Bonhoeffer: Nachfolge (8) – Die sichtbare Gemeinde

Interessant: In der Theologie gibt es die Unterscheidung zwischen der sichtbaren Kirche und der unsichtbaren Kirche. Die sichtbare Kirche ist dabei das, was von Außen wahrgenommen werden kann. Die vielen verschiedenen Kirchen mit ihren offiziellen Mitgliedern. Die unsichtbare Kirche ist die eine Kirche derer, die nicht nur dem Namen nach, sondern auch dem Herzen nach glauben.

Im Zusammenhang mit der Bergpredigt verwendet Bonhoeffer nun diese Bezeichnung genau umgekehrt: Die sichtbare Gemeinde sind die wahren Christen, diejenigen die wirklich dem Ruf Jesu gefolgt sind. Sie sind das Licht, das gar nicht anders kann als in die Welt zu scheinen und weithin sichtbar zu sein. Wenn dagegen Christen versuchen in der Welt unsichtbar zu sein und in der Welt aufzugehen, dann verlassen sie die Nachfolge Jesu. Interessant und spannend, wie Bonhoeffer hier mit der theologischen Tradition spielt!

In diesem Kapitel geht es darum, dass wir Christen das Salz der Erde und das Licht der Welt sind. Im Salz sieht nicht nur etwas das dem Leben Würze verleiht, sondern Salz ist das „Sinnbild des auf Erden unentbehrlichsten Guten“ (S.110). Man beachte den Superlativ! Salz besitzt für ihn v.a. eine „dauernde Kraft der Reinigung“ (S.111) und ist darum für die Welt so wichtig.

Dass wir das Licht der Welt sind, drückt für Bonhoeffer v.a. aus, dass wir sichtbar sind. „Flucht in die Unsichtbarkeit ist Verleugnung des Rufes.“ (S.113) Diese Flucht kann aus Menschenfurcht geschehen oder aus bewusster Weltfrömmigkeit, um damit irgendwelche andere Zwecke zu erreichen (z.B. missionarischer Art). Die schlimmste Art von Flucht ist eine falsche verstandene Theologie des Kreuzes (wenn das Kreuz als demütiges Verschwinden und Aufgehen in der Welt gedeutet wird).

Sowohl beim Salz, als auch beim Licht betont Bonhoeffer, dass wir es sind. Es handelt sich nicht um einen Willensappell, sondern um eine Feststellung. Wer dem Ruf Jesu folgt, der kann gar nicht anders sein. Zugleich drückt die Formulierung aus, dass Salz und Licht etwas ist, das wir sind und nicht haben. Es ist nicht unsere Botschaft oder unseren guten Werke, sondern wir selbst als Personen.

Die guten Werke, welche die Leute nach dem Text in der Bergpredigt sehen sollen, sind keine Tugenden von Menschen, sondern gerade unsere Armut, Fremdlingschaft, Sanftmut, Friedfertigkeit, Verfolgt- und Verworfensein. Also unser Mangel und Verzicht sind die guten Werke, welche die Menschen sehen sollen. Denn gerade dadurch werden sie Gott preisen und nicht uns Christen. Das Licht leuchtet und das Salz salzt also im Tragen des Kreuzes!

Für mich ist es immer wieder beeindruckend, wie diese kraftvolle Demut, die in Bonhoeffers Leben, Leiden und Sterben aufleuchtet, schon vorher in seiner Theologie deutlich wird. Er redet nicht nur, er denkt nicht nur, er lebt auch das was er denkt und redet.

Matthäus 5, 13-16 – Natürlich salzt Salz

Ach, das klingt so einfach, so schön und so überzeugend: „Ihr seid das Salz der Erde… Ihr seid das Licht der Welt.“ Und natürlich ist Salz salzig und Licht leuchtet. Dafür muss das Salz gar nichts besonders tun. Und auch das Licht leuchtet von selbst. Aber in der Praxis ist gerade das so unendlich schwierig: Anderen das Evangelium schmackhaft machen, anderen den Weg zu Gott leuchten. Liegt es wirklich nur daran, dass das Salz kraftlos geworden ist, oder dass wir unser Licht unter den Scheffel stellen? Oder gibt es so viel andere Gewürze und so viele andere bunte Lichter, dass die Leute unser bisschen Salz und unser kleines Licht nicht interessiert?