1. Timotheus 4, 6-16 Gemeindeleitung

Was ist der wichtigste Rat für Timotheus als Gemeindeleiter? „Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken!“ (V.16) Für mich als Pastor ist das interessant. Das wichtigste ist nicht, die Irrlehrer zu bekämpfen, nicht kluge Argumente oder autoritäre Zurechtweisung ist gefragt. Das wichtigste ist nicht, sich wie ein Hirte um die Schafe zu kümmern, jedem einzelnen nachzulaufen und den geistlichen Puls von jedem zu messen. Das wichtigste sind nicht irgendwelche Programme und Konzepte zum Gemeindeaufbau.

Das zentrale ist, dass der Gemeindeleiter auf sich selbst, auf seinen eigenen Glauben, auf seine eigene Beziehung zu Gott und auf seine Lehre achtet. Gemeindeleitung geschieht nach diesen Versen nicht in der Zurechtweisung, sondern im persönlichen Vorbild (V.12: „Du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit“).

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Hesekiel 34 Hirten

Als Pastor (lat. für „Hirte“) lese ich diesen Text besonders aufmerksam. Hesekiel weist die Hirten der damaligen Zeit zurecht. Mit den Hirten sind die politischen und religiösen Anführer des Volkes gemeint. Er wirft ihnen vor, dass sie sich nicht richtig um die Herde, also das Volk, gekümmert haben. Sie haben nur ihren eigenen Vorteil im Blick.

Ich muss nüchtern zugeben: diese Hirtenamt im eigentlichen Sinn kann ich nicht erfüllen. Hesekiel verheißt den einen Hirten, der sein Volk sammeln, weiden und schützen wird. Das sind nicht wir Pastoren, sondern das ist der eine gute Hirte: Jesus Christus. Ich tue mich von daher schwer mit der Bezeichnung „Hirte“. Ich sehe mich eher als Prediger, als jemand dem Zeit gegeben ist, sich mit Gottes Wort zu beschäftigen und der das dann weiter geben darf.

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Jeremia 23, 1-8 Die bösen Pastoren

Jeremia greift hier die die Hirten des Volkes an. Sie haben ihre Herde vernachlässigt und werden dafür bestraft werden. Mit den Hirten sind wohl die damaligen politischen und religiösen Leiter des Volkes gemeint. Als Konsequenz dieses Versagens verheißt Gott einen gerechten König, der „Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Als Christen glauben wir, dass diese Verheißung sich in Jesus Christus erfüllt hat.

Bei diesem Text bin ich über die Bezeichnung „Hirten“ gestolpert und musste dabei an uns Pastoren denken. Pastor ist ja die lateinische Übersetzung von Hirte (die übrigens erst im 14. Jh. als Bezeichnung für den Geistlichen einer Gemeinde eingeführt wurde). Unser heutiges westeuropäisches Verständnis von Gemeinde ist ja ziemlich fixiert auf den Pastor. Dazu einige Gedanken:

Die Hirten im Text unterscheiden sich offensichtlich deutlich von dem, was wir uns heute unter Pastor vorstellen. Vor allem an der Verheißung wird deutlich, dass Jeremia die Könige angreift. Die Könige waren damals im Idealfall (so wie bei David) die geistlichen und politischen Führer des Landes. Sie haben die Macht und die Verantwortung in jeglicher Hinsicht für ihre Herde (ihr Volk) zu sorgen. Das kann man nicht einfach mit einem Pastor heute gleichsetzen.

Gott verheißt nicht viele andere Pastoren, welche diese Aufgabe besser machen sollen, sondern er verheißt den einen Hirten, der sich um die Herde kümmert. Jesus sagt von sich: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh. 10,11). Ist das eigentlich okay, wenn wir heute den Leiter einer Gemeinde als „Pastor“ bezeichnen? Ist das nicht eine Anmaßung bzw. eine Überforderung?

Als Pastor sehe ich unser heutiges Pastorenbild durchaus kritisch. Wir Pastoren sollen eine eierlegende Wollmilchsau sein. Unsere Aufgaben sind vielfältig: Wir sollen gute Lehrer und Pädagogen sein (und zwar für Personen jeglichen Alters), wir sollen gute Redner und Prediger sein, wir sollen einfühlsame Seelsorger sein, die sich um jedes einzelne Schaf genau nach dessen Bedürfnissen kümmern und die jedem verlorenen Schaf nachgehen, wir sollen gute Manager und Leiter sein, wir sollen gute Gremienarbeit leisten und Sitzungen souverän leiten, wir sollen von Verwaltung und Büroorganisation eine Ahnung haben, wir sollen unsere Gemeinde in ansprechender Weise nach außen repräsentieren, wir sollen uns nach Möglichkeit um hausmeisterliche Tätigkeiten kümmern, wir sollen uns in Finanzangelegenheiten und Baussachen auskennen, und es wäre natürlich toll, wenn der Pastor auch im Chor mitsingt oder sich sonst irgendwie mit seinen musikalischen Gaben einbringt,… und bei all dem sollen wir uns genügend Zeit für unsere eigene Spiritualität nehmen und mitreißende Visionen für eine zukunftsfähige Gemeinde entwickeln.

Das hört sich jetzt sehr zynisch und gefrustet an – so ist es aber gar nicht gemeint. Denn diese Vielfältigkeit ist ja auch etwas Schönes. Aber manchmal frage ich mich: Was ist eigentlich meine Hauptaufgabe als Pastor? Und was macht eine Gemeinde mit den Bereichen, wo ihr Pastor nicht so perfekt ist? Überhaupt: Wie sieht es beim Priestertum aller Gläubigen mit der gegenseitigen Verantwortung aus? Hat hier nur der Pastor für die Gemeinde zu sorgen, oder ist das auch anders herum nötig? Was bedeutet es Hirte zu sein und ist das überhaupt die passende Bezeichnung?
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