Römer 7, 1-6: Dem Gesetz gestorben

Paulus liebt zugespitzte Formulierungen und Gegenüberstellungen. Er ist nicht nur in seinem Leben radikal in seiner Hingabe an Jesus, sondern auch in seinem Denken. Wenn man will, kann man seine Worte leicht verdrehen, indem man sie aus dem Kontext reist oder sie einfach etwas umdeutet. Dem Gesetz gestorben könnte ja auch bedeuten, dass wir als Christen völlig frei sind von allen Forderungen Gottes. Wenn wir frei von Gottes Geboten sind, dann haben sie keine Geltung mehr für uns und wir müssen uns nicht an ihnen ausrichten.

Dem Gesetz gestorben bedeutet für Paulus aber nicht nicht, dass wir nicht nach dem Willen Gottes fragen. Im Gegenteil, wer frei vom Gesetz des Buchstaben ist, der kann in ganz neuer Weise im Geist nach dem Willen Gottes fragen. Das Ziel ist nicht die Gesetzlosigkeit und die Beliebigkeit, sondern das Ziel ist nach wie vor, dass „wir Gott Frucht bringen“ (V.4). Aber eben nicht mehr in einem Buchstabengehorsam, sondern im „Wesen des Geistes“ (V.6).

Das lässt sich theologisch leicht so schreiben. Meine grosse Schwierigkeit ist, wie das dann in der Praxis aussieht. Da ist es eben nicht immer so einfach und offensichtlich. Da ist es oft bequemer sich an einige klare christliche Regeln zu halten, als immer wieder neu zu fragen, was denn der Wille Gottes ist. Vor allem dann, wenn es in konkreten Fragen unterschiedliche Meinungen gibt, was denn der Wille Gottes ist.

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Apostelgeschichte 13, 42-52 Scheidung und Entscheidung

Die Predigt des Paulus führt unter den Zuhörern zur Scheidung und Entscheidung. Seine Worte provozieren. Sie provozieren „die Juden“ (V.45) zum Widerspruch und führen „die Heiden“ (V.48) zum Glauben. Bei einer ganz normalen Predigt am Sonntagmorgen hier in Deutschland geschieht weder das eine noch das andere. Als Prediger der Gnade Gottes müssen wir nicht Angst vor Verfolgung und Ausweisung (V.50) haben. Aber es ist auch nicht so, dass durch unsere Predigten massenweise Menschen zum Glauben kommen.

Woran liegt das? Predigen wir nicht provozierend genug? Oder sind die Menschen heute gleichgültiger (man könnte auch sagen: toleranter)? Manche Prediger setzen auf radikalere Botschaften, um zu provozieren. Aber was war denn bei Paulus für die Zuhörer provokant? Für die jüdischen Synagogenbesucher war es unerhört, dass ein Mensch allein durch Glauben vor Gott gerecht werden soll ohne das Gesetz des Mose zu befolgen. Wenn ich das heute predige dann nicken die Menschen entweder (weil sie das ja schon so oft gehört haben und weil heutzutage niemand mehr durch Werkgerechtigkeit meint sich erlösen zu müssen) oder sie sagen: „Ist mir doch egal – Gott interessiert mich nicht!“

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Lukas 9, 57-62 Wie radikal muss Nachfolge sein

Wie radikal muss Nachfolge sein? Ist nur der ein echter Nachfolger, der als obdachloser Wanderprediger durch die Lande zieht? Darf man als Nachfolger an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen? Muss man seine Familie verlassen ohne Abschied zu nehmen? Wie radikal und wie grundsätzlich hat Jesus diese Verse gemeint?

Diese Aussagen sind auf jeden Fall herausfordernd. Aber wenn wir das Neue Testament anschauen, dann können wir feststellen, dass Jesus solch radikalen Forderungen keineswegs an alle gestellt hat. Es gab Jünger und Jüngerinnen, die in ihrer Heimat und ihrem Haus geblieben sind und Jesus gerade auf diese Weise mit Unterkunft und Verpflegung unterstützt haben. Auch die ersten Christen haben Jesus nicht so verstanden, dass sie alle alles aufgegeben haben und ohne festen Wohnsitz durch die Lande gezogen sind.

Trotzdem machen diese Verse deutlich, was für eine radikale (radikal bedeutet wörtlich: an die Wurzel gehend) Angelegenheit die Nachfolge ist. Das kann sich in einer äußerlichen Radikalität zeigen, so dass manche Christen um des Glaubens willen allen irdischen Besitz aufgeben. Viel wichtiger ist jedoch eine innere Radikalität, in der wir unser Leben ganz auf Jesus ausrichten. Es gibt ja auch weltliche Aussteiger, die alles aufgeben – aber allein diese äußerliche Radikalität macht sie noch lange nicht zu Nachfolgern Jesu…

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Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben

Bonhoeffer zu lesen ist immer wieder faszinierend und herausfordernd. So auch dieses Büchlein über das gemeinsame Leben von Christen. Bonhoeffer hat die ca. 100 Seiten im Herbst 1938 geschrieben. Das Predigerseminar in Finkenwalde, welches er geleitet hatte, wurde 1937 von den Nazis geschlossen. Dort hatte er mit den angehenden Pfarrern ganz konkret gemeinsames Leben gestaltet. In dem Buch möchte Bonhoeffer seine Gedanken und Erfahrungen nun auf andere Weise weitergeben.

Im ersten Kapitel geht es allgemein um christliche Gemeinschaft. Bonhoeffer betont die Wichtigkeit von Gemeinschaft und dass es gar nicht selbstverständlich ist, dass wir Christen Gemeinschaft leben können. Gemeinschaft ist vor allem anderen ein Geschenk. Zwei Grundgedanken des Kapitels sind folgende: „Erstens, christliche Bruderschaft ist kein Ideal, sondern eine göttliche Wirklichkeit. Zweitens, christliche Bruderschaft ist eine pneumatische und nicht eine psychische Wirklichkeit.“ (S. 22) Gemeinschaft ist kein Ideal, das wir durch unsere Bemühungen erreichen müssen, sondern es ist von Gott vorgegebene Realität: wer zu Christus gehört, der gehört damit zum Leib Christi und ist damit automatisch Teil der christlichen Gemeinschaft (ob er es will oder nicht). Wichtig ist aber, dass diese Gemeinschaft nicht auf menschlichen Möglichkeiten (Sympathie, Zuneigung, Gefühlen, …) beruht, sondern es ist eine geistliche Realität: Grundlage ist allein die Zugehörigkeit zu Christus und gestaltet wird diese Gemeinschaft, wenn wir lernen, den anderen mit den Augen Christi zu sehen (als einen Menschen mit Fehlern, Schwächen und Sünden, der aber von Gott geliebt ist und Vergebung erfahren darf).

Das zweite Kapitel heißt „Der gemeinsame Tag“. Dort macht Bonhoeffer konkrete Vorschläge, wie eine regelmäßige gemeinsame Andacht einer Hausgemeinschaft aussehen sollte. Auf jeden Fall gehören für ihn Schriftlesung, Lied und Gebet dazu. Beim Gebet ist Bonhoeffer das gemeinsame Gebet des Psalters besonders wichtig: „Der Psalter ist die große Schule des Betens überhaupt.“ (S. 40) Bei der Schriftlesung spricht er sich für eine fortlaufende Lesung von Bibelbüchern aus, so dass man die Schrift in größeren Zusammenhängen kennenlernt. Ziel ist es, dass jeder Christ lernt, selbstständig mit der Schrift umzugehen. Das gemeinsame Singen steht ganz im Dienste des Wortes Gottes und dient der Einordnung in die Gemeinschaft. Aus beiden Gründen soll es daher einstimmig erfolgen. Interessant ist bei Bonhoeffer auch, dass die Tischgemeinschaft ein wichtiger Aspekt des gemeinsamen Tages ist.

Das dritte Kapitel behandelt den einsamen Tag. Programmatisch sagt der Autor dazu: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor Gemeinschaft.“ (S. 65) Es gilt aber auch umgekehrt, man nur allein sein kann, wenn man in der Gemeinschaft steht. Herausfordernd fand ich v.a. die Gedanken zur persönlichen Meditationszeit (von vielen heute als „stille Zeit“ bezeichnet). Sehr nüchtern wehrt sich Bonhoeffer hier gegen alle Verklärungen. Es geht hier nicht um besondere geistliche Erlebnisse, sondern um treue Schriftbetrachtung, Gebet und Fürbitte. Es fallen Sätze wie: „Wenn uns die Meditation lange Zeit nichts anderes bedeutete als dies eine, dass wir Gott einen schuldigen Dienst leisten, so wäre das genug.“ (S. 69) Also selbst wenn ich das Gefühl habe es bringt mir gar nichts, soll ich treu weiter machen! In der Fürbitte für die anderen in der Gemeinschaft sieht Bonhoeffer „das Herz alles christlichen Zusammenlebens“ (S. 73). Ohne Fürbitte geht die Gemeinschaft zugrunde, in der Fürbitte können alle persönlichen Spannungen überwunden werden!

Im vierten Kapitel geht es um den Dienst. Auch hier steht zu Beginn eine nüchterne Beobachtung: in jeder Art von Gemeinschaft kommt es früher oder später dazu, dass sich die Menschen gegenseitig beobachten, beurteilen und versuchen einzuordnen (diese Herstellen einer Hackordnung kann unbewusst geschehen und dabei auch sehr fromm aussehen). Dem setzt Bonhoeffer das Dienen gegenüber. Wir sollen nicht über den Anderen richten, sondern ihm dienen. Und zwar nicht nur in oberflächlichen Kleinigkeiten, sondern ganz radikal: Ein Christ „wird bereit sein, den Willen des Nächsten für wichtiger und dringlicher zu halten als den eigenen.“ (S. 81) Besonders gefallen, oder besser gesagt: aufgeschreckt, hat mich folgender Satz: „Die Sünde der Empfindlichkeit, die in der Gemeinschaft so rasch aufblüht, zeigt immer wieder, wieviel falsche Ehrsucht und das heißt doch, wieviel Unglaube noch in der Gemeinschaft lebt.“ (S. 81) Die Sünde der Empfindlichkeit! Oh ja, wie gut kenne ich diese Sünde von anderen, aber auch von mir selbst! Konkret wird der Dienst am Anderen im Zuhören, in der praktischen Hilfsbereitschaft, im Tragen (und Erleiden) des Anderen und im Zuspruch des rechten Wortes zur rechten Zeit (das wir nur sagen können, wenn wir selbst auch harte Vorwürfe und Ermahnungen demütig und dankbar annehmen).

Das abschließende Kapitel behandelt die Beichte und das Abendmahl. Eindrücklich zeigt Bonhoeffer auf, welchen Schatz wir evangelischen Christen verloren haben, indem wir die Beichte gegenüber einem anderen Mitchristen ganz aus unserem praktischen Glaubensleben verbannt haben. Für Bonhoeffer geschieht gerade in der Beichte der Durchbruch zu echter Gemeinschaft und auch der Durchbruch zum Kreuz. Es geht hier um mehr als um psychologisch geschultes Zuhören: „Vor dem Psychologen darf ich nur krank sein, vor dem christlichen Bruder darf ich Sünder sein.“ (S. 100) Gegen alle christliche Heuchelei und Schönfärberei geht es in der Beichte wirklich ans Eingemachte!

Vieles in dem Buch klingt für heutige Ohren sehr extrem und erinnert an einen vergangenen Frömmigkeitsstil. Man darf bei der Lektüre sicher auch nicht die geschichtlichen Hintergründe vergessen, in denen Bonhoeffer eine Zuspitzung der biblischen Botschaft wichtig war. Auch schimmert immer wieder der lutherische Hintergrund des Autors durch. Aber trotzdem und gerade in diesen Zuspitzungen ist das Buch absolut lesenswert. Nicht nur im Bezug auf gemeinsames christliches Leben, sondern auch für den Einzelnen stecken hier genügend Herausforderungen drin! Auch in unserer heutigen Zeit wirkt Bonhoeffers Buch sehr kraftvoll, aktuell und frisch. Ich mag Bonhoeffers Klarheit und Konsequenz. Ich mag auch seine Nüchternheit, die doch niemals trocken und farblos wird.

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Bonhoeffer: Nachfolge (17) – Die Aussonderung der Jüngergemeinde

Nach Bonhoeffer geht es in Matthäus 7 um „die Frage nach dem Verhältnis der nachfolgenden zu den Menschen um sie herum“ (S. 176f). Hier steht zunächst die Aufforderung im Zentrum, andere nicht zu richten. Das ist deswegen unmöglich, weil der Christ dazu gar keinen Maßstab hat. Er hat seine Gerechtigkeit nur in der Verbundenheit mit Jesus Christus, nie als Besitz zur eigenen Verfügung. „Richten die Jünger, so richten sie Maßstäbe auf über Gut und Böse. Jesus Christus aber ist kein Maßstab, den ich auf andere anwenden könnte.“ (S.178)

Der Nachfolger kann dem Anderen nur mit einfältiger Liebe begegnen. Ich nehme zwar die Sünde des Anderen wahr, aber dies wird für mich „allein Anlaß zur Vergebung und zur bedingungslosen Liebe […], die Jesus mir beweist.“ (S.179) Mein Verhalten gegenüber dem Anderen soll nicht von meinem eigenen Maßstab über Gut und Böse bestimmt sein, sondern von der Liebe, die ich selbst erfahren habe. „Richten macht blind, aber die Liebe macht sehend. Im Richten bin ich blind gegen mein eignes Böses und gegen die Gnade, die dem Anderen gilt.“ (S.179) Wer im Richten dem Anderen keine Gnade gönnt, der richtet sich selbst, er nimmt für sich in Anspruch, dass ihm Gottes Wort anders gelte als ihm selbst. „So wird der Jünger dem Anderen immer nur begegnen als der, dem seine Sünden vergeben sind und der von nun an allein von der Liebe Gottes lebt.“ (S.183)

Offen bleibt für mich bei Bonhoeffer die Abgrenzung zu einer Ermahnung in Liebe (das Thema Ermahnung kommt ja oft genug im Neuen Testament vor, z.B. in Röm.12,8). Ist Ermahnung dann überhaupt noch möglich? Denn auch bei der Ermahnung trete ich dem Anderen gegenüber „in dem Abstand der Beobachtung, der Reflexion“ (S.178). Für Bonhoeffer ist dieser Abstand aber gar nicht möglich, weil ihn die Liebe zum Anderen gar nicht zulässt.

Neben dem Stichwort Richten ist für Bonhoeffer das Thema „die große Scheidung“ von zentraler Bedeutung in Matthäus 7. Da geht es nicht nur um das große Gericht und die Scheidung in Gut und Böse am Ende der Zeiten, sondern auch um die Scheidung im Hier und Jetzt. „Mitten unter den Jüngern Jesu muß sich die Scheidung immer wieder vollziehen.“ (S.185) Auch in der Gemeinde gibt es Menschen, die andere vom rechten Weg abbringen (ohne dass ihnen selbst das immer bewusst sein muss). Aber auch hier ist es nicht Aufgabe der Christen selbst zu unterscheiden, sondern Jesus verweist hier auf die Frucht: „Es kommt die Zeit des Fruchttragens, es kommt die Zeit der Unterscheidung. Es wird früher oder später offenbar, wie es um ihn steht.“ (S.186)

Entscheidend bei dieser Unterscheidung wird nicht das Bekenntnis sein: „Mitten durch die bekennende Gemeinde hindurch wird die Scheidung gehen. Das Bekenntnis verleiht keinerlei Anrecht auf Jesus.“ (S.187) Man bedenke an dieser Stelle den historischen Hintergrund, auf dem Bonhoeffer diese Worte schreibt: Für die bekennende Kirche im dritten Reich war das Bekenntnis zu Jesus Christus schon deutlich mehr als nur eine Glaubensüberzeugung! Entscheidend ist für Bonhoeffer aber nicht das Bekenntnis allein, sondern das Tun von Gottes Willen.

Aber selbst beim Tun gibt es „die Möglichkeit eines dämonischen Glaubens, […] der wunderbare Taten, bis zur Unkenntlichkeit den Werken der wahren Jünger Jesu ähnlich, vollbringt, Werke der Liebe, Wunder, […] und der doch Jesus und seine Nachfolge verleugnet.“ (S.189) Das ist dann Glaube „ohne Liebe, d.h. ohne Christus, ohne den Heiligen Geist.“ (S.189) Das wird dann allerdings erst am jüngsten Tag offenbar werden.

Woran kann man sich dann noch halten? „Wenn uns nichts mehr bleibt, nicht unser Bekenntnis, nicht unser Gehorsam? Dann bleibt nur noch sein Wort: ich habe dich erkannt.“ (S.190) Am Ende muss ich alles loslassen, nichts kann mich halten, nichts trägt mich wirklich als allein das Wort Jesu. „Sein Wort ist seine Gnade.“ (S.190)

Wieder einmal treibt Bonhoeffer die Bergpredigt und die Nachfolge radikal auf die Spitze. Nachfolge verlangt das Außerordentliche, sie ist nicht bequem, sondern fordert alles von mir. Trotz diesem Außerordentlichen soll die Nachfolge im Verborgenen geschehen, ich darf kein Lob von mir selbst oder von anderen Erwarten. Und ich kann mir auf meine Nachfolge auch nichts einbilden. Ich bin nicht besser als Andere und lebe genau wie sie allein aus der Gnade. Nachfolge heißt dann: auf radikale Weise alles allein von Jesus erwarten, sich an nichts anderes zu klammern, als an ihn.

Bonhoeffer: Nachfolge (6) Die Nachfolge und der Einzelne

Es ist erschütternd, mit welcher intellektuellen und theologischen Schärfe, ja Radikalität und mit welcher existentiellen Tiefe und Hingabe Bonhoeffer in diesem Buch die Bedeutung von Nachfolge durchbuchstabiert und durchdekliniert. Wie seicht, oberflächlich und platt bleibt dazu im Vergleich so manche theologische Diskussion, so manche Predigt, oder so manche gutgemeinte Nachfolgeversuche in heutiger Zeit.

Wie schon in den anderen Kapiteln haut Bonhoeffer schon mit den ersten Sätzen knapp und präzise die Pflöcke ein, die dieses Kapitel bestimmen. In Anschluss an Lk. 14,26 schreibt er: „Der Ruf in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden… Jeder ist allein gerufen. Er muß allein folgen.“ (S.87)

Der Ruf Jesu reist uns heraus aus allen weltlichen und menschlichen Bindungen. Und zwar ganz radikal. In der Nachfolge, ja schon im Ruf dazu, geschieht ein „Bruch“ mit allen „natürlichen Gegebenheiten, in denen der Mensch lebt.“ (S.88) In der Nachfolge gibt es nur noch ein einziges unmittelbares Gegenüber: Jesus Christus. Alle anderen Beziehungen zur Welt und zu Menschen sind durch ihn hindurch vermittelt. „Er ist der Mittler.“ (S.89) Und zwar nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und der Wirklichkeit um ihn herum.

Darum muss alles, was sich zwischen Christus und den Nachfolger drängt, gehasst werden. Bonhoeffer entschärft also das „hassen“ aus Lk. 14,26 nicht, sondern bestärkt es. Er schwächt es nicht sprachlich ab in „nicht mehr lieben als“ (so wie es schon Matthäus in der Parallelstelle getan hat), sondern bleibt bei diesem provozierenden Ausdruck.

Im Hintergrund dieser scharfen Aussagen steht auch ein Konflikt in der damaligen Theologie. Es geht um die Frage der natürlichen Theologie: Können wir in der Natur, in der Wirklichkeit, die uns umgibt und die ja von Gott geschaffen ist, irgendwelche Anknüpfungspunkte finden, um theologische Aussagen machen zu können? Ist die Welt nur schlecht und gefallen oder ist sie nicht auch gut und kann uns zum Segen werden? Können wir aus ihr nicht auch unabhängig von Christus etwas über Gott erfahren?

Bonhoeffer bezieht hier radikal Stellung: Wir leben in einer gefallenen Welt und eine positive Beziehung zu dieser Welt können wir nur durch Christus hindurch bekommen. „Es gibt keine rechte Erkenntnis der Gaben Gottes ohne die Erkenntnis des Mittlers, um dessentwillen allein sie uns gegeben sind.“ (S.91) Deswegen konnte Bonhoeffer auch eine radikal kritische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus einnehmen, während andere Theologen immer noch positive Anknüpfungspunkte gesucht haben, um auch mit den Nazis ins Gespräch zu kommen (und auf faule Kompromisse geschielt haben).

Dieser Bruch zur Welt kann nun entweder äußerlich sichtbar geschehen, oder innerlich und unsichtbar (nach dem Motto: „haben als hätte man nicht“). Bonhoeffer führt dafür Abraham als Beispiel an: Er hat einerseits den Bruch äußerlich vollziehen müssen, indem er sein Vaterland ganz konkret verlassen hatte. Bei der Opferung Isaaks war er innerlich bis zum äußersten Bruch mit den engsten Familienbindungen bereit, aber Gott schenkt ihm dann alles wieder, was er innerlich schon aufgegeben hatte. Er hatte nun den Isaak auf ganz neue Weise, er darf den Isaak „haben, als hätte er ihn nicht.“ (S.93) Äußerlich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Es hat alles durch Christus hindurchgemußt.“ (S.93)

Am Schluss weißt Bonhoeffer noch darauf hin, dass dieser Bruch mit dem Alten aber auch zu einer „neuen Gemeinschaft“ (S.94) führt. Durch Christus hindurch entstehen neue Beziehungen. „Er trennt, aber er vereint auch.“ (S.94) Wer es in der Nachfolge wagt zum Einzelnen zu werden, ganz ohne unmittelbare Bindungen zu allem außer Christus, dem wird die Gemeinschaft der Gemeinde geschenkt.

Radikal! Mit beeindruckender Konsequenz zu Ende gedacht! Aber wie lebe ich das konkret?! Wie komme ich vom „haben“ zum „haben, als hätte ich nicht“?! Muss ich – wie Abraham – buchstäblich dazu bereit sein (nicht nur theoretisch bereit sein, sondern mich auch praktisch auf den Weg machen, es auszuführen), meinen Sohn, meine Familie auf dem Opferaltar zu schlachten und das – wie Abraham – nicht schon in der vorherigen Gewissheit, dass Gott sie mir wiederschenkt?! Muss ich -wie Bonhoeffer – bereit sein, zum Märtyrer zu werden, um mein Leben wirklich so zu haben, als hätte ich es nicht?!

Philipper 3, 10-11 IHN erkennen

Was für Paulus das Allerwichtigste ist: „Ihn [Christus] möchte ich erkennen.“ Mit „erkennen“ ist hier nicht nur ein intellektueller Vorgang gemeint, sondern erkennen im biblischen Sinn: „einswerden, durchdringen und durchdrungen werden“. Und Paulus wäre nicht Paulus, wenn er dieses Erkennen nicht in ganz radikalem Sinn fasst: er möchte nicht nur eine Ahnung von Christus bekommen, er möchte sich nicht nur die Sahnestücke raus suchen, nein er will den ganzen Christus erkennen. Sowohl die Kraft seiner Auferstehung möchte er erkennen, als auch Gemeinschaft mit seinen Leiden haben, ja er möchte „seinem Tode gleichgestaltet werden“.

Bequemer und angenehmer wäre das ja, wenn wir nur an der Kraft von Jesu Auferstehung teilhaben könnten. Aber das ist nur der halbe Christus, zum ganzen Christus gehört auch die Gemeinschaft mit seinen Leiden. Das erstaunliche bei Paulus ist, dass er diese Leiden nicht nur notgedrungen in Kauf nimmt, sondern dass er sie möchte, um gerade so Christus ähnlicher zu werden. In unserer Gesellschaft ist das größte Ziel ja glücklich zu sein, wir wollen Leid und Schmerz vermeiden. Paulus sucht das Leiden, um Christus näher zu kommen, um engere Gemeinschaft mit ihm zu haben.
Bibeltext

Matthäus 8, 18-22 – Kompromisslos

Wieder mal eine Stelle an der deutlich wird, wie radikal und kompromisslos Jesus die Nachfolge gesehen hat. Einem Schriftgelehrten macht er deutlich, dass er für die Nachfolge seine gewohnte Sicherheit, sein festes Dach über dem Kopf aufgeben müsse. Und einem, der bereits ein Jünger war, erlaubte er nicht einmal mehr seinen Vater zu beerdigen, weil die Nachfolge wichtiger ist als alle familiäre Bindung und Verpflichtung.

Normalerweise machen wir es uns einfach und sagen: Wir können schon eine bequeme, warme Wohnung haben und in familiären Bindungen leben – aber wir müssen so leben, als ob uns das alles nicht bestimmen würde. „Haben als hätte man nicht.“ Man kann alles haben, aber man soll sich halt nicht davon bestimmen lassen und sein Herz dran hängen. Aber Jesus spricht hier nicht von einem „so tun als ob“, sondern er fordert konkreten Verzicht auf Sicherheit und soziale Bindungen.

Ich kann das nicht. Ich kann nicht so radikal und kompromisslos leben. Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben (und noch so manche andere Segnungen unseres westlichen Wohlstandes) und mein Herz hängt an meiner Frau und meinen Kindern. Ich kann nicht so leben, als ob mir das alles nicht wichtig wäre. Ich glaube auch nicht, dass Jesus diese Kompromisslosigkeit von allen erwartet. Aber ich möchte mich von diesen Forderungen nicht fertig machen lassen, sondern kleine Schritte in diese Richtung gehen. Ich werde diese absolute Radikalität nie erreichen, aber ich möchte auf dem Weg dahin sein.

Matthäus 7, 24-29 – Entsetzen

Jesus schließt die Bergpredigt ab mit dem Gleichnis vom Hausbau: Wer seine Worte TUT, der hat sein Haus auf festen Grund gebaut. Auch hier wieder die Betonung auf das Tun. Nicht nur glauben und dem Gesagten zustimmen, sondern danach handeln und leben.

Matthäus ergänzt, dass das Volk nach dieser Rede „entsetzt“ war. Nachdem ist die Bergpredigt noch einmal so im Zusammenhang gelesen habe, kann ich dieses Entsetzen verstehen – es klang ja auch bei manchen meiner Kommentare durch. Jesus nimmt Bezug auf alttestamentliche Gebote und verschärft das Ganze noch einmal. Gerade bei den Antithesen wird deutlich: Schuldig macht sich nicht nur derjenige, der die Grenzlinie des Gebots überschreitet, sondern auch derjenige, der sich (und sei es „nur“ in Gedanken) in die Richtung dieser Grenzlinien bewegt.

Wenn ich nur die Bergpredigt hätte, diese kompromisslosen Forderungen nach einem heilige Leben der Liebe und die Androhung der Hölle für alle die nicht so leben – dann müsste ich wahrlich dran verzweifeln. Dann gäbe es nur das fassungslose Entsetzen über diese Botschaft. Die Bergpredigt kann man eigentlich nur ertragen, wenn man weiß, dass ein anderer den Preis für mein Versagen und meine Unzulänglichkeiten trägt…

Matthäus 5, 43-48 – Vollkommenheit

In der letzten Antithese („Ihr habt gehört… Ich aber sage euch…) geht es um die Feindesliebe. Noch mal so eine radikale Aussage: Man soll seine Feinde und diejenigen, die einen verfolgen lieben. Für uns ist das ja noch „relativ“ harmlos. Man bedenke, was das für Christen bedeutet in Ländern in denen es Christenverfolgung gibt!

Zugleich wird eine Begründung für all diese herausfordernden Anweisungen Jesu gegeben: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (V.48). Und ich hab immer gedacht, dass es Vollkommenheit und Perfektion nur im Himmel gibt…

Gott ist perfekt und er will deshalb auch von uns Perfektion. Das ist die eine Sache, aber das Problem ist, dass ich diese Vollkommenheit nicht liefern kann. Beim besten Willen nicht. Und wenn ich mich noch so anstrenge. Ich werd immer versagen. Gott weiß das, deshalb hat er ja seinen Sohn ans Kreuz geschickt: für mein Versagen. Die große Herausforderung ist, dass Gottes Ansprüche an mein konkrete Leben trotzdem bleiben. Er möchte trotzdem, dass ich so gut es geht versuche meinen Feinde zu lieben. Auch wenn er weiß, dass ich es nie vollkommen schaffen werde.