Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Glavinic: Das größere WunderEndlich mal wieder ein Roman, der mich gefesselt hat und den ich regelrecht verschlungen habe. Nicht alles fand ich gelungen und so manche Fragen bleiben offen, aber wie sagt schon ein Protagonist des Buches: „Antworten werden überschätzt.“

Die Hauptperson des Buches ist Jonas. Er hat zu Beginn eine deprimierenden Kindheit. Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholabhängig, hat ständig wechselnde Freunde und kümmert sich kaum um Jonas und seinen behinderten Zwillingsbruder Mike. Doch auf märchenhafte Weise ändert sich das Leben der beiden schlagartig. Sie werden gewissermaßen adoptiert von Picco, einem unermesslich reichen älteren Mann, der mafiöse Züge zeigt, aber als Pate fortan über die Jonas und seinen Bruder wacht. Bei Picco wachsen die beiden zusammen mit Werner, dem Enkel von Picco auf. Thomas Glavinic: Das größere Wunder weiterlesen

Johannes 12, 1-11 Wahrer Reichtum

Die Geschichte ist mir schwer zugänglich. Jemand mit kostbarem Salböl die Füße zu salben ist ein Zeichen aus einer längst vergangenen und mir fremden Kultur. Dieses Zeichen und seine Bedeutung ist mir nicht mehr unmittelbar zugänglich und es ist schwer, sich vorzustellen, was die Menschen damals – auch emotional – damit verbunden haben. Den ganz profanen Einwand des Judas kann ich dagegen besser verstehen. Die Frage wie man Geld sinnvoll einsetzt, scheint damals wie heute dieselbe zu sein. Es ging dabei um viel Geld: umgerechnet der Jahreslohn eines Arbeiters.

In Zeiten knapper Kassen sind die Finanzen heute mehr als damals das am heißesten diskutierte und umkämpfte Thema in vielen Kirchen und Gemeinden. Ich erlebe es leider häufig, dass nie so leidenschaftlich und ausdauernd diskutiert wird, wie beim Thema Geld. Wenn wir auf anderen Gebieten genauso leidenschaftlich und ausdauernd wären, dann sähen unsere Gemeinden vielleicht anders aus. Die Tat Marias fordert mich auch heute noch heraus. Was ist mir Jesus wert und wie zeige ich das? Was für ein innerer Reichtum muss das sein, wenn jemand so viel Geld ausgibt, um seine Liebe zu Jesus zu zeigen? Was die Geschichte für mich auch deutlich macht ist, dass es letztendlich nicht um Geld geht, sondern dass unser wahrer Reichtum die Hingabe an Jesus ist.

| Bibeltext |

Lukas 21, 1-4 Reichtum, mitten in der Armut

Die arme Witwe gibt trotz ihrem Mangel großzügig. Wir tun uns trotz unserem Reichtum schwer mit dem abgeben. Wie reich wir hier in Deutschland sind, wurde mir gestern Abend wieder deutlich. Im Fernsehen kam eine Reportage über einen englischen Taxifahrer, der für einige Monate in Mumbai, der größten Stadt Indien, arbeitete. Er wurde eingewiesen von einem indischen Taxifahrer, der ihm auch in seinen eigenen Alltag und in sein Leben Einblick gegeben hat.

Es ist für uns unvorstellbar, in welcher Armut ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Der indische Taxifahrer war noch recht gut dran: er hat eine Arbeit, er kann für sich und seine Familie sorgen (und sorgt sogar für die verwitwete Schwester seiner Frau und ihre vier Kinder). Sie wohnen zu neunt in einer winzigen Wohnung. Der Taxifahrer ist täglich stundenlang im Verkehrschaos von Mumbai unterwegs und verdient doch lächerlich wenig. Wie gesagt: ihm geht es noch relativ gut, in der Reportage tauchten auch andere Personen auf, die buchstäblich jeden Tag ums überleben kämpfen müssen.

Die bewegendste Szene fand ich, als der indische Taxifahrer dem Engländer sein Miettaxi präsentierte: Der Inder hatte, um ihm eine Freude zu machen, auf der Rückscheibe den Namen des Engländers aufgeklebt. Dem reichen Westeuropäer kamen die Tränen. Er wusste, dass sein neuer Freund um jeden Cent zu kämpfen hat. Und trotzdem hat er Geld für Klebebuchstaben ausgegeben…

Was für ein Reichtum, mitten in der Armut. Ähnlich ist es bei der Witwe aus Lukas 21: Was für ein Reichtum, mitten in der Armut.

| Bibeltext |

Lukas 19, 1-10

Eigentlich ist diese Geschichte auch eine Heilungsgeschichte. Der Geheilte war aber nicht körperlich krank oder auf sonstige Weise äußerlich hilfsbedürftig. Aber er hatte eine andere Krankheit: Reichtum und Gier. Er ist ein Verlorener, der von Jesus gesucht und gefunden wird (V.10).

Aus irgendeinem Grund will er unbedingt Jesus sehen. War es reine Neugierde? Oder hat er tief in sich gespürt, dass er Heilung brauchte und dieser Jesus ihm vielleicht helfen kann? Jesus nimmt ihn wahr und sucht die Begegnung. So wie er keine Scheu vor den Kranken und Aussätzingen hatte, so hat er auch keine Scheu vor den Reichen. Durch die Begegnung mit Jesus wir Zachäus geheilt. Er kann seinen Reichtum loslassen. Er wird befreit von dem Dämon Mammon, der ihn besessen hat. Und Jesus stellt fest: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ (V.9)

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Lukas 6, 17-26 Weh uns!?

Vor einiger Zeit habe ich mit jemand gesprochen (bzw. er hat mehr mit mir gesprochen ;)), der überzeugt war, dass es in Deutschland so wenige Christen gibt, weil es uns zu gut geht. Wir sind zu reich und satt, wir leiden nicht unter Verfolgung. Mir war es etwas unwohl bei diesen Aussagen. Denn was ist die Konsequenz daraus? Sollen wir um Armut, Hunger und Verfolgung bitten, damit mehr Menschen zu Jesus finden?

Bei der Feldpredigt in Lukas macht nun Jesus ähnliche Aussagen: Selig sind die Armen und Hungrigen und diejenigen, die um Jesu willen gehasst werden. Den Reichen, Satten und nicht Verfolgten dagegen gilt Jesu Weheruf. Na toll! Dann hab ich ja schlechte Karten bei Jesus! Im weltweiten Durchschnitt gesehen bin ich reich, ich bin satt und ich brauche mich nicht vor Verfolgung fürchten…

Soll ich diese Seligpreisungen und Weherufe geistlich umdeuten – so wie es Matthäus macht? Bei Matthäus spricht Jesus nämlich von den geistlich Armen und denen, die nach Gerechtigkeit hungern. Oder sollte ich um so dankbarer sein, dass ich trotz Wohlstand und Freiheit zum Glauben kommen durfte?

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Hesekiel 28 Der Maßstab aller Dinge

Bemerkenswert: dem Herrscher von Tyrus wird nicht vorgeworfen, dass er andere Götter anbetet, sondern, dass er sich selbst zum Gott macht. Sein Stolz und seine Überheblichkeit wird ihm vorgeworfen. Sein Erfolg und Reichtum steigt ihm zu Kopf und er hält sich selbst für göttlich. Das ist im Grunde die eine große Ursünde der Menschen: sie halten sich selbst für Gott.

Das sollte jedem Menschen klar sein, auch wenn es ihm nicht gesagt wird: Es gibt da etwas, das größer ist als ich. Ich bin nicht der Maßstab aller Dinge, es gibt eine Macht, die stärker ist als ich. Ich glaube, dass diese Ahnung in jedem Menschen drin steckt. Woher sollten sonst all die religiösen Vorstellungen und Ideen kommen, die es in der Menschheitsgeschichte gibt?

| Bibeltext |

Hesekiel 27 Globalisierung in der Antike

In diesem Klagelied über Tyrus wird eindrucksvoll der Reichtum der Handelsstadt geschildert (übrigens spannend, dass Hesekiel über den Feind ein Klagelied anstimmt!). Tyrus war wohl ein zentraler Umschlagsplatz für Waren, die über das Meer aus dem gesamten Mittelmeerraum und über das Land aus dem gesamten palätstinisch-syrisch-arabischen Gebiet kamen. Beeindruckend fand ich, welch Fülle von welch Fülle von Handelspartnern und Handelswaren hier aufgezählt werden. Da ging ganz schön was ab!

Man denkt immer in antiken Zeiten lebten die Menschen in ihrer kleinen, heilen Welt – aber dieser Text zeigt, dass es schon damals ähnliche Globalisierungstendenzen gab wie heute – nur auf einem etwas begrenzterem Gebiet und nicht in unserem heutigen Tempo. Schon damals wussten die Politiker und Wirtschaftsbosse in Tyrus die Macht des Marktes zu ihren eigenen Gunsten einzusetzen. Schon damals regierte das Geld und die Waffen. Aber damals wie heute macht uns die Bibel deutlich, dass wirtschaftliche und auch politische Macht nicht bleibend ist…

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Epheser 2, 8-13 Der unausforschliche Reichtum Christi

Paulus wirft in diesem Abschnitt ganz schön mit Superlativen um sich: Er spricht nicht nur vom Reichtum Christi, sondern vom unausforschlichen Reichtum Christi, nicht nur von einem verborgenen Ratschluss, sondern von einem geheimen Ratschluss, der von Ewigkeit her verborgen war, nicht nur der Weisheit Gottes, sondern von der mannigfaltigen Weisheit Gottes.

Das ist umso erstaunlicher, wenn man von den Umständen hört, in denen Paulus sich befindet. In 3,1 bezeichnet er sich als Gefangener, in 3,13 spricht er von Bedrängnissen. Aber vielleicht wird ihm ja gerade in der eigenen Not die Größe und Herrlichkeit Gottes umso bewusster? Vielleicht ist es ein Trugschluss, wenn wir heute manchmal meinen, die Größe und Herrlichkeit Gottes müsste sich so zeigen, dass es auch uns großartig und herrlich geht. Ich glaube es ist tatsächlich so, dass Leute die Schweres durchmachen, einen klareren Blick für den „unausforschlichen Reichtum Christi“ haben können. Nämlich dann, wenn sie nicht über ihr eigenes Unglück jammern, sondern wenn sie auf Gott schauen.

| Bibeltext |

Kohelet 8, 1-17 Radikaler Realismus

Kohelet ist radikal nüchtern und realistisch. Er schaut sich auf der Welt um und sieht: „Es gibt Gerechte, denen geht es, als hätten sie Werke der Gottlosen getan, und es gibt Gottlose, denen geht es, als hätten sie Werke der Gerechten getan.“ (V.14) Das ist selbst einem nüchtern Menschen wie mir zu extrem. Natürlich hat er recht: Das sehen wir ja bis heute, dass es den Gottlosen oft besser geht als den Gläubigen.

Aber: Ist das die Regel, dass es den Gottlosen besser geht? Und was heißt das überhaupt, dass es dem Gerechten gut gehen soll? Schaut der Prediger da nicht etwas zu einseitig auf irdisches Ansehen, Reichtum und Gesundheit? Ich habe keine großen irdischen Reichtümer und es ist auch nicht so dass ich körperlich völlig gesund und ohne Probleme bin. Aber trotzdem erlebe ich mich von Gott gesegnet, gerade auch in Zeiten der Krankheit. Ich weiß nicht, ob ich als Nichtchrist so gelassen mit meinem Gehirntumor umgehen hätte können. Ich darf Gemeinschaftserfahrungen machen, die ich als Nichtchrist niemals in ähnlicher Weise hätte machen können. Ich habe eine Ahnung von Gottes Liebe und Herrlichkeit in meinem Herzen, die ich gegen kein Geld der Welt umtauschen möchte.

Ja, rein äußerlich betrachtet, geht es den Gottlosen oft besser als vielen Christen. Und es gibt genügend Christen, die leiden und am Leben verzweifeln. Aber ich erlebe bei mir selbst und bei anderen, dass sich Christen auch in Schmerzen, Leid und Problemen von Gott reich beschenkt wissen. Gott gibt mir Halt, auch wenn es mir mal nicht so gut geht – auch das ist radikaler Realismus.

| Bibeltext |

J.M.G. Le Clézio: Der Goldsucher

Auf der Buchrückseite steht etwas von „wilden Abenteuern“ – die wird man in dem Buch vergeblich suchen. Es ist kein wildes Buch, mit viel Action und wilden Kampfgeschehen. Und auch unter einem „Abenteuerroman“ stellt man sich etwas anderes vor. Es ist ein ruhiges, gemächliches Buch mit vielen genauen und ausufernden Naturbeschreibungen. Es geschieht rein äußerlich gesehen, seitenweise gar nicht viel. Und es geht letztendlich auch gar nicht um eine Suche nach richtigem „Gold“.

Erzählt wird die Geschichte von Alexis. Er wächst auf der Insel Mauritius auf und träumt nach dem frühen Tod seines Vaters davon, einen legendären Piratenschatz zu finden, den sein Vater auf einer Insel im indischen Ozean vermutete. Es wird seine Familiengeschichte beschrieben, seine Reise zu der Insel, seine Suche nach dem Schatz (den er letztendlich nicht findet), seine Liebe zu einer schönen Eingeborenen (die letztendlich auch keine Erfüllung findet) und eine etwas deplatziert wirkende Zwischenepisode als Soldat im ersten Weltkrieg.

Es geht Le Clézio nicht um das Abenteuer oder das Gold, es geht nicht um einen spannenden und fesselnden Abenteuerroman, sondern es geht um die Suche (nach sich selbst, nach Erfüllung, nach der Verwirklichung seiner Träume oder dem Enttarnen seiner Träume…). Es geht ihm um die Auseinandersetzung zwischen europäischer Zivilisation und ursprünglicher Naturverbundenheit. Immer wieder klingt das Motiv des „edlen Wilden“ an, der den wahren Wert und Sinn des Lebens viel besser erkannt hat, als der auf Macht und Reichtum fixierte Europäer. Letztendlich ist die Geschichte des Helden eine Entwicklungsgeschichte, in der er lernt, dass der Goldschatz gar nicht so wichtig ist.

Was findet er am Ende? Eigentlich nur das, was er schon von Kindheit an gehört hat und was sein Herz höher schlagen ließ: Das Rauschen des Meeres.

Kein Buch von dem ich ganz unmittelbar begeistert und gefesselt bin. Es hat seine Längen, man muss sich durchkämpfen, der Schreibstil ist teilweise etwas ausufernd und kompliziert. Aber trotzdem hat der Stil und auch die Geschichte eine gewisse Magie, die einen bezaubert, die einen hinein nimmt in eine fremde Welt. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvolleres liest und es dabei schätzt, dass trotzdem noch einen Geschichte erzählt wird (wenn auch auf etwas schleppende Weise) und der sich auch von manchmal etwas langen Natur- und Seefahrerbeschreibungen abschrecken lässt, für den ist es das richtige Buch.

Ich hab es nach dem Lesen erst einmal etwas unzufrieden (auch über den Schluss) aus der Hand gelegt. Aber nachdem sich das Buch gesetzt hat und ich ein bisschen darüber nachgedacht habe, finde ich den Roman gar nicht so schlecht: er hat seinen Zauber, seinen Reiz, er regt zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte an.

Zitate:

„Bedürfen sie [die Seevögel] des Goldes, der Reichtümer? Ihnen genügen der Wind, der Morgenhimmel, das Meer, das von Fischen strotzt, und die Felsen, die aus ihm emporragen, ihrem einzigen Schutz vor den Unwettern.“ (S.221)

„Das Gold ist nichts wert, man muß keine Angst vor ihm haben, es ist wie die Skorpione, die nur den stechen, der Angst hat.“ (S.273)

„Mir scheint, mit dem Tod meines Vaters habe ich begonnen, rückwärts zu schreiten, einem Vergessen entgegen, das ich nicht akzeptieren kann, das mich für immer von dem entfernt, was meine Kraft war, meine Jugend. Die Schätze sind unerreichbar, unwirklich. Sie sind das ‚Narrengold‘, das die schwarzen Goldsucher mir bei meiner Ankunft in Port Mathurin gezeigt haben.“ (S.365)