Römer 13, 1-7: Christen und der Staat

Ziemlich unvermittelt greift Paulus hier ein großes Thema auf: Christen und staatliche Gewalt. Dieser Abschnitt wird theologisch heiß diskutiert und es gibt die unterschiedlichsten Meinungen dazu. Ich persönlich finde ihn schwierig. Vor allem die Absolutheit, mit der Paulus hier Aussagen über staatliche Obrigkeit macht: dass es keine (das ist eine absolute Aussage!) Obrigkeit gibt, die nicht von Gott eingesetzt ist und wir darum der Obrigkeit nicht widerstreben dürfen.

Es leuchtet mir ein, dass wir als Christen nach wie vor in dieser Welt leben und auch der politische Bereich eine Bedeutung für uns hat. Wir sind als Christen nicht aus dieser Welt herausgehoben, sondern wir leben in ihr und haben uns an die Regeln eines geordneten Miteinanders zu halten. Das ist sinnvoll, das ist gut. Aber dass Paulus von vornherein davon ausgeht, dass alle Obrigkeit von Gott so wie sie ist gewollt ist, das finde ich schwierig. Streng genommen führt das zu einem Fatalismus auch gegenüber Despoten und Unrechtsstaaten. Gerade wir Deutschen wissen, wie gefährlich es ist, von solch einem Automatismus auszugehen.

Im Gesamtzusammenhang der Bibel muss man klar sehen, dass es auch andere Stellen gibt. Die Obrigkeit führt nicht immer automatisch Gottes Willen aus. Es kann auch Situationen geben, in denen wir sagen müssen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29)

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Apostelgeschichte 22, 22-30 Rom sei Dank?!

Das Werben und die Argumente des Paulus überzeugen seine Zuhörer nicht. Im Gegenteil, sie sind umso fester entschlossen, Paulus aus dem Weg zu räumen. In dieser brenzligen Situation rettet Paulus ausgerechnet sein römisches Bürgerrecht. Wie wir an dem römischen Oberste sehen, war das damals ein ziemliches Privileg und hat einem so manche Vorteile verschafft. Auf dem Hintergrund von solchen Erfahrungen ist es verständlich, wenn Paulus im Römerbrief (13,1-7) dazu auffordert, sich der stattlichen Obrigkeit unterzuordnen, weil sie von Gott eingesetzt sei.

Andere biblische Schreiber haben nicht so positive Erfahrungen mit dem römischen Reich gemacht. Johannes, der Schreiber der Offenbarung z.B., lebt in einer Zeit, in welcher der römische Kaiser versucht, seine göttliche Verehrung durch zu setzen. Die Christen, die ihm das verweigerten, mussten mit Verfolgung rechnen. Für ihn ist Rom die große Hure Babylon (Offb.17), welche sich schwer gegen Gott versündigt und einmal gerichtet wird.

Wir sehen hier, wie schon in der Bibel Theologie auch von persönlicher Erfahrung geprägt ist. Das kann auch gar nicht anders sein. Wir nehmen Gottes Reden immer nur gefärbt durch unser persönliches Erleben war. So ist es auch schon in der Bibel. Es gibt keine neutrale und unpersönliche Offenbarung Gottes, sondern er redet zu bestimmten Personen in bestimmten Zeiten. Wir sehen auch, wie sich Gottes Urteil über eine Weltmacht wie Rom im Lauf der Zeit ändern kann. Offenbarung ist immer auch geschichtlich. Sie ist in eine bestimmte Situation hinein gesprochen. Von daher ist es beim Bibellesen immer wichtig zu überlegen, in welche Zeit und zu welchen Personen Gott damals gesprochen hat, wie unsere Zeit heute aussieht und was Gottes Reden dann für uns heute und für mich persönlich zu bedeuten hat.

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Bonhoeffer: Nachfolge (21) – Die sichtbare Gemeinde

„Der Leib Christi nimmt Raum ein auf Erden.“ (S.241) Dieser erste Satz in dem Kapitel hört sich reichlich seltsam und ungewohnt an. Was meint Bonhoeffer damit? Zuerst einmal ist deutlich, dass dieses Kapitel an das vorherige anschließt: „Der Leib Christi“. Es geht also darum, wie dieser Leib Christi heute in der Gemeinde sichtbar wird. Mit dem „Raum einnehmen“ meint Bonhoeffer offensichtlich, dass Nachfolge und Gemeinde keine leiblose und nichtmaterielle Idee ist, sondern dass Gemeinde ihren sichtbaren und wahrnehmbaren Platz und Raum in dieser irdischen Welt braucht: „Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos.“ (S. 241) Aber der Leib Christi muss sichtbar sein – nicht nur damals beim irdischen Leib Christi, sondern auch heute bei der Gemeinde als Leib Christi.

Bonhoeffer spricht nun verschiedene Punkte an, auf welche Weise die Gemeinde sichtbar wird. Der erste Punkt ist der Gottesdienst und hier speziell die Predigt und die Sakramente. Die Predigt soll apostolische Predigt sein, sie soll nichts anderes sein als „der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die ‚Lehre der Apostel‘, die apostolische Predigt.“ (S.244) Auch in Taufe und Abendmahl begegnet uns Christus selbst: „In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig.“ (S. 244) Wie so oft geht es bei Bonhoeffer um Jesus Christus selbst. Die sichtbare Gemeinde ist sein Leib und er wird selbst leibhaftig sichtbar in der Gemeinde.

Ein weiterer Punkt der sichtbaren Gemeinde ist die Gemeindeordnung. Darunter versteht Bonhoeffer die Ämter der Gemeinde. Sie sind keine Herrschaftsämter, sondern Dienste. Es gibt für ihn keine feste Liste von Ämtern oder die eine Gemeindeordnung der christlichen Kirche, sondern es muss „in verschiedenen Gemeinden verschiedenen Ämter […] geben. (S. 246) Die Gewähr für die rechte Ordnung einer Gemeinde muss die „gesunde heilsame Lehre“ (S. 246) sein. Bonhoeffer gibt zu, dass die Trennung zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre nicht immer leicht ist, aber er betont auch, dass da wo Irrlehre offenbar ist, dann auch eine sichtbare Trennung geschehen muss.

Ein dritter Punkt der sichtbaren Gemeinde ist der „Lebensraum“. Das klingt für heutige Ohren sehr seltsam und erinnert mich an die nationalsozialistische Ideologie, welche für Deutschland „Lebensraum“ im Osten gefordert hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff schon zur Entstehungszeit des Buches im Umlauf war und ob das eine bewusste Anspielung Bonhoeffers darauf ist. Er meint damit natürlich etwas völlig anderes als die Nazis. Es geht ihm darum, dass der Lebensraum der Gemeinde, der Raum in welchem die Nachfolge sichtbar wird, nicht abgetrennt ist von der restlichen Welt. Unser Lebensraum ist mitten drin in der vergänglichen Welt – wir sollen uns nicht abtrennen von dieser Welt und auf eine Insel der Seligen zurück ziehen, sondern wir sollen unseren Glauben mitten in der Welt leben.

Glaube betrifft das ganze Leben der Christen, es gibt hier kein Lebensbereich der ausgeklammert werden kann. Nachfolge spielt sich nicht nur am Sonntag im Gottesdienst ab, sondern auch an den restlichen Tagen der Woche. Das betrifft auch Miteinander in der Gemeinde. Hier setzt Bonhoeffer eine Spitze gegen Naziideologie: das gemeinschaftliche Leben der Glieder des Leibes Christi ist unabhängig von der Stimme des Blutes, der Natur, der Sympathien oder Antipathien. (S. 250) „So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus.“ (S. 253)

Schließlich kommt Bonhoeffer noch explizit auf die Beziehung zur Obrigkeit zu sprechen. Er bezieht sich dabei auf Röm. 13,1ff. Dabei betont er, dass dieser Text nicht der Obrigkeit gilt, sondern den Christen. „Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen.“ (S. 257) Bonhoeffer fasst das Anliegen von Paulus so zusammen: „Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.“ (S. 258) Die Aufgabe der Christen ist es, unabhängig von guter oder bösen Obrigkeit, das Böse mit Gutem zu überwinden (S. 259) Den Christen soll es nicht um das Reich dieser Welt gehen, sondern um Gottes Reich.

Nun hat aber das Leben in der Welt und unter der weltlichen Obrigkeit auch seine Grenzen: „Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht.“ (S. 261) Man könnte hier anstatt von Raumanspruch auch von Machtanspruch sprechen: Wenn Machtansprüche des Glaubens und der Welt in Konflikt geraten, dann ist es keine Frage, welcher Anspruch für Christen mehr zählt.

Insgesamt ist also die Beziehung der sichtbaren Gemeinde zur Welt eine dialektische: „So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderer Stelle die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbar werden.“ In der Welt aber nicht von der Welt.

Mir sind die Begriffe mit denen Bonhoeffer hier argumentiert teilweise ziemlich fremd, ich kann damit oft nichts konkretes verbinden. Aber von der Sache her finde ich seine Argumentation gut. Besonders gefällt mir seine Dialektik: er versucht in diesem Kapitel nicht schwierige Sachverhalte in die eine oder andere Richtung aufzulösen, sondern er belässt sie in einer Spannung. Eine Spannung, die bleiben wird, solange wir als Christen in dieser vergänglichen Welt leben.