Richter 11 Ein bescheuertes Gelübde

Was für ein bescheuertes Gelübde! Und das von jemand, von dem ausdrücklich gesagt wird, dass der Geist Gottes auf ihn kam (V.29). Jeftah gelobt Gott das erste was ihm aus seinem Haus entgegen kommt zu opfern, wenn Gott ihm den Sieg gegen die Ammoniter schenkt. Jeftah siegt und zur Begrüßung kommt ihm seine Tochter, sein einziges Kind entgegen… Warum nicht einfach einen Stier opfern? Rechnet Jeftah gar nicht mit der Möglichkeit, dass ihm ein Mensch entgegenkommen könnte? Warum ist er an dieses Gelübde gebunden, obwohl es doch offensichtlich gegen Gottes Gebot verstößt (vgl. z.B. Deut. 12,31; Jer. 19,5)?

Ganze Hingabe und scheinbar eifriger Gehorsam gegenüber Gott schützt nicht vor Fehlern. So manches mal kann der Eifer für Gott auch übers Ziel hinaus schießen. Das heißt nicht, dass weniger Hingabe an Gott besser ist. Das heißt aber, dass selbst wenn ich mich vom Geist Gottes erfüllt fühle, ich mit meiner eigenen Fehlerhaftigkeit rechnen muss. Selbst wenn Gott mich gebraucht um feindliche Mächte zu schlagen, bleibe ich ein unvollkommener Mensch, der vielleicht gerade im frommen Eifer falsche Entscheidungen trifft.

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Richter 10 Schizophrene Gebete

Kommt mir irgendwie bekannt vor: Ein Großteil der deutschen Bevölkerung hat mit dem Gott der Bibel wenig am Hut. Man glaubt zwar schon irgendwie an etwas göttliches, es ist bei vielen eine gewisse religiöse Offenheit da – aber sich konkret auf den biblischen Gott oder eine verbindliche christliche Gemeinschaft einzulassen, das kommt für viele nicht in Frage.

Aber dann, wenn etwas Schreckliches passiert, schreien alle: „Gott, wo bist du? Wie konntest du nur so etwas zulassen?“ Das Richterbuch schreibt dazu passend: „Geht hin und schreit zu den Göttern, die ihr euch erwählt habt; lasst diese euch helfen zu der Zeit eurer Bedrängnis!“ (V.14) Wem im Alltag tausend andere Dinge wichtiger sind als Gott, der müsste konsequenterweise auch in der Not die Hilfe von tausend anderen Dingen erwarten und nicht von Gott…

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Richter 9 Mord und Totschlag

Ganz und gar nicht erbaulich dieses Kapitel. Da geht es nur um blutrünstige Machtkämpfe. Abimelech, ein Sohn von Gideon, erschlägt seine 70 Brüder, damit er das Sagen hat. Abimelech bekämpft noch weitere Widersacher, die ihm die Macht nehmen wollen, stirbt aber am Ende einen schmachvollen Tod: bei der Eroberung einer feindlichen Burg wirft ihm eine Frau einen Mühlstein auf den Kopf und um nicht von einer Frau umgebracht worden zu sein, bittet er seinen Waffenträger ihn zu erstechen.

Was soll ich daraus für mich und meinen alltäglichen Glauben lernen?!? Ich muss zunächst einmal feststellen, dass hier eine ganz andere Welt und Kultur beschrieben ist. Die Bibel ist mehr als ein frommes Erbauungsbuch, sie ist auch ein Geschichtsbuch. Aber ich kann ganz allgemein daraus lernen, dass Gott letztendlich das Böse bestrafen wird. „So vergalt Gott dem Abimelech das Böse, dass er seinem Vater angetan hatte, als er seine siebzig Brüder tötete.“ (V.56)

Dazu fällt mir auch ein Ausschnitt aus der Bergpredigt ein. Dort nimmt ein gewisser Jesus das alttestamentliche Gebot „Du sollst nicht töten“ auf und sagt, dass nicht nur derjenige des Gerichts schuldig ist, der buchstäblich tötet, sondern schon derjenige, der seinem Bruder zürnt oder ihn beleidigt (Mt. 5,21f).

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Richter 8 Ein Glaubensheld auf Achterbahnfahrt

Was für Extreme! In V.23 ist Gideon noch das große Vorbild im Glauben. Er lehnt es ab über die Israeliten zu herrschen und sagt demütig: „Ich will nicht Herrscher über euch sein, und mein Sohn soll auch nicht Herrscher über euch sein, sondern der Herr soll Herrscher über euch sein.“ Für ihn gibt es nur einen wahren Herrscher: Gott selbst. Doch schon in V.27 wird berichtet, dass auch Gideon auf Abwege geraten ist: Er hat sich aus dem erbeuteten Gold der Feinde eine Götterstatue machen lassen „und ganz Israel trieb dort mit ihm Abgötterei.“

Vom großen Helden zum Götzendiener! Wie nah liegen vorbildhafter Glaube und Scheitern doch oft zusammen! Es ist erschreckend, dass unser Herz so wankelmütig ist, dass wir Menschen uns so schnell aus der Bahn werfen lassen. Wir sollten uns nicht zu viel auf unsere eigene Glaubensstärke einbilden. Ohne Gottes Gnade und seinen Heiligen Geist sind wir schnell am Ende. Auch Glaubenshelden (und vielleicht sie in besonderer Weise) haben immer wieder die demütige Ausrichtung auf Gott nötig.

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Richter 7 Blinder Fanatismus oder sehendes Vertrauen?

Rein menschlich gesehen müsste man Gideon eigentlich als unverantwortlichen religiösen Fanatiker sehen. Er will mit seinem Heer gegen einen starken Gegner kämpfen. Aber anstatt alles menschenmögliche zu tun, um gegen die Midianiter eine Chance zu haben, reduziert er seine Soldaten von ursprünglich 32.000 auf nur 300! Wie soll das gut gehen?! Rein menschlich gesehen schickt er sie damit in den sicheren Tod.

Aber das Unmögliche geschieht: die 300 Soldaten vertreiben das ganz midianitische Heer! Und sie müssen dabei nicht einmal kämpfen, sondern nur lautstark in ihre Schofarhörner blasen, einige Krüge zerschmettern und ihre Fackeln halten. Gott selbst schafft bei den Feinden solch eine Verwirrung, dass sie Hals über Kopf flüchten (V.22). Es wird ganz deutlich: nicht Gideon und seine Soldaten haben hier gesiegt, sondern Gott!

Sollen wir also die Hände in den Schoß legen und allein Gott kämpfen lassen? Nein, Gideon hat ja durchaus etwas gewagt. Er musste seine Angst überwinden und sich der Gefahr stellen. Gott hat ihn gebraucht, ihn aber auch deutlich spüren lassen, dass es nicht auf menschliche Kraft ankommt.

Sollen wir also ohne jede menschliche Vernunft in jeden Abgrund springenund darauf vertrauen, dass Gott uns schon auffängt? Nein, Gideon hatte einen gesunden Respekt vor diesem Vorhaben und er hat es nur auf Gottes Zusage hin gewagt. Und diese Zusage wurde für ihn auch noch bestätigt, indem er hörte wie die Wachen der Midianiter von ihrer Furcht gegenüber den Israeliten sprachen (V.13f). Es gab also durchaus auch taktische Überlegungen, dass solch ein Überraschungsangriff einer kleinen Einheit nicht aussichtslos war.

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Richter 6 Das Vlies des Gideon

Das berühmte Vlies des Gideon. Um ganz sicher zu sein, dass er wirklich im Auftrag Gottes die Midianiter angreifen soll legt Gideon zwei mal über Nacht ein Wollflies aus. Beim ersten mal soll zur Bestätigung seines Auftrags das Vlies nass vom Tau sein und der Boden drumherum nicht. Beim zweiten mal soll es genau umgekehrt sein. Und Gott geht tatsächlich darauf ein: Gideon bekommt diese deutliche Bestätigung.

Können wir das heute noch so machen und von Gott bei Entscheidungen ein deutliches Zeichen verlangen? Ich denke im Prinzip ja – aber: In der Bibel wird die Forderung nach einem Zeichen auch durchaus kritisch gesehen. Die Pharisäer forderten z.B. von Jesus ein Zeichen, um seine Autorität zu beweisen. Jesus gab ihnen aber keine Beweise in die Hand, sondern forderte Umkehr, Glaube und Vertrauen. Auch seinen Jüngern hat er nicht empfohlen in schwierigen Situationen ein eindeutiges Zeichen zu verlangen. Viel wichtiger ist das schlichte Vertrauen auf Gott.

Auch bei Gideon muss man den Zusammenhang sehen: Er war sich eigentlich schon vorher seines Auftrages sicher. Ein Engel des Herrn hat mit ihm gesprochen (V.11), ja Gott selbst sprach mit ihm (V.23). Dieses Auslegen des Flieses war also eingebettet in ein Fragen und Hören auf Gottes Wort. Außderdem war es eine große Entscheidung, die nicht nur Auswirkungen für Gideon hatte, sondern auch viele andere Menschen betraf.

Gott will sicher nicht, dass wir wegen jeder Kleinigkeit nach einem eindeutigen Zeichen fragen. Er hat uns seinen Geist gegeben, er hat uns unseren Verstand gegeben. Aber ich bin sicher, dass Gott auch heute noch vielfältige Möglichkeiten hat, um uns in schwierigen Fragen den richtigen Weg zu zeigen…

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Richter 5 Feinde, Liebe und die Sonne

Fremdartig wirkt auf mich dieses Siegeslied der Debora. Gott wird gelobt für den militärischen Sieg und für den Tod der Feinde. Und ganz selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die politischen Feinde Israels auch die Feinde Gottes sind. Für uns modernen Menschen gibt es diese selbstverständliche Einheit von Politik und Religion nicht mehr. Wir haben zurecht ein ungutes Gefühl, wenn Gottes Macht mit Waffengewalt in Verbindung gebracht wird.

Am Ende des Liedes heißt es: „So sollen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“ (V.31) Mir ist dazu ein Abschnitt aus der Bergpredigt eingefallen: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt. 5,44f). Auffällig ist, dass sowohl in Richter 5,31 als auch in Mt. 5,44f dieselben Stichworte auftauchen: Feinde, Liebe und Sonne. Aber in völlig anderem Sinn und anderer Zuordnung. Ob das eine bewusste Anspielung von Jesus war?

Das Kennzeichen der Sonne Gottes, des Lichtes Gottes ist für Jesus nicht, dass man seine Feinde hasst und Gott liebt, sondern dass man über die Liebe zu Gott hinaus auch die Feinde liebt!

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Richter 4 Frauenpower

Erstaunlich in welch unbefangener Weise hier von Debora berichtet wird. Sie wird zum einen als Richterin bezeichnet, welche Gerichtsurteile über andere aussprechen durfte – sie ist also eine soziale und politische Führungsperson. Zum anderen ist sie eine Prophetin, hat also auch auf geistlich-religiösem Gebiet etwas zu sagen. In einer Gesellschaft, die ganz selbstverständlich vom Patriarchat bestimmt wird, scheint beides außergewöhnlich.

Aber hier im Text wird darum kein großes Aufheben gemacht. Sie ist einfach eine Person in der langen Reihe von Anführern in der Richterzeit – unabhängig vom Geschlecht. Aber noch eine andere Frau spielt in diesem Kapitel eine wichtige Rolle: die Keniterin Jael (V.17). Nicht Barak, der männliche und von Gott berufene Anführer des israelitischen Heeres besiegt den Feind, sondern Jael – eine Frau, und nicht einmal eine israelische Frau!

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Richter 3 Allzu menschlich

Wenn man das so im Rückblick und als komprimierte Zusammenfassung liest, dann erscheint das Verhalten der Israeliten geradezu grotesk. In der Zeit der Richter wenden sie sich immer wieder neu von Gott ab und beten andere Götter an. Und immer wieder machen sie dieselbe Erfahrung: wenn sie dann in Not geraten und zu Gott schreien, dann sendet er ihnen eine Retter, der ihnen aus der Not hilft und das Land hat für einige Jahre Ruhe. Bis dasselbe Spiel von vorne beginnt.

Irgendwie traurig, aber auch menschlich. Mir geht es ja selbst auch immer wieder ähnlich: Wie oft schon hab ich Gottes Wirken erlebt und tolle Glaubenserfahrungen gemacht. Und dann kommen Zeiten, in denen nichts besonderes geschieht oder, noch viel eher, in denen man sich an Gottes Segen gewöhnt und alles als selbstverständlich hinnimmt. Zeiten in denen andere Dinge so groß und wichtig erscheinen. Aber unweigerlich kommt irgendwann wieder die Not und wir schreien zu Gott um Hilfe. Was für ein Wunder, dass dieser Gott sich nicht schon längst die Ohren zugestopft hat, sondern dass er immer wieder hört und hilft! Gott sei Dank reagiert Gott göttlich und nicht menschlich!

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Richter 2 Die zweite Generation

Ja, das Problem der zweiten Generation. Die Generation nach Josua hat keine Wüstenerfahrung mehr, der Einzug ins verheißene Land liegt lange zurück, man hat sich an den status quo gewöhnt, die großen Glaubenserlebnisse der Väter kennt man nur noch aus der Erzählung. Nach der Generation um Josu kam „ein anderes Geschlecht auf, das den Herrn nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte. Da taten die Israeliten, was dem Herrn missfiel, und dienten den Baalen.“ (V.10f)

Das ist bis heute z.B. bei Gemeindegründungen zu beobachten. Die Gründergeneration startet mit großem Elan, Begeisterung und Hingabe. In der zweiten und dritten Generation diese Lebendigkeit zu erhalten, ist ungemein schwierig. Das Erreichte scheint so selbstverständlich und die Glaubenserfahrungen der Vorgänger können nicht so einfach zu eigenen Glaubenserfahrungen werden. Jede Generation muss neu zu Gott finden, muss ihren eigenen Weg mit Gott gehen. Tradition alleine reicht nicht, das kann schnell wegbrechen.

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