Powers: Das Echo der Erinnerung

Ein wirklich gutes, unterhaltsames und anregendes Buch. Powers ist ein guter Schriftsteller, der eine Story entwickeln kann, sprachlich spannend erzählen kann und der viel interessante Aussagen und Anregungen in der Geschichte unterbringt. Es geht in dem Buch um die Frage nach der Identität eines Menschen: Wer bin ich eigentlich? Welche Faktoren machen mich zu der Person, die ich bin? Welche Rolle spielt meine eigene Geschichte und meine Erinnerungen an diese Geschichte, für meine Persönlichkeit?

Die Hauptperson des Buches, Mark, hat einen mysteriösen Unfall: Auf einer schnurgeraden Straße verunglückt er mit dem Auto nachts schwer. Die Polizeiuntersuchungen ergeben, dass mindestens zwei Autos irgendwie an dem Unfall beteiligt waren. Bis zum Schluss bleibt der genaue Tathergang offen – das macht das Buch schon einmal auf dieser Ebene spannend und interessant.

Noch viel spannender ist aber die persönliche Ebene hinter diesem Unfall: Mark erleidet durch den Unfall eine schwere Persönlichkeitsstörung. Die äußert sich unter anderem darin, dass er seine eigene Schwester nicht mehr als seine echte Schwester anerkennt. Er hält sie für eine Doppelgängerin und überlegt sich alle möglichen Verschwörungstheorien, warum diese Doppelgängerin plötzlich in seinem Leben auftaucht. Auch die besten und vernünftigsten Argumente können ihn nicht davon überzeugen, dass es tatsächlich seine echte Schwester ist. Man kann sich vorstellen, dass die Schwester (zu der eine sehr enge Beziehung hatte) wahnsinnig unter diesem Zustand leidet.

In ihrer Verzweiflung bittet sie einen berühmte Gehirnforscher um Hilfe. Und tatsächlich: er kommt und schaut sich Mark an. Aber er ist eigentlich weniger daran interessiert Mark wirklich zu helfen, sondern sieht ihn mehr als ein interessantes Fallbeispiel für seine populären Bücher über die Funktionsweise des Gehirns.

Sehr anschaulich und tiefgehend werden die Entwicklungen dieser drei Personen geschildert. Ihre Beziehungen zueinander, ihre persönlichen Kämpfe, ihre Ängste und wie sie damit umgehen. Das ist interessant zu lesen: Wie geht man mit solch einer Lebenskrise um? Daneben fließen viele spannende Gedanken aus der Hirnforschung ein: Wie funktioniert unser Gehirn? Wie nehmen wir die Welt wahr? Gibt es so etwas wie ein einheitliches „Ich“?

Die Schlussphase des Buches fand ich dann nicht mehr ganz so spannend. Irgendwie hat mir da was gefehlt, obwohl der Fall schlau und gekonnt aufgelöst wird. Vor allem die Persönlichkeit des Hirnforschers blieb mir am Schluss etwas undurchsichtig und blass. Ich konnte seiner Entwicklung und seinen Gedanken nicht mehr so gut folgen. Kann aber auch an meiner nachlassenden Aufmerksamkeit gelegen haben und daran, dass ich manche Andeutungen übersehen oder falsch gedeutet habe.

Insgesamt auf jeden Fall ein Roman den ich genossen habe, der viel Stoff zum Nachdenken (auch über mich selbst) gegeben hat und der einfach gut geschrieben ist.