Römer 16, 17-27: Gehorsam des Glaubens

Bei dem Text bin ich vor allem an dem Ausdruck „Gehorsam des Glaubens“ (V.26) hängen geblieben. Das ist in unsren Ohren eine eher ungewöhnliche Verbindung. Gehorsam klingt für uns eher einschränkend und entmündigend. Gehorsam weckt nicht unbedingt nur positive Assoziationen. Gehorsam klingt eher nach einer menschlichen Willensanstrengung oder nach etwas erzwungenem. Glaube dagegen verbinden wir eher mit etwas Befreiendem. Glaube verbinden wir mit Gefühlen oder mit einem innerlichen Überzeugtsein. Glaube kann man nicht von außen oder auch bei sich selbst erzwingen – Gehorsam schon.

Und doch wird hier beides verbunden: Glaube und Gehorsam. Damit wird nicht gesagt, dass beides das Gleiche ist. Es ergänzt sich eher gegenseitig. Der Schwerpunkt in diesem Ausdruck liegt für mich im Begriff Glauben. Aber die Ergänzung Gehorsam verdeutlicht, dass zum innerlichen Überzeugtsein des Glaubens auch der konkrete Gehorsam gegenüber Gott kommen muss. Glaube umfasst den ganzen Menschen und ist mehr als ein schönes Gefühl der Geborgenheit.

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Römer 16, 1-16: Netzwerkchristen

Erstaunlich lang ist die Grußliste des Römerbriefes. Vor allem wenn man bedenkt, dass Paulus die Gemeinde in Rom noch nie besucht hat. Aber er kennt von seinen Reisen sehr viele Christen, die inzwischen in Rom sind. Das zeigt zum einen, dass Paulus kein Einzelkämpfer war. Er hat mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammengearbeitet. An der Herzlichkeit seiner Grüße kann man ablesen, dass er mit diesen Christen eine gute Beziehung hat. Obwohl Paulus eine starke Führungspersönlichkeit hatte, war er doch bereit im Team zu arbeiten.

Zum anderen sehen wir hier, dass schon die ersten Gemeinden über ein Netzwerk von Beziehungen miteinander verbunden waren. Da hat sich nicht nur jede Gemeinde um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, sondern man wusste sich in Christus verbunden. Diese Verbindungen und Beziehungen auch über die eigene Gemeinde hinweg sind nicht nur ein netter Zusatz, sondern sie gehören zum Wesen von Gemeinde hinzu. Denn in Christus gehören wir alle zusammen und das muss auch über die Gemeindegrenzen hinweg sichtbar werden.

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Römer 15, 22-33: Gemeinschaft genießen

Mich hat bei diesem Abschnitt besonders angesprochen, dass Paulus sich auf die Gemeinschaft mit den Christen in Rom freut, weil er damit rechnet, dass er dadurch „erquickt“ wird (V.24). Die Elberfelder Bibel, die ja recht wörtlich übersetzt, spricht an dieser Stelle davon, dass Paulus die Christen in Rom „genießen“ will. Die Gute Nachricht übersetzt, dass Paulus sich an der Gemeinschaft „stärken“ will. Ja, so sollte christliche Gemeinschaft sein: dass wir es genießen können, dass wir dadurch erquickt und gestärkt werden.

Solche Erfahrungen hat sicher schon jeder Christ gemacht. Aber es gibt eben auch anderer Erfahrungen in der christlichen Gemeinschaft. Das ist nichts Neues, das war bei Paulus schon so. Vorsichtig deutet er in V.31 an, dass er hofft, dass sein Dienst den Heiligen (als den Christen) in Jerusalem willkommen sei. Da merken wir, dass es da wohl Spannungen gibt und die Beziehung nicht unbelastet ist. Wir brauchen uns da nichts vormachen, es wird immer beides geben: christliche Gemeinschaft, die uns stärkt und die wir gerne genießen, aber auch christliche Gemeinschaft, die belastet ist und nicht immer einfach ist.

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Römer 15, 14-21: Demut und Sendungsbewusstsein

Bei Paulus finden wir eine interessante Mischung zwischen Demut und Sendungsbewusstsein. Auf der einen Seite schreibt er demütig, dass die Christen in Rom selbst genügend Güte und Erkenntnis haben, um sich untereinander zu ermutigen (V.14). Sie brauchen die Worte des Paulus eigentlich gar nicht. Paulus nimmt sich nicht zu wichtig. Andererseits nimmt er von sich selbst in Anspruch, dass seine Worte keine Privatmeinung sind, sondern dass Christus durch ihn redet (V.18). Das klingt alles andere als bescheiden.

Um Christi Zeugen zu sein brauchen wir beides: Demut und Sendungsbewusstsein. Wir dürfen uns nicht zu wichtig nehmen, aber wir dürfen unsere Botschaft auch mit Mut und Gottvertrauen weitergeben. Die Demut betrifft uns selbst: Wir als Person sind nicht das entscheidende. Die Gewissheit betrifft unsere Botschaft: Sie ist vertrauenswürdig und muss nicht versteckt werden. Schwierig wird es, wenn wir zu sehr in eine Richtung tendieren. Manche Christen sind so demütig, dass sie den Mund nicht aufbekommen. Andere dagegen sind so gewiss, dass sie in der Gefahr stehen andere niederzuwalzen.

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Römer 15, 7-13: Eine unmögliche Möglichkeit

Paulus kommt hier zum Abschluss seiner Gedanken zu den Starken und Schwachen im Glauben. Er spricht hier von Juden(christen) und Heiden(christen), was darauf hindeuten könnte, dass die Spannungen zwischen Starken und Schwachen ihren Ursprung im Miteinander von Heidenchristen und Judenchristen hatten. Zugleich verweist Paulus damit an den Beginn seines Briefes in 1,16: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, welche Juden und Griechen (= Heiden) selig macht.

Diese grundsätzliche Aussage ist auch heute noch eine große Herausforderung für uns: Einander so annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Andererseits ist sie eigentlich selbstverständlich. Wie könnte jemand, der die Annahme Christi und die Kraft des Evangeliums selbst erlebt und erfahren hat, den Bruder oder die Schwester, die dasselbe erleben durften, nicht annehmen? Wie sollte jemand, der die Liebe Christi erfahren hat, sich weigern in dieser Liebe auch anderen zu begegnen? Eigentlich eine unmögliche Möglichkeit – und doch geschieht gerade das viel zu oft…

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Römer 15, 1-6: Die Schwachen tragen

Paulus positioniert sich inhaltlich ganz klar auf der Seite des Starken im Glauben. Deswegen ermahnt er gerade die Starken, dass sie die Schwachen im Glauben tragen sollen und nicht selbstgefällig werden sollen (V.1). Paulus versucht zu vermitteln. Nicht indem er seine inhaltliche Meinung ändert oder abschwächt, sondern indem er gerade diejenigen, die mit ihm übereinstimmen, zu einem respektvollen und liebevollen Umgang mit den anderen ermahnt. Wenn er inhaltlich mit den Schwachen einer Meinung wäre, würde er wahrscheinlich gerade die Schwachen ermahnen. Sein Ziel ist nicht, dass alle seine Meinung übernehmen, denn dann müsste er versuchen die andere Seite argumentativ von seiner Position zu überzeugen. Sein Ziel ist, dass wir trotz unterschiedlicher Meinung so miteinander umgehen, dass wir „einmütig mit einem Mund Gott“ (V.6) loben können.

Das zeugt von einer großen geistlichen Reife. Das zeugt von echter Demut. Dazu sind nicht viele in der Lage. Das wird wohl damals nicht anders gewesen sein als heute. Es schmerzt mich immer wieder, wenn ich sehe, dass es auch in heutigen Gemeinden „Rechthaber“ gibt, die ihre Meinung auf Kosten anderer durchsetzen wollen. Dabei geht es oft nicht einmal um unterschiedliche theologische Meinungen, sondern einfach um menschliche Unstimmigkeiten. Aber selbst da fehlt uns oft die Größe, so zu leben, dass wir die Schwachen tragen. All zu oft wollen wir lieber Recht haben und auf andere herab schauen.

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Römer 14, 13-23: Alles ist rein

Nun nimmt Paulus doch noch eindeutig zu den inhaltlichen Fragen der Meinungsverschiedenheiten in Rom. Er positioniert sich ganz klar auf der Seite derer, für die es keine Unterscheidung mehr gibt in reine und unreine Speisen. Aber noch immer betont er, dass es in dieser Sache nicht in erster Linie um Recht haben geht, sondern darum, in Liebe miteinander umzugehen. Unterschiedliche Meinungen in nicht so zentralen Glaubensfragen dürfen nicht dazu führen, Gottes Wirken unter uns – Gerechtigkeit, Friede, Freude – zu beschädigen. Selbst wenn ich mich von der Sache her im Recht fühle, ist es wichtiger mich um das zu bemühen, was dem Frieden dient und dem anderen hilft.

Sehr spannend finde ich in diesem Abschnitt, dass Paulus Sünde hier nicht durch eine klare inhaltliche Grenzziehung definiert, sondern dass er Sünde individuell vom Gewissen des Einzelnen abhängig macht. Sündig wird nicht der, der eine von Gott festgesetzte und unverrückbare Grenze übertritt, sondern sündig wird der, der etwas mit schlechtem Gewissen gegenüber Gott tut. Das ist ein gewaltiger Schritt! Sünde wird damit relativ! Was für den einen kein Problem ist, kann für den anderen schon Sünde sein. Das klingt fast schon postmodern. Soll doch jeder tun, was er will, solange er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Alles ist rein, solange ich es mit gutem Gewissen vor Gott verantworten kann.

Aber wie gesagt: Wichtiger als diese inhaltliche Stellungnahme des Paulus ist es, so zu handeln und leben, dass wir einander erbauen und dass mein Handeln der Liebe dient. Gerade wer unsere Freiheit in Christus erkannt hat, muss bereit sein, seine Freiheit um der Liebe willen auch einzuschränken.

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Römer 14, 1-12: Meinungsverschiedenheiten sind normal

Aus den Ausführungen des Paulus wird nicht eindeutig klar, warum manche in der Gemeinde in Rom kein Fleisch essen (V.2) oder bestimmte Tage für höher achten als andere (V.5). Auf jeden Fall gibt es Meinungsunterschiede, wie Glaube konkret gelebt werden soll. Und beide Seiten sehen sich im Recht und argumentieren von ihrer Glaubensüberzeugung her. Spannend ist, dass Paulus diesen Streit nicht durch eine klare theologische Stellungnahme klärt. Wenn es um Grundlagen des Glaubens geht, um den Kern des Evangeliums, dann war Paulus da ja bekanntlich nicht zimperlich, da kann man scharfe und deftige Worte von ihm hören. An dieser Stelle im Römerbrief kann man nun klar erkennen: Wenn es nicht um grundlegende Fragen des Glaubens geht, dann kann Paulus unterschiedliche Meinungen stehen lassen und akzeptieren.

Sein Anliegen an dieser Stelle ist nicht, dass alle in allen Glaubensdingen eine Meinung haben müssen. Wichtig ist ihm hier, dass Christen sich bei unterschiedlicher Meinung nicht gegenseitig verachten oder richten. In manchen Dingen muss ich es aushalten, dass andere eine andere Meinung haben und sie dennoch als Brüder und Schwestern achten und lieben.

Dabei geht es Paulus hier nicht um Beliebigkeit, so nach dem Motto: Jeder kann glauben was er will. Nein, jeder muss sich ernsthaft vor Gott fragen, ob er seine Meinung vor dem Herrn, der für uns gestorben und wieder lebendig geworden ist (V.9) verantworten kann. Jeder muss sich vor Gott prüfen, ob seine Meinung dem Geist Jesu Christi entspricht. Aber Paulus geht davon aus, dass auch bei ernsthafter theologischer Prüfung und ernsthafter Gewissensprüfung vor Gott wir Christen nicht in allen Dingen zu einer Meinung kommen. Das Richten darüber, wer nun im Recht ist, dürfen wir getrost Gott überlassen.

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Römer 13, 8-14: So einfach und doch so schwierig

Christliche Ethik ist so einfach. Es geht eigentlich nur um eine einzige Sache: Liebe! Wer seinen Nächsten liebt, wie sich selbst, erfüllt Gottes Gebote. Dafür braucht es keine große Gelehrsamkeit. Dafür braucht man keine theologischen Abhandlungen. Den Nächsten zu lieben, ist das Zentrum von Gottes Willen für uns. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Aber gerade dieses einfache Gebot ist in der Praxis so schwierig. Zunächst ist bei Paulus klar, dass es nicht um eine beliebige Wohlfühl- und Zuckergussliebe geht, sondern um eine Liebe, die sich in konkreten Taten äußert. Er entfaltet dieses einfache Gebot ja in seinen Briefen in vielen konkreten Ermahnungen. Und auch der Bezug zu den Geboten des Alten Testaments bleibt bestehen, weil die Liebe die Erfüllung dieser Gebote sein soll. Es geht um mehr als ein schönes Gefühl.

Das ist gerade die große Schwierigkeit: diese Liebe auch konkret zu leben. Ich sehe so oft, wie ich selbst und andere Christen an diesem einfachen Gebot scheitern. Da kann ich jahrzehntelang Christ sein und dennoch versage ich gerade an diesem grundlegenden Gebot immer wieder. Das bleibt tatsächlich eine Sache, in der wir ein Leben lang anderen etwas schuldig bleiben (V.8). Außerdem gehört zu diesem Gebot ja auch dazu, dass ich mich selbst lieben und akzeptieren kann. Ich fürchte viel Lieblosigkeit – auch unter Christen – hat gerade hier ihren Ursprung: Dass wir uns selbst nicht wirklich akzeptieren und lieben können. Wenn wir mit uns selbst im Krieg liegen, dann macht das unser Herz bitter, auch gegenüber unserem Nächsten und gegenüber Gott. Wer mit sich selbst im Reinen ist – auch mit seinen Schwächen und Fehlern – der kann auch mit den Schwächen und Fehlern anderer gelassener umgehen.

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Römer 13, 1-7: Christen und der Staat

Ziemlich unvermittelt greift Paulus hier ein großes Thema auf: Christen und staatliche Gewalt. Dieser Abschnitt wird theologisch heiß diskutiert und es gibt die unterschiedlichsten Meinungen dazu. Ich persönlich finde ihn schwierig. Vor allem die Absolutheit, mit der Paulus hier Aussagen über staatliche Obrigkeit macht: dass es keine (das ist eine absolute Aussage!) Obrigkeit gibt, die nicht von Gott eingesetzt ist und wir darum der Obrigkeit nicht widerstreben dürfen.

Es leuchtet mir ein, dass wir als Christen nach wie vor in dieser Welt leben und auch der politische Bereich eine Bedeutung für uns hat. Wir sind als Christen nicht aus dieser Welt herausgehoben, sondern wir leben in ihr und haben uns an die Regeln eines geordneten Miteinanders zu halten. Das ist sinnvoll, das ist gut. Aber dass Paulus von vornherein davon ausgeht, dass alle Obrigkeit von Gott so wie sie ist gewollt ist, das finde ich schwierig. Streng genommen führt das zu einem Fatalismus auch gegenüber Despoten und Unrechtsstaaten. Gerade wir Deutschen wissen, wie gefährlich es ist, von solch einem Automatismus auszugehen.

Im Gesamtzusammenhang der Bibel muss man klar sehen, dass es auch andere Stellen gibt. Die Obrigkeit führt nicht immer automatisch Gottes Willen aus. Es kann auch Situationen geben, in denen wir sagen müssen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29)

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