Shane Claiborne: Ich muss verrückt sein, so zu leben

Ein Buch zum an die Wand schmeißen und zum ans Herz drücken. Ein Buch zum Verzweifeln und begeistert jubeln. Ein Buch zum Kopf-schütteln und zum Freudesprünge machen. Ein Buch das einem die Zuversicht nimmt und das neue Hoffnung weckt. — Beide Richtungen stecken für mich in diesem Buch. An vielen Stellen war ich begeistert über Shanes humorvolle und doch knallharte Abrechnung mit unserm bürgerlichen, angepassten und bequemen Glauben in unserer westlichen Wohlstandswelt. Shane entdeckt wieder ganz neu, dass Jesus ein Radikaler war, ein Mensch der an der Wurzel unserer Existenz ansetzt, der etwas grundsätzlich anderes will und der alle menschliche Religion in ihrer Beschränktheit entlarvt. Aber zugleich macht mich das Buch auch ein wenig rat- und mutlos: Wie viele (bzw. wie wenige) Christen gibt es wohl, die „verrückt“ genug sind um ihren Glauben in einer ähnlichen Radikalität und Konsequenz leben zu können wir Shane? Ich gebe ehrlich zu: Ich gehöre nicht dazu. Ich gehe viel zu viele Kompromisse und Halbheiten ein…

In gewisser Weise könnte man sagen, dass dieses Buch ein praktisches Beispiel dafür ist, wie man bestimmte Impulse aus dem Buch unchristian von Kinaman und Lyons in die Praxis umsetzen kann. Shane ist ein Christ, der kein Heuchler ist, keiner der nur über Nächstenliebe redet, sondern er lebt die Nächstenliebe so konsequent und kompromisslos wie möglich. Das macht ihn so glaubhaft und beeindruckend. Wenn alle Christen auch nur annähernd so konsequent die Botschaft der Liebe leben würden, könnte uns niemand mehr vorwerfen, dass wir Heuchler seien, und viele würden ganz neues Interesse am christlichen Glauben zeigen.

In dem Buch deckt Shane gekonnt unsere verweichlichte Art das Evangelium zu leben auf. Er berichtet von der christlichen Jugendarbeit, die er selbst erlebt hat und bei der man v.a. versuchte durch immer tollere Events und immer ausgefallenere Freizeitangebote die Jugendlichen in die Kirche zu locken. Er vergleicht unser geistliches Leben mit der Bulimie: Wir stopfen uns voll mit Andachten, Predigten, christlichen Büchern, christlichen Filmen usw. und erbrechen diese Information dann wieder über Freunde, Kleingruppen und Pastoren – und bei all dem verhungern wir eigentlich geistlich, weil wir diese ganze Information nicht wirklich ins Leben umsetzen (S.38). Das sind drastische Vergleiche – die aber durchaus zutreffend sind.

Shane kritisiert auch unseren Umgang mit der Bibel: Wir studieren mehr den christlichen Glauben, anstatt ihn zu leben. Einen Verbündeten hat Shane dabei in S.Kierkegaard gefunden. Folgendes Zitat von Kierkegaard führt er an: „Die Bibel ist sehr leicht zu begreifen. Doch wir Christen… tun so, als ob wir unfähig seien, sie zu verstehen. Wissen wir doch sehr genau, dass wir von dem Augenblick an, in dem wir sie verstehen, entsprechend handeln müssen. [Wenn wir die Worte der Bibel ernst nehmen würden, dann müssten wir erkennen:] Wenn ich das tue, wird mein Leben in Trümmern liegen… Das Studium des christlichen Glaubens ist die wunderbare Erfindung der Kirche, mit Hilfe derer sie sich gegen die Bibel wehrt, um sicherzustellen, dass wir weiter gute Christenmenschen sein können, ohne dass uns die Bibel zu nahe kommt.“ (S.69f)

Aber Shane redet nicht nur über das was schief läuft, sondern er handelt auch. Er versucht konsequent zu sein. Zum Beispiel dadurch, dass er zu den Obdachlosen und Ausgestoßenen geht, sich mit ihnen anfreundet und ihnen konkret hilft. Zum Beispiel dadurch, dass er nicht nur Artikel gegen den Irak-Krieg geschrieben hat, sondern dass er während des Krieges dorthin geflogen ist, um dort bei Hilfsangeboten mit zu arbeiten. Zum Beispiel dadurch, dass er mit Mutter Theresa in Kalkutta den Ärmsten der Armen die Leprawunden gesäubert und verbunden hat. Zum Beispiel dadurch, dass er sich auch auf politischer Ebene gegen die Ausbeutung von Arbeitern in der dritten Welt einsetzt (welche zu einem Hungerlohn und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, damit unserere Güter schön billig produziert werden können). Zum Beispiel dadurch, dass er christliche Lebensgemeinschaften bildet, in denen nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde, Besitz nicht nach Leistung, sondern nach Bedürftigkeit verteilt wird.

Shane wünscht sich eine sanfte Revolution des Christentums. Er wünscht sich mehr Christen, die konsequent ihren Glauben leben. Er wünscht sich, dass der Glaube der Bibel sich unwiderstehlich ausbreitet, wie Senfkraut sich im Garten ausbreitet. Er bringt den „Glauben wie ein Senfkorn“ in Verbindung mit der unkrautartigen Verbreitung des Senfkorns, das langsam aber sicher einen Garten erobern kann. Es geht also nicht um einen äußeren Umsturz, sondern um eine innere Durchdringung und Radikalisierung (im Sinne von: zurück zu den Wurzeln) des Christentums.

Wie gesagt: Diese Gedanken begeistern mich und zugleich macht mich das Buch auch mutlos und deprimiert. Wenn man sich nur eine ganz normale deutsche Gemeinde oder christliche Gruppierung mit all ihren Problemchen und Streitigkeiten anschaut – dann muss man ernüchtert feststellen: Das wird nie was! Vielleicht gibt es vereinzelt ein paar Verrückte, die stark genug sind so radikal zu leben. Aber die große Mehrheit (einschließlich mir selbst) wird gar nicht den Mut, den Ehrgeiz, das Vertrauen und die Stärke haben, solch einen radikalen Glauben zu leben. Sind das dann Christen zweiter Klasse? Mitläufer, die eigentlich gar nicht richtig dazu gehören?

Die einzig sichtbare Auswirkung des Buches bei mir war bis jetzt, dass ich beim letzten Einkauf im Supermarkt nach Produkten aus fairem Handel gesucht habe. Außer einer Packung grünen Tee hab ich nichts brauchbares gefunden… Immerhin etwas 🙂 – aber doch meilenweit weg von einer sanften, unaufhaltsamen und weltverändernden Revolution… 🙁

1. Korinther 4, 6-13 – Verrückte Christen

Paulus wehrt sich gegen die Überheblichkeit und „Aufgeblasenheit“ der Korinther. Sie wähnen sich scheinbar schon am Ziel, sie denken sie herrschen jetzt schon mit Chritus. Paulus stellt diesem Wunsch- und Zerrbild eines Lebens als Christ schonungslos seine Realität als Nachfolger des Gekreuzigten gegenüber: „Wir sind Narren um Christi willen“, wir sind schwach, verachtet, leiden Hunger, Durst und Blöße, werden geschlagen, haben keine feste Bleibe, wir werden verfolgt, geschmäht und verlästert. Kurz gesagt: „Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehrricht.“ – Wir sind in den Augen der Welt der letzte Dreck.

Da bleibt nicht viel übrig von unserem schön zusammen gezimmerten Wohlfühl- und Mittelstandsevangelium. Da wird deutlich, wie weichgespült unsere Botschaft und vor allem unser Leben als Christ ist. Meins zumindest! Von dieser Radikalität und Hingabe bin ich meilenweit entfernt. Ich hab angefangen das Buch „Ich muss verrückt sein, so zu leben. Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe“ von Shane Claiborne zu lesen. Shane macht genau das deutlich: Wie sehr wir westlichen Christen die Radikalität des gelebten Evangeliums verharmlosen und verleugnen. Wir rennen von Event zu Event, von Dienstleistung zu Dienstleistung, um uns einen besonderen christlichen Kick zu besorgen. Wir leben ein Evagelium der Pop-Kultur. Und wir kommen gar nicht auf die Idee um Christi willen Narren zu sein.