Römer 13, 1-7: Christen und der Staat

Ziemlich unvermittelt greift Paulus hier ein großes Thema auf: Christen und staatliche Gewalt. Dieser Abschnitt wird theologisch heiß diskutiert und es gibt die unterschiedlichsten Meinungen dazu. Ich persönlich finde ihn schwierig. Vor allem die Absolutheit, mit der Paulus hier Aussagen über staatliche Obrigkeit macht: dass es keine (das ist eine absolute Aussage!) Obrigkeit gibt, die nicht von Gott eingesetzt ist und wir darum der Obrigkeit nicht widerstreben dürfen.

Es leuchtet mir ein, dass wir als Christen nach wie vor in dieser Welt leben und auch der politische Bereich eine Bedeutung für uns hat. Wir sind als Christen nicht aus dieser Welt herausgehoben, sondern wir leben in ihr und haben uns an die Regeln eines geordneten Miteinanders zu halten. Das ist sinnvoll, das ist gut. Aber dass Paulus von vornherein davon ausgeht, dass alle Obrigkeit von Gott so wie sie ist gewollt ist, das finde ich schwierig. Streng genommen führt das zu einem Fatalismus auch gegenüber Despoten und Unrechtsstaaten. Gerade wir Deutschen wissen, wie gefährlich es ist, von solch einem Automatismus auszugehen.

Im Gesamtzusammenhang der Bibel muss man klar sehen, dass es auch andere Stellen gibt. Die Obrigkeit führt nicht immer automatisch Gottes Willen aus. Es kann auch Situationen geben, in denen wir sagen müssen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29)

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Lukas 11, 37-52 Kern und Schale

Ganz schön hart, wie Jesus hier die Pharisäer und Schriftgelehrte kritisiert. Da kann man verstehen, dass viele von ihnen nicht gut auf Jesus zu sprechen waren. Ich frag mich bei diesem Text, wer heute die Pharisäer und Schriftgelehrten sein könnten? Die Pharisäer waren Laien, denen der Glaube und die Bibel besonders am Herz lagen. In ihren Reihen gab es auch viele Schriftgelehrte, also Menschen, die sich besonders intensiv mit der Bibel auseinandersetzten. Wenn dir also der Glaube und die Bibel wichtig ist – so wie mir – dann stehst du wie ich in der Gefahr zum Pharisäer zu werden!

Jesus kritisiert hier nicht die Lehren der Pharisäer, sondern ihr Tun und ihre innere Einstellung. Das Richtige lehren und das Richtige tun sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Er kritisiert auch eine falsche Schwerpunktsetzung. Die Pharisäer sind so mit der Oberfläche ihres Glaubens beschäftigt, dass sie den Kern gar nicht mehr sehen. In V.42 kritisiert er z.B. dass die Pharisäer sich im Kleinsten genau an den Zehnten halten, aber im Großen am Recht und der Liebe vorbei gehen. Damit will er nicht sagen, dass wir keinen Zehnten geben sollen. Nein, er betont: „Dies sollte man tun und jenes nicht lassen.“ Beides ist gut und richtig – aber die äußerliche Gebotserfüllung darf nie zum Kern des Glaubens werden.

Wichtig ist auch für uns heute zu unterscheiden, was der Kern unseres Glaubens ist und was Auswirkungen unseres Glaubens sind. Der Kern ist für Jesus das Recht und die Liebe. Wenn das nicht mehr stimmt, dann bringen auch an sich richtige äußerliche Zeichen unseres Glaubens nicht viel. Wenn der Kern verfault ist, dann bringt auch eine schöne Schale nicht viel.

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Exodus 23, 1-19 Gegen den Strom

In diesem Abschnitt geht es um rechtliche Dinge, Sabbat und Opferfeste. Ein Vers hat mich besonders angesprochen: „Du sollst der Menge nicht auf dem Weg zum Bösen folgen.“ (V.2) Ja, es ist so einfach und bequem, mit der Masse zu schreien. Es ist so anstrengend gegen den Strom zu schwimmen. Das ist eine ständige und bleibenden Herausforderung für uns Christen.

Aber der Maßstab dabei ist nicht die Menge, sondern das Recht: Was meiner Überzeugung nach die Wahrheit ist – dafür soll ich einstehen. Egal was die Menge sagt. Man muss nicht aus dem „gegen den Strom schwimmen“ ein Prinzip machen. So manche sind ja grundsätzlich gegen alles: Wenn zehn Personen nach links gehen, dann geht man aus Prinzip nach rechts. Wenn die Mehrheit sich einig ist, dann ist man aus Prinzip dagegen.

Es geht nicht um ein Prinzip des dagegen Seins, sondern um die Frage nach dem Guten und Bösen. Wir sollen den Weg des Guten gehen, auch wenn er eng ist und wenige ihn gehen. Vielleicht liegt das Gute ja auch manchmal flussabwärts…

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Exodus 22 Was soll die Erbsenzählerei?!

Schon seltsam: eigentlich sollte man ja meinen, dass das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ alles geklärt ist. Jetzt in diesem Kapitel folgen einige Bestimmungen, wie man mit Diebstahl umgehen soll. In welchem Fall muss der Dieb wie viel ersetzen, was geschieht wenn er es nicht ersetzen kann, was geschieht, wenn er beim Diebstahl erwischt wird und verletzt wird (und dabei wird noch unterschieden ob es dabei Tag oder Nacht ist!)…

Was soll die ganze Erbsenzählerei?! Die Sache ist doch klar! Du sollst nicht stehlen! Fertig! Aus! Da gibt es eigentlich nichts zu erklären und da muss man sich eigentlich keine Gedanken über alle möglichen Eventualitäten und Umstände machen. Die Bibel tut es aber!

Ich glaube es ist beides auch nötig: Das klare, einfache und unmissverständliche Gebot: „Du sollst nicht stehlen!“ (In der Theologie: apodiktisches Recht) Aber auch der realistische Blick auf unser Miteinander: Es wird eben doch gestohlen! Wie gehen wir dann konkret mit unserem Versagen um? (in der Theologie: kasuistisches Recht) Bei manchen Christen begegnet einem nur diese absolute und simple Forderung: Du sollst! Jegliche Ausdifferenzierung wird schon als Ungehorsam verschrieen! Bei anderen findet man das andere Extrem: da wird vor lauter Ausdifferenzierung der Wille Gottes gar nicht mehr deutlich. Wie so oft: Beides ist wichtig und wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen.

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Exodus 21 Auge um Auge

Manches in diesem Kapitel erscheint mir fremd. Das sind Rechtssätze aus einer anderen Zeit und anderen Kultur. Niemand den ich kenne würde z.B. ernsthaft auf die Idee kommen, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen (vgl. V.7 – wobei das auch heute in anderen Kulturen noch normal ist). Die konkreten Gebote der Bibel kritisieren nicht die damalige Kultur des Sklavenhandels, aber sie ordnen die damalige Kultur mit bestimmten Grundsätzen.

Einer dieser Grundsätze ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn,…“ (V.24). Dieser Grundsatz gilt von der Bedeutung her bis heute in unserem Rechtssystem. Es ist der Grundsatz der angemessenen Strafe: Die Schwere der Strafe muss dem Gewicht des Vergehens angemessen sein, sie darf nicht zu leicht und nicht zu schwer sein. Jemand der einen Kaugummi geklaut hat muss anders bestraft werden, als jemand der einen Mord begangen hat. Ob dieses Auge um Auge damals wörtlich ausgeführt wurde ist umstritten. Verse wie V.18f und V.26f deuten eher auf eine übertragene Bedeutung hin. Dieses Gebot verhindert eine hemmungslose Rachsucht, sie beschränkt die Bestrafung auf ein angemessenes Maß. So fremd und veraltet sind also die Grundsätze hinter diesen Geboten gar nicht.

Nun hat ja Jesus bekanntlich dieses Gebot in Frage gestellt (Mt.5,38-42). Wen uns jemand Böses tut, so sollen wir uns nicht wehren, sondern im Gegenteil: wenn uns jemand auf die linke Backe schlägt, sollen wir ihm auch noch die rechte hinhalten! Was gilt nun als Christ? Auge um Auge? Oder soll ich die andere Backe hinhalten?

Ich denke es ist wichtig, den Hintergrund der Aussagen mit ein zu beziehen. In Exodus geht es um allgemeine Rechtssätze für das Zusammenleben. Hier muss es gewisse Grundsätze geben, wie eine Gemeinschaft mit Menschen umgeht, die andere schädigen. Jesus spricht den Menschen persönlich an: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand Böses tut? Poche ich auf mein Recht oder verzichte ich bewusst darauf, um dem anderen etwas von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes deutlich zu machen? In dieser Spannung leben wir: Wo ist es nötig, dem Bösen Einhalt zu gebieten und wo ist es nötig, das Böse durch Gutes zu überwinden?

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Psalm 94 – Fragen und Anfragen

Erstaunlich, wie oft in den Psalmen immer wieder neben das Lob und die Vertrauensäußerungen die Fragen und Anfragen an Gott treten. Auch in diesem Psalm fragt der Beter Gott, warum er es zulässt, dass in seinem Volk das Recht von irgendwelchen habgierigen und hochnäsigen Machtmenschen mit Füßen getreten wird. Interessanterweise macht der Beter das Unrecht vor allem an der ungerechten Behandlung von Witwen, Fremdlingen und Waisen fest: Nicht erst Jesus hat sich um die Schwächsten der Schwachen gekümmert, sondern schon der an manchen Stellen sehr despotisch und willkürlich erscheinende Gott des Alten Testaments hatte ein Herz für die Schwachen und Ausgestoßenen.

Ich möchte gern bei dieser „offenen“ Sicht Gottes bleiben. Er hat sich in Jesus geoffenbart, er hat in Jesus sein tiefstes Wesen gezeigt. Und doch haben wir Gott nicht in der Tasche. Auch mit Jesus bleibt meine Gotteserkenntnis Stückwerk. Auch mit Jesus treten bei mir neben das Lob und das Vertrauen auch die Fragen und Anfragen. Es gibt so manches, was ich nicht verstehe… Aber trotz mancher Fragen geht’s mir so wie dem Psalmbeter: Dass ich auch in den Fragen und Tiefpunkten erlebe, dass Gott da ist, dass er hält und tröstet (V.18-19).
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Psalm 26 – Selbstjustiz?

„Ich wasche meine Hände in Unschuld…“ (V.6) Ja, das kann ja jeder sagen! Bei diesem Ausdruck (der wohl schon damals sprichwörtlich war!?) kommt bei mir schnell die Vermutung hoch: Der tut doch nur so! Wer ist schon wirklich unschuldig? Und schnell denk ich an Pilatus, der sich mit der Geste des Händewaschens nur auf billige Weise von seinem schlechten Gewissen befreien wollte.

Aber bei dem Beter von diesem Psalm war es wohl wirklich so, dass er – zumindest in der Sache in der er angeklagt wurde – unschuldig war. Was tun, wenn man zu unrecht angeklagt wird? Zur Selbstjustiz greifen? Auf eine gerechte Rechtssprechung vertrauen? Oder, so wie es der Psalmschreiber tut, einfach nur zu Gott beten?

Ich war noch nie vor Gericht angeklagt, aber bei jedem von uns ist es doch immer wieder so, dass wir uns von anderen ungerecht behandelt fühlen. Was tun? Selbstjustiz – sich selbst wehren und dem anderen eins auswischen? Oder einfach auf Gott vertrauen, dass er uns Recht verschafft? Wie ist das, wenn z.B. jemand hinter meinem Rücken über mich herzieht? Soll ich auch anfangen schlecht über ihn zu reden? Wie ist das, wenn mir jemand nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die ich mir wünsche? Soll ich ihn in Zukunft einfach nicht beachten und ihn beleidigt links liegen lassen? Oder soll ich einfach nur beten: „Herr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!“ (V.1)
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