Johannes 20, 19-23 Erstaunlich nüchtern

Beim Lesen habe ich mich darüber gewundert, wie nüchtern und distanziert Johannes von diesen Ereignissen berichtet. Da ist das größte Wunder geschehen: Jesus ist von den Toten auferstanden und begegnet seinen Jüngern. Die einzige Reaktion, die beschrieben wird: „Da wurden seine Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ (V.20) Was muss da nicht alles in den Köpfen und Herzen der Jünger vorgegangen sein? Das ist doch ein Ereignis, das einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlässt! Was könnte man da nicht alles schreiben über die Gefühle und Gedanken der Jünger! Stattdessen nur diese kurze und nüchterne Darstellung, die nur eine Andeutung von der Freude wiedergibt, welche die Jünger gefühlt haben müssen.

Andererseits finde ich diese Nüchternheit auch wohltuend. In unserer heutigen religiösen Welt wird viel mit Gefühl, Stimmung und Begeisterung gearbeitet. Das Spektakuläre und Außergewöhnliche wird gepuscht. Je mehr Emotionen geweckt werden, desto besser. Die Bibel ist da viel zurückhaltender. Es geht nicht in erster Linie um unsere menschlichen Gefühle, sondern um Jesus Christus, das Wunder seiner Auferstehung und die Gabe des Heiligen Geistes. Das müssen wir nicht künstlich hochpuschen, sondern das hat in aller Nüchternheit eine tiefe innere Kraft, die mehr Veränderung schafft, als eine kurzfristige Begeisterung.

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Johannes 15, 18 – 16, 4 Wir brauchen uns nicht zu wundern

Wie bei allen Bibeltexten ist auch bei diesem zu beachten, dass er zunächst in eine bestimmte historische Situation hinein an bestimmte Adressaten geschrieben wurde. Unsere Zeit und unsere Situation ist eine andere. Dass uns jemand aus der Synagoge ausschließen will (16,2), ist z.B. für uns gar kein Thema – wir leben einfach in einer anderen Welt als die Adressaten damals.

Trotzdem wird in dem Text etwas ganz Grundsätzliches klar: Als Christen haben wir ganz nüchtern damit zu rechnen, dass wir von anderen abgelehnt und angefeindet werden. Wenn das nicht so ist, dann brauchen wir das natürlich nicht zu suchen oder zu provozieren, aber wenn es so ist, so brauchen wir uns auch nicht darüber zu wundern.

Paulus schreibt in Röm. 12,8, dass wir versuchen sollen, mit allen Menschen in Frieden zu leben. Wir sollen nicht den Konflikt suchen, sondern Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen leben. Trotzdem kann uns unser Glaube in Konflikte führen. Dann ist es wichtiger Gottes Stimme zu folgen, als sich in allem anzupassen und den Glauben aufzugeben. Jesus verheißt uns für solche Situationen den Heiligen Geist (V.26), der uns dann die richtige Reaktion schenken wird.

Henning Mankell: Das Auge des Leoparden

Mankell: Das Auge des LeopardenEin Schwede in Afrika – das könnte ein kitschiger Sehnsuchtsroman werden, voller Sonnenuntergänge und romantischer Safari-Erfahrungen. Ist es aber zum Glück nicht! Mankell zeichnet ein bedrückendes und ernüchterndes Bild über Afrika und unsere Vorstellung von uns weißen Europäer als Freund und Helfer der „armen Schwarzen“.

Hauptperson des 1990 im schwedischen erschienen Romans ist Hans Olofson. Sein Vater ist Trinker und seine Mutter hat er nie kennengelernt. Er ist auf der Suche nach sich selbst, lässt sich dabei aber eher treiben, als diese Suche selbst zu gestalten. So ist es auch nicht seine Idee nach Afrika zu reisen, sonder er erfüllt den Lebenstraum einer verstorbenen Freundin, als er nach Sambia reist. Dort übernimmt er auf eher zufällige Weise eine Hühnerfarm und aus dem kurzen Afrikabesuch wird ein 18-jähriger Aufenthalt.

Hans Olofsen sieht sich als der gute Weiße, der den Afrikanern auf seiner Farm mit allerlei Wohltaten helfen möchte. Doch schnell merkt er, dass diese Hilfe nicht so einfach ist und er in der Gefahr steht ausgenutzt zu werden. Dem kann er nur mit Härte begegnen, wobei er sich immer noch als Wohltäter versteht, weil er ja vielen Afrikanern auf seiner Hühnerfarm Arbeit verschafft.

Im Lauf des Romans wird immer mehr deutlich, wie unterschiedlich die Kultur Europas und Sambias ist. Nicht nur die Denk- und Lebensweise ist völlig unterschiedlich, sondern es ist durch die Erfahrung der Kolonialzeit von vornherein schwierig zu einem freundschaftlichen Miteinander zu kommen. Dazu kommt das Problem der Korruption einer reichen Oberschicht in Sambia. Diese führen sich auch nicht besser auf als die weißen Kolonialherren.

Mankell erzählt die Geschichte im steten hin und her zwischen der Kinder- und Jugendzeit in Schweden und der Zeit in Afrika. Bindeglied sind immer wieder Fieberträume Olofsons, welche von Malaria verursacht werden. Darin wird auch die existentielle Angst und Heimatlosigkeit der Hauptperson deutlich.

Ich hatte Anfangs etwas Probleme in den Roman hinein zu finden. Aber mit der Zeit hat mich die Geschichte gefesselt. Es ist keine schöne und leichte Geschichte, sondern oft sehr bedrückend. Das Buch hilft auf jeden Fall, den kulturellen Unterschied zwischen Afrika und Europa besser zu verstehen. Mankell hat viel Zeit in Afrika verbracht. Er ist wohl selbst auf der einen Seite fasziniert von diesem Kontinent, sieht aber auch klar die Schwierigkeiten. Der Roman ist nicht parteiisch, sondern möchte dem Leser helfen, sich selbst ein Bild zu machen. Besondere Sympathie zeigt Mankell dabei den afrikanischen Frauen, welche abseits von allen Machtspielen und Raffgier einfach nur ihr Bestes geben, um ihre Familie zu ernähren.

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2. Thessalonicher 2, 13 – 3, 5 Nicht jedermanns Ding

Ganz nüchtern und realistisch sagt Paulus hier: „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“ (V.2) Tja, diese Erfahrung machen wir nicht erst im postmodernen und säkularen Deutschland, sondern die hat schon Paulus vor knapp 2000 Jahren gemacht. Obwohl er einer der „erfolgreichsten“ Missionare aller Zeiten war, hat auch Paulus nur eine Minderheit mit seiner Botschaft erreicht. Obwohl Gott alle Menschen erschaffen hat und er will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden (1. Tim. 2,4), haben die Meisten keine Antenne für den Glauben. Aber sollen wir deswegen resignieren? Nein, Paulus blieb treu. Er ging seinen Weg weiter und schaute auf Gott, denn „der Herr ist treu“ (V.3).

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1. Thessalonicher 5, 1-11 Keiner weiß wann oder wie

Paulus schreibt es hier ausdrücklich: Über das „Wann“ des Kommens Jesu brauchen wir gar nicht erst anfangen zu spekulieren. Das weiß keiner. Der Tag von Jesu Wiederkunft wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Das kann jede Nacht passieren. Es kann jahrzehntelang nicht passieren. Das kann kein Mensch voraussagen. Interessant ist, dass Paulus hier die zwei griechische Grundbegriffe für Zeit benutzt: Chronos und Kairos (V.1). Beide bezeichnen die Zeit unter einem bestimmten Blickwinkel. Chronos meint eher die messbare und chronologisch gleichmäßig ablaufende Zeit. Kairos meint eher einen besonderen, quasi aus der Gleichmäßigkeit der Zeit herausgehobenen Zeitpunkt in der Geschichte. Das heißt unter allen Blickwinkeln der Zeit können wir nicht über die Wiederkunft Jesu spekulieren.

Dieses Bild vom Dieb in der Nacht, das ja von Jesus selbst stammt (Mt.24,43f), kann beängstigend sein. Denn ein Dieb in der Nacht ist ja nicht gerade eine schöne Erfahrung. Man könnte sich mit diesem Vergleich auch verrückt machen und in ständiger Angst leben. Es könnte ja jede Nacht passieren, dass ein Dieb kommt. Wir können es ja nicht wissen und sollen ständig darauf vorbereitet sein. Wenn aber unsere christliche Zukunftshoffnung in solch eine Angst umschlägt, dann läuft etwas schief. Paulus macht das sehr schön deutlich, indem er schreibt, dass die Empfänger ja gerade nicht in der Finsternis sind: „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“ (V.5) Wer ein Kind des Lichtes ist, braucht vor dem Dieb in der Nacht keine Angst haben.  Wichtig ist deshalb, ein Kind des Lichtes zu bleiben.

Etwas verwirrend fand ich V.10, wo Paulus im Gegensatz zu den vorigen Ausführungen von Christen schreibt, die wachen oder schlafen. Als Christen sollen wir doch wach und nüchtern sein und gerade nicht schlafen, oder?! Am sinnvollsten ist es wenn man das im größeren Zusammenhang betrachtet und als ein Wortspiel sieht: mit den Schlafenden sind hier die „Entschlafenen“ gemeint – also die Christen, die zum Zeitpunkt des Briefes schon verstorben sind. Das ist im größeren Zusammenhang die Aussageabsicht: Egal ob wir zum Zeitpunkt der Wiederkunft leben oder schon gestorben sind: wir werden mit Jesus Christus leben.

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Apostelgeschichte 17, 1-15 Die Autorität der Schrift

Bei dem Abschnitt heute ist mir aufgefallen, wie die Menschen in Thessalonich und Beröa zum Glauben gekommen sind. Es gab keine großartigen Wunder, sondern Paulus hat einfach nur die Schrift ausgelegt und von Jesus erzählt. In Thessalonich ließen sich einige „überzeugen“ (V.4) und in Beröa nahmen „sie das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“ (V.11) Der Glaube wird hier nicht als überwältigendes Gefühlsereignis dargestellt, sondern als Folge nüchterner Schriftbetrachtung.

Das ist allerdings heute schwieriger. Paulus sprach damals in diesen beiden Städten in den Synagogen. Für die Zuhörer war die Heilige Schrift eine ganz selbstverständliche Autorität. Es war für sie klar, dass Gott durch die Schrift redet und dass sie den Anspruch Jesu an der Schrift prüfen konnten. Das ist in unserer heutigen Welt nicht mehr so. Für die meisten ist die Bibel ein rein historisches Dokument, das mit ihrem Leben wenig zu tun hat. Die Schwierigkeit ist nun, trotzdem von Jesus zu reden, ohne die Autorität der Schrift aufzugeben.

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Apostelgeschichte 6, 1-7 Keine heile Welt

Die ach so heile Welt der Urgemeinde in Jerusalem ist gar nicht so heil… Wie in jeder irdischen Gemeinde, in welcher Menschen zusammenleben, gibt es auch hier Konflikte und Spannungen. In der Gemeinde gab es einheimische Juden, die zu Christus gefunden haben. Witwen von dieser Gruppe wurden von ihren ortsansässigen Familien versorgt. Das war damals so üblich, weil es keine staatliche Altersvorsorge gab. Daneben gab es in der Gemeinde griechisch sprechende Christen, die von außerhalb nach Jerusalem gezogen waren. Diese hatten dann oft keine Familie in der Nähe. Wenn von ihnen eine Frau Witwe wurde, dann hatte sie niemand, der sie versorgte.

Eigentlich müsste man denken, dass diese Witwen ganz selbstverständlich von der Gemeinde mitversorgt wurden. Zumal Lukas zweimal ausdrücklich betont, dass die Christen alles gemeinsam hatten und es niemand unter ihnen gab, der Mangel hatte (2,44f; 4,34). Aber ganz so problemlos war es dann doch nicht… Schon die ersten Christen hatten sich mit ganz profanen Organisationsfragen zu beschäftigen. Das was uns heute in der Gemeindearbeit oft so lästig und nervenaufreibend vorkommt, gab es damals schon. Die alltäglichen Konflikte, die im Miteinander entstehen waren damals schon genauso da wie heute. Die Urgemeinde war keine perfekte Übergemeinde, sondern eine ganz normale Gemeinde.

Die Frage damals wie heute ist, wie man mit Konflikten und Problemen umgeht. Folgt auf den Konflikt Trennung und Unversöhnlichkeit – oder sucht man gemeinsam nach einer Lösung? Interessant finde ich, wie nüchtern und sachlich die Sache damals geklärt wurde. Da gab es kein göttliches Eingreifen oder eine göttliche Offenbarung durch den Heiligen Geist. Nein, die Apostel haben ihren gesunden Menschenverstand benutzt und eine vernünftige Lösung vorgeschlagen. Die Diakone wurden dann nicht auf göttlichen Fingerzeig hin eingesetzt, sondern demokratisch gewählt.

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Daniel 2, 1-26 Traumdeutung

Träume galten in der Antike allgemein als Tor zur göttlichen Welt. Träume wurden als Botschaften der jenseitigen Welt verstanden. Auch der biblische Glaube verstand Träume auf diese Weise. Da Träume aber oft vieldeutig waren, war es nötig diese Botschaften durch Traumdeutung zu entschlüsseln. Schon im Neuen Testament verändert sich die Auffassung von Träumen. Sie kommen zwar auch vor als göttliche Offenbarungen, sie sind aber seltener und eindeutiger. So braucht z.B. Jose in Mt.1,18-25 keinen Traumdeuter, um die Botschaft Gottes, welche er im Traum empfangen hatte, zu verstehen.

Ob Gott auch heute noch in Träumen spricht? Weiß ich nicht. Ich denke, das kann durchaus geschehen. Ich selbst habe das noch nie in so eindeutiger Weise erlebt. Vorsichtig wäre ich bei Träumen, die nicht eindeutig sind und die verschieden ausgelegt werden können. Da scheint mir im Neuen Testament doch eine eindeutige Tendenz da zu sein: Wenn Gott spricht, dann spricht er deutlich. Wir wissen heute auch viel klarer als damals, wie wir in unseren Träumen unsere eigenen Gefühle verarbeiten (aber vielleicht kann Gott gerade deswegen nicht mehr so leicht in Träumen zu uns sprechen?).

Bei Daniel ist mir wieder aufgefallen, wie sich bei ihm menschliche Weisheit und Nüchternheit mit Gottvertrauen verbindet. Er verfällt nicht in Panik, sondern wendet sich „klug und verständig“(v.14)  an den Obersten der Leibwache. Zugleich wendet er sich im Gebet an Gott, welcher ihm dann auch durch eine nächtliche Offenbarung hilft (Auch im Traum? Das bleibt offen).

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Richter 1 Nüchterne Bilanz

Das Buch über die Richter schließt an das Buch über Josua an. Im ersten Kapitel wird eine nüchterne Bestandsaufnahme gegeben. Die charismatische Leiterperson des Josua ist tot. Die Stämme sind zwar im verheißenen Land, aber es ist ihnen nicht gelungen, die Kanaaniter völlig zu vertreiben. Immer wieder heißt es in diesem Kapitel, dass die Kanaaniter noch mitten unter ihnen waren und auch auf lange Sicht nicht vertrieben werden konnten, sondern später fronpflichtig wurden. Es wird schonungslos offen festgestellt: es ist nicht so gekommen, wie wir uns das erhofft hatten.

Auch in unsrem Leben brauchen wir immer wieder eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wie sieht es in unserem Leben aus? Haben wir das erreicht, was Gott von uns wollte? Haben sich Gottes Verheißungen erfüllt? Verheißungen sind keine Automatismen, die sich unabhängig von unserer Einstellung und den Umständen erfüllen. Es hilft nichts, sein Leben zu beschönigen und schwierige Situationen mit frommem Geschwätz schön zu reden. Das mag in an der Bibel, dass auch das Scheitern erwähnt wird, dass es nicht schamhaft verschwiegen wird. Wichtig ist, das Scheitern im Angesicht Gottes zu verarbeiten.

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2. Timotheus 4, 5-8 Nüchterne Leidensbereitschaft und visionärer Begeisterung

Interessant wie Paulus hier den Timotheus ermutigt: „Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, richte dein Amt redlich aus.“ (V.5) Er stellt ihm keine großartigen Visionen für seine Gemeindearbeit vor Augen und er feuert nicht eine leidenschaftliche Begeisterung für den Glauben an, sondern er rät zu Nüchternheit, Leidensbereitschaft und Redlichkeit.

Natürlich weiß auch Paulus, dass Visionen und Begeisterung wichtig sind. Aber er weiß auch, dass solcher Optimismus und positive Gefühle auch ein Korrektiv nötig haben: Realismus und die Bereitschaft, an den Dingen die nicht so laufen wie erträumt, zu leiden. Beide Seiten gehören zum Glauben und zur Gemeinde dazu. Da muss jeder, auch in sich selbst, einen Ausgleich suchen zwischen dem begeisterten Pfingstler, der nur noch über dem Boden schwebt und die Realität der Welt gar nicht mehr an sich heran lässt und dem nüchternen Landeskirchler, dem vor lauter Realismus sein Glaube austrocknet.

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