diese Worte hineinsprechen. So muss auch ich heute bei diesen Worten überlegen, in welche Situation sie bei mir im Jahr 2009 in Deutschland hineinsprechen. Wir Christen hier in Deutschland befinden uns nicht in Auseinandersetzung mit jüdischen Schriftgelehrten. Ich höre aus diesen Worten etwas anderes, als Matthäus selbst gehört hat. Ich höre eine Warnung an mich selbst: Pass auf, dass du nicht solch ein Mensch bist, wie hier exemplarisch und verallgemeinernd die Pharisäer und Schriftgelehrte dargestellt werden.

Ein Wehe-Ruf hat mich auf diesem Hintergrund besonders getroffen: „Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.“ ( V.28 ) Das ist bis heute noch eine Gefahr für jeden Christen und ganz besonders für uns Pastoren. Nach außen ein schönes Bild abgeben, aber innen drin wohnen ganz andere Gefühle und Gedanken. Zweierlei ist dann nötig: Innere Erneuerung und authentisches Leben nach außen.

Wehe uns, die wir oft als Hochglanzchristen erscheinen wollen, bei denen scheinbar immer alles glatt läuft und die ständig mit ihrem zufriedenen „Ich bin erlöst“-Lächeln herumlaufen. Weh uns, die wir unser Versagen nicht eingestehen können und die wir nur die weniger dramatischen Sünden öffentlich zugeben. Weh uns, die wir überheblich auf die weniger „frommen“ und „begeisterten“ Christen herab schauen und dabei selbst ein hartes, selbstgerechtes Herz haben.

Matthäus 22, 15-22 – Die Neunmalklugen

So, nach sechs Wochen „Expedition zum Ich“ mach ich jetzt da weiter, wo ich davor aufgehört habe: bei Matthäus. Er erzählt von der scheinheiligen Frage der Pharisäer, ob man dem Kaiser Steuern zahlen soll oder nicht. Sagt Jesus ja, dann hat der die jüdischen Freiheitskämpfer (die Zeloten) gegen sich, sagt er nein, dann haben die Pharisäer einen guten Grund, ihn bei den Römern anzuschwärzen.

Ach ja [seufz], die gibt’s heut auch noch, diese neunmalklugen Pharisäer, die immer ganz genau wissen, was Gott will und was die anderen falsch machen. Denen selbst der Sohn Gottes nicht biblisch und rechtgläubig genug ist. Und bis heute steigen diese Pharisäer dann gern in Diskussionen ein, die scheinbar fromm klingen, in denen es aber nur um Macht und Rechthaberei geht.

Ich wünschte mir, dass solche Leute keine Chance haben, die Gemeinde zu polarisieren, sondern dass wir auf ähnlich schlaue und geniale Weise wie Jesus reagieren könnten. Er lies sich auf das Entweder-Oder gar nicht ein, sondern eröffnet mit seiner Antwort einen ganz anderen, einen dritten Weg. Er gibt beiden Richtungen ihr Recht, setzt sie aber ins richtige Verhältnis zueinander: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser ist, und Gott, was Gottes ist.“

Micha 6, 6-8 – Im Gleichgewicht vor Gott

Eine weitere bekannte und wohlvertraute Stelle aus den alttestamentlichen Propheten. Der Prophet Micha ist dafür bekannt, dass er die damaligen religiösen und sozialen Vehältnisse kritisiert hat. In Micha 6,8 gibt er seinen Lesern einen kurzen und knackigen Hinweis, wie sie denn statt dessen leben sollen. Es kommt ihm nicht auf irgendwelche religiösen Ersatzhandlungen an, sondern es geht ihm um ein auf’s Wesentliche konzentriertes Leben.

Klaus Douglass dröselt seine Aufforderung sehr schön in eine dreifachen Bereich auf: Es geht um Recht, Güte und um die Achtsamkeit für Gott. Das Recht ist der ganz grundlegende Bereich eines gerechten Miteinanders. Jeder soll sich an die äußerlichen Regeln zum guten Zusammenleben in einer Gesellschaft halten. Die Güte füllt diese äußerliche Pflichterfüllung mit Herz. Es geht nicht nur um einen Buchstabengehorsam, sondern um echte Güte und Wohlwollen gegenüber unseren Nächsten. Und schließlich sollen wir uns in all dem auf Gott ausrichten. Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Gottesliebe empfiehlt uns also Micha.

Alle drei Bereiche gehören zusammen. Ansonsten fehlt etwas, ansonsten wird das Gleichgewicht gestört. Ein gutes Beispiel von Douglass: Wenn Demonstranten sich steinewerfend für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, dann stimmt was nicht, da fehlt die Güte. Aber andererseits wird auch die Güte allein schnell zur Weichheit und falschen Tolleranz. Und auch der Glaube an Gott bleibt ohne Einsatz für das Recht und ohne echte Nächstenliebe nur innerliche Frömmelei und Scheinheiligkeit.

Matthäus 6, 5-8 – Zeitgebundenheit der Bibel

Noch zwei Anweisungen Jesu, die ich gut und gerne befolgen kann: Wir sollen nicht in der Öffentlichkeit beten und wir sollen nicht viele Worte beim beten machen. Das kommt mir beides sehr entgegen: In der Öffentlichkeit beten ist ja sowieso peinlich, da kann ich gern drauf verzichten und ewig viel herumplappern beim beten ist auch nicht mein Ding, ich bin nicht so der geschwätzige Typ…

Tja, diese zwei Gebote sind schöne Beispiele dafür wie irreführend es sein kann, wenn man biblische Anweisungen aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext herauslöst und sie in einem vermeintlich buchstäblichen Gehorsam umsetzen will. Wenn ich diese Anweisungen einfach direkt in unsere heutige Zeit und Kultur übertrage, dann sind sie kein Problem. Aber wenn ich den zeitgeschichtlichen und kulturellen Hintergrund betrachte und auf die Aussageabsicht schaue, dann wird es schon schwieriger.

Es geht Jesus um die Heuchelei. Frommer ausschauen, als man ist und vor den anderen damit auch noch angeben. Im Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons wird genau diese Scheinheiligkeit und Heuchelei auch als ein zentrales Problem des heutigen Christseins gesehen. Nur äußert sich das heute anders. Heute erhält niemand einen Ansehensgewinn, wenn er in der Öffentlichkeit betet (wie es wohl damals bei den Pharisäern war: „Wow, seht mal wie viel der betet! Das ist ja super!“), im Gegenteil: Wer sich öffentlich als frommer Beter outet, wird eher schräg angeschaut und man lächelt müde über ihn. Die buchstäbliche Erfüllung von Jesu Anweisung ist deshalb kein Problem. Aber wenn man es in unsere heutige Zeit überträgt, dann gewinnt dieses Gebot eine ganz neue Dimension: Denn es wird auch heute noch geheuchelt. Wir Christen geben viel zu oft vor, besser zu sein, als wir es tatsächlich sind.

Ich weiß, wie leicht man mit einer zeit- und kulturgebundenen Auslegung auch biblische Gebote aushebeln und relativieren kann. Vom Prinzip her lässt sich damit jede etwas anspruchsvolle und kritische Bibelstelle auf die Seite schieben. Aber wenn man’s nicht tut, dann kann man genauso gegen den eigentlichen Sinn der Gebote verstoßen und ihn beiseite schieben. Wir kommen nicht darum herum, uns über den damaligen Zusammenhang Gedanken zu machen und uns dann zu überlegen, was das heute heißen könnte.

Jesaja 58 – fromme Heuchler

Tja, heuchlerisch Gläubige gibt’s nicht nur heute (vgl. meinen zweiten Artikel zum Buch unChristian von Kinnaman und Lyons), die gab’s wohl schon immer… In Jesaja 58 knüpft sich der Prophet Menschen vor, die zwar äußerlich fasten, deren sonstige Handlungen und innere Einstellung aber ganz und gar nicht zur frommen Fassade passen: „Wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.“ (Jes.58,4) Allerdings geht’s Jesaja nicht darum, wie das jetzt auf Außenstehende wirkt und ob das einen guten missionarischen Eindruck macht. Es geht ihm darum, dass diese Heuchelei Gott selbst ankotzt, dass ihm das ganz und gar nicht gefällt. Wer so seinen Glauben lebt, braucht sich nicht wundern, dass Gott nicht nahe ist!

…ups! Mit dem letzten Satz hab ich mir jetzt selbst einen Kinnhaken verpasst! Denn genau darüber jammer ich ja immer wieder: dass Gott so fern scheint, dass ich ihn so wenig erlebe. Und ich geb zu, dass ich selbst viel zu oft so ein Heuchler bin: Ich lebe in meinem frommen Elfenbeinturm, mache meine frommen Pflichtübungen, aber mein konkretes Handeln und Leben spiegelt oft so wenig von Gott wieder.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch

In Kapitel 3 gehen Kinnaman und Lyons auf die erste Beurteilung ein, wie Außenstehende uns Christen sehen: sie sehen uns als heuchlerisch und scheinheilig („hypocritical“). Scheinheilig ist jemand der eine bestimmte Aussage macht, aber dann ganz anders handelt. Erstaunlich ist, dass das die meisten jungen Menschen gar nicht besonders stört: Sie wissen ganz genau, dass jeder heuchlerisch ist. In unserer Welt will jeder gut dastehen und jeder versucht sich selbst ins beste Licht zu rücken. Es wird ganz einfach damit gerechnet, dass Christen das auch tun. Das ist traurig: Christen sind nicht dafür bekannt, dass sie ein transparentes und authentisches Leben führen, sondern dass sie versuchen ein Bild aufrecht zu erhalten, nach dem bei ihnen alles in Ordnung ist. Das Image der Scheinheiligkeit bekommen wir Christen ganz einfach deswegen, weil unser Leben nicht mit unserer Botschaft übereinstimmt.

Wie können wir dem begegnen? Spannend ist der Lösungsversuch, den die Autoren vorschlagen: Sie sagen, dass wir selbst schuld sind, weil wir ein falsches Bild vom Christentum vermitteln. Wir vermitteln das Bild, dass Glaube im Wesentlichen eine Anzahl von Regeln und Verboten ist, die es gilt einzuhalten. „Gut zu sein“ ist nicht nur in den Augen von Außenseitern das Wichtigste am Christentum, sondern die Christen selbst reduzieren ihren Glauben viel zu sehr auf moralische Faktoren. Natürlich merken wir selbst, dass wir diesen ganzen moralischen Anforderungen nicht genügen, aber anstatt ehrlich damit umzugehen, versuchen wir die Probleme zu überspielen und uns besser darzustellen als wir sind.

Wenn wir nicht als heulerisch da stehen wollen, dann gibt es nur einen Weg: Transparenz. Wir müssen zugeben, dass es auch für Christen stimmt, was die Bibel sagt: Wir leben in einer gefallenen Welt und wir brauchen Gott um mit unserem Versagen und unseren Sünden klar zu kommen. Sünde wird nicht dadurch beseitigt, dass wir so tun, als ob sie uns nicht beträfe. Es ist notwendig, dass wir immer wieder Buße tun, dass wir zu Gott umkehren. Und es ist notwendig, dass diese Buße auch nach außen sichtbar wird. Die Autoren fragen: „Are you honest with yourself about your own struggles? Do they motivate you to turn your heart – and that of others – toward God, seeking his ways to handle these issues? Or are you focused on maintaining the rules and regulations?“ (S.58) Jud Wilhite schreibt dazu (S.61), dass das eigentliche Problem nicht die Heuchelei sei, sondern die moralische Überlegenheit, die viele Christen ausstrahlen. Das Problem ist, dass wir die Unperfektheit unseres Lebens nicht mehr wahrnehmen und zugeben.

Ich kann diese Gedankengänge sehr gut nachvollziehen und möchte das unterstreichen. Auf meinem Weg zum Glauben waren es nicht die scheinbar strahlend perfekten Christen, die immer alles richtig machen, die mich beeindruckt haben. Im Gegenteil: Es waren einige Christen, die ihr Christsein ehrlich gelebt haben. Mit all den Kämpfen und Niederlagen, mit all der Unperfektheit, mit all dem Versagen. Mich hat ihre Ehrlichkeit und Offenheit beeindruckt, mich hat beeindruckt, dass sie eben nicht, wie alle andere in unserer Gesellschaft, einfach nur gut dastehen wollten. Mich hat beeindruckt, dass sie trotz und durch alles Versagen hindurch ihre Würde behalten haben. Mich hat nicht beeindruckt, dass sie Fehler vermieden haben, sondern wie sie mit den Fehlern umgegangen sind. Wenn wir die Botschaft der Vergebung predigen, dann können wir das doch nur dann, wenn wir deutlich machen, dass auch wir selbst immer wieder neu aus dieser Vergebung leben.

weit weg

Herr, bin ich weit weg von dir? Oder bist du weit weg von mir? Warum ist mein Glaube so seltsam unwirklich, unreal, mehr Schein als Sein? Wenn ich deine Nähe spüre, spüre ich dann wirklich dich, oder nur mein religiöses Gefühl?

Ich mag es, dir zu singen und Musik zu machen. Es tut mir gut, es reinigt mich, es richtet mich neu aus. Aber viele Texte scheinen so weit weg. So übertrieben. So fern meiner Realität. Wie kann ich davon singen, dass ich dich liebe, wenn es eigentlich gar nicht so ist? Wenn du mir eigentlich gar nicht wichtig bist? Wenn sich mein Herz eben nicht nach dir sehnt, sondern nur nach Ruhe, Frieden, Liebe, Anerkennung? Wenn ich mich nicht um dich drehe, sondern immer wieder nur um mich selbst?