Römer 5, 6-11: Der gottlose Paulus

Ich finde es beeindruckend, wie Paulus seine Theologie der Rechtfertigung allein aus Gnaden auch auf seine eigene Person anwendet. Er spricht hier in diesem Abschnitt betont von „wir“ und „uns“, d.h. er schließt sich selbst mit ein. Auch für ihn gilt: Ohne Christus war er „schwach“, ja sogar „gottlos“ (V.6). Wenn wir den Lebenslauf des Paulus anschauen, dann könnte man ja mit einigem Recht sagen, dass er als strenggläubiger und gesetzestreuer Pharisäer alles andere als gottlos war. Er wollte eigentlich mit aller Konsequenz dem Gott der Bibel dienen.

Aber im Rückblick, von der Erfahrung aus, in Christus angenommen und gerechtfertigt zu sein, bezeichnet Paulus diesen Zustand als gottlos. Ganz schön gewagt! Und ganz schön demütig! Das ist das besondere an der Theologie des Paulus: er hat sie selbst in seinem Leben durchbuchstabiert. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern er hat sie erlebt und erfahren. Christus nimmt denjenigen, der ihn und die Gemeinde fanatisch verfolgt, aus reiner Gnade an.

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Johannes 8, 24-41 Ich war blind…

Was wollen die Pharisäer hier eigentlich erreichen? Da wurde ein Mensch von Jesus geheilt und er bezeugt nur was er erlebt hat. Nach einer ersten Befragung und nach der Befragung der Eltern wenden die Pharisäer sich zum zweiten mal an den Geheilten. Aber wozu? Soll der Geheilte leugnen, dass er geheilt wurde? Soll er sich von Jesus distanzieren? Soll er Jesus als Scharlatan entlarven? Aber er kann ja nichts anderes sagen, als das was er erlebt hat: „Eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“ (V.25)

Es geht den Pharisäern nicht um den geheilten Menschen. Es geht ihnen um Jesus. Jesus scheint für sie gefährlich und bedrohlich zu sein. Sie versuchen alles, um Jesus in Misskredit zu bringen. Die wunderbare Heilung eines Blindgeborenen passt ihnen darum gar nicht. Aber sie können das Geschehen ja nicht rückgängig machen. Sie haben sich in ihrer Abwehrhaltung verrannt.

Der Geheilte dagegen tut das, was Jesus von jedem von uns erwartet: er bezeugt vor anderen, was er mit Jesus erlebt hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er muss keine Wunder vollbringen. Er muss die Pharisäer nicht von Jesu Messianität überzeugen. Er muss keine theologischen Streitgespräche führen. Er muss keine Leute bekehren. Er braucht nur zu bezeugen, dass Jesus ihn sehend gemacht hat.

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Johannes 9, 8-23 …und niemand freut sich

Eine seltsame Heilsungsgeschichte. Anstatt dass sich die Menschen freuen, dass ein Blinder wieder sehend wurde und Gott dafür loben, wird der Geheilte ausgefragt wie ein Verbrecher. Wie ist das geschehen? Wer hat das getan? Als dann noch heraus kommt, dass die Heilung an einem Sabbat geschah, rückt nicht nur Jesus selbst, sondern auch der Geheilte und seine ganze Familie noch mehr ins Zwielicht.

In der Art wie diese Begebenheit erzählt wird, spiegelt sich sicher auch die Situation zwischen der christlichen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde zur Zeit der ersten Leser wieder. In dem Abschnitt hier taucht Jesus selbst nicht auf, es ist nur ein Gespräch zwischen einem von Jesus Geheilten und seinem Umfeld. Viele sind misstrauisch und wollen genau wissen, was geschehen ist. Die Eltern des Geheilten haben Angst davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums gab es wohl solche Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde. Zu dieser Zeit wurden auch Christen aus der Synagoge ausgestoßen (V.22). Immerhin wird in dem Abschnitt auch deutlich, dass sich die Pharisäer untereinander nicht einig waren (V.16). Manche sahen in Jesus durchaus jemand, der von Gott kam, andere lehnten ihn ganz ab.

Auf jeden Fall ist es traurig, wenn ein solch positives Ereignis wie eine Heilung durch verschiedene theologische oder glaubenspolitische Standpunkte zerredet wird. So geht es, wenn Theologie und Dogma wichtiger werden als Gottes Liebe zu den Menschen. Das heißt nicht, dass Theologie und Dogma unnötig sind, aber dass sie im richtigen Verhältnis eingeordnet werden müssen.

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Lukas 11, 37-52 Kern und Schale

Ganz schön hart, wie Jesus hier die Pharisäer und Schriftgelehrte kritisiert. Da kann man verstehen, dass viele von ihnen nicht gut auf Jesus zu sprechen waren. Ich frag mich bei diesem Text, wer heute die Pharisäer und Schriftgelehrten sein könnten? Die Pharisäer waren Laien, denen der Glaube und die Bibel besonders am Herz lagen. In ihren Reihen gab es auch viele Schriftgelehrte, also Menschen, die sich besonders intensiv mit der Bibel auseinandersetzten. Wenn dir also der Glaube und die Bibel wichtig ist – so wie mir – dann stehst du wie ich in der Gefahr zum Pharisäer zu werden!

Jesus kritisiert hier nicht die Lehren der Pharisäer, sondern ihr Tun und ihre innere Einstellung. Das Richtige lehren und das Richtige tun sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Er kritisiert auch eine falsche Schwerpunktsetzung. Die Pharisäer sind so mit der Oberfläche ihres Glaubens beschäftigt, dass sie den Kern gar nicht mehr sehen. In V.42 kritisiert er z.B. dass die Pharisäer sich im Kleinsten genau an den Zehnten halten, aber im Großen am Recht und der Liebe vorbei gehen. Damit will er nicht sagen, dass wir keinen Zehnten geben sollen. Nein, er betont: „Dies sollte man tun und jenes nicht lassen.“ Beides ist gut und richtig – aber die äußerliche Gebotserfüllung darf nie zum Kern des Glaubens werden.

Wichtig ist auch für uns heute zu unterscheiden, was der Kern unseres Glaubens ist und was Auswirkungen unseres Glaubens sind. Der Kern ist für Jesus das Recht und die Liebe. Wenn das nicht mehr stimmt, dann bringen auch an sich richtige äußerliche Zeichen unseres Glaubens nicht viel. Wenn der Kern verfault ist, dann bringt auch eine schöne Schale nicht viel.

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Lukas 7,36-8,3 Der Pharisäer und die Dirne

Wie peinlich: Jesus liegt bei einem Pharisäer zu Tisch und seine nach hinten ausgestreckten Füsse werden von den Tränen einer stadtbekannten Dirne benetzt. Aber es kommt noch schlimmer: Die Frau löst ihre Haare auf, was man in der Öffentlichkeit damals eigentlich nicht tat, und trocknet Jesus damit die Füsse! Das Salböl, mit dem sie eigentlich Jesu Haupt salben wollte, benutzt sie nun, um die Füsse einzusalben. Und Jesus? Er lässt sie gewähren und verteidigt sie danach sogar noch.

Mich fasziniert an diesem Text, dass Jesus sich um beide bemüht: um den frommen Pharisäer genauso wie um die im gesellschaftlichen Abseits stehende Sünderin. Für damalige Verhältnisse war es ein Skandal, dass Jesus sich von der Dirne berühren lässt und sie sogar noch verteidigt. In unseren heutigen Ohren ist dagegen eher der „Pharisäer“ zu einem Schimpfwort geworden. Wir sehen einen Pharisäer sofort als einen scheinheiligen Heuchler.

Jesus erweist beiden Ehre. Er verurteilt nicht. Weder die Dirne noch den Pharisäer. Ich bin gleich über den ersten Satz gestolpert. Der Pharisäer bittet Jesus, bei ihm zu essen und Jesus nimmt das Angebot an. Das zeigt, dass der Pharisäer Jesus als Gesprächspartner ernst nimmt. Und Jesus gibt ihm die Ehre der Mahlgemeinschaft. Jesus bemüht sich um die Frommen genauso wie um die Sünder. Da gibt es bei ihm keine simplen Schwarz-Weiß-Kategorien von Gut und Böse – alle brauchen Vergebung und Erlösung.

Dieses Bemühen um alle und die Offenheit für alle zeigt sich auch in den ersten Versen von Kapitel 8. Nicht nur die zwölf Jünger zogen mit Jesus durch die Lande, sondern auch einige Frauen. In einer patriarchalischen Gesellschaft, in welcher Religion, zumindest in der Öffentlichkeit, Männersache war, ist das ein starkes Stück!

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Lukas 6, 6-11 Jesus lehrt die Schriftgelehrten

Jesus lehrt in der Synagoge. Auch einige Schriftgelehrte und Pharisäer sind anwesend. Aber sie sind gar nicht an Jesu Lehre interessiert, sondern warten nur darauf, dass sie was finden, um ihn zu verklagen. Was er sagt, interessiert sie gar nicht. Sie haben sich ihre Meinung schon gebildet. Sie versuchen auch nicht, mit ihm zu diskutieren oder seine Lehre zu widerlegen, sondern warten nur auf eine vermeintliche Gesetzesübertretung. Ihr Bild von Gott und vom Glauben steht festgezimmert und Jesus entspricht diesem Bild nicht.

Ich glaube das ist bis heute eine Gefahr: dass gerade die Frommen, die sich in der Schrift so gut auszukennen meinen, gar nicht mehr richtig zuhören, was Jesus zu sagen hat, sondern sie sich auf Äußerlichkeiten konzentrieren. Die selbstgebauten Glaubenssysteme und theologische Richtigkeiten werden dann wichtiger als der eigentliche Kern der Gebote Gottes.

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Lukas 6, 1-5 Die Jesus-Brille

Jesu geht mit seinen Jüngern am Sabbat durch ein Kornfeld. Die Jünger schnappen sich einige Ähren, zerreiben sie und essen die Körner. Das ist nach 5. Mo 23,26 ausdrücklich erlaubt. Aber einige Pharisäer sehen darin Erntearbeit und werfen Jesus vor, dass seine Jünger dadurch das Gebot der Sabbatheiligung brechen. Ganz egal welche Motivation hinter diesem Vorwurf steckt – die Frage bleibt ja auch für uns heute: Was heißt es, Gottes Wort und seine Gebote ernst zu nehmen? Was heißt es hier im konkreten Fall den Sabbat zu heiligen?

Manche meinen: Je ernster ich Gott nehme, desto radikaler und enger muss ich seinen Geboten folgen. Schon mit dem leisesten Hauch von Arbeit übertrete ich Gottes Gebot. In der Parallelstelle bei Markus wird uns dagegen eine allgemeine Regel gegeben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk.2,27) D.h. dass Gott uns Gebote zu unserem Besten gibt und nicht, um uns damit zu knechten. Es kommt auf den Geist der Gebote an und nicht auf den Buchstaben.

Lukas lässt diese allgemeine Regel weg und erklärt alles von Jesus her: „Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.“ (V.5) So weist er noch radikaler als Markus (der diese Erklärung neben der allgemeinen Regel auch noch aufführt) darauf hin, dass wir Gottes Gebote nur von Jesus Christus her verstehen und leben können. Gottes Wort ist keine abstrakte Wahrheit, sondern will immer von Christus her gedeutet werden. Beim Bibellesen sollten wir also immer die Jesus-Brille aufhaben…

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Lukas 5, 17-26: Entsetzen und Lob

Diese Geschichte finde ich immer wieder neu faszinierend. Immer wieder neu stolpere ich beim Lesen über die Reaktion Jesu. Diese Männer bringen einen Gelähmten zu Jesus. Sie lassen sich von Hindernissen nicht abhalten. Was erwarten sie von Jesus? Es wird nicht gesagt. Wie so oft lässt die knappe Darstellung der Bibel Raum für eigene Deutungen. Aber vom Zusammenhang her wird deutlich dass die Männer hoffen, dass Jesus den Gelähmten heilt (kurz vorher wird berichtet wie Jesus einen Aussätzigen heilt, in V. 15 kommen viele zu Jesus um ihn zu hören und gesund zu werden und in V. 17 wird gesagt, dass Gottes Kraft mit Jesus war, so dass er heilen konnte).

Und Jesus? Er heilt ihn zunächst nicht, sondern spricht ihm Sündenvergebung zu. Will er damit deutlich machen, dass körperliche Gesundheit nicht das Wesentliche ist? Will er die anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten provozieren? Wäre es ohne ihre Einwände bei der Sündenvergebung geblieben? Das alles wird im Text nicht deutlich beantwortet. Es wird aber deutlich, dass Heil und Heilung viel mehr als körperliche Heilung bedeutet. Auch ich als Leser werde in Frage gestellt: Was ist für mich das größere Wunder? Dass Jesus Sünden vergeben kann oder dass er einen Gelähmten heilt?

Schließlich frage ich mich: worüber sind die Menschen so aufgebracht? Am Ende des Textes wird beschrieben, wie sich alle entsetzen, Gott preisen und von Furcht erfüllt werden. Das ist eine seltsam ambivalente Reaktion: Entsetzen und Lob. Betrifft diese Reaktion die Heilung oder die Sündenvergebung oder Jesu provozierenden Umgang mit den Pharisäern und Schriftgelehrten? Wie auch immer – vielleicht wäre das auch bei uns heute manchmal  eine angemessene Reaktion auf diesen fremdartigen Jesus, der sich nicht an unseren Erwartungen ausrichtet, sondern an Gott: eine Mischung von Entsetzen und Lob.

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Bonhoeffer: Nachfolge (9) – Christi Gerechtigkeit

Nach Bonhoeffer räumt Jesus in Mt.5,17-20 mit zwei Missverständnissen des Gesetzes auf. Das eine Missverständnis betrifft die Pharisäer: sie setzten Gott und Gesetz gleich und so kommt es zu einer „Vergottung des Gesetzes und Vergesetzlichung Gottes“ (S.117f). Hier wird das Gesetz zum Ersatz für die Gemeinschaft mit Gott. Umgekehrt wäre es aber auch ein Missverständnis, wenn die Jünger Gott und Gesetz völlig trennen würden (so wie es z.B. Marcion getan hat, der ein Christentum ohne alle jüdischen Bindungen wollte). „Es gibt keine Erfüllung des Gesetzes ohne Gottesgemeinschaft, es gibt auch keine Gottesgemeinschaft ohne Erfüllung des Gesetzes. Das erste gilt den Juden, das zweite dem drohenden Mißverständnis der Jünger.“ (S.118) Geber und Gabe müssen unterschieden werden, aber dürfen auch nicht auseinander gerissen werden.

Jesus setzt das Gesetz neu in Kraft (er bringt kein neues Gesetz, sondern bringt das alte neu zur Geltung), indem er zwischen das Gesetz und den Jünger tritt (S.119). Nicht um das Gesetz aufzulösen, sondern um es in der Bindung an ihn neu zu bekräftigen. Das Gesetz gilt auch für den Jünger Jesu. Und zwar geht es dabei nicht nur um die richtige Lehre über das Gesetz, sondern auch um das konkrete Tun des Gesetzes.

Allerdings erreicht der Jünger Jesu eine bessere Gerechtigkeit in diesem Tun als die Pharisäer. Denn kein Mensch kann das Gesetz völlig erfüllen. „Der Vorzug der Gerechtigkeit des Jüngers besteht darin, daß zwischen ihm und dem Gesetz derjenige steht, der das Gesetz vollkommen erfüllt hat…Ehe er anfängt dem Gesetz zu gehorchen, ist das Gesetz schon erfüllt.“ (S.120) Auch wenn der Nachfolger Jesu mit aller Kraft versucht das Gesetz zu erfüllen, so bleibt seine Gerechtigkeit doch „in strengem Sinne geschenkte Gerechtigkeit“ (S.121).

Was heißt das? In Jesus Christus ist das Gesetz erfüllt. Schon vor allem Tun der Jünger. Aber! Dies entbindet die Nachfolger nicht vom Tun des Gesetzes. Eine Gemeinschaft mit Gott ohne Tun der Gebote Gottes gibt es für Bonhoeffer nicht. Im Grunde wendet er sich hier wieder gegen eine „billige Gnade“, einer Gnade die uns von allem Tun und aller echten Nachfolge entbindet.

Philipper 3, 2-9 Die Fleischeslust des Paulus

Immer wieder taucht bei Paulus das Gegensatzpaar Geist und Fleisch auf. Hier an dieser Stelle ist sehr schön zu beobachten, dass „Fleisch“ nicht gleichzusetzen ist mit rein körperlichen Begierden. Das ist ja ein modernes Missverständnis: Bei „Fleischeslust“ denken wir sofort an Sex. Paulus beschreibt hier dagegen sein früheres hoch-religiöses Leben als Pharisäer als „Fleisch“. Denn er versuchte sich damit selbst zu erlösen, selbst seine Gerechtigkeit zu verdienen, anstatt sich von Gott gerecht sprechen zu lassen.

Geist ist demnach, wenn ich mein Denken und Handeln (sei es im religiösen Bereich, sei es im ganz banalen Alltag) von Gott und seiner vergebenden Gnade bestimmen lasse. Fleisch ist, wenn ich mich um mich selbst drehe und mich selbst zu erlösen versuche (sei es auf hochgeistlichem religiösen Gebiet oder sei es indem ich hemmungslos meinen körperlichen Begierden nachgebe). Auch Leute die nach außen hin hochgeistlich erscheinen können demnach innerlich durch und durch fleischlich gesinnt sein.
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