Römer 12, 3-8: Nimm dich nicht zu wichtig!

Paulus ist in Kapitel 12 beim dritten Haupteil seines Briefes angelangt. Nach den grundsätzlichen theologischen Überlegungen geht es jetzt um Folgerungen für das konkrete Leben als Christ. In V.1f formuliert er das allgemein: Wir sollen uns selbst Gott hingeben und ein Leben führen, das ihm entspricht. Und was ist jetzt die erste konkrete Ermahnung und Ermutigung? Was stellt Paulus an die prominente erste Stelle? „… dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte.“ (V.3)

Tja, schon damals war das wohl ein Hauptproblem der Menschen (inklusive der Christen!): dass wir uns selbst zu wichtig nehmen. Paulus kennt die Gemeinde nicht genauer, es ist keine seiner selbst gegründeten Gemeinden. Und trotzdem, oder gerade deswegen, warnt er als erstes davor, dass die Christen nicht zu viel von sich selbst halten sollten. Auch wenn jemand Christ ist, wird sein Ego nicht automatisch abgeschaltet. Er muss immer wieder daran erinnert werden, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Schon damals entstanden wohl an diesem Punkt die drängendsten Probleme im konkreten Leben und Miteinander der Christen. Es hat sich da wenig geändert…

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Römer 11, 33-36: Ein unbegreiflicher Gott

Wenn ich Gottes Wege nicht immer begreifen kann, dann habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann entweder daran verzweifeln oder ich kann über die Größe und Unerforschlichkeit Gottes staunen. Ich kann mir entweder wünschen, dass Gott kleiner wird und für mich und meine menschliche Logik besser verstehbar wird. Oder ich kann gerade dafür dankbar sein, dass Gott größer ist als meine menschliche Vorstellungskraft und ihn dafür rühmen. Paulus entscheidet sich hier für das zweite.

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Römer 11, 17-24: Stolz und Vorurteil

Auch das ist eine Konsequenz aus der Rechtfertigung allein aus Gnade: Als Gläubige, die wir auf Gottes Gnade vertrauen, haben wir nichts, mit dem wir uns gegenüber anderen rühmen könnten. Wir können uns nichts darauf einbilden, dass wir Zweige am Baum des Glaubens sein dürfen. Denn wir sind es nicht aus eigenen Verdiensten, sondern aus reiner Gnade. Das gilt besonders im Blick auf Israel. Sobald wir als Christen überheblich auf Israel niederschauen sprechen wir selbst uns das Urteil. Auf etwas, das uns aus reiner Gnade geschenkt ist, können wir nicht stolz sein (V.20).

Zugleich rückt Paulus das Verhältnis von Juden und Christen ein für allemal unmissverständlich zurecht: Als Christen, die wir nicht aus dem Volk Israel stammen, sind wir nur aufgepfropfte Zweige. Der Stamm bleibt Israel. Wir als Zweige profitieren von ihm, wir sind auf ihn angewiesen – nicht anders herum.

So schnell stehen wir in der Gefahr, gegenüber anderen stolz zu werden. Das war zu den Zeiten des Paulus nicht anders als heute. So schnell kommen wir uns besser vor als andere. Als die anderen, die gar nicht glauben, oder die das Falsche glauben, oder die nicht ernsthaft genug glauben. Anstatt stolz zu sein, sollten wir dankbar und demütig sein. Gott schenkt uns seine Gnade. Paulus hat die Hoffnung, dass Gottes Gnade auch die ausgebrochenen Zweige des Baumes Israel noch erreichen kann. Auch wir sollten diese Hoffnung nicht aufgeben.

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Römer 11, 11-16: Hoffnungsperspektive

Dass ein Großteil von Israel Jesus als den Messias nicht anerkennt ist für Paulus ein Straucheln, aber kein endgültiges Fallen (V.11). In vorsichtigen Worten deutet Paulus an, dass Israel zwar jetzt verworfen ist, dass sie aber einmal angenommen werden (V.15). Wenn die Wurzel heilig ist, also die Väter Israels von Gott erwählt und angenommen, so gilt dies auch für die Zweige, also ganz Israel (V.16). Paulus sucht hier nicht nach einer Entschuldigung für Israel, aber er will eine Hoffnungsperspektive aufzeichnen. Er gibt sein Volk noch nicht verloren, sondern rechnet damit, dass Gott zu seinen Zusagen der Erwählung steht.

Auch ich bin im Glauben oft am Straucheln. Auch ich lebe so manches mal im Alltag so, als ob es Gott nicht gibt. Auch ich erkenne Gottes Wege und seinen Willen nicht immer klar und deutlich. Und so darf auch ich aus der Hoffnungsperspektive leben: Derjenige, der mich in Liebe angenommen hat, wird auch seinen Weg mit mir vollenden. Das soll fehlenden Glauben und fehlendes Vertrauen nicht entschuldigen, aber es zeigt eine Perspektive der Hoffnung auf, die vor Verzweiflung bewahrt.

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Römer 11, 1-10: Glaube – Geschenk der Gnade

Paulus versucht den gegenwärtigen Unglaubens Israel von der Schrift her zu deuten und zu verstehen. Schon im Alten Testament gab es Situationen, in denen sich Israel von Gott abgewandt hat und nur ein kleiner Rest sich treu zu Gott bekannt hat. So sieht es Paulus auch in seiner Zeit. Die Abkehr der Mehrheit hat aber damals, wie auch zur Zeit des Paulus nicht bedeutet, dass Gott seine Verheißung an Israel zurück genommen hat.

Spannend ist die Frage, warum manche treu bleiben und viele andere nicht. Oder für heute gefragt: warum manche in Jesus Christus ihren Retter erkennen und manche nicht. Paulus sagt, dass dies eine Wahl der Gnade ist. Nicht die besonders Frommen verdienen oder erarbeiten sich irgendwie den Glauben, sondern es ist reine Gnade (V.6). Wir können uns darauf nichts einbilden. Nach menschlicher Logik ist das eine gefährliche Schlussfolgerung, denn wenn man dann den logischen Umkehrschluss zieht, ist Gott selbst am Unglauben der vielen Schuld – er könnte ja allen die Gnade des Glaubens schenken. Paulus nimmt diese Gefahr in Kauf, weil er die Gnade Gottes so sehr betonen möchte.

In den Versen 7-10 zieht er die logische Konsequenz: Gott selbst verstockt Menschen, so dass sie Gott nicht erkennen können. Das ist für uns nicht wirklich nachvollziehbar, denn Gott möchte doch, dass alle Menschen errettet werden und dass alle Menschen zum Glauben finden. Und in der Bibel werden Menschen ja zu allen Zeiten immer wieder zur Umkehr und zum Glauben an Gott aufgerufen. Man darf diese zugespitzte Aussage des Paulus an dieser Stelle nicht für sich nehmen, sondern muss sie im gesamtbiblischen Zeugnis sehen. Der Ruf zum Glauben und die Antwort des Menschen ist wichtig. Und jeder ist für seine Antwort verantwortlich. Aber zugleich macht Paulus deutlich, dass wir Glauben nicht selbst machen und hervorrufen können, sondern dass es letztendlich immer ein Geschenk der Gnade ist.

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Römer 9,30 – 10,4: Das Ziel des Gesetzes

„Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.“ (Röm. 10,4) Das ist im Grunde eine Kurzzusammenfassung des gesamten Römerbriefes. Wobei zu beachten ist, dass das Wort, welches Luther mit „Ende“ übersetzt (griech.: telos), auch mit Ziel übersetzt werden kann. Als Weg zur Gerechtigkeit ist das Gesetz zu Ende, insofern hat Luther recht. Aber zugleich betont ja Paulus, dass das Gesetz nach wie vor heilig, gerecht und gut ist (Röm. 7,12). Insofern ist es treffender in Christus das Ziel des Gesetzes zu sehen. In ihm kommt zum Ziel, was das Gesetz selbst mit frommen Eifer auf Seiten der Menschen nicht erreichen kann.

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Römer 9, 14-29: Ist Gott ungerecht?

Paulus formuliert hier berechtigte Einwände. Ist es nicht ungerecht, wenn Gott manche Menschen ohne ersichtlichen Grund vor anderen bevorzugt (so wie es im vorigen Abschnitt bei Jakob und Esau deutlich wurde)? Paulus verneint das scharf. Er kann diese Anfrage nicht wirklich beantworten, sondern er verweist auf die Souveränität Gottes und auf das Wesen der Gnade. Das ist eben das Wesen der Gnade: dass wir sie uns nicht verdienen können und Gott uns dann als gerechten Lohn Gnade gewährt, sondern dass er sie uns aus freien Stücken schenkt.

Die zweite Anfrage folgt nun genauso zwangsläufig aus der Argumentation des Paulus: Wenn es nur auf Gottes freie Gnadenwahl ankommt, wie kann er uns Menschen dann etwas vorwerfen? Auch diese Anfrage weist Paulus deutlich zurück, kann sie aber nicht wirklich beantworten. Er macht den kategorialen Unterschied zwischen Mensch und Gott deutlich. Aus unserer Sicht ist das nicht logisch. Aber Gott ist so viel größer, auch wenn wir ihn nicht immer verstehen können, wird er gute Gründe für sein Handeln haben. Wir sind als Menschen gar nicht in der Position, um mit ihm in einen Rechtsstreit treten zu können, oder gar über Gott urteilen zu können.

Trotzdem muss ich genau an dieser Stelle an viele Psalmen denken, in denen Menschen ihr Leid und ihr Unverständnis Gott klagen. In so manchen Psalmen wird deutlich, dass der Beter Gott nicht versteht, ja teilweise wird Gott sogar angeklagt. In Psalm 13,2 klagt der Beter: „Wie lange willst Du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ In Psalm 89,50 fragt der Beter vorwurfsvoll: „Herr, wo ist deine Gnade von einst, die du David geschworen hast in deiner Treue?“

Paulus macht deutlich, dass wir uns nicht zum Richter über Gott aufschwingen können. Aber die Psalmen machen deutlich, dass wir unser Unverständnis Gott gegenüber klagend zum Ausdruck bringen dürfen. Wenn wir Gottes Wege nicht verstehen, dann müssen wir nicht nur duldend schweigen, sondern dürfen unsere Not klagend vor Gott laut werden lassen.

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Römer 9, 1-5: Keine fromme Nabelschau

Nach diesem inhaltlichen Höhepunkt am Ende von Kapitel 8 setzt Paulus nun zu einem neuen Thema an. Er beschäftigt sich jetzt ausführlich mit der Frage nach Israels Errettung. Nirgends im NT wird diese  Frage so intensiv behandelt, wie hier. Inhaltlich passt es an diese Stelle, weil es auch vorher um Erwählung und Errettung gegangen ist und auch darum, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Paulus sich so viel Zeit für dieses Thema nimmt. Es scheint ihm selbst sehr am Herzen  zu liegen und vielleicht ist es auch für die römische Gemeinde ein wichtiges Thema.

Gleich zu Beginn macht Paulus zwei Dinge deutlich: Seine persönliche Verbundenheit mit Israel und Gottes grundsätzliche Stellung zu Israel. Paulus selbst würde zugunsten seiner Brüder und Schwestern alles geben und Gott hat Israel in eine besondere Stellung auserwählt. Gerade deswegen ist es für Paulus so schmerzlich, dass die große Mehrheit seines Volkes, Jesus nicht als den Messias anerkennen will.

Das schätze ich bei Paulus: dass er sein Leben und Denken nicht an seinem Ego ausrichtet, sondern dass es ihm wirklich um das Beste für Andere geht. Er war sicher auch nicht perfekt, aber er hat sich wirklich mit allem ganz in den Dienst für andere hinein gegeben. Ich merke bei mir selbst, wie ich mich auch in meinem Glauben sehr oft um mich selbst drehe und mit meinen Problemen und Sorgen beschäftigt bin. Es ist tragisch, dass wir in einem Land, in dem es uns materiell ziemlich gut geht und in dem wir unseren Glauben in Freiheit leben dürfen, viel zu oft mit frommer Nabelschau beschäftigt sind und uns auch als Gemeinden viel zu oft mit unseren eigenen Problemchen beschäftigen. Ich weiß dass das nur menschlich ist – aber es wäre schön, wenn wir ab und zu einen Blickwechsel vornehmen könnten.

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Römer 8, 31-39: Gott schenkt uns alles?

Das klingt zunächst einmal nach einer sehr triumphalen Theologie und auch ein bisschen nach Wohlstandsevangelium: Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Wer kann uns noch widerstehen? Gott schenkt uns in Christus alles – nicht nur ein wenig Trost, sondern alles! Das schließt dann doch auch materielle Dinge und leibliche Wohlergehen mit ein, oder?

Aber der weitere Text macht dann doch deutlich, dass es nach wie vor viele Dinge gibt, die gegen uns sein können und die uns bedrängen können: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert (V.35). Das klingt nicht gerade nach einem bequemen Wohlstandsevangelium. Denn Paulus sagt ja nicht, dass diese Dinge uns nicht mehr treffen können, sondern sein entscheidender Punkt ist, dass sie uns nicht mehr scheiden können von der Liebe Christi. Das heißt im Klartext: Sie werden kommen, sie werden wider uns sein, aber sie werden uns nicht von der Liebe Christi trennen können.

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Römer 8, 18-25: Schon jetzt und noch nicht

Paulus scheint in diesem Abschnitt klar geworden sein, dass er nicht nur triumphalistisch das „schon jetzt“ der Kinder Gottes betonen kann, sondern dass auch das „noch nicht“ zur Sprache kommen muss. Wer als Kind Gottes lebt, bei dem hat etwas grundsätzlich Neues angefangen. Aber zugleich stellen wir fest, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind. „Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (V.24). Wir leben noch immer in einem vergänglichen Leib und nicht in der Vollendung der Herrlichkeit. Wir seufzen und ängstigen uns noch mit der restlichen Schöpfung, weil wir noch nicht endgültig am Ziel sind.

Mir hilft dieser Abschnitt, weil er deutlich macht, dass auch ein Leben als Christ noch ein Leben in Spannungen ist und ein Leben in der Vorläufigkeit. Nicht weil ich mir dieses spannungsvolle Leben so wünsche, sondern weil es ganz einfach meiner erlebten Realität entspricht. Da ist auf der einen Seite die Freude über das was Jesus für mich getan hat und was sich durch den Glauben in meinem Leben schon verändert hat. Da ist aber auf der anderen Seite auch das Seufzen über Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit. Beides gehört zu meinem Christsein dazu.

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