Sacharja 4, 1-14 Die beiden Ölsöhne und der eine Gesalbte

In dieser Vision tauchen zwei Gesalbte (wörtlich: „Ölsöhne“) auf. Sie stehen wohl für politische und religiöse Führungspersönlichkeiten, also für König und Priester. Die Vision scheint von den damaligen Erwartungen beeinflusst zu sein. Denn man erwartete die Wiederherstellung Israels unter dem Hohenpriester Jeschua (vgl. Kap. 3) und durch den in messianischen Farben geschilderten Serubbabel, der damals Statthalter von Juda war (vgl. 4,9f und Haggai 2,21-23). Allerdings lesen wir danach nichts mehr von Serubbabel – die Erwartungen haben sich wohl so nicht erfüllt.

Im Neuen Testament wird Jesus Christus als der eine wahre König und Hohepriester gesehen. In ihm vereinen sich als dem einen Gesalbten alle Erwartungen. Wir sehen wieder einmal, dass nicht alle Prophetien einfach eins zu eins aufgehen. Es sind Zukunfts- und Hoffnungsbilder, die etwas andeuten, aber nicht exakt voraussagen. In der damaligen Zeit haben sich die Erwartungen im Hohepriester Jeschua und dem Statthalter Serubbabel ansatzweise erfüllt. Die beiden sorgten für den Wiederaufbau des Tempels, trotz mancher Widerstände. In Jesus Christus ist diese Prophezeiung der „Ölsöhne“ auf veränderte Weise fortgeführt worden. Die endgültige Aufrichtung der Herrschaft des Messias steht noch aus und wird wohl auch etwas anders aussehen, als wir uns das jetzt noch vorstellen können.

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Apostelgeschichte 21, 1-14 Prophetische Worte

Was sagt denn nun der Heilige Geist in diesem Abschnitt? In V.4 sagt der Geist durch die Jünger in Tyrus, dass Paulus nicht nach Jerusalem gehen soll. In V.11 sagt ein Prophet, dass Paulus in Jerusalem gefangen gen0mmen wird. Aber Paulus selbst ist überzeugt, dass es Gottes Wille ist, dass er nach Jerusalem geht, auch wenn er dort sterben sollte (V.13). Paulus ist sich offensichtlich sehr sicher, was Gott will – und das ist das genaue Gegenteil von dem, was die Jünger durch den Geist in V.4 sagen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten diesen Widerspruch aufzulösen. Die einfachste Lösung ist, dass Lukas in V.4 verdichtet formuliert hat. Der Heilige Geist hat den Jüngern deutlich gemacht, welche Gefahren Paulus in Jerusalem drohen und sie warnen ihn deshalb eindringlich vor dieser Reise (in diesem Sinn überträgt z.B. die Neue Genfer Übersetzung den Vers – das ist dann allerdings schon eine starke Interpretation und keine wortgetreue Übersetzung). Dann ist allerdings die Frage, warum Lukas selbst das so missverständlich aufgeschrieben hat. Als gewissenhaften Schreiber muss ihm doch dieser Widerspruch aufgefallen sein. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass die Jünger in Tyrus die Botschaft des Heiligen Geistes falsch interpretiert haben. Sie haben richtig verstanden, dass große Gefahr droht und verstehen nun den Heiligen Geist so, dass Gott nicht will, dass Paulus nach Jerusalem geht. In diese Richtung geht ja auch V.11. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass die Jünger in Tyrus eine falsche Prophetie weitergeben. Auch das macht die Bibel ja immer wieder deutlich, dass es falsche Propheten und Prophetien geben kann.

Wie auch immer: die Stelle zeigt, dass der Umgang mit Prophetie nicht immer einfach ist. Es muss auf jeden Fall geprüft werden. Es kann unterschiedliche Interpretationen geben. Und man kann unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen. Dass Paulus in Jerusalem Gefahr droht (so wie es der Prophet in V.11 richtig vorausgesagt hat) stimmte ja. Die Frage ist nun, ob Paulus an seiner eigenen Gewissheit festhält, dass Gott ihn nach Jerusalem schickt, oder ob er dies als Hinweis Gottes versteht, doch nicht hinzugehen.

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Hesekiel 30 Kein magisches Orakelbuch

In diesem Kapitel verkündigt Hesekiel die völlige Niederlage Ägyptens gegenüber Babylonien. Er schreibt dass Gott bereits einen Arm des Pharaos zerbrochen hat (V.21), dass er aber bald beide Arme völlig zerbrechen wird (V.22). Mit dem Zerbruch eines Armes (Arm steht als Bild für militärische Macht) nimmt er wahrscheinlich Bezug auf die Schlacht bei Karkemis, bei der die Babylonier den Ägyptern 605 v. Chr. eine entscheidende militärische Niederlage zugefügt haben. Aber für eine spätere völlige Eroberung und Zerstörung Ägyptens durch die Babylonier gibt es keine geschichtlichen Hinweise. Ägypten wurde erst 525 v. Chr. durch die Perser erobert.

Die Prophezeiung ist also so nicht eingetroffen. Für Bibelkritiker ein gefundenes Fressen. Für Bibelfanatiker, die gerne die Wahrheit der Bibel durch eingetroffene Prophezeiungen „beweisen“ wollen eine schwierige Stelle. Für mich wird hier wieder deutlich, dass biblische Prophetie kein Zukunftsorakel ist. Propheten wollen nicht in erster Linie ein genaues Bild der Zukunft geben, sondern sie sprechen in ihre Gegenwart hinein und wollen ihre Zuhörer warnen und zur Umkehr zu Gott veranlassen. Es geht Hesekiel mit seiner Prophezeiung in erster Linie darum, seine Landsleute davor zu warnen, sich auf die Macht Ägyptens zu verlassen. Sie sollen sich lieber Gott zuwenden, anstatt auf den Pharao zu vertrauen. Und tatsächlich konnte der Pharao den Bürgern von Jerusalem nicht helfen, als wenig später Jerusalem von den Babyloniern erobert und zerstört wurde… Für die Einwohner Jerusalems wurde die Macht Ägyptens also tatsächlich ganz zerbrochen.

Die Bibel ist kein magisches Orakelbuch, mit dem man sich die genaue Zukunft der Weltgeschichte ausrechnen kann. Sie spricht uns jetzt ins Herz, sie malt die Konsequenzen eines Lebens ohne Gott aus und sie fordert uns immer wieder zur Umkehr zum Gott des Lebens auf. Auf welche Weise und unter welchen Bedingungen sich Prophezeiungen dann genau erfüllen, das ist Gottes Sache.

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Hesekiel 26 Unerfüllt Prophetie?

Ganz besonders ausführlich wendet sich Hesekiel der mächtigen Handelsstadt Tyrus zu (zweieinhalb Kapitel). Neben Ägypten schien Tyrus damals wohl die einzige Macht, die den Babyloniern evtl. hätte widerstehen können. Ägypten war eine militärische Großmacht und Tyrus eine ökonomische Großmacht. Auch von der Lage her war Tyrus militärisch gut zu verteidigen: es lag auf einer kleinen Insel im Mittelmeer und galt deswegen lange als uneinnehmbar. Hesekiel prophezeit der Stadt trotzdem den Untergang. Der babylonische König Nebukadnezar wird kommen und die Stadt in Schutt und Asche legen.

Tatsächlich kam Nebukadnezar auch und belagerte die Stadt 13 Jahre lang. Allerdings konnte er sie nicht stürmen. Die Stadt ergab sich jedoch 568 v. Chr. (vgl. Wikipedia: Tyrus) und geriet in babylonische Abhängigkeit. Erst Alexander der Große konnte 332 v. Chr. die Mauern der Stadt stürmen. Dies gelang in mit Hilfe eines Dammes, den er vom Festland her aufschüttete und auf dem seine schweren Belagerungsmaschinen an die Mauern heranrücken konnten. Er zerstörte die Stadt teilweise.

Schon Hesekiel selbst musste sich damit auseinandersetzen, dass seine Prophezeiung nicht genau so eingetroffen ist, wie er sie ausgesprochen hatte. In Hesekiel 29,18-20 wird deutlich, dass Nebukadnezar die Stadt nicht zerstören konnte. War die Prophezeiung deswegen falsch? Ich denke, dass biblische Prophezeiungen oft mehrere Dimensionen haben. Es geht nicht um magische Zukunftsvorhersagen, sondern um Zukunftsbilder, welche das Verhalten in der Gegenwart verändern sollen. Diese Bilder können sich dann in unterschiedlichen Stufen (zeitlich) und Formen (buchstäblich oder in übertragenem Sinn) erfüllen.

In diesem Fall hat sich die Prophezeiung unter Nebukadnezar nur andeutungsweise erfüllt (die Macht der Stadt wurde tatsächlich gebrochen, sie musste sich Babylon unterwerfen) und erst durch Alexander wurde sie dann tatsächlich erobert. Biblische Prophetie erfüllt sich nicht immer so, wie wir uns das mit unserem begrenzen menschlichen Verstand vorstellen…

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Jeremia 28 Wer hat Recht?

Erstaunlich nüchtern geht hier Jeremia mit einem anderen Propheten um, der genau das Gegenteil von dem verkündet, was Jeremia sagt. Jeremia verfällt nicht in Verteidigungshaltung und zählt biblisch-theologische Argumente auf, warum er und nur er Recht hat. Nein, seine erste Reaktion ist, dass er dem anderen Propheten zustimmt: „Ja, das wäre wunderbar, wenn Deine Botschaft so eintreffen würde und ich wünsche mir dass Du Recht hast mit Deiner Heilsbotschaft. Aber wer von uns beiden wirklich im Namen Gottes prophezeit, wird man erst erkennen, wenn sich die Prophezeiungen erfüllen.“ (V.6.9)

Erst nachdem Gott erneut zu Jeremia spricht, findet Jeremia deutlichere Worte: „Der Herr hat dich nicht gesandt; aber du machst, dass dies Volk sich auf Lügen verlässt.“ (V.15) Und er kündigt den baldigen Tod des Propheten an. Diese Prophezeiung wird durch Gott auch relativ zügig bestätigt: Der falsche Prophet stirbt kurz darauf.

Mir gefällt die nüchtern Art wie hier mit Prophetie umgegangen wird: Wer Recht hat, kann man letztendlich erst beurteilen, wenn die Botschaft auch eintrifft. Jeremia geht es nicht um die Verteidigung seiner Prophetenpersönlichkeit, sondern um die Wahrheit von Gottes Wort. Und dazu sagt er: Erst mal abwarten!

Nur macht das die Beurteilung auch extrem schwierig: Wie soll man vorher wissen, wessen Prophetie eintrifft? Soll ich auf die Unheilsbotschaft des Jeremia hören oder soll ich der Heilsbotschaft des anderen Propheten vertrauen? Um die Stimme Gottes aus der unübersichtlichen Vielfalt der theologischen Meinungen heraus zu hören, bedarf es auch heute noch so manches mal nüchterne Gelassenheit und Geduld.
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1. Petrus 1, 16-21 – Alles hört auf mein Kommando!

Diesen Abschnitt hab ich beim ersten Lesen etwas falsch verstanden. Petrus berichtet von dieser wundervollen Erfahrung der sogenannten Verklärung Jesu: Petrus, Jakobus und Johannes waren mit Jesus auf einem Berg und plötzlich erscheint Jesus in strahlendem Licht. Die Jünger hören die Stimme Gottes, die ihnen sagt, dass Jesus sein Sohn ist (Muss ’ne geniale Erfahrung gewesen sein!). Dann schreibt Petrus: „Umso fester haben wir das prophetische Wort und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet“ (V.19). Ich dachte zuerst, hier geht es um die Autorität des Petrus: Er hat Jesu Herrlichkeit gesehen und nun sollen alle auf seine prophetischen Worte hören.

Aber beim genaueren Hinsehen kann man feststellen, dass Petrus nicht von seinen eigenen Worten redet, sondern dass es ihm um die prophetischen Worte des Alten Testaments ging. Diese Prophezeiungen haben sich in Jesus erfüllt und deswegen tun wir gut daran, auf die Worte der Propheten zu achten. In diesem Sinn verstehen viele Kommentare und auch viele Übersetzungen diese Stelle. Das macht auch Sinn, da es gleich in V.20 auch um Weissagungen in der Schrift geht.

Tja, da wollte ich dem armen Petrus doch gleich wieder Egomanie und Autoritätssucht vorwerfen. Aber auch Petrus ist nur jemand, der aus der Schrift lebt und der seine Erfahrungen mit Jesus auf dem Hintergrund der Schrift deutet und versteht… Er sagt eben nicht: „Alle hört auf mein Kommando!“, sondern er sagt: „Ihr tut gut daran, wenn ihr auf die Prophezeiungen der Schrift hört und ihr euch davon trösten und ermutigen lasst!“Bibeltext

Jesaja 36 – Ob ihr wirklich richtig steht

Die Kapitel 36-39 sind so etwas wie ein geschichtlicher Anhang an den ersten Teil des Jesaja-Buches. In diesen Kapiteln wird deutlich, dass die Ankündigen des Jesaja auch tatsächlich eingetroffen sind. An der Stelle wird für mich ein grundsätzliches Problem von Prophetie deutlich: Richtig überprüfen kann man prophetische Aussagen erst, wenn es schon zu spät ist. Es gab zur Zeit der alttestamentlichen Propheten noch viele andere Propheten. Und der eine hat dies gesagt und der andere jenes. Erst im Lauf der Geschichte hat sich herausgestellt, welcher Prophet wirklich im Namen Gottes gesprochen hat. So z.B. Jesaja. Aber die Zeitgenossen Jesajas konnten das ja noch nicht wissen.

Auch heute scheint in manchen Kreisen des Christentums die Prophetie wieder neu in Mode zu kommen. Propheten reisen durch die Gegend und geben sogar Seminare, wie man Prophet wird. „Eindrücke“ und Träume werden weitergegeben und jeder scheint eine wichtige Botschaft von Gott zu empfangen. Ich fühl mich dabei sehr unwohl. Woher soll ich wissen, welche Prophetie wirklich von Gott ist? Wie soll man aus dem Mischmasch von göttlicher Inspiration, menschlichen Sehnsüchten und Ängsten und vielleicht auch satanischer Verblendung die richtige Botschaft heraushören können? Wer recht hatte und wer nicht stellt sich in der Regel erst heraus, wenn es schon zu spät ist. Mich stört der oft so leichtfertige und blauäugige Umgang mit diesem „großen“ Thema. „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht angeht…“ – und dann ist es schon zu spät!

Jesaja 32 – Ansatzweise

Jesaja schreibt über eine Zeit in der ein gerechter König herrschen wird und in der der Geist aus Höhe über uns ausgegossen wird. Wie ist das zu verstehen? Ich tu mich mit solchen Prophezeiungen schwer. Sind das Dinge, die sich in unserer irdischen und endlichen Welt verwirklichen? Oder geht es um Dinge, die erst in Gottes großer Neuschöpfung, am Ende der Zeit erfüllt werden? Als Christen glauben wir ja, dass Jesus der König der Gerechtigkeit ist und er Frieden zwischen Gott und Menschen hergestellt hat. Als Christen glauben wir, dass Gott an Pfingsten seinen Geist ausgegossen hat und er in jedem Gläubigen wohnt. Aber warum erleben wir das nur so bruchstückhaft und nicht so herrlich und eindeutig, wie es in diesem Text dargestellt wird? Warum erfüllt Gott (bisher) diese Prophezeiung nur ansatzweise?

Theologisch gesehen steckt dahinter die Spannung zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Reich Gottes. Mit Jesus ist Gottes Herrschaft angebrochen, in ihm Reich Gottes schon jetzt gegenwärtig. Und zugleich ist es noch nicht vollendet, erst am Ende der Zeit, bei Jesu Wiederkunft, wird endgültig Gottes Reich alles in allem sein. Vom Kopf her klar, aber mit dem Herzen soooo schwer zu verstehen und zu leben…