Johannes 9, 8-23 …und niemand freut sich

Eine seltsame Heilsungsgeschichte. Anstatt dass sich die Menschen freuen, dass ein Blinder wieder sehend wurde und Gott dafür loben, wird der Geheilte ausgefragt wie ein Verbrecher. Wie ist das geschehen? Wer hat das getan? Als dann noch heraus kommt, dass die Heilung an einem Sabbat geschah, rückt nicht nur Jesus selbst, sondern auch der Geheilte und seine ganze Familie noch mehr ins Zwielicht.

In der Art wie diese Begebenheit erzählt wird, spiegelt sich sicher auch die Situation zwischen der christlichen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde zur Zeit der ersten Leser wieder. In dem Abschnitt hier taucht Jesus selbst nicht auf, es ist nur ein Gespräch zwischen einem von Jesus Geheilten und seinem Umfeld. Viele sind misstrauisch und wollen genau wissen, was geschehen ist. Die Eltern des Geheilten haben Angst davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums gab es wohl solche Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde. Zu dieser Zeit wurden auch Christen aus der Synagoge ausgestoßen (V.22). Immerhin wird in dem Abschnitt auch deutlich, dass sich die Pharisäer untereinander nicht einig waren (V.16). Manche sahen in Jesus durchaus jemand, der von Gott kam, andere lehnten ihn ganz ab.

Auf jeden Fall ist es traurig, wenn ein solch positives Ereignis wie eine Heilung durch verschiedene theologische oder glaubenspolitische Standpunkte zerredet wird. So geht es, wenn Theologie und Dogma wichtiger werden als Gottes Liebe zu den Menschen. Das heißt nicht, dass Theologie und Dogma unnötig sind, aber dass sie im richtigen Verhältnis eingeordnet werden müssen.

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Lukas 6, 1-5 Die Jesus-Brille

Jesu geht mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld. Die Jünger schnappen sich einige Ähren, zerreiben sie und essen die Körner. Das ist nach 5. Mo 23,26 ausdrücklich erlaubt. Aber einige Pharisäer sehen darin Erntearbeit und werfen Jesus vor, dass seine Jünger dadurch das Gebot der Sabbatheiligung brechen. Ganz egal welche Motivation hinter diesem Vorwurf steckt – die Frage bleibt ja auch für uns heute: Was heißt es, Gottes Wort und seine Gebote ernst zu nehmen? Was heißt es hier im konkreten Fall den Sabbat zu heiligen?

Manche meinen: Je ernster ich Gott nehme, desto radikaler und enger muss ich seinen Geboten folgen. Schon mit dem leisesten Hauch von Arbeit übertrete ich Gottes Gebot. In der Parallelstelle bei Markus wird uns dagegen eine allgemeine Regel gegeben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk.2,27) D.h. dass Gott uns Gebote zu unserem Besten gibt und nicht, um uns damit zu knechten. Es kommt auf den Geist der Gebote an und nicht auf den Buchstaben.

Lukas lässt diese allgemeine Regel weg und erklärt alles von Jesus her: „Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.“ (V.5) So weist er noch radikaler als Markus (der diese Erklärung neben der allgemeinen Regel auch noch aufführt) darauf hin, dass wir Gottes Gebote nur von Jesus Christus her verstehen und leben können. Gottes Wort ist keine abstrakte Wahrheit, sondern will immer von Christus her gedeutet werden. Beim Bibellesen sollten wir also immer die Jesus-Brille aufhaben…

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Exodus 35, 1-3 Vor aller Arbeit

Nachdem in den Kapiteln 25-31 genau beschrieben wurde, wie die Stiftshütte aussehen soll, wird nun in den Kapiteln 35-40 berichtet, wie die Israeliten das Wüstenheiligtum genau nach den Vorgaben hergestellt haben. Spannend ist: Vor aller Arbeit steht die Erinnerung an das Sabbatgebot. Gerade bei der Arbeit an der Stiftshütte ist wichtig, dass dieses Gebot eingehalten wird. Es geht dabei nicht nur um die Erholung für den Menschen, sondern um die Heiligung des Menschen.

Der Sabbat ist der Tag, an dem alle Arbeit ruht und sich der Mensch ganz auf Gott ausrichten kann. Der Sabbat ist ein Zeitraum, in dem der heilige Gott in besonderer Weise unter seinem Volk gegenwärtig ist und in dem sich das Volk in besonderer Weise auf Gott ausrichten kann. Wenn der Alltag geheiligt sein soll, dann braucht es diese Unterbrechung, dann braucht es die bewusste Auszeit für Gott.

Vor aller Arbeit – auch vor der Arbeit für Gott – steht das Schauen auf Gott, das Offensein für ihn, das Empfangen!

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Matthäus 12, 9-14 – Göttlicher Blitzkasten

BlitzerWie im vorigen Abschnitt (Matthäus 12, 1-8 – Barmherzigkeit vs. Gesetz) geht es wieder um eine Auseinandersetzung mit den Pharisäern: Was ist am Sabbat erlaubt und was nicht? Jesus heilt am Sabbat einen Mann mit einer verkrüppelten Hand. Nach pharisäischer Auffassung war das eine ärztliche Hilfeleistung. Die war am Sabbat aber nur bei Lebensgefahr zugelassen, ansonsten zählte sie als Arbeit und fiel somit unter das Verbot am Sabbat zu arbeiten.

Jesus will mit dieser Heilung nicht das Gesetz aufheben. Auch er steht voll und ganz hinter dem Gebot, den Sabbat zu heiligen. Aber er macht eine grundsätzlich andere Sichtweise von Gottes Geboten deutlich. Die Pharisäer klopfen die Gebote danach ab, was sie gerade noch erlauben und was nicht. Sie fragen mit negativer Blickrichtung: Was darf ich nicht tun und was nicht? Jesus sieht viel mehr die positive Richtung der Gebote. Er fragt positiv: Was soll ich nach dem Willen Gottes tun?

Ich finde es in diesem Beispiel richtig unerträglich und menschenverachtend, wie die Pharisäer im Namen Gottes auf ihre Interpretation des Gesetzes pochen, anstatt sich mit dem Geheilten zu freuen. Aber haben wir heute als Christen nicht oft auch dieselbe Blickrichtung? Wir fragen uns oft: Darf ich das als Christ oder darf ich das nicht? Wie weit darf ich gehen? Gott ist dann so etwas wie der Blitzkasten, der genau misst, wie schnell ich unterwegs bin. Sobald ich dann etwas zu schnell bin, blitzt es und es gibt einen Strafzettel. Mein Denken kreist dann darum, wie schnell ich gerade noch fahren kann, um nicht erwischt zu werden.

Aber Gottes Gebote haben eine ganz andere Zielrichtung: Jesus sagt, dass es darum geht, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Und Liebe zeigt sich in erster Linie nicht in dem, was ich dem anderen nicht tue, sondern viel mehr in dem, was ich für den anderen tue. Mein Denken sollte nicht darum kreisen, was ich als Christ nicht tun sollte, um von Gott keinen Strafzettel zu bekommen, sondern darum, was ich tun sollte, um Gott und anderen Menschen liebevoll zu begegnen. Gott ist viel trauriger über all das Gute, das wir nicht tun, als über manche Grenzübertretungen bei einzelnen Geboten.

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Matthäus 12, 1-8 – Barmherzigkeit vs. Gesetz

ÄhrenJesus diskutiert an dieser Stelle mit einigen Pharisäern, ob das Ährenausraufen seiner Jünger am Sabbat gegen das Gesetz verstößt oder nicht. Für die Pharisäer war das Arbeit und nach den zehn Geboten ist Arbeit am Sabbat verboten. In Jesu Antwort vermischen sich verschiedene Argumente.

Ein Argumentationsstrang ist, dass es schon im Alten Testament Beispiele gibt, dass in Notsituationen das Gesetz übertreten werden darf. Er führt David an, der hungrig war und aufgrund mangelnder Alternativen die Schaubrote im Tempel gegessen hat. Jesus sagt damit, dass der Hunger seiner Jünger mehr zählt als das übertriebene Einhalten des Gesetzes.

Ein weiteres Argument ist, dass die Priester schon immer aufgrund ihrer besonderen Aufgabe und Stellung für den Dienst im Tempel auch am Sabbat Arbeit verrichten mussten. Jesus betont, dass er mit seiner Aufgabe und Stellung noch größer und wichtiger als der Tempel ist. In diese Richtung geht auch der Ausspruch in V.8: Der Menschensohn (damit meint er sich selbst) ist ein Herr über den Sabbat.

Schließlich noch ein drittes Argument: Für Gott ist Barmherzigkeit wichtiger als Opfer. Natürlich war auch für die Pharisäer Barmherzigkeit wichtig. Sie sahen Gesetz, Opfer und Liebeserweise als die drei grundlegenden Pfeiler des Glaubens und der ganzen Welt an (Quelle: Neues Testament Deutsch). Doch während die Pharisäer offensichtlich mehr das Gesetz betonten macht Jesus hier deutlich: Die Barmherzigkeit überbietet die zwei anderen Pfeiler und hebt sie im Konflikt sogar auf.

Damit begibt sich Jesus auf schwierigen Boden. Denn sture Gesetzeserfüllung ist leichter als immer wieder neu zu überlegen, ab wann die Barmherzigkeit die guten und richtigen Grundregeln Gottes im Gesetz aufhebt. Wir kennen das ja bis heute: Der (leider oft unbarmherzige Streit) darüber, welche Gebote man im Namen der Liebe in Konfliktsituationen aussetzen darf. Da gibt es bis heute die beiden Extreme einer sturen Gesetzlichkeit und einer alles relativierenden Gleichgültigkeit.

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