Richter 15 Wie du mir, so ich dir

Was für ein Gegensatz! Simson sagt über seine Feinde: „Wie sie mir getan haben, so habe ich ihnen wieder getan.“ (V.11) Ein gewisser Jesus sagt: „Liebet eure Feinde und bittet für die die euch verfolgen“ (Mt.5,44) und „wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Mt.5,39). Ganz unterschiedliche Arten mit seinen Feinden umzugehen. Und doch steht beides in unserer Bibel.

Zum einen denke ich, dass wir als Bibelleser hier schon gewichten dürfen und müssen: Was aus dem Mund Jesu kommt, hat für mich mehr Gewicht als das was Simson getan hat (obwohl auch er in der Kraft des Geistes gehandelt nach; V.14). Zum anderen bin ich froh, dass beides in unserer Bibel steht. Denn je nach Situation und Umständen können vielleicht beide Handlungsweisen gut und angemessen sein. Wenn man z.B. einem Mobbing-Opfer nur mit der Bergpredigt kommt, dann wird er daran verzweifeln…

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Josua 20 Rache macht blind

In diesem Kapitel geht es um die Bestimmung von Freistätten. In diese Städte konnte jemand fliehen, der ohne Vorsatz jemand getötet hatte. Bevor die damals für Mord übliche Todesstrafe übereilt vollzogen wurde, konnte so in Ruhe überprüft werden, ob es vorsätzlicher Mord war oder ein Unfall. So wie ich das verstehe, verhinderte dies vor allem die vorschnelle Blutrache der Angehörigen des Getöteten. Die hoch emotionale Spirale von Gewalt und Gegengewalt wurde unterbrochen, um nüchtern zu prüfen, welche Schuld tatsächlich vorliegt.

Ein wenig erinnert mich das an die besonnene Reaktion des norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg auf die brutalen Anschläge und Tötungen des Attentäters Breivik. Natürlich ist der Zusammenhang ein anderer. Breiviks Schuld ist klar und offensichtlich. Aber auch Stoltenberg hat erkannt, dass blinde Rache keine Lösung ist. Beeindruckend, wie Stoltenberg Gewalt nicht mit Gegengewalt bekämpfen will, sondern mit mehr Demokratie und mehr Offenheit.

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Psalm 140 – Wer anderen eine Grube gräbt

Noch ein Psalm, in dem es um Feinde und um Rache geht… Hab inzwischen zu diesem Thema schon sehr viel geschrieben… Deswegen heute mal eine Verbindung mit dem aktuellen Tagesgeschehen: Die Schweizer verbieten per Volksabstimmung den Muslimen Minarette zu bauen. Da kann man viel drüber reden und diskutieren… und es wird auch deutlich, welche Ängste in den Köpfen von uns Westeuropäern herum schwirren. Man kann wohl sagen, dass so mancher die Muslime ganz allgemein als „Feinde“ unserer westlichen Welt sehen (übrigens: In diesem „ganz allgemein“ liegt für mich der Kern des Problems…).

Wie gehen wir mit Feinden um? Psalm 140 ist (im Vergleich mit manch anderen Psalmen) noch recht zurückhaltend. Hier wird gesagt: „Das Unglück, über das meine Feinde beraten, komme über sie selbst.“ (V.10) So nach dem Motto: Wer anderen eine Grube gräbt, soll selbst hinein fallen. Im Umgang mit dem Islam könnten wir nun sagen: „Okay, wenn in vielen islamischen Ländern keine Kirchen gebaut werden dürfen und Christen unterdrückt und verfolgt werden, dann ist es doch mehr als gerechtfertigt, dass wir auch die Ausübung des Islams in unseren Ländern einschränken. Wenn wir bei denen keine Kirchtürme bauen dürfen, dann sollen die bei uns auch keine Minarette bauen!“

Aber da gibt es halt noch diesen seltsamen Jesus, der so völlig anders handelt, denkt und lehrt, als uns der gesunde Menschenverstand einflüstert. Er sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.  Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt.5,43-45) Eieiei, wieder mal sehr unbequem was dieser Typ aus Nazareth so von sich gibt…
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Psalm 137 – Hass, Wut, Aggression

Diesen Psalm würd ich am liebsten auslassen. Es tauchen ja in den Psalmen immer wieder Rachewünsche gegen die Feinde auf. Dieser Psalm schließt mit einer besonders heftigen Aussage: Die Beter wünschen, dass die jungen Kinder der Babylonier (welche Jerusalem zerstört haben und unzählige Gefangene nach Babylonien verschleppt haben) am Felsen zerschmettert werden. Grausig!

Man kann solche extremen Aussagen vom zeitgeschichtlichen Hintergrund vielleicht etwas relativieren: In der altorientalischen Kriegsführung war so etwas wohl nicht außergewöhnlich (vgl. z.B. 2. Kön. 8,12; Hos. 10,14). Und auch die psychologischen Hintergründe von solchen Rachewünschen sind durchaus verständlich. Ich lese zur Zeit ein Buch von einem ehemaligen Kindersoldaten in einem afrikanischen Bürgerkrieg. Ein Faktor der diese Kinder zu gnadenlosen Kampfmaschienen gemacht hat, war der Hass auf die Leute, die ihr Leben und ihre Familie zerstört haben. Bei all dem was sie erlebt haben ist es logisch, dass Hass, Wut und Aggression hoch kommt und dass das alles irgendwie raus muss. Zusätzlich muss man hinzufügen, dass die Beter sich nicht selbst rächen wollen, sondern dass es ein Gebet ist: Gott soll für Rache und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen.

Trotzdem finde ich es schwierig, dass solche Aussagen und Rachewünsche in der Bibel stehen. Sie sind für mich dadurch nicht gerechtfertigt, sondern sie drücken eher unsere menschliche Unzulänglichkeit aus, mit unserer Wut und Aggression umzugehen. Vielleicht sind sie ja auch ein ähnliches Ventil um Aggression abzubauen, wie heute so mancher vor dem PC sitzt und virtuelle Feinde umlegt?
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Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
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Psalm 41 – Was heißt hier Feinde?

Sehr oft sprechen die Psalmen von den Feinden der Beter. Ich frag mich: Warum hatten die Leute damals so viele Feinde? Das muss ja ganz schön abgegangen sein damals: Ständig tauchen irgendwelche Feinde auf, die dem Beter Böses wollen oder ihm sogar nach dem Leben trachten. Ich mein, ich komme auch nicht mit jedem gleich gut aus, aber ich könnte deswegen niemand als meinen Feind bezeichnen.

In Psalm 41 wird aber deutlich, wie relativ weit dieser Begriff damals gefasst wurde. Der Beter spricht von Leuten, die über ihn reden, tuscheln und darüber spekulieren, dass er wohl bald sterben wird. Sie besuchen ihn am Krankenbett, aber nicht aus Mitgefühl, sondern damit sie nachher was zu traschten haben. Sie beurteilen seine schwere Krankheit als Strafe Gottes. Nach dieser Auffassung gibt’s das heute noch genau so: Menschen, die über andere tratschen und schlecht von ihnen reden. Das gibt’s sogar in christlichen Gemeinden viel zu oft.

Wie gehen wir dann mit solchen Feinden um? An diesem Psalm wird für mich deutlich, wie eng in der Bibel Menschenwort und Gotteswort verbunden ist. Auch die Psalmen stehen in der Bibel und sind Wort Gottes. Aber z.B. in V.11 schimmert ganz deutlich Menschenwort hindurch: Der Beter bittet Gott um Heilung, damit er sich an seinen Feinden rächen kann. Diese Rachegefühle sind verständlich, auch die Psalmbeter sind nur Menschen. Und es ist toll, dass solche Gefühle auch in der Bibel stehen dürfen und nicht einfach rauskorrigiert wurden . Aber wir können daraus sicher keine theologische Lehre machen: Gott heilt kranke Menschen, damit sie wieder gesund und stark werden und sich selbst ordentlich an ihren Feinden rächen können. Ich denke Stellen wie z.B. Röm. 12,19 (sich nicht selbst rächen, sondern Gott die Rache überlassen) sind da näher an Gott dran und können eher in biblische Lehre umgemünzt werden.

Das heißt nicht, dass dieser Psalm kein gültiges Wort Gottes ist. Ist er natürlich trotzdem. Aber es heißt, dass wir den Zusammenhang beachten müssen und dass wir dementsprechend unterschiedliche Aussagen auch unterschiedlich gewichten und unterschiedlich in’s biblische Gesamtzeugnis einordnen müssen.
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