Bonhoeffer: Nachfolge (16) – Die Einfalt des sorglosen Lebens

Für Bonhoeffer hat das Wort „Einfalt“ noch einen sehr positiven Klang (vgl. auch das Kapitel: „Der einfältige Gehorsam“). Für uns heute ist ein einfältiger Mensch entweder etwas naiv und gutmütig oder sogar „geistig beschränkt“ und „nicht sehr schlau“ (de.wiktionary.org). Das Einfältige des christlichen Lebens liegt für Bonhoeffer in einer geradlinigen und bewusst schlichten Ausrichtung auf Jesus Christus: „Das Leben des Nachfolgenden bewährt sich darin, dass nichts zwischen Christus und ihn tritt.“ (S.167) Wer einfältig auf Jesus vertraut, ist nicht geistig beschränkt, sondern hat das Wesentliche, den Kern seines Lebens begriffen und lässt sich durch nichts davon abbringen.

Die Einfalt des sorglosen Lebens besteht darin, sein Herz nicht von den Gütern der Welt von Christus ablenken zu lassen (S. 167). Dabei ist für die Nachfolger zu beachten: „Nicht den Gebrauch der Güter versagt ihnen Jesus. […] Dazu sind Güter gegeben, dass sie gebraucht werden; aber nicht dazu, dass sie gesammelt werden.“ (S.168).

Wo verläuft aber die Grenze zwischen einem legitimen Gebrauch von Gütern und einem Gebrauch der sich zwischen Jesus und Nachfolger stellt? Bonhoeffer sagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Schatz, dann ist die Antwort schon gegeben. […] Alles, was dich hindert, Gott über alle Dinge zu lieben, alles was zwischen dich und deinen Gehorsam gegen Jesus tritt, ist der Schatz, an dem dein Herz hängt.“ (S. 169) Gegenüber Gott gibt es nicht ein bisschen Glaube und daneben noch ein bisschen Welt. Es gibt nur das Entweder-Oder. Es gibt nur die Einfalt des Herzens: entweder ganz auf Gott ausgerichtet sein, oder gar nicht. „Entweder du liebst Gott oder du liebst die Güter der Welt.“ (S.170) Das Herz kann nicht zwei Herren dienen!

Diese einfältige Ausrichtung auf Gott ist richtig verstanden eine Befreiung. Sie befreit uns von falscher Sorge. Dazu ein genialer Satz von Bonhoeffer: „Sorget nicht! Die Güter spiegeln dem menschlichen Herzen vor, ihm Sicherheit und Sorglosigkeit zu geben; aber in Wahrheit verursachen sie gerade erst die Sorge. […] Wir wollen durch Sorge sorglos werden; aber in Wahrheit erweist sich das Gegenteil.“ (S. 171) Echte Sorglosigkeit verschaffen nicht die Güter dieser Welt, sondern der Glaube an Jesus Christus.

Wieder einmal bringt Bonhoeffer die Provokation der Bergpredigt auf den Punkt. Gegen Ende des Kapitels charakterisiert er die Einfalt des sorglosen Lebens folgendermaßen: Sie „ist entweder eine unerträgliche Last, ein unmögliche Vernichtung der menschlichen Existenz […] – oder aber es ist das Evangelium selbst, das ganz froh und ganz frei macht.“ (S. 174)

Diese Gegenüberstellung kann ich sehr gut nachvollziehen. Sowohl bei der Bergpredigt, als auch bei den Worten Bonhoeffers regt sich bei mir innerlicher Widerspruch: So kann man doch nicht leben, das ist doch utopisch, kein Mensch schafft es, sich ganz allein auf Christus auszurichten und sich um nichts anderes mehr Sorgen zu machen. Wenn ich diese Einfalt des sorglosen Lebens als Forderung empfinde, dann muss ich wahrlich daran verzweifeln, dann muss ich mir unendlich viele Sorgen darüber machen, wie ich diese Einfalt je erreichen soll. Wenn ich es aber als Evangelium, als Zuspruch höre, dann ist es wahrlich befreiend, dann ist es erlösend und freudig. „Nicht von dem, was der Mensch soll und nicht kann, spricht Jesus, sondern von dem, was Gott uns geschenkt hat und noch verheißt.“ (S. 174)

J.M.G. Le Clézio: Der Goldsucher

Auf der Buchrückseite steht etwas von „wilden Abenteuern“ – die wird man in dem Buch vergeblich suchen. Es ist kein wildes Buch, mit viel Action und wilden Kampfgeschehen. Und auch unter einem „Abenteuerroman“ stellt man sich etwas anderes vor. Es ist ein ruhiges, gemächliches Buch mit vielen genauen und ausufernden Naturbeschreibungen. Es geschieht rein äußerlich gesehen, seitenweise gar nicht viel. Und es geht letztendlich auch gar nicht um eine Suche nach richtigem „Gold“.

Erzählt wird die Geschichte von Alexis. Er wächst auf der Insel Mauritius auf und träumt nach dem frühen Tod seines Vaters davon, einen legendären Piratenschatz zu finden, den sein Vater auf einer Insel im indischen Ozean vermutete. Es wird seine Familiengeschichte beschrieben, seine Reise zu der Insel, seine Suche nach dem Schatz (den er letztendlich nicht findet), seine Liebe zu einer schönen Eingeborenen (die letztendlich auch keine Erfüllung findet) und eine etwas deplatziert wirkende Zwischenepisode als Soldat im ersten Weltkrieg.

Es geht Le Clézio nicht um das Abenteuer oder das Gold, es geht nicht um einen spannenden und fesselnden Abenteuerroman, sondern es geht um die Suche (nach sich selbst, nach Erfüllung, nach der Verwirklichung seiner Träume oder dem Enttarnen seiner Träume…). Es geht ihm um die Auseinandersetzung zwischen europäischer Zivilisation und ursprünglicher Naturverbundenheit. Immer wieder klingt das Motiv des „edlen Wilden“ an, der den wahren Wert und Sinn des Lebens viel besser erkannt hat, als der auf Macht und Reichtum fixierte Europäer. Letztendlich ist die Geschichte des Helden eine Entwicklungsgeschichte, in der er lernt, dass der Goldschatz gar nicht so wichtig ist.

Was findet er am Ende? Eigentlich nur das, was er schon von Kindheit an gehört hat und was sein Herz höher schlagen ließ: Das Rauschen des Meeres.

Kein Buch von dem ich ganz unmittelbar begeistert und gefesselt bin. Es hat seine Längen, man muss sich durchkämpfen, der Schreibstil ist teilweise etwas ausufernd und kompliziert. Aber trotzdem hat der Stil und auch die Geschichte eine gewisse Magie, die einen bezaubert, die einen hinein nimmt in eine fremde Welt. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvolleres liest und es dabei schätzt, dass trotzdem noch einen Geschichte erzählt wird (wenn auch auf etwas schleppende Weise) und der sich auch von manchmal etwas langen Natur- und Seefahrerbeschreibungen abschrecken lässt, für den ist es das richtige Buch.

Ich hab es nach dem Lesen erst einmal etwas unzufrieden (auch über den Schluss) aus der Hand gelegt. Aber nachdem sich das Buch gesetzt hat und ich ein bisschen darüber nachgedacht habe, finde ich den Roman gar nicht so schlecht: er hat seinen Zauber, seinen Reiz, er regt zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte an.

Zitate:

„Bedürfen sie [die Seevögel] des Goldes, der Reichtümer? Ihnen genügen der Wind, der Morgenhimmel, das Meer, das von Fischen strotzt, und die Felsen, die aus ihm emporragen, ihrem einzigen Schutz vor den Unwettern.“ (S.221)

„Das Gold ist nichts wert, man muß keine Angst vor ihm haben, es ist wie die Skorpione, die nur den stechen, der Angst hat.“ (S.273)

„Mir scheint, mit dem Tod meines Vaters habe ich begonnen, rückwärts zu schreiten, einem Vergessen entgegen, das ich nicht akzeptieren kann, das mich für immer von dem entfernt, was meine Kraft war, meine Jugend. Die Schätze sind unerreichbar, unwirklich. Sie sind das ‚Narrengold‘, das die schwarzen Goldsucher mir bei meiner Ankunft in Port Mathurin gezeigt haben.“ (S.365)

Matthäus 19, 16-26 – Religiöser Streber

Je länger ich diesen Text kenne, desto mehr kann ich das Entsetzen der Jünger nachvollziehen. Da kommt Einer zu Jesus, der es echt ernst meint mit dem Glauben und der vorbildlich Gottes Gebote befolgt. Aber Jesus sagt, dass das nicht reicht. Wenn er wirklich einen Schatz im Himmel haben will (wenn er also die himmlische Rettung erreichen möchte), dann muss er seinen Besitz verkaufen (ALLES!!!), das Geld den Armen geben und Jesus nachfolgen.

Also ich kenn niemanden (zumindest nicht persönlich), der diesen Maßstäben genügt. Da ist es wirklich leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelör geht, als dass ein Mensch, der auch nur ein bisschen was besitzt, in den Himmel kommt. Die Jünger sind zurecht entsetzt und fragen nach der logischen Konsequenz: Wer kann dann überhaupt noch selig werden? Niemand, oder?!?

Beim Lesen heute ist mir besonders der Zusammenhang aufgefallen. Im Abschnitt davor stellt Jesus die Kinder als Vorbild hin und sagt: „… solchen gehört das Himmelreich.“ (Mt. 19,14) Verrückt, oder? Der tolle reiche Jüngling, der ein fast schon perfektes religiöses Leben führt, der hat so gut wie keine Chance gerettet zu werden. Und die Kinder, die rein gar nichts vorweißen können, die gehören schon automatisch zum Himmelreich dazu!

Die Konsequenz: Versuch nicht ein religiöser Streber zu sein, der sich den Himmel verdienen will, sondern versuch ein Kind zu sein, das mit leeren Händen zu Gott kommt!

Matthäus 13, 44-46 – Mit Freude alles aufgeben

SchatzkisteJa, damit kann ich mehr anfangen als mit den Gerichtsdrohungen im vorigen Abschnitt. Das Himmelreich als wertvoller Schatz, für den es sich lohnt alles zu verkaufen. Das Himmelreich als kostbare Perle, die mehr wert ist, als alles was wir besitzen. Das sind positive Bilder die Mut machen zur Gemeinschaft mit Gott, anstatt mit Angst zu operieren.

Dabei ist auch dieser Abschnitt sehr herausfordernd und provozierend. Das erste was mir aufgefallen ist, ist das der Schatz im Acker verborgen ist. Es ist nicht so einfach ihn zu finden. Man kann leicht daran vorübergehen. Man kann ihn leicht übersehen. Um Gott zu finden, muss man sich auf die Suche machen und selbst dann ist es nicht selbstverständlich, dass man sofort diesen Schatz im Acker findet. Der Mann im Gleichnis hatte wohl keine Schatzkarte, sondern er fand ihn zufällig im Dreck (vielleicht bei der Arbeit für einen Grundbesitzer). Die wahren Schätze finden wir auch heute nicht in den Palästen und Tresore dieser Welt. Wir finden sie auch nicht durch irgendwelche Schatzpläne, durch Zehn-Punkte-Pläne, wie wir unsere eigene Spiritualität aufbauen können, durch Nachfolge-Bücher in denen genau drinsteht, was wir alles tun müssen, um ein guter Christ zu sein. Oft genug finden wir Gott gerade dort, wo wir ihn nicht vermuten, verborgen im Dreck.

Das andere das herausfordert ist die Betonung, dass in beiden Gleichnissen die Finder alles, was sie hatten verkauften, um den Schatz bzw. die Perle zu bekommen. Es geht nicht darum, so ein bisschen von seinem Leben in religiöse Werte zu investieren, sondern es geht um’s ganze. Wer zu Gott gehören will muss alles geben, muss sich ihm ganz zur Verfügung stellen. Aber das Schöne in diesem Text ist ja, dass das für den Finder des Schatzes selbstverständlich ist. Er geht mit Freuden hin und verkauft alles. Weil er weiß, dass er einen vielfachen Gewinn machen wird.

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Foto: © stixl1967 / PIXELIO