Johannes 10, 22-30 Wenn Gott schweigt

Das steht hier so selbstverständlich und klingt so einfach und klar: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“ (V.27) Aber mir geht es zumindest so, dass es alles andere als selbstverständlich und klar ist, dass ich Jesu Stimme höre. Eigentlich müsste man ja meinen, je länger man zur Herde dazu gehört, desto besser müsste man die Stimme des Hirten hören und erkennen. Mir geht es – zumindest zur Zeit – eher anders herum: je länger ich Christ bin, desto schwerer fällt es mir, wirklich die Stimme Jesu aus dem Lärm dieser Welt und aus dem Lärm in meinem Inneren heraus zu hören.

In der jugendlichen Glaubensbegeisterung scheint alles so klar und einfach zu sein. Jesus ist der gute Hirte und wir folgen ihm nach. Aber im Lauf des Lebens als Christ, werden wir immer wieder auch mit der Verborgenheit Gottes konfrontiert. Wir merken, dass auch ein Leben als Christ oft kompliziert und so manches mal enttäuschend ist. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen Gott schweigt. Manche wollen sich das nicht eingestehen und klammern sich an eine bestimmte Rechtgläubigkeit, oder an schöne religiöse Gefühle, oder spielen sich und anderen eine heile Welt vor. Andere distanzieren sich mit der Zeit innerlich von Gott und der Schritt zum Glaubensverlust ist dann nicht mehr weit.

Das ist für jeden eine Herausforderung: Wie kann ich treu bleiben, wenn ich die Stimme des Hirten gerade nicht höre? Mein Trost ist: „Niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (V.28).

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Sacharja 2, 1-9 Das Eigentliche

Erstaunlich wie nüchtern und knapp Sacharja von diesen himmlichen Visionen berichtet. Als ob es das selbstverständlichste der Welt sei, dass Engel mit ihm reden. Er beschreibt gar nicht genauer, wie wir uns die Engel ausgesehen haben und wie wir uns seine Vision vorzustellen haben. Wenn so etwas heute passieren würde, dann würde wahrscheinlich ein riesiger Hype daraus entstehen. Sacharja berichtet von acht Visionen. Eine einzige davon würde heute ausreichen, um das ganze auch kommerziell gut auszuschlachten.

Sacharja könnte in christlichen Fernsehshows auftreten und davon erzählen, wie die Engel aussehen und wie es im Himmel ist. Er könnte ein Buch über seine Erfahrungen schreiben, welches dann sicher zum Bestseller würde. Dann könnte er nach einiger Zeit ein zweites Buch nachschieben, um die Erfolgswelle weiter auszunützen. Er könnte Vorträge halten und Seminare geben: „Sieben Schritte auf dem Weg zum Propheten“.

Aber Sacharja geht es nicht um das Drumherum. Das ist für ihn völlig nebensächlich. Wichtig ist nur, was Gott zu sagen hat. Ich fürchte bei uns heute, geht es oft sehr viel mehr um das spektakuläre Drumherum, als um das Eigentliche…

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1. Thessalonicher 2, 13-20 Wort Gottes

Die Thessalonicher sind durch Gottes Wort zum Glauben gekommen. Aber was genau Gottes Wort ist, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Paulus hat den Thessalonichern gepredigt, er nennt es „das Wort der göttlichen Predigt“(V.13). Es ist klar: Da hat nicht Gott direkt und auf irdisch hörbare Weise vom Himmel her gepredigt, sondern Paulus hat mit seinen Worten zu den Zuhörern gesprochen. Aber er hat nicht seine Privatmeinung erzählt, sondern das Evangelium – deswegen nennt er seine Worte „göttliche“ Predigt. Es sind nicht seine eigenen Ideen und Meinungen, sondern Gottes Botschaft.

Das alleine macht aber aus einer Predigt noch kein Wort Gottes. Entscheidend ist, dass die Thessalonicher diese Worte „nicht als Menschenwort aufgenommen“ haben, „sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort“ (V.13). Also ist die Predigt einerseits in Wahrheit Gottes Wort, aber die Zuhörer können es auch als normales Menschenwort verstehen und aufnehmen. Das ist erstaunlich differenziert. Auf der einen Seite ist die Predigt des Evangeliums ganz klar Gottes Wort, auf der anderen Seite ist das nicht von sich aus offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes auch verschließen und es als Menschenwort hören. Der Buchstabe allein ist doppeldeutig, erst durch das richtige hören wird daraus Gottes wirkmächtiges Wort.

Ähnlich ist es ja mit der Bibel, die ja nichts anderes ist als ein Reden Gottes in Menschenworten. Sie ist einerseits ganz klar Gottes Wort – Gott will hier zu uns Menschen reden. Aber das ist nicht offensichtlich. Man kann sich diesem Wort Gottes verschließen und es auch als ganz normales Menschenwort lesen. Liegt es dann an der Offenheit und der Bereitschaft des Zuhörers, ob aus Menschenwort Gottes Wort wird? Oder ist das reine Gnade und reines Geschenk? Warum hört der eine in der Predigt oder in der Bibel Gottes Stimme und der andere nicht? Das Reden Gottes bleibt ein Geheimnis, das wir nicht so einfach definieren und in der Hand haben können.

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Exodus 13, 17-22 Wegweisung

Ein spannender kleiner Abschnitt. Gott lässt die Israeliten nicht den schnellsten Weg ins verheißene Land gehen, sondern er führt sie einen Umweg durch die Wüste. Entlang der Mittelmeerküste wäre eigentlich der direkte Weg von Ägypten nach Kanaan. Aber dieses Gebiet ist dicht besiedelt, Kämpfe wären da wohl vorprogrammiert (V.17). Deshalb der weitere und wenig einladend klingende Weg durch die Wüste.

Schön ist, wie Gott führt: Er zieht vor ihnen her – am Tag in einer Wolkensäule, in der Nacht in einer Feuersäule. Er ist nicht sichtbar und greifbar dar, er verbirgt sich hinter Wolken und Feuer. Und doch macht er sich bemerkbar und gibt die Richtung vor. Ich wünsche mir, dass ich die Wolken und das Feuer in meinem Leben nicht übersehe, sondern dass ich Gottes Wegweisung darin erkennen kann. Ich wünsche mir, dass ich nicht immer gleich den schnellsten und scheinbar bequemsten Weg gehe, sondern auf Gottes Wegweisung höre.

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Jeremia 13, 1-11 Seltsame Aufträge

Gott hat manchmal schon seltsame Ideen. Jeremia bekommt von Gott den Auftrag einen leinenen Gürtel zu kaufen. Warum wird nicht gesagt – und Jeremia fragt auch nicht nach, er tut es einfach. Dann bekommt er irgendwann den zweiten Auftrag: Er soll diesen Gürtel an einem Fluss (im Text wird der Euphrat genannt, aber das ist sicher eine Anspielung auf die spätere Gefangenschaft in Babylon) in einer Felsspalte verstecken. Und dann passiert lange Zeit gar nichts. Erst sehr viel später sagt Gott ihm, dass er den Gürtel holen soll. Der ist natürlich halb verrottet und zu nichts mehr zu gebrauchen. Dann erst kommt die Pointe: So wie diesem Gürtel wird es auch dem Volk gehen, wenn sie nicht auf Gottes Worte hören.

Ich weiß ja nicht, wie deutlich Jeremia die Worte Gottes gehört hat. War es mehr eine innere Stimme, ein „Eindruck“, oder waren es richtige Worte, die er gehört hat? Ist auch egal, er muss sich auf jeden Fall sicher gewesen sein, dass es von Gott kommt. Wenn ich mir das für mich selbst vorstelle: Gott spricht (auf welche Weise auch immer) zu mir: Kauf dir einen Gürtel. Und dann sagt er, dass ich diesen Gürtel irgendwo verstecken soll. Ich glaube ich würde zehnmal eher damit rechnen, dass ich durchgeknallt bin und dass ich Halluzinationen habe, als dass da wirklich Gott zu mir gesprochen hat. Wenn Gott spricht, dann geht’s doch normalerweise nicht um solch komischen und alltäglichen Sachen, wie der Kauf von Kleidungsstücken! Erst im Nachhinein und weil Jeremia gehorsam war, hat sich heraus gestellt, wofür das gut war. Vertrauen lohnt sich – auch wenn uns Gottes Wege manchmal sehr seltsam vorkommen.
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Jeremia 1, 11-16 Das Erwachen des Mandelbaums

Und wieder „geschieht“ das Wort des Herrn zu Jeremia. Interessanterweise geschieht es so, dass er etwas sieht: Einen Mandelbaumzweig und einen siedenden Kessel. Vielleicht wird hier ein bisschen was deutlich von der Art, auf der Gott zu Menschen sprechen kann. Ich glaube nicht, dass Jeremia einfach eine Stimme vom Himmel gehört hat. Hier an dieser Stelle sieht er etwas (sei es materiell vor sich oder sei es als Vision) und durch diese Gegenstände wird ihm eine Botschaft von Gott deutlich.

Zweig des MandelbaumsDer Zweig des Mandelbaums steht dafür, dass Gott nicht schläft, sondern dass er bereit ist einzugreifen. Im hebräischen handelt es sich hier um ein Wortspiel: Mandelbaum (schaked) und „wachend sein“ (schoked) hören sich fast gleich an. Deshalb hat Luther den Mandelbaum als „erwachenden Baum“ übersetzt. Außerdem ist der Mandelbaum der erste Baum, der nach dem Winter blüht und es scheint, als ob er im Winter gar nicht geschlafen hat.

Der siedende Kessel, der von Norden her überkocht, steht für die feindliche Bedrohung Judas von Norden her. Zur Zeit Jeremias war zwar die Stärke der alten Großmacht Assyrien vergangen (die Assyrer hatten noch 722 v.Chr. für den Untergang des Nordreiches Israel gesorgt). Aber inzwischen waren die Babylonier die starke Großmacht im Norden. Und die Babylonier standen den Assyrern in punkto Grausamkeit und Expansionsgelüsten in nichts nach. Diese Bedrohung aus dem Norden spielt für das gesamte Jeremiabuch eine große Rolle. Aber nicht so sehr weil Jeremia politische Weisheiten verbreiten will, sondern gerade weil Jeremia dazu auffordert nicht auf politische Bündnispolitik zu vertrauen, sondern auf Gott.

Mir gefällt vor allem das Bild vom Mandelbaum. Es ist Winter, die Bäume sind kahl und scheinen gar kein Leben mehr in sich zu haben. Als erstes fängt der Mandelbaum an zu blühen. Er zeigt, dass gegen allen Augenschein die Natur lebt. Die Bäume werden erwachen, sie werden grünen und blühen. Auch wenn es für uns manchmal nicht so aussieht: Gott lebt, er ist da und seine Worte werden zur richtigen Zeit grünen und blühen.
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Foto: flickr.com | Victor Nuno

Psalm 29 – Gottes Donnerstimme

BlitzSeltsamer Psalm. Es tauchen hier so manche Vorstellungen aus der kanaanäischen Umwelt Israels auf: In V.1 wird wörtlich von Göttersöhnen gesprochen (Luther übersetzte mit „Himmlische“ andere übersetzen mit „Engel“) und die Beschreibung der gewaltigen Stimme Gottes erinnert den Gewittergott, der von anderen Völkern gefürchtet und verehrt wurde. Psalm 29 nimmt das alles auf und macht daraus ein Loblied auf den einzig wahren Gott. Die anderen Götter werden zu Dienern degradiert und wenn es blitzt und donnert, dann kann dahinter nur Gott selbst stehen und nicht ein anderer Gewittergott.

So mancher evangelikale Christ hätte heute wahrscheinlich große Probleme damit, solche fremdreligiöse Vorstellungen einfach so auf den eigenen Gott zu übertragen und sie in den eigenen Glauben einzubauen. Da würden sofort die Alarmglocken schrillen und man würde die reine, biblische Lehre von Gott in Gefahr sehen… 😉

Was mich selbst aber bei diesem Psalm berührt, ist die betonte und großartige Beschreibung von Gottes Stimme. Wir hatten hier heute Nacht ein ziemliches Gewitter und einmal wurde ich durch einen durchdringend lauten Donnerschlag aus dem Tiefschlaf gerissen. Das war so gewaltig, dass die Fenster gewackelt haben (naja, unsere Fenster sind nicht mehr die allerneuesten… 😉 ). „Der Gott der Ehre donnert, der Herr, über großen Wassern. Die Stimme des Herrn ergeht mit Macht, die Stimme des Herrn ergeht herrlich.“ (V.3b-4) Ja, er ist nicht nur der liebe Kuschel-Gott, er ist gewaltig, herrlich, mächtig und manchmal erschreckend furchteinflössend. Er ist nicht nur im leisen Säuseln des Windhauches, er spricht auch im gewaltigen Donnern und Blitzen.
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Bildquelle: pixelio.de | saguarofan

Le Clezio: Wüste – Das Reden des Geheimnisvollen

Lese gerade das Buch „Wüste“ von J.M.G. Le Clezio (dem Literatur-Nobelpreisträger von 2008). Wenn ich damit fertig bin dazu mehr. Doch jetzt schon mal eine Stelle, die mir sehr gefallen hat. Die Hauptperson, das Mädchen Lalla, lebt in einer Armensiedlung am Rand der Wüste. Oft geht sie allein in die Wüste und hat dort manchmal eine mystische Begegnung mit einer menschenähnlichen Gestalt. Sie nennt ihn „Es Ser“, den Geheimnisvollen. Das hat, soweit ich das beurteilen kann, nichts mit unserem christlichen Gott zu tun, aber die Beschreibung dieses geheimnisvollen Wesens ist wundervoll und erinnert mich in manchem an den Gott der Bibel, der auch geheimnisvoll ist und der auch auf recht seltsame Weise zu uns Menschen spricht. Manchmal in Träumen, manchmal als innere Stimme, manchmal in einer Sprache, die wir nicht verstehen und doch verstehen, manchmal in einem brennenden Dornbusch und manchmal im Windhauch, der nach dem Sturm leise und sanft säuselt.

Er spricht nicht. Das heißt, er spricht nicht dieselbe Sprache wie die Menschen. Aber Lalla hört seine Stimme in sich, und er sagt in seiner Sprache sehr schöne Dinge, die sie tief in ihrem Innern verwirren und sie erschauern lassen. Vielleicht spricht er mit dem leichten Geräusch des Windes, der aus den Tiefen des Alls kommt, oder mit der Stille nach dem Windhauch. Vielleicht spricht er mit den Worten des Lichts, mit den Worten, die in Funkengarben auf den Steinklingen explodieren, den Worten des Sandes, den Worten der Steine, die in harte Körner zerfallen, spricht auch mit den Worten der Skorpione und der Schlangen, die ihre feinen Spuren im Staub hinterlassen. Er versteht es, mit all diesen Worten zu sprechen, und sein Blick hüpft von einem Stein zum anderen, flink wie ein Tier, springt mit einem Satz bis zum Horizont, steigt geradewegs in den Himmel und schwebt höher als die Vögel.“ (S.92)

Matthäus 2, 13-15 – Traumhaft

Erstaunlich wie oft auf den ersten Seiten des Neuen Testaments Gott durch einen Traum redet. Und erstaunlich wie bereitwillig und eifrig Maria und Josef diesen Träumen folgen. Ich das noch nie so erlebt, dass Gott deutlich zu mir im Traum spricht. Aber trotzdem weiß ich, dass das auch heute noch geschehen kann.

Erst vor kurzem habe ich mit einer Frau gesprochen, die etwas total abgefahrenes erzählte. Ähnlich abgefahren wie bei Maria und Josef damals. Sie hatte einen Traum. Und zwar träumte sie von einem Brautkleid. Am Morgen danach hat sie ihrer Tochter (aus einer geschiedenen Ehe) davon erzählt und beide haben über den Traum herzlich gelacht. Einige Zeit später hat sie in einem Diakonieladen ein Brautkleid gesehen – und es war genau das Brautkleid aus dem Traum! Sie hat das Kleid dann nicht gekauft, weil zu der Zeit noch nicht einmal eine feste Beziehung mit einem Mann da war. Eine Freundin hat ihr dann das Kleid gekauft und geschenkt. Der passende Mann kam dann auch noch dazu… Und inzwischen planen die beiden zu heiraten.

Vielleicht sollte ich versuchen, mich mehr an meine Träume zu erinnern…

Jesaja 42 – Gott im Kreissaal

Jesaja kündigt einen Knecht Gottes, einen Auserwählten an, der Gottes Volk befreien wird, der die Gefangenschaft der Israeliten in Babylon beenden wird (bis heute rätseln die Theologen, wer damit eigentlich gemeint ist: Das Volk Israel selbst als Knecht Gottes? Der Prophet, der diese Botschaft weiter gibt? Der Perserkönig Kyros, der Babylonien besiegen wird? Der Zukünftige Messias?… Schön, dass manches in der Bibel auch rätselhaft und undurchschaubar bleibt!!!)

Krass in diesem Kapitel fand ich vor allem V.14: „Ich schwieg wohl eine Zeit lang, war still und hielt an mich. Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende, ich will laut rufen und schreien.“ Das sagt nicht der Prophet über sich selbst, sondern das Gott selbst durch den Propheten. Gott schafft etwas ganz Neues. Neues Leben! Und er schreit laut, wie eine Gebärende kurz vor der Geburt. Wenn’s nicht in der Bibel stehen würde, würd ich sagen: So kann man doch nicht von Gott reden! Da gibt’s doch bessere Bilder. Aber es steht drin! Gott leidet, schreit und kämpft, um neues Leben zu schenken. Sein Reden ist nicht nur ein sanfter Windhauch, es ist auch es ist auch ein markerschütterndes Schreien, ein Himmel und Erde bewegendes Schreien und Brüllen.

„Ja Herr, brüll auch in meinem Leben! Schenk etwas Neues, mach die Finsternis zum Licht (Jes.42,16), zerschlage den Knoten in meinem Herzen und in meinem Kopf!!!“