Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Hesse: Narziß und GoldmundImmer wieder geht es in Hesses Bücher um das eine: um sich selbst, um seine Kämpfe mit sich selbst und der Welt, um die Suche nach dem persönlichen Lebensweg, um ein erfülltes, sinnvolles Leben. Auch die beiden Hauptfiguren mit Namen Narziß und Goldmund sind im Grunde Repräsentanten von verschiedenen Persönlichkeitsanteilen von Hesse selbst. Narziß ist asketische Denker, welcher der sinnlichen Welt entfliehen will und ganz dem Geist dienen will. Goldmund ist der sinnenfreudige und freiheitsliebende Lebemann, der alle Höhen und Tiefen des Lebens voll auskosten will. Die asketische Seite Hesses kann man leicht erkennen, wenn man Fotos von ihm anschaut: eine dürre, hagere Gestalt mit klaren Augen, die hinter die Oberfläche der Welt zu sehen scheinen. Die rebellische Seite Hesses lässt sich in jeder Biographie nachlesen: schon von klein auf will er sich nicht ein- und unterordnen lassen und hat seine Lust an der Schönheit der Welt. Hermann Hesse: Narziß und Goldmund weiterlesen

Ernst Augustin: Raumlicht: Der Fall Evelyne B.

Und noch ein gutes Buch aus meiner Urlaubslektüre! Ich les ja gerne und wenn ich Zeit hab auch viel. Da ist es schön, wenn man ab und zu einen neuen Autor entdeckt. Von Ernst Augustin hab bis vor ein paar Monaten noch nie etwas gehört (mir ist eines seiner Bücher in einer Buchhandlung aufgefallen). Er ist kein junger, neuer Bestsellerschreiber, sondern er steht schon im Herbst seines Lebens. Er wurde 1927 geboren und arbeitete als Neurologe und Psychiater. Jahrelang war er in Afghanistan tätig und er war auch eine Zeit lang in Indien. Schon von der Lebensgeschichte her ein sehr interessanter und breiter Hintergrund.

Augustin hat verschiedene Romane geschrieben und von seinem beruflichen Hintergrund her geht es ihm natürlich um die Faszination der menschlichen Psyche. In dem Buch Raumlicht geht es im speziellen um die Schizophrenie. Von den Schauplätzen her ist anzunehmen, dass Augustin hier sehr viel persönliche Erfahrungen mit eingebaut hat. Die Geschichte spielt nämlich in München (wo Augustin lange Zeit als psychiatrischer Gutachter gearbeitet hat), in Afghanistan und in Indien.

Die Hauptperson ist ein Neurologe, der sich insbesondere mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie beschäftigt. Ganz besonders fasziniert ihn das Schicksal einer jungen Patientin, Evelyne B. Der Arzt merkt, dass mit den üblichen ärztlichen Methoden des 20. Jh. dieser Frau nicht wirklich zu helfen ist. Durch seine Erfahrungen in Afghanistan und Indien versucht er eine Therapie zu entwickeln, die die Schizophrenie nicht bekämpft, sondern bei der dem Patienten geholfen wird, seine Wahrnehmung der Welt in ein möglichst normales Leben zu integrieren.

An einigen Stellen wird deutlich, dass unsere Sicht der Welt nicht so eindeutig und klar ist, wie wir das manchmal meinen. Die Eierschale der Wirklichkeit ist manchmal sehr dünn und zerbrechlich. Das, was wir für die offensichtliche Oberfläche der Wirklichkeit halten, ist eigentlich nur ein Konsens der Masse. Was die meisten als „normal“ ansehen gilt in unserer Gesellschaft dann auch als die normative Sicht der Realität.

Augustin ist nicht immer so leicht und flüssig zu lesen. So manches mal verwirrt er ganz bewusst den Leser und macht es ihm schwer seiner Geschichte zu folgen. Aber das liegt nicht an mangelnden schriftstellerischen Fähigkeiten, sondern im Gegenteil: er setzt seine Fähigkeiten ein, um den Leser über seine eigene Sicht der Wirklichkeit stolpern zu lassen…

Auf jeden Fall eine inspirierende und herausfordernde Lektüre. Ich werde auf jeden Fall noch mehr von Augustin lesen. Als Christen haben wir ja in manchen Dingen auch eine andere Sicht der Realität, als die große Masse um uns herum. Und so mancher hält uns deswegen für nicht ganz normal. Die Frage ist, ob wir tatsächlich Verrückt sind, oder ob wir eine tiefere Sicht unserer Wirklichkeit haben, als manch andere… 😉

Clare Dudman: 98 reasons for being

So, das letzte Buch aus meiner Urlaubslektüre. Jaaa, hatte viel Zeit zum Lesen… 😉

Den Struwwelpeter kennt wohl jeder, oder? Ich erinnere mich auf jeden Fall, dass wir den als Kinder auch hatten. In dem Buch von Dudman geht es nun um den Autor dieses Kinderbuches: Heinrich Hoffmann. Es ist eigentlich ein wenig tragisch, dass er nur noch für den Struwwelpeter bekannt ist, denn er selbst hätte als das Wichtigste seines Lebens wahrscheinlich seine Arbeit genannt. Er war Leiter der Frankfurter Nervenheilanstalt und einer der ersten, der „Verrückte“ nicht einfach wegsperren wollte, sondern ihnen durch psychologische Gespräche zur Heilung helfen wollte. Nachdem er lange Jahre in ungeeigneten und zu kleinen Räumlichkeiten in Frankfurt gearbeitet hat, wurde auf sein Betreiben hin ein moderner Neubau am Stadtrand gebaut. Der Struwwelpeter war eigentlich nur eine selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte für eines seiner Kinder, das man heute wohl als ADHS-Kind bezeichnen würde. Im Roman taucht diese Beziehung zu seinem Sohn auch als Nebenhandlung auf.

Das eigentliche Thema ist aber ein Einblick, wie es damals in einem Irrenhaus zuging. Die Charaktere beruhen zum Teil auf wahren Begebenheiten (Hoffmann selbst und seine Familie) und sind zum Teil erfunden (die Bewohner der Anstalt). Auch wenn der Autorin so manches Feingefühl für den deutschen Hintergrund fehlt, so beschreibt sie doch eindrücklich, wie damals im 19. Jh. wohl ein Leben in solchen Anstalten aussah. Hoffmann opfert sich für seine Patienten auf und sieht seine 98 Bewohner der Anstalt als seine 98 Gründe zum Leben an.

Neben Hoffmann ist die Hauptperson ein junges, jüdisches Mädchen, Hannah Meyer. Sie kommt in die Anstalt, weil sie sich völlig in sich selbst zurück gezogen hat und kein Wort mehr redet. Nach damaligen medizinischen Wissensstand versuchte man solchen Leuten mit körperlichen Mitteln zu helfen, z.B. durch den Schock von eiskalten Bädern. Man meinte, dass Nervenkrankheiten körperliche Ursachen haben und dass man sie deswegen auf diese Weise behandeln müsse. Hoffmann entdeckt bei Hannah Schritt für Schritt, dass ihr Gespräche sehr viel mehr helfen, als alles andere. Er nimmt sich viel Zeit für sie, erzählt viel von sich selbst und erlebt mit der Zeit, dass sich Hannah öffnet und auch selbst wieder anfängt zu reden. Auf diese Weise wird Hoffmann zum Pionier der Gesprächstherapie.

Auf jeden Fall ein interessanter Einblick in die Welt des 19. Jh. Gut und solide geschrieben, ordentlich recherchiert. Es wird einem deutlich, welch enorme Fortschritte die Medizin in den letzten Jahrhunderten gemacht hat und wie archaisch man noch im 19. Jh. versucht hat psychische Krankheiten zu behandeln.

Spannend fand ich vor allem die Figur der Hannah. Welche Verletzungen führen bei einem Menschen dazu, dass er sich völlig von der Welt zurück zieht? Wie kann man Menschen begegnen, die ihr Herz hart gemacht haben und die sich aus Angst vor Verletzungen vor aller Nähe abschotten? Denn ich glaube in weniger extremer Form ist das etwas, an dem auch heute viele Menschen leiden: Sie haben Angst vor Verletzungen und lassen deswegen echte Nähe nicht zu. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Angst davor haben, sich Gott und dem Glauben zu öffnen? Bei Hoffmann wird deutlich, dass ein zentraler Punkt zur Hilfe ist, dass sich das Gesprächsgegenüber selbst auch öffnet, verletzbar wird und auch eigene Schwächen preisgibt.