Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Bucay: Komm, ich erzähl dir eine GeschichteNach vielen Büchern im elektronischen Format endlich mal wieder ein „echtes“ Buch zum anfassen. Ich habe mir die Ausgabe der Fischer Taschenbibliothek gekauft – ich mag das handliche Format und die schöne Aufmachung.

Das Buch selbst ist eigentlich kein Roman, sondern durch eine Rahmenerzählung zusammen gehaltene Kurzgeschichten. Jorge Bucay ist in seiner Heimat Argentinien ein bekannter Psychiater, der seinen Patienten weniger durch abstrakte Wahrheiten helfen will, sondern durch lebendige Geschichten. In diesem Buch hat er einige seiner Geschichten, welche er wohl in der Therapie verwendet, einfach zusammengefasst und lässt sie einem fiktiven Patienten namens Demian zu Gute kommen. Als Leser dürfen wir miterleben, wie Demian dadurch besser mit dem Leben zurecht kommt. Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte weiterlesen

Hermann Hesse: Demian

Ein Hesse-Buch mit dem ich mich eher schwer tue. Im Hintergrund steht eine der vielen Lebenskrisen von Hesse. Er hat in Bern mit psychotherapeutischen Gesprächen angefangen, wobei zum Therapeuten J.B. Lang bald eine Freundschaft entsteht und es zunehmend Gespräche auf Augenhöhe werden. Der Demian ist von dieser Erfahrung geprägt.

In dem Buch zeichnet Hesse die innere Entwicklung der Hauptfigur Emil Sinclair nach. Dabei verwischen sich die Grenzen von Traum und Wirklichkeit. Man kann den ganzen Roman auch als rein innerseelische Entwicklungsgeschichte des Emil Sinclairs lesen. Die vorkommenden Figuren sind dann Aspekte der einen Persönlichkeit, welche sich im Mit- und Gegeneinander der Persönlichkeitsabspaltungen weiterentwickelt. Hermann Hesse: Demian weiterlesen

Irene Nemirovsky: Herr der Seelen

Irene Nemirovsky ist eine große Erzählerin und Schriftstellerin. Sie wurde 1903 in der Ukraine geboren. 1919 floh ihre Familie nach Paris, wo sie Literaturwissenschaft studierte. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1929 mit dem Roman „David Golder“. Als Jüdin wurde sie verhaftet und starb noch im selben Jahr in Auschwitz.

In dem Roman „Herr der Seelen“ geht es auch um einen Einwanderer, der versucht in Frankreich Fuß zu fassen. Die Hauptperson ist der Arzt Dario Asfar. Dario ist Zeit seines Lebens ein Getriebener, er steckt ständig in Geldsorgen und kämpft um Anerkennung und Respekt. Er kommt mit seiner Frau nach Frankreich und die beiden bekommen einen Sohn.

Nach anfänglicher Erfolglosigkeit (die vor allem mit seinem Status als sichtbar fremdländischer Einwanderer zu tun hat), scheint sich sein Glück zu wenden. Er findet reiche bürgerliche Patienten, die sich lieber auf seelischer Ebene behandeln lassen wollen, anstatt konkret ihr Leben zu ändern. Dario wird zum Herr der Seelen, einem Scharlatan, der seine Patienten durch lange psychoanalytische Therapien an sich bindet. Allerdings wird er seine Geldsorgen nie los, da seine Ansprüche steigen und er nach außen den Schein eines reichen, erfolgreichen Arztes wahren muss, um seine Patienten zu behalten. Auch im Erfolg bleibt er ein gehetztes, hungriges Tier.

Widersprüchlich ist die Liebe zu seiner Frau. Auf der einen Seite liebt er sie von Herzen – aber eher als eine Kameradin, die ihn in seinem Kampf durch’s Leben unterstützt. Andererseits hat er zahlreiche kostspielige Affären mit jungen Frauen und verliebt sich auf platonischer Ebene in die engelhafte Frau eines Patienten. An ihr liebt er vor allem die moralische Integrität, die nicht zuerst auf Geld und Erfolg aus ist, sondern die sich an inneren Werten orientiert. Gerade das, was er selbst nicht hat.

Dramatisch zugespitzt wird diese Lebensgeschichte durch den Sohn des Arztes, der nach und nach hinter den verschlagenen Charakter seines Vaters kommt. Eigentlich wollte Dario mit seinen manchmal auch unmoralischen Bemühungen um Erfolg dafür sorgen, dass sein Sohn einmal ein besseres und sorgenfreieres Leben führen kann als er. Doch am Ende muss er feststellen, dass er mit Geld die Liebe und den Respekt seines Sohnes nicht erkaufen kann.

Ein vielschichtiger Roman, der gut erzählt ist (wobei Nemirovsky manches mal, zu etwas platten Überzeichnungen neigt). Die Beziehungsgeflechte und Personen werden recht neutral dargestellt, so dass man oft schwankt: Soll man diesen Dario nun hassen oder bemitleiden? Gut gelungen ist in meinen Augen auch die Doppelzüngigkeit von Geld und Erfolg. Auf der einen Seite muss Dario an Geld kommen, damit er selbst und seine Familie überhaupt überleben können. Als erfolgloser Arzt wäre er dem Untergang geweiht. Andererseits erliegt er auch der Macht und Faszination des Mammons. Er verstrickt sich in der endlosen Sucht nach mehr und verliert dabei das, was er bei seinen Patienten angeblich heilen will: seine Seele.

Zitate

  • „Nie wird mir warm genug sein! Ne werde ich mich sicher genug, geachtet genug, geliebt genug fühlen, Clara. Nichts ist entsetzlicher, als kein Geld zu haben. Nichts ist abscheulicher, schändlicher, heilloser als die Armut!“ (S.201)
  • „‚Ich trage in mir ein Licht, das nichts täuscht‘, sagte sie sanft. ‚Sprechen sie von Gott? Ich weiß, daß Sie gläubig sind. Ah, ihr seid Kinder des Lichts! Ihr habt nur edle Leidenschaften, ihr seid unendlich schön… Ich aber, ich bin aus Finsternis, aus dem Schlamm der Erde.“ (S.209)