Apostelgeschichte 25, 1-12 Machterhaltungspolitik

Auch unter dem neuen Statthalter Festus ergeht es Paulus nicht besser. Im Gegenteil: Während Felix zumindest noch die Unschuld des Paulus erkannt hat und ihn nicht den Juden ausliefern wollte, ist Festus die Sache offensichtlich völlig egal. Er will sie nur schnell klären und er will es sich nicht gleich zum Amtsantritt mit der jüdischen Führungsschicht verderben (V.9). Deswegen ist er bereit, auf ihre Forderungen einzugehen und den Prozess in Jerusalem weiterzuführen. Paulus bleibt darum nur die Berufung auf den Kaiser. Als römischer Bürger hat er das Recht sich auf die höhere Instanz in Rom zu berufen.

Festus will nicht für Recht und Gerechtigkeit sorgen, sondern ist nur besorgt um seinen eigenen Machterhalt und ein möglichst reibungsloses regieren. Da hat sich grundsätzlich bis heute nicht viel verändert in der Welt. In westlichen Demokratien haben wir zum Glück mehr Grundrechte und können Politiker in gewissen Abständen auch abwählen. Aber das Verhalten von Politikern ist auch heute oft in erster Linie am eigenen Machterhalt ausgerichtet.

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Sprüche 29, 1-18 Glaube und Politik

In diesen Sprüchen geht es vor allem um die politisch-soziale Dimension des Glaubens. Erstaunlich, wie ähnlich die Themen damals wie heute sind: Steuer, Armut, respektvolles Miteinander. Oder muss man sagen: das ist gar nicht erstaunlich, sondern die Probleme menschlichen Zusammenlebens sind heute die dieselben  wie damals? Trotz allen Fortschrittes, trotz aller neuen Erkenntnisse und Entdeckungen – der Mensch ist immer noch derselbe. Die Grundfragen menschlicher Gesellschaft sind heute noch dieselben: Wie kommt es zu einer gerechten Verteilung des Geldes und wie gehen wir in Respekt und Weisheit miteinander um?

Für die Sprüche ist klar, dass dazu ein offenes Ohr für die Weisungen Gottes gehört (V.18). Aber gerade in den Sprüchen wird auch deutlich, dass dazu nicht nur ein fester Glaube nötig ist, sondern auch nüchterner und sachlicher Menschenverstand. Gerade die Sprüche sind Sammlungen von Lebensweisheiten, die zwar mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht als göttliche Offenbarung vom Himmel gefallen sind. Wichtig ist, dass sich menschliche Weisheit und Lebenserfahrung mit Gottesfurcht (oder anders übersetzt: Respekt vor Gott) verbindet. Glaube kann sich nicht nur auf innerliche und persönliche Erfahrungen zurück ziehen. Er hat Verantwortung auch für andere. Aber umgekehrt gilt auch: eine Politik ohne Respekt vor Gott, steht in der Gefahr, falsche Maßstäbe anzuwenden.

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Lukas 20, 20-26 Eine ausweichende Politikerantwort?

Noch stärker als Markus betont Lukas, dass die Fragesteller Jesus reinlegen wollten. Im Hintergrund der Frage steht, wie man sich als frommer Jude gegenüber der römischen Besetzungsmacht verhalten sollte. Soll man dem römischen Kaiser Steuern bezahlen oder nicht? Wenn man keine Steuern bezahlt, dann bedeutet das Aufstand gegen Rom. So manche Juden (die sogenannten Zeloten) forderten das damals. Sagt Jesus nun ja, so kriegt er Ärger mit den Zeloten. Sagt er nein, dann können ihn seine Gegner an die Römer verpfeifen.

Jesus antwortet: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Er lässt sich nicht auf diese Alternative ein, sondern gibt eine schlaue Antwort, mit der er den Kopf aus der Schlinge zieht. Aber ist das jetzt nur eine taktische Antwort, um ungeschoren davon zu kommen? Eine typische Politikerantwort, um der Frage auszuweichen und im Grunde um den heißen Brei herum zu reden?

Nein, es ist eine Antwort, die Jesus auch so meint. Unabhängig von der fiesen Fragestellung. Jesus macht damit deutlich, was für ihn im Zentrum steht. Es geht um Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben. Wenn unser Leben ganz Gott gehört, dann kann der Kaiser ruhig unsere Steuern haben. Das heißt nicht, dass alle politischen Fragen unwichtig sind – aber sie betreffen nicht den Kern meines Gottesverhältnisses. Wie ich mein Leben aus diesem Kern heraus dann gestalte, das kann und muss durchaus auch politische Folgen haben.

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Hesekiel 27 Globalisierung in der Antike

In diesem Klagelied über Tyrus wird eindrucksvoll der Reichtum der Handelsstadt geschildert (übrigens spannend, dass Hesekiel über den Feind ein Klagelied anstimmt!). Tyrus war wohl ein zentraler Umschlagsplatz für Waren, die über das Meer aus dem gesamten Mittelmeerraum und über das Land aus dem gesamten palätstinisch-syrisch-arabischen Gebiet kamen. Beeindruckend fand ich, welch Fülle von welch Fülle von Handelspartnern und Handelswaren hier aufgezählt werden. Da ging ganz schön was ab!

Man denkt immer in antiken Zeiten lebten die Menschen in ihrer kleinen, heilen Welt – aber dieser Text zeigt, dass es schon damals ähnliche Globalisierungstendenzen gab wie heute – nur auf einem etwas begrenzterem Gebiet und nicht in unserem heutigen Tempo. Schon damals wussten die Politiker und Wirtschaftsbosse in Tyrus die Macht des Marktes zu ihren eigenen Gunsten einzusetzen. Schon damals regierte das Geld und die Waffen. Aber damals wie heute macht uns die Bibel deutlich, dass wirtschaftliche und auch politische Macht nicht bleibend ist…

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Martin Suter: Der Koch


Wieder mal ein brillanter Roman von Martin Suter. Für meinen Geschmack: zu brillant. Kein Frage: gut geschrieben, gut zu lesen, interessante Geschichte und interessante Figuren. Aber insgesamt wirkt alles zu glatt, zu perfekt, zu „en vogue“, zu viele angesagte Themen rein gepackt. Und abgesehen davon ist die Geschichte auch ziemlich vohersehbar. Mir haben andere Roman von Suter schon besser gefallen.

Trotzdem eine angenehme und unterhaltsame Urlaubslektüre. Es geht um den jungen Tamilen Marvan. Er ist vor dem Krieg in Sri-Lanka in die Schweiz geflohen und schlägt sich dort mehr schlecht als recht durch. Er ist das typische verkannte Genie: Schon von Kind an wächst er in der Küche auf und ist inzwischen ein begnadeter Koch. Das Problem ist, dass das niemand merkt. Er arbeitet als Küchenhilfe im Restaurant und verliert eines Tages auch noch diesen Job.

Die zweite Hauptfigur ist Andrea. Sie arbeitete im gleichen Restaurant und verliert auch ihren Job. Marvan ist hoffnungslos verliebt in sie und hat, aufgrund seiner aphrotisierenden Kochkünsten auch schon einmal eine Nacht mit ihr verbracht. Aber Andrea will nichts von ihm wissen – denn sie ist eigentlich lesbisch. Zusammen schlagen sie dann aber aus Marvans Kochkünsten Kapital… Schon aus der Beschreibung kann man erahnen, in welche Richtung die Story läuft und als Marvan zufällig eine hübsche junge Tamilin kennen lernt, ist auch klar, dass das verkannte Genie auch noch sein privates Glück finden wird.

Interessant an dem Buch fand ich, dass Suter darin auf einen politischen Konflikt hinweist, der in unseren westlichen Medien kaum Beachtung gefunden hat. Der Bürgerkrieg in Sri-Lanka wurde in der Welt kaum wahrgenommen. Dort gibt es wohl nicht genügend Bodenschätze und das Land ist strategisch nicht so wichtig. Dabei sind in diesem Krieg – nicht anders als z.B. in Afghanistan oder im Irak – auch tausende von Menschen um’s Leben gekommen. Aber in der Weltpolitik zählt offensichtlich nicht jedes Menschenleben gleich viel. Stark von Suter ist auch, dass er darauf hinweist, wie auch die angeblich neutrale Schweiz, bzw. Geschäftsleute in der Schweiz, aus solchen Krisen ihr Kapital schlagen.

Jeremia 49 Gott handelt in der Geschichte

In diesem Kapitel finden sich weitere Weissagungen gegen Nachbarvölker von Israel: gegen Ammon (östlich von Juda), gegen  Edom (südlich von Juda), gegen Damaskus (nordöstlich von Juda – wobei Damaskus als Hauptstadt für das syrische Reich steht), gegen arabische Stämme (in der weiter östlich von Juda gelegenen Wüstengegend) und gegen Elam (nördlich von Babylonien).

Sie alle betrifft die Machtexpansion des babylonischen Großreichs. In der damaligen Zeit waren Politik und Religion nicht getrennt, sondern auf engste verbunden. Die Babylonier eroberten im Namen ihres Gottes andere Länder. Wenn Jeremia hier nun Weissagungen vom Gott der Bibel gegen andere Völker ausspricht, so hat das auch eine sehr politische Dimension. Man ahnt in diesem Kapitel etwas von dem Schrecken, der von Babylonien damals ausging.

Trotzdem bleibt bei Jeremia deutlich, dass Babylonien nur so handeln und erobern kann, weil Gott selbst es zulässt. Gott gebraucht den babylonischen König Nebukadnezar und seine brutale Kriegspolitik und stellt sie in seinen Dienst. Wobei wir nicht den Fehler machen dürfen und jede geschichtlich-politische Gegebenheit als Willen Gottes anzuerkennen. Hier wird die politische Lage erst durch das Prophetenwort des Jeremia als Handeln Gottes gedeutet. Die Kunst ist zu erkennen, wann Gott dahinter steht und wann nicht, wann wir uns in eine schwieriges Schicksal ergeben müssen und daraus lernen müssen, und wann wir dagegen ankämpfen müssen.
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Orhan Pamuk: Schnee

Um was geht es in diesem Buch des Literaturnobelpreisträgers Pamuk? Gar nicht so einfach zu beantworten, weil der Autor sehr viele Themen anschneidet: Politik und Religion, die Spannung in der Türkei zwischen Verwestlichung und Islamismus, die Spannung zwischen Individualität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Volk, Familie, politische Partei, Glaubensgemeinschaft), Lyrik und Inspiration, die Suche nach Glück und Erfüllung, Kunst und Künstler, Atheismus und Glaube an Gott, … aber letztendlich geht es hinter allem und vor allem um die große Liebe, um die eine Person von der man erhofft, dass sie mein Leben sinnvoll macht.

Die Hauptperson ist der Dichter Ka. Er stammt aus der Türkei und lebt viele Jahre in Deutschland. Er besucht für ein paar Tage die kleine Grenzstadt Kars in der Türkei und der Roman beschreibt ausführlich, was in diesen wenigen Tagen in dieser Stadt geschehen ist. Ka reist offiziell im Auftrag einer Zeitung, um einen Artikel zu schreiben über Selbstmorde von jungen Mädchen, die gezwungen werden sollen ihr Kopftuch abzulegen. Parmuk arbeitet in dem Buch sehr gut das Spannungsfeld heraus, in welchem sich muslimische Frauen (nicht nur in der Türkei) befinden: nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in politischer und familiärer. Aber eigentliche, innere Antriebsgrund für diese Reise in die Provinz ist Ipek, eine schöne Freundin aus Studienzeiten.

Die Stadt Kars ist während Kas Aufenthalt durch extreme Kälte und viel Schnee drei Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser Zeit wird Ka zum Spielball der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen in Kars. Er ist ein hin und her Getriebener, dem es letztendlich nur um die Liebe von Ipek geht. Er verliebt sich nämlich vom ersten Augenblick an in diese unglaublich schöne Frau.
Die Geschichte nimmt teilweise groteske Wendungen und als Leser ist man nie sicher, wer denn jetzt die Guten und wer die Bösen sind. Das ist sicherlich auch ein Anliegen Pamuks: zu zeigen, dass die Welt viel zu kompliziert und verworren ist, um sie einfach in Schwarz und Weiß aufzuteilen.

Der Titel des Buches „Schnee“ hängt mit Kas Faszination von den Schneeflocken in Kars zusammen. Der Schnee sorgt rein äußerlich für die Voraussetzungen der außergewöhnlichen Ereignisse in Kars, indem die Stadt für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist. Zugleich tauchen an einer Stelle des Buches die Schneeflocken als ein Sinnbild für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen auf: so wie jede Schneeflocke einzigartig ist, so ist auch jeder Mensch einzigartig. An dieser Stelle schlägt sich Parmuk eindeutig auf die Seite der westlich-europäischen Sicht der Individualität eines jeden Menschen. Auf der anderen Seite sehnt sich die Hauptfigur Ka immer wieder nach der wirklichen Zugehörigkeit zu einer Familie oder Volksgruppe (die er aber aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht mehr erreichen kann).

Im Umschlagtext wird das Buch als ein „raffinierter, melancholischer Kriminalroman“ beschrieben. Man könnte vielleicht ergänzen: raffinierter, melancholischer Liebes- und Kriminalroman. Aus irgendeinem Grund erscheinen mir die Bücher von Pamuk nicht so leicht und unmittelbar zugänglich wie manch andere Romane. Aber ich hab diesen Roman trotzdem mit Genuss und Faszination gelesen. Er regt an über so manche Themen weiter nachzudenken und er hält uns Europäern immer wieder den Spiegel vor, wie leicht wir überheblich auf andere Kulturen herab schauen.

Urs Widmer: Das Buch des Vaters


Es geht in diesem Roman um das „Buch des Vaters“. Der Vater des Erzählers hat in einer mysteriösen Zermonie zu seinem 12. Geburtstag in einem abgelegenen Bergdorf der Schweiz ein weißes Buch mit lauter weißen Blättern geschenkt bekommen. Es soll eine Art Tagebuch sein: Über jeden Tag seines Lebens soll er darin berichten. Nach seinem Tod kommt das Buch jedoch abhanden und so beschließt der Sohn dieses Mannes, also der Erzähler, selbst die Lebensgeschichte seines Vaters zu schreiben.

Die Geschichte spielt vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Die politische Situation der Schweiz in Künstlerkreisen wird beschrieben. Der Vater trat einst in die kommunistische Partei ein, aus Überzeugung und aus Abscheu gegen die Faschisten. Nach dem Krieg lässt seine Begeisterung nach. Viel wichtiger als die Politik ist dem Vater die Kunst. Er ist ein Büchernarr. Seine Wohnung stopft er voll mit Büchern. Er liebt es Bücher zu lesen, über sie zu reden und Bücher aus anderen Sprachen zu übersetzen. Auch mit anderen Künstlern hat er Kontakt.

Eine weitere wichtige Rolle spielt in dem Buch natürlich die Familie des Vaters. Er ist mit der schönen Clara verheiratet und die beiden haben zwei Söhne. Auch die Herkunftsfamilie des Vaters und sein aufwachsen dort wird beschrieben.

Ich fand das Buch ganz okay, aber es hat mich irgendwie nicht gefesselt. Der Autor, Urs Widmer, hat 2000 mit dem Buch „Der Geliebte der Mutter“ einen großen Erfolg gehabt. Dieses Buch hatte ich auch gelesen und es hat mir sehr gefallen. „Das Buch des Vaters“ ist so etwas wie die Fortsetzung oder Ergänzung zu diesem früheren Roman, den Clara, die Mutter des Ich-Erzählers, stand in dem Roman „Der Geliebte der Mutter“ im Zentrum. Nach meinem Geschmack plätschert das Buch mehr vor sich hin, anstatt zu fesseln…

Vom Stil her lässt sich das Buch recht gut lesen, was mich allerdings stört ist, dass Widmer ohne Absätze schreibt: Machmal bis zu 10 Seiten, ohne einen einzigen Absatz (bis zum nächsten Unterkapitel). Find ich nicht sehr lesefreundlich.

Ich bin irgendwie mit den den Hauptpersonen auch nicht so richtig „warm“ geworden. Manchmal hat man ja ein Buch, das einen fesselt und bei dem man das Gefühl hat mitten in der Geschichte drin zu sein. Man leidet mit den Personen mit, man freut sich mit ihnen.

Das Buch ist teilweise etwas skurril, v.a. der „Initiationsritus“ des damals 12-jährigen Vaters in dem abgelegenen Bergdorf ist seltsam. Die Idee mit dem „weißen Buch“, das dann vollgeschrieben wird und das dann erst nach dem Tod der jeweiligen Person von den Nachkommen gelesen werden darf, fand ich aber sehr interessant. Ein spannender Gedanke.

1. Petrus 2, 11-17 – Kadavergehorsam?

„Seid untertan aller menschlichen Ordnungen um des Herrn willen es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern…“ (V.13f) Das klingt doch sehr nach christlichem Kadavergehorsam. Als Christ soll man den Mächtigen gehorsam sein und ja nicht die bestehenden Ordnungen durcheinander bringen. Aber V.17 rückt dieses Missverständnis dann wieder zurecht: „Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König.“ Sehr schön wird hier differenziert: Der König ist zu ehren – aber Gott zu fürchten. Das erinnert an Jesu Ausspruch: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt.22,21)

Das heißt für mich: Im Zweifelsfall liegt meine Loyalität ganz klar bei Gott. Solange die menschlichen Ordnungen nichts fordern was dem Willen Gottes widerspricht, habe ich mich unterzuordnen. Wenn aber die Mächtigen sich gegen Gott stellen oder etwas verlangen, was ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren kann, dann habe ich Gott mehr zu fürchten als alle menschlichen Ordnungen.Bibeltext

Psalm 72 – Gerechte und barmherzige Politik

Ein Psalm der wahrscheinlich bei der Krönung der Könige von Juda vorgetragen wurde. Also ein offizielles Dokument, das nicht nur religiöse Bedeutung hatte, sondern auch politische. Der Psalm ist so etwas wie eine Fürbitte für den König, die Bitte darum, dass er seine Aufgabe im Sinne Gottes ausführen kann und dass Gott ihn für diese Aufgabe segnet (so was gibt’s ja bis heute: man denke an Rick Warrens Gebet bei der Amtseinführung von Obama).

Spannend ist, welche Dinge für den König damals als wichtig erachtet wurden. Ich fasse das mal mit den beiden Begriffen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen: Der König soll das Volk mit Gerechtigkeit richten und die Elenden retten (V.2). Ich finde es sehr sinnvoll, dass beide Begriffe aufeinander bezogen und miteinander verbunden werden. Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit wird kalt und herzlos. Aber auch der Barmherzigkeit fehlt etwas, wenn sie nicht mit Gerechtigkeit verbunden wird.

Wie andere Psalmen, in denen es um irdische Könige geht, weist dieser Psalm über sich selbst hinaus. Die Schilderung des Königs übersteigt unsere menschliche Realität, da ist vieles eher Traum und Wunsch, als ernsthaft umsetzbare Wirklichkeit. Deswegen wird dieser Psalm inzwischen zurecht im Judentum messianisch verstanden: Irgendwann wird der eine König kommen, der diesen Traum vom Königtum auch wirklich umsetzen wird. Wir Christen glauben, dass dieser König schon angefangen hat zu regieren (wobei auch wir noch von der Vollendung träumen).

Die Gefahr bei solch einem Verständnis ist aber, das man diese Träume zu schnell in den Bereich des Utopischen abschiebt und unsere „Realpolitiker“ zu schnell von solchen Idealen entlastet. Man denkt: „So zu regieren ist sowieso unrealistisch, das sind schöne Träume, die nichts mit realer Politik zu tun haben.“ Aber ein bisschen mehr Mut zu Visionen und zum Träumen, würde auch heutigen Politikern gut tun. Auch wenn unsere Versuche bruchstückhaft bleiben, sollten wir uns trotzdem mit aller Kraft für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einsetzen.
Bibeltext