Heute vor einem Jahr

Genau heute, genau zu der jetzigen Uhrzeit, lag ich in Tübingen auf dem Operationstisch und der Arzt hat einen Tumor aus meinem Gehirn heraus operiert (vgl. hier). Seltsam, wenn man so zurück denkt. Im Lehrtext von heute steht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“ (Mt. 10,28) Ja, das stimmt. Natürlich hab ich immer noch Angst vor dem Tod und vor allem vor dem Sterben. Ich möchte meine Familie nicht alleine zurück lassen. Aber ich weiß auch: dieser Tumor kann vielleicht meinen Leib töten, aber nicht meine Seele. Die hält Gott, ganz treu und fest, in seinen Händen.

Weg ist er!

Gestern hab ich, drei Monate nach der Operation meines Gehirntumors, die Bilder für die erste Nachuntersuchung machen lassen. Komisches Gefühl in die Arztpraxis zurück zu kehren, in der alles begonnen hatte… Wieder in die Röhre und gespanntes Warten, was auf den Bildern zu sehen ist. Die Ergebnisse sind positiv: von dem Gehirntumor ist nichts mehr zu sehen. Die Ärzte in Tübingen haben ja gesagt, dass noch ein kleiner Rest drin sei, aber der Arzt gestern hat in seinem Bericht geschrieben, dass nichts mehr zu sehen ist. Mal sehen was die Ärzte in Tübingen dazu sagen (Ende des Monats bin ich mit den Bilder dort zur Nachuntersuchung).

Auf jeden Fall ist da nichts nachgewachsen. Schön! Mein Neurologe hier hat meine Zuversicht für den weiteren Verlauf allerdings etwas gedämpft: Auch die Narbe im Gehirn ist ein großer Fremdkörper und kann epileptische Anfälle auslösen. Von daher werde ich noch längere Zeit Medikamente schlucken müssen… Hier noch zwei eindrucksvolle Vorher-Nachher-Aufnahmen:

Meningeom
Meningeom
kein Meningeom :)
kein Meningeom 🙂

Die Operation

Am Montagmorgen wurde ich operiert. Ich war als erster dran und bin im Nachhinein ganz froh, dass ich nicht am Freitag Nachmittag als Letzter dran war… So hatte ich einen gut ausgeruhten Chirurgen (dazu noch einen Prof. statt eines Doktors 😉 ). Die OP hat wohl vier Stunden gedauert und war „knifflig“. Der Tumor ist weit in das Gehirn reingewachsen und der Chirurg hatte Beführchtungen, dass meine Beine danach nicht mehr funktionieren. Und tatsächlich: Nach dem ersten aufwachen konnte ich beide Beine nicht anheben.

Das wurde aber im Lauft des Abends besser und heute laufe ich schon wieder mit Gehwägelchen durchs Krankenhaus. Das rechte Bein ist soweit wieder okay. Auf der rechten Gehirnseite ist der Tumor tiefer reingewachsen, so dass das linke Bein nun mehr Schwierigkeiten macht. Ich muss wieder neu lernen zu laufen. Das ist gar nicht so einfach, wenn das Gehirn und die Muskeln nicht so wollen, wie man selbst will. Konkret ist das linke Knie noch etwas schwach und wackelig und ich habe Probleme die linke Fußspitze abzuheben und rund abrollen zu lassen. Aber mit den Beinen meint der Prof.: Das wird wieder! In zwei bis drei Wochen sieht das schon ganz anders aus.

Der Tumor konnte zum größten Teil entfernt werden. Der Haupttumor hat den Sinus an der Schädeldecke abgedrückt, das ist der Hauptblutabfluss im Gehirn. Wenn der plötzlich abgedrückt wird, ist innerhalb von wenigen Minuten Ende. Durch den langsam wachsenden Tumor haben sich neue Blutabflüsse am Tumor vorbei gebildet und sind weiter hinten wieder in den Sinus reingewachsen. Gerade an dieser Schnittestelle sitzt noch ein kleiner Resttumor. Diesen auch noch rauszumachen wäre für das Gehirn zu viel Risiko gewesen.

Jetzt muss man die endgültige Tumoruntersuchung noch abwarten, ob es ein wirklich langsam wachsender Tumor ist oder ob es ein bischen schneller wachsender (aber doch auch gutartiger) Tumor ist. Nach drei Monaten wird die erste Nachuntersuchung sein. Und je nachdem, was bei diesen beiden Untersuchungen heraus kommt, legt man den Abstand für weitere Vorsorgeuntersuchungen fest. Bei diesem kleinen Resttumor kann man dann auch ohne Operation durch Bestrahlen behandeln. Zunächst mal ist keine direkte Nachbehandlung notwendig.

Was mir im Moment noch zu schaffen macht, ist ein Bluterguss an der Kopfnarbe. Da sammelt sich zwischen Haaransatz und Schädeldecke Blut und Wasser. Wenn ich meinen Kopf hin- und herbewege höre ich die Flüssigkeit blubbern… Heute morgen haben sie mich deswegen schon punktiert, d. h. mit einer Nadel etwas Flüssigkeit abgesaugt. Aber auch das ist zum jetztigen Zeitpunkt nicht weiter beunruhigend. Es verlängert wohl etwas meine Zeit hier im Krankenhaus.

Heute war meine Frau für viele Stunden zu Besuch. Wir sind unter anderem nach draußen gegangen und haben uns gemeinsam auf eine Bank gesestzt und uns im Arm gehalten. Da hab ich mich halb im Himmel gefühlt – Glückseligkeit. Nur so dasitzen, nicht viel reden, den Menschen den man liebt spüren, … Ich habe eine ganz tiefe Verbundenheit, Gemeinschaft und Liebe gespürt. Eine Tiefe, die wir nicht so leicht erlebt hätten, wenn wir nicht gemeinsam durch die Tiefe gegangen wären und von Gott getragen worden wären. Danke, Gott!

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude

Ich will den Herrn loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den Herrn und lasst uns
miteinander seinen Namen erhören!

Als ich den Herrn, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht-
Die auf ihn sehen werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der Herr
und halft ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des Herrn lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.
Wohl dem der auf ihn trauet!
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

(Psalm 34,2-11)

Das ist der Psalm, der mir am Abend vor der OP in die Hände gefallen, oder besser: ins Herz gelegt wurde. Meine Frau Nicola hat schon Tage vor der OP gefragt, ob ich einen Psalm hätte, den sie mir nach der Narkose vorlesen sollte. Mir fiel kein passender ein. Als ich von der Narkose dann aufgewacht bin, hab ich meiner Frau gesagt: Psalm 34. Wie Nicola den Psalm zwei mal gelesen hatte, traf er mich ganz tief…

Ich habe in letzter Zeit oft gehört: „Gesundheit ist das wichtigste!“ Ich fühle mich immer etwas unwohl dabei, denn eigentlich weiß ich: das stimmt nicht. Es gibt Wichtigeres: „Die auf ihn sehen werden strahlen vor Freude!“ Wichtiger als alles andere ist das sehen auf Gott. Das trägt und tröstet selbst dann noch, wenn die Gesundheit aufhört. Dieses Sehen auf Gott trägt durch den Tod hindurch.

Soweit, so gut – später mehr dazu, wie es mir körperlich geht…

Zweiter Anlauf

Noch sieht’s ganz gut aus: Auf dem Operationsplan für morgen stehe ich an erster Stelle. Aber wie ich am Freitag ja erleben musste, kann sich das kurzfristig auch noch ändern. Wenn alles so bleibt, werde ich morgen früh um 8 Uhr auf dem Weg in den OP-Saal sein… und treffe dann hoffentlich auf einen vom Wochenende gut ausgeruhten, erholten und konzentrierten Chirurgen.

Danke, danke, danke für alle Gebete. Es ist irgendwie schön, wenn man nicht nur über das Gebet predigt, sondern am eigenen Leib (und Seele) erlebt, wie Gott durch Gebete wirkt und trägt…

Los geht’s… doch nicht

Tja, da hab ich den ganzen Vormittag auf die OP gewartet und dann kam irgendwann die Nachricht, dass die Operation doch noch mal verschoben wird. Es sind noch Notfälle dazwischen gekommen und die Ärzte haben sich entschieden, meine OP erst am Montag zu machen…

Nicht gerade Nerven schonend, aber lieber am Montag mit ausgeruhten Ärzten als am Freitag Abend mit müden Ärzten… Im vorigen Beitrag hab ich geschrieben, dass der Herr regiert. Wenn das so ist, dann hat auch diese Verschiebung ihren Sinn.