Hebräer 7, 1-10 Prophetisches Bibellesen

Für uns moderne Ohren ist das ein sehr eigenwilliger Umgang mit der Heiligen Schrift. Wir sind es gewohnt, analytisch an die Texte heran zu gehen – besonders wir Theologen. Wir fragen nach dem ursprünglichen Sinn der Texte und versuchen herauszufinden, was der Text in seinem damaligen Zusammenhang sagen wollte. Dann versuchen wir diese Aussage in unsere heutige Zeit zu übertragen. Der Hebräerbrief geht hier mit dem biblischen Bericht von Melchisedek ganz anders um. Ich würde das eher als eine prophetische und symbolische Auslegung des Textes bezeichnen.

Für den Hebräerbrief ist der königliche Priester Melchisedek ein Vorabbild und Voraushinweis für den königlichen Priester Jesus Christus. Er sieht im Priestertum des Melchisedeks ein Priestertum, das vor und über allen anderen folgenden aaronitischen Priestern steht. Das begründet er damit, dass schon der Stammvater Abraham sich Melchisedek unterordnete, indem er ihm den Zehnten gab. Historisch gesehen wissen wir nicht viel von Melchisedek, er wird in 1. Mose 14,18-20 als Priester des Höchsten bezeichnet. Aber gerade wegen diesen wenigen Informationen kann er dem Hebräerbrief als Bild für den Messias dienen.

Wenn wir heute alle so die Schrift auslegen würden, dann könnten wir alles mögliche aus den Texten herauslesen. Aber ich denke trotzdem hat diese Art des Bibellesens seine Berechtigung. Es geht dem Hebräerbrief nicht darum, den Text über Melchisedek auszulegen, sondern mit diesem Text die Person Jesu Christi besser zu verstehen. Seine prophetische Art die Bibel zu lesen ist von anderen als geistgewirkt bestätigt worden, deshalb steht dieser Brief heute im Neuen Testament. Wir können auch heute die Bibel nicht nur analytisch lesen, sondern auch prophetisch. Wir können darauf achten, was Gott uns dadurch sagen möchte. Aber das ist dann keine Schriftauslegung mehr, sondern geht schon darüber hinaus. Für mich ist beides wichtig: das analytische Lesen als Korrektiv (in Jesus Christus und der Bibel hat Gott maßgeblich gesprochen – an diesen Aussagen müssen wir alles andere messen), aber auch das prophetische Lesen als Offenheit für Gottes spezielles Reden in unsere Zeit und Situation hinein.

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1. Petrus 1, 16-21 – Alles hört auf mein Kommando!

Diesen Abschnitt hab ich beim ersten Lesen etwas falsch verstanden. Petrus berichtet von dieser wundervollen Erfahrung der sogenannten Verklärung Jesu: Petrus, Jakobus und Johannes waren mit Jesus auf einem Berg und plötzlich erscheint Jesus in strahlendem Licht. Die Jünger hören die Stimme Gottes, die ihnen sagt, dass Jesus sein Sohn ist (Muss ’ne geniale Erfahrung gewesen sein!). Dann schreibt Petrus: „Umso fester haben wir das prophetische Wort und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet“ (V.19). Ich dachte zuerst, hier geht es um die Autorität des Petrus: Er hat Jesu Herrlichkeit gesehen und nun sollen alle auf seine prophetischen Worte hören.

Aber beim genaueren Hinsehen kann man feststellen, dass Petrus nicht von seinen eigenen Worten redet, sondern dass es ihm um die prophetischen Worte des Alten Testaments ging. Diese Prophezeiungen haben sich in Jesus erfüllt und deswegen tun wir gut daran, auf die Worte der Propheten zu achten. In diesem Sinn verstehen viele Kommentare und auch viele Übersetzungen diese Stelle. Das macht auch Sinn, da es gleich in V.20 auch um Weissagungen in der Schrift geht.

Tja, da wollte ich dem armen Petrus doch gleich wieder Egomanie und Autoritätssucht vorwerfen. Aber auch Petrus ist nur jemand, der aus der Schrift lebt und der seine Erfahrungen mit Jesus auf dem Hintergrund der Schrift deutet und versteht… Er sagt eben nicht: „Alle hört auf mein Kommando!“, sondern er sagt: „Ihr tut gut daran, wenn ihr auf die Prophezeiungen der Schrift hört und ihr euch davon trösten und ermutigen lasst!“Bibeltext

1. Korinther 14, 26-33 – unordentliche Gottesdienste

In diesem Abschnitt gibt Palus konkrete Hinweise, wie mit Sprachengebet und prophetischer Rede im Gottesdienst umgegangen werden soll. Da kann man zwischen den Zeilen ein faszinierendes Bild entwerfen, wie damals (zumindest in Korinth) ein Gottesdienst ausgesehen haben könnte. Was ich besonders toll finde: Jeder hat etwas beizutragen. Jeder ist irgendwie beteiligt. Das ist keine Show, die einer oder ein paar wenige vorne abziehen, sondern da sind alle irgendwie beteiligt. Das vermisse ich heutzutage in vielen Gottesdiensten. Sei es in sehr traditionellen Gemeinden, in denen die Leute es aus lauter heiliger Ehrfurcht gar nicht wagen, etwas zu sagen oder spontan aus dem Gewohnten auszubrechen. Oder sei es in ganz modernen Gottesdiensten, bei denen es zwar scheinbar lebendig zugeht, aber letztendlich doch alles von ein paar Profis bis ins kleinste geplant und vorbereitet ist.

Paulus hat in Korinth freilich ein anderes Problem: Dort war alles zu chaotisch und zu durcheinander. Deswegen weist er darauf hin, dass immer nur einer reden soll und dass man aufeinander Rücksicht nehmen soll. Interessant ist dann seine Begründung: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (1. Kor. 14,33) Genial wie hier Paulus der Unordnung nicht die Ordnung gegenüberstellt sondern den Frieden. Es kommt letztendlich nicht auf die Ordnung an sich an, sondern auf das gute und liebevolle miteinander. Bezeichnend fand ich für mich, dass ich den Vers anders im Kopf hatte: Eben als Gegenüber von Unordnung und Ordnung – Gott als ein Gott der Ordnung. Das ist an sich nicht falsch, aber es zeigt, wie wir manchmal unbewusst die Akzente verschieben, wie die (Gottesdienst-)Ordnung wichtiger wird, als der Friede Gottes…

1. Korinther 14 – Zeloten des Geistes

In den restlichen Versen von Kapitel 14 führt Paulus seine grundsätzlichen Aussagen von 1. Kor. 14,1-5 noch weiter aus und begründet sie. Neben dem Interesse dass die Gaben des Geistes uns gegenseitig erbauen und helfen sollen, tritt ein missionarisches Interesse. Im Zusammenhang des gemeinsamen Gottesdienstes bewertet Paulus die verständliche prophetische Rede, die konkret in eine Lebenssituation hinein spricht und die Menschen dadurch weiter helfen kann, höher als das Sprachengebet, das vor allem der persönlichen Erbauung dient. Drastisch bringt er das in V. 19 auf den Punkt: „Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“ Um andere zu erbauen, um ihnen zu dienen brachen wir verständliche und verstehbare Worte – sonst bringt es ihnen gar nichts.

Was mir darüber hinaus ganz allgemein bei diesem Themenkomplex aufgefallen ist, sind die wiederholten Aufforderungen des Paulus, nach den Geistesgaben zu „streben“ bzw. „sich darum zu bemühen“ (1. Kor. 12,31; 14,1; 14,39). Auch wenn Paulus manch konkrete Kritik am Umgang mit den Geistesgaben hat, so ist es für ihn doch klar, dass sie wichtig und erstrebenswert sind. Von meinem lutherisch-pietistisch-evangelikalen Hintergrund her tu ich mich eher schwer mit den Geistesgaben. Ich kenn eher die Einstellung: „Na klar gibt’s Geistesgaben. Und manche haben halt diese Gaben und andere jene. Da sollte man nicht immer neidisch auf andere schauen.“ Gerade gegenüber den „spektakulären“ Gaben gibt es eine gewisse Scheu.

„Bemüht euch um die Gaben des Geistes“ (1. Kor. 14,1). Den Satz und vor allem das Wort „bemühen“ hab ich mir mal genauer angeschaut. In verschiedenen Übersetzungen (eifern, sich bemühen, danach streben) und dann auch im Griechischen: Ich war überrascht welches Wort da im Original steht: „zäloo“ (meist mit „eifern“ übersetzt). Auch die Zeloten haben ihre Bezeichnung von diesem Wort: Die Zeloten das war eine Gruppe von religiösen Eiferern zur Zeit Jesu, sie sich durchaus auch gewalttätig für ihren Glauben und gegen die Römer eingesetzt haben. Auf ähnliche Weise sollen wir also auch nach den Geistesgaben streben. Sich bemühen meint also nicht nur: ab und zu dafür beten, sondern da steckt mehr dahinter: Herzblut, Leidenschaft, Zielstrebigkeit, Kampf… Bleibt nur die Frage, wie man das denn konkret macht: Sich voller Eifer und Leidenschaft um Geistesgaben zu bemühen. Was kann ich dafür tun, außer beten?

1. Korinther 14, 1-5 – Große und kleine Gaben

Komisch – bis jetzt hatte ich das Bild vom einen Leib und den vielen Glieder so verstanden, dass jedes Glied gleich wichtig ist und dass es darum keine großen und kleinen Gaben gibt. Paulus schreibt ja, dass gerade die Glieder, die am schwächsten erscheinen die nötigsten sind (1. Kor. 12,22). Aber in Kap. 14 scheint Paulus jetzt doch eine Rangfolge der Gaben aufzustellen: „Wer prophetisch redet, der ist größer als der der in Zungen redet.“ (1. Kor. 14,5) Was heißt das jetzt?

Wie so oft in der Bibel gibt es keine Schwarz-Weiß-Antworten, sondern eine differenzierte und vielschichtige Antwort. Für Paulus ist klar, dass kein Christ wichtiger oder unwichtiger ist als andere, weil er bestimmte Gaben hat und andere nicht. Alle sind mit ihren Gaben unersetzlich für den Leib Christi. Aber Paulus unterscheidet bei den Gaben selbst dann doch: Es gibt „größere“ und „kleinere“. Der Maßstab ist für ihn, ob die Gabe der Gemeinde nützt oder eher dem Christen persönlich (1.Kor.14,4: Zungenrede erbaut nur den Beter selbst, prophetische Rede dagegen die Gemeinde). Deswegen fordert er auf, vor allem nach der Gabe zu streben, die auch anderen nützt (der prophetischen Rede). Damit will er die Zungenrede nicht entwerten oder verbieten – nein, auch um diese Gabe soll man sich bemühen (1.Kor.14,1: Bemüht euch um die Gaben des Geistes…), aber am meisten soll man sich um die Gabe der prophetischen Rede bemühen (1.Kor.14,1: …am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede). Denn diese Gabe erbaut nicht nur mich, sondern auch andere.