Juli Zeh: Schilf

Zeh: SchilfKrimis sind eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser Roman hat es mir dann doch angetan. Es ist eine ziemlich abstruse Geschichte um eine Männerfreundschaft zwischen zwei hochbegabten Physikern. Die Krimielemente reichen von Kindesentführung, über Mord bis hin zu einem todkranken und skurrilen Polizeikommissar. Daneben geht es aber um Quantenphysik, Paralleluniversen und die Frage nach unserer Wirklichkeit. Einmal kräftig geschüttelt und heraus kommt ein ungewöhnlicher Kriminalroman.

So manche Kritiker finden das Plot zu konstruiert, die Figuren zu schematisch und den ganzen Roman zu überambitioniert. Mich hat das wenig gestört. Denn der Roman ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben und spannend zu lesen. Es ist klar, dass die Autorin hier keinen möglichst realitätsnahen Fall schildern will, sondern das Krimigenre benutzt, um über unser Wirklichkeitsverständnis zu philosophieren. Ich finde das ist ihr gelungen. Und es ist ja kein Fehler, wenn man dabei noch gut unterhalten wird.

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Apostelgeschichte 17, 16-34 Anknüpfungspunkte

Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Zum einen ist Paulus wütend über die Götzenverehrung der Athener. Aber trotzdem sucht er einen positiven Anknüpfungspunkt. Er versucht ernsthaft sie zu gewinnen. Er versetzt sich in ihr Denken hinein. Er gebraucht ihr philosophisches Vokabular. Anders als in der Synagoge kann er bei den heidnischen Athenern nicht den Glauben an den Gott Israels voraussetzen. Er kann darum nicht an das Alte Testament anknüpfen, sondern sein Einstieg ist die Schöpfung der Welt durch Gott. Das können prinzipiell auch die Athener akzeptieren.

Das zweite, was mir aufgefallen ist: Der Punkt, an dem das Gespräch abbricht, ist die Auferstehung Jesu von den Toten. Die leibliche Auferstehung passt nicht in das philosophische Denken der Athener. Das Göttliche hat nichts mit dem Leiblichen und Materiellen zu tun. Das Göttliche ist ewig und unveränderlich, das Leibliche ist vergänglich. Paulus hat mit seiner Predigt nur wenig Erfolg. Nur wenige kommen zum Glauben.

In unserer heutigen aufgeklärten westeuropäischen Kultur sind die positiven Anknüpfungspunkte noch geringer. Selbst die Schöpfung ist für die meisten sehr gut ohne Gott vorstellbar. Und mit der Auferstehung haben sogar manche heutige Theologen ihre Schwierigkeiten. Was ist die Konsequenz? Sollen wir ganz auf argumentative Überzeugung verzichten? So geschieht es ja in der Praxis häufig: Wir argumentieren nur noch mit existentiellen Erfahrungen – die kann man nicht so leicht wegdiskutieren. Wie würde Paulus wohl heute predigen? Welche positiven Anknüpfungspunkte würde er finde?

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Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Yalom: Das Spinoza-ProblemDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Yalom hat mit seinen unterhaltsamen Romanen über große Denker der Philosophie erstaunlichen Erfolg. Er stellt das Denken berühmter Philosophen in mehr oder weniger fiktiven Lebensgeschichten dar. Das ist gar nicht so einfach. Mit seinen Romanen will er spannend und anschaulich erzählen, er bringt sein psychologisches Fachwissen in die Darstellung der Personen mit ein und will dennoch auch den philosophischen Grundgedanken seiner Hauptpersonen gerecht werden.

In diesem Buch wagt er sich an den großen und kühnen Denker des 17. Jh. heran: Spinoza. Das Problem bei Spinoza ist, dass man kaum etwas über sein Leben weiß. Er stammt aus dem Judentum, wurde aber wegen seiner religionskritischen Denkweise aus der Gemeinde verbannt. In seinen überlieferten Schriften findet sich wenig persönliches, denn Spinoza war fasziniert von der logischen Vernunft. Er argumentierte nicht mit Erfahrungen oder persönlichen Erlebnissen, sondern mit kühler und oft auch sehr abstrakter Vernunft.  Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem weiterlesen

Kolosser 2, 8-15 Menschenweisheit und göttliche Offenbarung

Ja, das schreibt sich so leicht, dass man seinen Glauben nicht auf Philosophie und Menschenlehre bauen soll, sondern auf Christus (V.8). Bei manchen Philosophien ist das unmittelbar einsichtig, dass sie sich nicht auf Christus gründen. Aber das gefährliche sind doch die christlichen Irrlehren, die sich ganz bewusst auf Christus beziehen wollen, dabei aber so manches verdrehen. Da ist die Unterscheidung dann nicht mehr so einfach.

Man kann es sich natürlich einfach machen und ganz strikt sagen: alle menschliche Weisheit und alles menschliche Denken ist böse, allein die göttliche Offenbarung ist gut. Deswegen sind manche Christen auch kritisch gegenüber der Theologie eingestellt – weil da mit menschlicher Weisheit über die göttliche Offenbarung nachgedacht wird. Manche wollen es sich einfach machen und nur beim wortwörtlichen Verständnis der Schrift bleiben, alles Nachdenken über die Schrift ist für sie schon vom Teufel.

Aber das ist natürlich nur eine scheinbare Lösung. Um die Schrift und um Gottes Offenbarung zu verstehen, brauchen wir ganz einfach unseren menschlichen Verstand. Die Bibel besteht aus menschlichen Worten, die gedeutet und im Zusammenhang verstanden werden müssen. Es geht gar nicht anders. Wir brauchen menschliche Weisheit um die göttliche Offenbarung zu verstehen. Ansonsten bräuchten wir die Schrift gar nicht und brauchten nur darauf zu vertrauen, dass Gott ganz direkt jedem Christen die Wahrheit ins Herz und ins Denken hinein gießt. Aber Gott hat offensichtlich einen anderen Weg gewählt. Darum bleibt es bis heute schwierig und herausfordernd, zwischen Menschenweisheit und göttlicher Offenbarung zu unterscheiden. Wobei das ja nicht immer ein Gegensatz sein muss…

| Bibeltext |

John Naish: Genug

Dieses Buch spricht mir aus der Seele. Wir leben in einer Welt des Überflusses, wir haben mehr als genug – und trotzdem wollen wir immer mehr und mehr. Der britische Journalist John Naish entlarvt nüchtern die Fallstricke unserer westlichen Überflussgesellschaft. Um gut und zufrieden leben zu können, haben wir von allem Wesentlichen genug: Wir haben genug Informationen, Essen, Sachen, Arbeit, Auswahl, Glück, Wachstum (diesen Stichworten geht Naish in seinem Buch nach). Trotzdem machen wir uns vor: wenn wir nur noch ein bisschen mehr hätte, dann ginge es uns besser. Aber das ist ein Trugschluss.

Naish spricht sich für eine Lebensphilosophie des Genughaben aus. Weniger ist mehr. Wenn wir lernen, mit dem was wir haben, zufrieden zu sein, dann leben wir entspannter und erfüllter. Der Autor geht sehr rational an die Sache heran und zitiert oft wissenschaftliche Untersuchungen. Er argumentiert auch des Öfteren mit der menschlichen Evolutionsgeschichte.

Um so überraschender war für mich das letzte Kapitel, in welchem er den grundsätzlichen Lebensansatz entfaltet, wie wir nach seiner Meinung der Überflussgesellschaft entkommen können: Dankbarkeit. Er empfiehlt uns, dankbar für das zu sein, was wir haben. Das geht bei ihm sogar so weit, dass er – als jemand der mit Gott offensichtlich nicht so viel anfangen kann – mit seiner Familie die Sitte des Tischgebets eingeführt hat! Auch wenn er nicht daran glaubt, dass dieses Gebet tatsächlich von einem Gott gehört wird, sieht er es als sinnvoll an, um sich darin in Dankbarkeit zu üben. Da können auch wir Christen noch so einiges lernen…

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Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

Wow! Das war mein erster Gedanke, nachdem ich mit Lesen fertig war! Wow! Ich bin beeindruckt. Hab schon länger nicht mehr solch ein intelligentes, witziges und doch auch tiefgründiges Buch mehr gelesen. Manche Bücher haben einen gewissen Zauber, sie schaffen es, mich mehr als andere Bücher, in ihre Welt hinein zu ziehen. Manche Bücher wirken ähnlich wie eine Droge: Das Bewusstsein wird erweitert, man hat das Gefühl die Welt ganz anders zu sehen, man meint plötzlich, einen schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu haben. Bei diesem Buch ging es mir so.

Diese Frau, die Autorin, ist schlau – das merkt man. Sie hat Philosophie studiert. Auch das merkt man in dem Buch. Aber zugleich ist sie nicht abgehoben. Zumindest nicht in diesem Buch. Es geht nicht um abgehobene Intelligenz, sondern um Lebensweisheit. Die „Eleganz des Igels“ ist 2006 in Frankreich erschienen und ist mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden.

Im Mittelpunkt des Romans steht Renée, eine vierundfünfzig Jahre alte Concierge in einem Stadthaus, in welchem einige reiche Leute wohnen. Eine Concierge ist sowas wie eine Pförtnerin oder Hausmeisterin. Sie sagt von sich: „Ich bin Witwe, klein, häßlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie ein Mammut.“ (S.11) Was sie außergewöhnlich macht ist ihre Intelligenz: Sie ist hochgebildet und hochbegabt. Allerdings weiß das niemand, denn sie verbirgt ihre Leidenschaft für Literatur, Philosophie, Musik und Malerei. Für all die anderen spielt sie die dümmliche Concierge.

Die zweite Hauptperson ist Paloma. Ein zwölfjähriges Mädchen, Tochter reicher Eltern und irgendwie verloren in dieser Welt. Auch sie ist hochintelligent und durchschaut die schöne Scheinwelt der Erwachsenen. Die Leere und der Unsinn des Erwachsenenlebens will sie nicht mitmachen. Und so beschließt sie, dass sie sich an ihrem dreizehnten Geburtstag das Leben nehmen will. Es macht sowieso keinen Sinn.

Als nun ein neuer Mieter in dem Stadthaus einzieht verändert sich für beide ihre Welt: Monsieur Ozu, ein japanischer Geschäftsmann dringt schnell hinter die Fassade von Renée und Paloma. Und er eröffnet durch seine Art den beiden einen völlig neuen Zugang zum Leben.

Ein wirklich schönes, bewegendes Buch. Durch das erste Drittel muss man sich etwas durchkämpfen. Aber bei diesem Buch lohnt sich das! Nicht zu schnell aufgeben. Es wird gegen Ende hin immer besser.

Matthäus 12, 38-42 – Ich will Beweise sehn!

Einige Schriftgelehrte und Pharisäer möchten von Jesus gerne ein eindeutiges Wunder sehen. Ein Wunder, das seinen Anspruch untermauert und das klar macht, ob er und seine Botschaft wirklich von Gott ist oder nicht. Aber diese eindeutige Wunder gibt es nicht, weder damals noch heute.

Gestern hab ich einen kurzen Ausschnitt im Fernsehen gesehen über Richard Dawkins (dem Autor des antireligiösen Buches „Der Gotteswahn“). Er ist überzeugt, dass es keinen Gott gibt und das Religion nur Schaden anrichtet. In dem Interviewausschnitt, den ich gesehen habe sagte er, dass er für seine Sicht der Welt klare Beweise habe. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen für ihn ganz klar, dass Gott nicht existiert.

An der Stelle muss man natürlich einwenden, dass eine doch eine ganz grundlegende Einsicht der modernen Philosophie ist, dass all unser Erkennen und auch alles was wir mit den Sinnen wahrnehmen ziemlich relativ ist. Je nachdem mit welchen Vorgaben und von welchem Standpunkt aus wir die Welt anschauen, bekommen wir unterschiedliche Ergebnisse. Den absolut neutralen Standpunkt gibt es nicht. Und somit auch nicht den absolut neutralen Beweis für die Nichtexistenz Gottes.

Aber es ist interessant, dass auch Dawkins (und mit ihm sicher viele Menschen von heute) dieses Bedürfnis nach absoluter Sicherheit, nach dem absoluten Beweis haben. Sie wollen nicht glauben, hoffen und vertrauen, sondern sie wollen wissen. Ähnlich wie die Pharisäer zur Zeit Jesu. Aber diese absolute Sicherheit mit absolut eindeutigen Beweisen wird es im Glauben nie geben. Das ist ja gerade das Kennzeichen von Glauben: dass wir auf etwas vertrauen, was wir nicht sehen können. Und letztendlich vertraut auch jemand wie Dawkins nur auf etwas, was er nicht absolut beweisen kann.