Hebräer 12, 1-11 Glaube als bleibende Herausforderung

Ich kann verstehen, dass Luther so seine Probleme mit dem Hebräerbrief hatte. In diesem Abschnitt scheint manches unbekümmert nebeneinander zu stehen, was Luther in seiner Rechtfertigungstheologie fein säuberlich getrennt hat. Jesus Christus erscheint hier zum einen als Vorbild des Glaubens, er steht sozusagen als krönender Abschluss dieser langen Reihe der Glaubensvorbilder in Kap. 11. Zugleich ist deutlich, dass Jesus sehr viel mehr ist als ein Beispiel für Glaubensstärke – er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens, auch unseres Glaubens.

Luther hat hier sehr genau unterschieden zwischen Jesus Christus als exemplum (Beispiel) und sacramentum (Sakrament). Als Beispiel ist er uns ein Vorbild. Aber viel wichtiger ist, dass er für uns zum Sakrament, zum Heilsmittel wurde. Er gibt nicht nur ein Beispiel des Glaubens, sondern ermöglicht unseren Glauben überhaupt erst und schenkt uns das Heil.

Ähnlich unbekümmert spricht der Hebräerbrief davon, dass wir unsere Sünden ablegen sollen (V.1). Dabei ist doch auch dem Hebräerbrief klar, dass wir das nicht so einfach tun können, sondern das der Hohepriester Christus selbst für uns Versöhnung erwirken musste, damit unsere Sünden gesühnt werden. Für Luther war das gerade der große, existentielle Kampf, dass er selbst versucht hatte, seine Sünde abzulegen, um vor Gott gerecht zu werden. Seine befreiende Erkenntnis war, dass uns die Gerechtigkeit von Gott geschenkt wird. Nicht weil wir unsere Sünden ablegen, sondern weil Jesus Christus für unsere Sünde gestorben ist.

Trotzdem steht auch der Hebräerbrief im neutestamentlichen Kanon. Auch darin spricht Gott zu uns. Für mich bildet der Hebräerbrief ein Gegengewicht zu einer zu starken Trennung von Rechtfertigung und Heiligung. Diese Unterscheidungen Luthers sind wichtig und richtig. Aber die Rechtfertigung darf nicht völlig von der Heiligung abgekoppelt werden. Gerade weil Christus für mein Heil gestorben ist, möchte ich ein Leben führen, das diesem Heil entspricht. Der Hebräerbrief betont zurecht, dass mit der Rechtfertigung nicht alles schon vorbei ist. Der Glaube bleibt ein Kampf, eine Herausforderung. Christus ist nicht nur eine Lebensversicherung für meine Seele, sondern auch ein Vorbild und Begleiter in meinem geistlichen Leben.

| Bibeltext |

Philiper 2, 5-11 Vom König zum Bettler

Gestern habe ich gefragt: Wo bleibt die Demut? Heute kommt die Antwort: „Seid untereinander so gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ (V.5) Die wahre Demut zeigt sich in Christus. Dieser Vers ist allerdings gar nichts so leicht zu übersetzen. Ganz wörtlich müsste es heißen: „Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus“. Luther hat das „entspricht“ eingefügt, um dem Mißverständnis vorzubeugen, dass Jesus nur ein menschliches Vorbild ist, dem wir nacheifern sollten. Wenn er nur das wäre, dann müssten wir daran verzweifeln, weil keiner von uns solch eine perfekte Demut wie Jesus erreichen kann. Jesus ist mehr: Er schenkt und bewirkt diese Gesinnung in uns.

Jesu Demut, an der wir uns orientieren sollen und die uns Gott durch den Heiligen Geist schenken will, wird in einem Christushymnus entfaltet. Mich hat heute vor allem ein Satz angesprochen: Er „entäußerte sich selbst“ (V.7). Hier steht im Griechischen das Wort „kenoo“. Das bezeichnet ein entäußern, ein leer werden. Sich nicht an das klammern, was man hat und kann, sondern alles hergeben. Durch den Zusatz „sich selbst“ wird deutlich, dass Jesus praktisch sich selbst aufgibt. Er wird vom König zum Bettler. Der Herr des Lebens liefert sich der Vergänglichkeit und dem Tod aus. Er wird zum Schuhabtreter, damit andere ihren Dreck an ihm abstreifen können. So weit geht Jesus in seiner Demut.

Was hätte das für Auswirkungen, wenn es uns auch nur ansatzweise gelingen würde, uns an dieser Gesinnung zu orientieren!
Bibeltext

1. Petrus 2,21-25 – exemplum und sacramentum

So, heute wird’s mal ein bisschen theologischer – wobei: Wer Bibel liest betreibt ja immer Theologie, jeder muss über das Gelesene nachdenken, es in sein Glaubensverständnis einordnen und herausfinden, was das nun für ihn zu bedeuten hat. Jeder Bibelleser ist immer auch Theologe, nur merken das manche gar nicht…

Seit Augustinus gibt es bei der Betrachtung von Jesu Tod die Unterscheidung von exemplum (Beispiel) und sacramentum (Sakrament). Hier im Text von 1. Petr. tauchen beide Dimensionen auf.  Wir sollen Jesu Leiden als ein Beispiel, als ein Vorbild nehmen, um unser eigenes Leben daran auszurichten (V.21). Jesus litt für andere und wenn wir ihm nachfolgen, dann kann und wird das auch so sein, dass wir um der Liebe willen für andere leiden. Davon zu unterscheiden ist jedoch Jesu Tod als sacramentum für uns. Damit ist gemeint, dass Jesu Tod für uns geschah, dass er dadurch Erlösung von den Sünden bewirkte: Er hat unsere Sünde hinaufgetragen an das Holz, durch seine Wunden sind wir heil geworden (V.24). Diese Dimension von Jesu Tod können und brauchen wir nicht nachahmen. Wenn wir um des Glaubens willen leiden, dann brauchen wir dadurch weder für uns, noch für andere Erlösung von den Sünden erwirken. Das hat Jesus ein für alle mal getan.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit klar bleibt wer uns von den Sünden erlöst: Jesus, durch seinen Tod am Kreuz. Wir brauchen uns in der Hinsicht Jesus nicht als Vorbild nehmen, wir brauchen niemand durch unser Leiden erlösen. Aber wir können uns trotzdem Jesu Leiden als Vorbild nehmen und selbst bereit sein zum Leiden um den Glaubens und der Liebe willen. Für Martin Luther war sehr wichtig, dass Jesu Tod als sacramentum vorgeordnet und übergeordnet ist. Wer nicht weiß, dass Jesus für ihn gestorben ist und ihn erlöst hat, dem bringt es auch wenig, wenn er sich Jesus als Vorbild und Beispiel nimmt. Wenn wir Jesus nur als Vorbild sehen, dann wird die Sache schief…Bibeltext