John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Schade, seine frühen Romane habe ich regelrecht verschlungen und war begeistert von seinen skurrilen Figuren, von einfallsreichen Geschichten und seiner bizarren Fantasie. Die letzten paar Bücher von ihm fand ich nicht so prickelnd und auch bei diesem (wie üblich langen) Roman musste ich mich phasenweise durchkämpfen.

Trotzdem ein guter Roman, der mir letztendlich auch gefallen hat. Und mit dem urwüchsigen und eigensinnigen Holzfäller Ketchum ist Irving wieder einmal ein toller skurriler Charakter gelungen. Wer Irving kennt, wird sich freuen, dass auch in diesem Buch wieder einmal Bären auftauchen und es an einigen Stellen um das Ringen geht.

Die Hauptperson des Buches und zugleich der Erzähler ist ein Schriftsteller, der als Sohn eines Kochs in einem Holzfällercamp aufwächst. Der Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von über 50 Jahren und erzählt fast die ganze Lebensgeschichte der Hauptperson. Auf Grund eines (wieder mal skurrilen) „Unfalls“ müssen der Erzähler und sein Vater aus dem Holzfällercamp fliehen und sie verbringen ihr restliches Leben in der Angst, aufgespürt und getötet zu werden. Immer wieder finden sie ein neues zu Hause und verbringen einige Jahre oder Jahrzehnte an einem Ort.

Der Holzfäller Ketchum ist im gleichen Alter wie der Vater und der beste Freund der beiden. Er begleitet ihr Leben aus der Ferne. Weil sie auf der Flucht sind wechseln sie öfters die Namen. Der Schriftsteller wird unter dem Pseudonym Danny Angel nach einiger Zeit recht erfolgreich, findet aber nie so richtig ein geordnetes Leben und privates Glück. Im Grunde ist das ganze Buch eine Beschreibung davon, wie einige Menschen trotz dunklen Schicksalsschlägen irgendwie durch’s Leben torkeln, ohne unter zu gehen.

Schwierig bei diesem Buch fand ich die Länge, die vielen verschiedenen Schauplätze und auch die vielen verschiedenen Personen, die auftauchen. Für meinen Geschmack ist das einfach zu viel des Guten und es verwirrt den Leser unnötig.

Gefallen hat mir wie gesagt die Figur des Ketchum, da leuchtet noch etwas auf von Irvings bissiger, übertriebener und doch liebevoller Erzählweise der frühen Romane. Gefallen hat mir auch der melancholische Grundton des Buches. Das Leben der Hauptperson ist geprägt von Verlustangst. Er hat mit zwei Jahren seine Mutter verloren und fürchtet nun ständig, die wenigen ihm nahestehenden Personen zu verlieren. Zur Dramatik des Buches gehört natürlich, dass er in diesem Bereich Schweres durchmachen muss. Er bleibt bis zum Ende auf der Suche nach einem Ort der Sicherheit und des Friedens, nach einem Engel, der ihn in die Arme nimmt und tröstet. Vielleicht ist es die Suche nach der verlorenen Mutter, in deren Armen er sich Geborgenheit und Sicherheit erhofft.

Ich glaube jeder Christ hat eine Ahnung von dieser Sehnsucht und Suche nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Friede. Biblisch gesprochen: Schalom. Wir sollten als Christen nicht so tun, als ob wir schon am Ziel sind und alle Fragen des Lebens beantworten können. Auch wir sind noch auf dem Weg, auf der Suche nach diesem umfassenden Schalom. Auch wir haben nur eine leise Ahnung von dieser Geborgenheit in Gottes Armen, die allen Schmerz verschwinden lassen wird. Aber ich glaube auch, dass wir Christen zumindest auch eine Ahnung davon haben, in welcher Richtung wir diesen Schalom suchen sollen…

Exodus 15, 22-27 Seltsamer Arzt

Ich bin der Herr, dein Arzt.“ (V.26) Wir benützen diesen Ausspruch ja gerne als Trost und Verheißung für jemand, der krank ist oder leidet. Ein Arzt ist ja normalerweise jemand, der gesund macht. Das Seltsame an dieser Bibelstelle ist, dass Gott hier nicht nur derjenige ist, der die Krankheit wegnimmt, sondern auch der, der sie überhaupt erst schickt. So wie er die Ägypter mit Krankheit gestraft hat, will er sein Volk strafen, wenn es ungehorsam ist (V.26).

Durch die ganze Bibel hindurch wird deutlich, dass Gott unser Bestes will. Er will uns nicht schädigen, sondern helfen und retten. Er will unseren Schalom – umfassenden Frieden an Leib und Seele. Und doch wird immer wieder auch deutlich, dass er auch derjenige ist, der Leid, Krankheit und Schmerz zumindest auch zulässt. Aus welchen Gründen auch immer – sei es aus Ungehorsam oder aus anderen Gründen (wenn wir Leid und Krankheit nur monokausal als Folge von Ungehorsam „erklären“ wollen, dann wird es gefährlich).

Ich bin überzeugt, dass Gott mein Arzt ist. Er hat mich von meinem Gehirntumor befreit. Aber ich bin auch überzeugt, dass er auch ein Wörtchen mitgeredet hat bei dem Umstand, dass mich diese Krankheit getroffen hat – aus welchen Gründen auch immer. Nicht jede Krankheit und jedes Leid kann man von vornherein allein auf das Böse oder den Bösen abschieben. Wenn Gott stärker ist als das Böse, dann ist er eben nicht nur der Arzt der rettet, sondern auch derjenige, der Krankheit und Leid auch zulässt.

Noch was anderes: Gott führt durch die Wüste. Das Volk hat Durst und ist verzweifelt. Er führt sie zu einer bitteren Quelle (Mara) und stellt dort ihren Glauben auf die Probe. Aber er führt sie danach auch in eine paradiesische Oase (Elim) mit zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäumen. Zahlen haben in der Bibel immer auch symbolische Bedeutung: die zwölf bezieht sich offensichtlich auf die zwölf Stämme Israel. Die Zahl 70 könnten ein Rückbezug sein auf die 70 Menschen, die mit Jakob nach Ägypten kamen (1. Mose 46,27). Auch mitten in der Wüste kann Gott sein ganzes Volk versorgen und ihm Gutes tun!

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