Henderson/Casper: Jim and Casper go to Church

Ein hochinteressantes Buch. Eine ungewöhnliche und spannende Idee steht dahinter. Der Pastor Jim Henderson besucht zusammen mit einem Atheisten verschiedene Gemeinden und die beiden schreiben darüber, wie sie den Gottesdienst empfanden.

Zunächst mal zum Stil: Das Buch ist sehr gut zu lesen. Es ist spannend und unterhaltsam – nicht zu trocken! Die Eindrücke von den verschiedenen Gottesdiensten sind ganz bewusst sehr subjektiv gehalten. Es geht nicht um eine absolute Bewertung der einzelnen Gemeinden, sondern um die subjektiven und ganz persönlichen Eindrücke der beiden Autoren. In gewisser Weise ist das Buch eine gute Ergänzung zu dem Buch „unchristian„. Dort ging es anhand von Umfragen darum, wie Nichtchristen in Amerika die Christen wahrnehmen. Hier geht es um ganz persönliche Eindrücke.

Was dem Buch Frische und Authentizität verschafft ist die Grundidee: Wie sieht ein kirchlicher Außenseiter die Kirche? Natürlich gibt es dazu viele Bücher und Untersuchungen dazu, aber meistens sind es dann eben die Christen, die das ganze auswerten und die anderen Christen dann erklären wollen wie ein Außenseiter die Kirche sieht. Hier kommt der Außenseiter selbst zu Wort!

Die beiden haben Gottesdienste der unterschiedlichsten amerikanischen Gemeinden besucht, von ganz klein bis riesig groß. Natürlich waren auch Rick Warrens Saddleback und Willow Creek darunter (und die kamen nicht unbedingt am besten weg…). Neben der anderen Sichtweise auf einen ganz normale Gottesdienst ist das Buch auch ein tolle Einführung in die wichtigsten amerikanischen Kirchen.

Zwei Punkte die mir persönlich von dem Buch am meisten hängen blieben: Authentizität und Glaube, der in der Tat konkret wird. Das sind Gedanken, die immer wieder bei Casper auftauchten. Ihn schreckte oft die übertriebene Show ab (gerade in den Mega-Gemeinden). Da wird mit viel Technik, Aufwand, Geld, gestylten Musikern und geschliffenen Predigten die Botschaft des armen und einfachen Predigers Jesu weitergegeben. Was Casper am meisten beeindruckte waren dagegen Gemeinden, die nicht nur über Nächstenliebe sprachen, sondern die das auch ganz konkret lebten.

Mich überkam aber auch manchmal ein ungutes Gefühl beim Lesen des Buches. Die beiden klingen manchmal sehr überheblich, wenn sie die unterschiedlichen Bereiche des Gottesdienstes „bewerten“. Dieses über andere urteilen kann schnell in eine falsche Richtung führen. Ich finde dass das bei den beiden nicht ungut abdriftet, aber ich kann mir vorstellen, dass mancher Leser sich durchaus ermutigt fühlt, im Urteilen über andere Kirchen, die ihm nicht so passen. Dazu passt, dass im Zuge des Buches eine Homepage eingerichtet wurde, auf der man unterschiedliche Gemeinden bewerten konnte – inzwischen ist diese Bewertung wieder geschlossen, weil es wohl viel unangemessene Beiträge gab (sowohl in Richtung Eigenerbung der eigenen Gemeinde als auch böses Herunterziehen anderer Gemeinden… 🙁 )

Aber trotzdem: ein sehr anregendes Buch, um auch mal den Blickwinkel auf die eigene Gemeinde zu erweitern.

Ian Morgan Cron: Chasing Francis

Ein Buch wie ein Überraschungsei: Gleich drei Wünsche auf einmal werden erfüllt. Rein von der äußeren Form und vom Rahmen her ist das Buch ein recht gut geschriebener Roman über einen Pastor, der auf der Suche ist, wie man Gemeinde und Glaube heute authentisch leben kann. Dann gibt das Buch einen kurzen Überblick in das Leben und Denken von Franziskus von Assisi. Und als drittens ist das ganze eine hervorragende Einführung in zentrale Gedanken der „emerging church“. Als Ergänzung gibt es dann sogar noch einen Studienteil, mit dem man sich noch weiter in das Thema einarbeiten kann… (Dieser Teil hat mich jetzt aber nicht so besonders angesprochen).

Mich hat das Buch sehr angesprochen. Alle drei Bereich deckt der Autor recht gut ab. Natürlich kann er in den gut 200 Seiten des Romanteils nicht groß in die Einzelheiten gehen. Aber gerade dieser unterhaltsam und spannend verpackte Einstieg zu Fransikus und Kirche in der Postmoderne ist anregende. Durch das aufeinander Bezug nehmen der beiden Themen gewinnen beide Seiten. Und die Romanform macht das ganze lebendiger und konkreter als eine trockene Abhandlung.

Natürlich merkt man dem ganzen Buch den amerikanischen Hintergrund an. Manche Kritik am evangelikalen Christentum erscheint im europäischen Kontext etwas überzogen. Aber auch wenn es bei uns keine solche Extreme gibt, wie im amerikanischen Zusammenhang, so gelten die Anfragen doch von der Richtung her auch für uns hier. Der Autor macht auf jeden deutlich, dass wir gerade in unserer heutigen Zeit einiges von Franziskus lernen können.

Vladimir Nabokov: Lolita

Puh! Geschafft! Das letzte Drittel musst ich mich richtig durchkämpfen. Weiß nicht so recht, was ich von dem Buch halten soll. Es ist ganz bestimmt kein „schönes“ Buch zum Entspannen. Ein Buch das mich teilweise abgestoßen, verärgert, verwirrt und nachdenklich gemacht hat.

Die Geschichte ist ja in den Grundzügen bekannt: Ein Mann verfällt den Reizen eines Mädchens (am Anfang des Buches erschreckende 12 Jahre jung). Die Hauptperson erzählt in der Ich-Perspektive, was das Buch ziemlich unheimlich und beklemmend macht, weil man die Geschichte aus der Perspektive eines Verbrechers liest. Unter dem Pseudonym Humbert Humbert erzählt er von seinem Leben, das in den Untergang geführt hat. Aufgrund einer unglücklichen Jugendliebe verfällt Humbert zunehmend den Reizen von jungen Mädchen. Um seiner auserkorenen Lolita nahe zu sein, heiratet er ihre Mutter. Diese stirbt jedoch bald darauf bei einem Unfall und Humbert zieht mit seiner „Tochter“ durch die Lande und durch die Hotelbetten. Humbert wird in seiner „Liebe“ und sexuellen Verfallenheit immer krankhafter und bringt am Ende einen vermeintlichen Nebenbuhler um.

Zunächst mal zum sprachlichen: Nabokov ist ein ganz Großer. Er ist ein fabelhafter Erzähler und er hat einen tollen Schreibstil. Gut zu lesen und doch nicht platt. Er kann mit Sprache umgehen und findet viele schöne Sprachbilder. Aber der Inhalt! Der liegt schwer im Magen. Man schaut in die Psyche eines zunehmend kranken Pädophilen. Man gewinnt an manchen Stellen ein gewisses Verständnis für ihn und findet ihn aber zugleich einfach nur schrecklich.

Was wohl Nabokov dazu  bewogen hat so ein Thema aufzugreifen? Und dazu noch aus der Ich-Perspektive, so dass kein Erzähler und keine andere Person einen korrigierenden Blickwinkel einnehmen kann! Wollte er bewusst provozieren? Wollte er die Faszination des Verbotenen darstellen?

Was auch immer er beabsichtigt hat: In dem Buch kann man einiges über Sünde lernen. Man kann sehen, welche Abgründe in uns Menschen stecken und wie schwer es ist, aus diesen Abgründen heraus zu kommen. Das dramatische ist ja, dass Humbert ganz genau weiß, dass sein Handeln falsch ist. Aber er schafft es nicht anders zu handeln. Und am Ende ist er so in seinem Wahn gefangen, dass er die Realität auch nicht mehr annähernd richtig wahrnehmen kann. Hat mich an Römer 7 erinnert: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Faix/Weißenborn: Zeitgeist. Kultur und Evangelium in der Postmoderne

BuchcoverAuf jeden Fall lohnenswert! Wer sich für Postmoderne, Emerging Church und die Frage, wie wir heute unseren Glauben leben und weitergeben können interessiert, der sollte sich das Buch anschauen. Es ist eine Sammlung von kurzen Aufsätzen von über 20 unterschiedlichen deutschen Autoren zu der Frage „inwieweit Kultur und Evangelium voneinander abhängig sind, sich beeinflussen und sich doch auch wieder unterscheiden müssen.“ (S.7)

Passend zur postmodernen Vielstimmigkeit in der Wahrnehmung der Welt, sind auch die Artikel aus recht unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweise geschrieben. Das ist gerade die Stärke des Buches: Es will keine systematische Einführung zur Emerging Church sein, sondern einen Einblick und Eindruck der Vielgestaltigkeit dieser Bewegung vermitteln. Und natürlich soll das Buch auch zum weiterdenken anregen. Klar ist, dass hier keine neutrale Darstellung erfolgt, sondern dass Befürworter der Emerging Church zur Sprache kommen. Kritische Töne liest man auch, aber nur vereinzelt. Ein gemeinsames Anliegen ist, dass wir auf dem Hintergrund der Postmoderne ganz neu überlegen müssen, wie sich die Wahrheit des Evangeliums in unserer Zeit erfassen und leben lässt.

Das Buch (und die Emerging Church Bewegung insgesamt) stößt aber nicht nur auf ungeteilte Zustimmung. Ron Kubsch hat sich in einer Rezension recht kritisch mit dem Buch auseinandergesetzt (v.a. der Stil der Rezension zog dann seinerseits wieder Kritik von Tobias Faix, einem der Herausgeber des Buches nach sich). Ein Kritikpunkt ist z.B. dass die Herausgeber mit einem Zitat zu Beginn des Buches auch Karl Barth für sich in Anspruch nehmen. Ich kann verstehen, dass Ron Kubsch das mit Befremden wahrnimmt, da doch gerade Karl Barth dafür eingetreten ist, dass wir das Evangelium eben nicht im Wechselspiel mit menschlicher Kultur verändern. Er war gegen jede Kontextualisierung und sprach sich dafür aus, dass Gott ganz anders ist und dass Gott „senkrecht von oben“ in unsere Welt kommt.

Kubsch kritisiert, dass die Emerging Church generell zu sehr auf den Zeitgeist eingeht und zu wenig betont, dass das Evangelium eben eine Gegenkultur zur menschlichen Kultur setzt (egal ob das jetzt moderne oder postmoderen Kultur ist). Damit hat er ja auch recht. Wir brauchen beides: Die Kontextualisierung aber auch die Erkenntnis, dass Gott noch einmal ganz anders ist, als wir das je erkennen können. Aber Kubsch übersieht in seiner Kritik, dass das Buch eben keinen systematischen Entwurf bieten möchte, sondern (wie vielleicht die gesamte Emerging Church) eine Gegenbewegung gegen eine zu starke Betonung des Barthschen „Ganz anders“ ist. Um das Pendel von einem Extrem wieder mehr in die Mitte zu bringen muss man nun mal das andere Extrem betonen. Wichtig ist, und da gebe ich Kubsch recht, dass man sich dabei nicht zu naiv und undifferenziert dem postmodernen Zeitgeist anpasst.

Karl Barth hat sich zurecht gegen eine Verwässerung des Evangeliums durch den Kulturprotestantismus gewehrt. Er die Gottheit Gottes wieder neu entdeckt. In gewisser Weise entdeckt die Emerging Church Wahrheitselemente des Kulturprotestantismus bzw. einer liberalen Theologie wieder. Man könnte sagen, sie entdeckt die Menschlichkeit Gottes wieder. In Jesus Christus war Gott eben nicht der ganz Andere, sondern er war der Gott zum anfassen, der Gott, der sich ganz auf die menschliche Kultur eingelassen hat, der sich radikal kontextualisiert hat, um die Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen.