Joseph Conrad: Lord Jim

Eine nicht ganz einfach zu lesende und vielschichtige Charakterstudie über Träume, Ideale, Versagen und Schuld eines Menschen. Hauptperson ist Jim, ein junger britischer Seemann. Er träumt von Anerkennung und Ruhm. Er hat einen hohen Anspruch an sich selbst und seine Ideale. Aber durch eine folgenschwere Fehlentscheidung werden diese Ideale und Träume in Frage gestellt und sein weiteres Leben unter dem Vorzeichen dieser Enttäuschung.

Jim war erster Offizier auf dem vollbesetzten Pilgerschiff Patna. Nach einer unerklärlichen Kollision flieht er – entgegen seiner Ideale von Ruhm und Heldenmut – mit der restlichen Schiffsbesatzung von dem vermeintlich verlorenen Schiff. Die Patna geht doch nicht unter und Jim wird vor Gericht gestellt. Er verliert seine nautischen Patente, erhält danach jedoch Hilfe von Marlow, der sich mit ihm anfreundet. Bei allen neuen Anstellungen die ihm Marlow besorgt, fällt jedoch der Schatten seiner Vergangenheit auf ihn zurück.

Ein wirklicher Neuanfang gelingt ihm erst in einem abgelegenen Eingeborenendorf in Afrika. Dort gewinnt er die Achtung und Liebe der Einwohner – sie nennen ihn „Lord Jim“. Er wird zu ihrem Anführer, der ein friedliches Miteinander verschiedener Stammesgruppen garantiert. Er findet eine Frau, welche ihn von Herzen liebt – auch wenn sie im Innersten eine Ahnung davon hat, dass es einen dunklen Fleck in Jims Vergangenheit gibt.

Doch letztendlich bleibt Jim ein tragischer Held. Die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein heruntergekommener Freibeuter greift mit seiner Bande die Stadt an. Anstatt die chancenlosen Angreifer im Kampf zu vernichten, entscheidet sich Jim die Freibeuter ziehen zu lassen. Er will damit seine Großmut zeigen, trifft damit aber wieder eine tragische Fehlentscheidung. Auf ihrer Flucht ermorden die Räuber den Sohn eines Eingeborenenfürsten. Jim nimmt die Schuld dafür auf sich, indem er sich dem Fürsten stellt. Dieser macht Jim für den Tod seines Sohnes verantwortlich und tötet ihn.

Zu lesen ist der Roman nicht so einfach. Conrad erzählt recht weitschweifig und detailliert – dadurch wird der Roman insgesamt recht lang und die Handlung zieht sich recht zäh durch das Buch. Für den Leser anstrengend sind auch die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Die Geschichte wird nicht von einem allwissenden Erzähler ausgebreitet oder aus der Perspektive der Hauptperson. Der Großteil der Handlung ist die Wiedergabe einer Erzählung von Marlow, des guten Freundes von Jim. Diese Erzählung wird wiederum vom Ich-Erzähler gehört und wiedergegeben. Das führt dann manches mal zu mehrfach gebrochenen Schilderungen der Handlung: der Ich-Erzähler gibt wieder, was Marlow erzählt und Marlow seinerseits gibt an vielen Stellen wieder, was dritte über Jim erzählt haben. Da verliert man leicht den Überblick…

Diese komplizierte Erzählweise ist aber bewusst gewählt und ermöglicht es Conrad die Hauptfigur aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dem Leser bleibt es selbst überlassen, den Charakter und die inneren Vorgänge in der Hauptperson Jim zu deuten. Für einen im Jahr 1900 geschriebenen Roman ist diese Herangehensweise erstaunlich modern.

Lord Jim ist viel mehr als ein Seefahrer- und Abenteuerroman. Er ist ein zutiefst existentieller Roman. Große Lebensfragen werden in der Geschichte angedeutet. Wie gehen wir mit Scheitern und Versagen um? Wie kann Schuld gesühnt werden, wie kann Erlösung geschehen? Lohnt es sich von großen Idealen zu träumen, oder ist es nicht sinnvoller sein Leben pragmatisch zu sehen?

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Hesekiel 20 Die große Abrechnung

Dieses Kapitel ist eine große Abrechnung Gottes mit seinem Volk. Gott hat Israel auserwählt und sich ihm in besonderer Weise gezeigt (V.5). Doch schon in Ägypten hat Gottes Volk auf Gottes Werben mit Ungehorsam reagiert. Nach Hes. 20 zieht sich dieser Ungehorsam durch die ganze Geschichte hindurch. Immer wieder ist Gott zornig und erbarmt sich dann doch über sein Volk.

Das erstaunliche ist: Dieses Erbarmen wird nicht mit der großen Liebe Gottes oder mit seinem Mitleid begründet, sondern mit Gottes Heiligkeit. Immer wieder verschont Gott Israel, „um meines Namens willen, damit er nicht entheiligt würde vor den Heiden“ (V.9.14.22). Gerade Gottes Heiligkeit begründet immer wieder den gnädigen Neuanfang. Gegen Ende dieses Kapitels kommt aber dann doch das Gericht. Wobei es hier nicht um ewige Höllenqualen und endgültige Verwerfung geht. Für Hesekiel bedeutet Gericht, dass die „Abtrünnige“ (V.38) ausgesondert werden und nicht zurückkehren ins Land Israel. Also eine begrenzte Strafe und kein endgültiges Auslöschen.

Trotz der großen Abrechnung und trotz all dem Ungehorsam steht am Schluss des Kapitels ganz groß die Ehre Gottes, welche sich eben nicht in Vergeltung und ewiger Strafe zeigt, sondern in Gnade: „Ich will euch gnädig annehmen […] Und ihr werdet erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich so an euch handle zur Ehre meines Namens und nicht nach euren bösen Werken und verderblichen Taten, du Haus Israel, spricht Gott, der Herr.“ (V.41.44) Am Ende der großen Abrechnung streicht Gott die Schuld der bösen Taten einfach weg – und zwar zur Ehre seines Namens.

| Bibeltext |

Hesekiel 17 Auf den Größten vertrauen

Im Stil eines Gleichnisses wird in diesem Kapitel die Politik des von Babylonien in Jerusalem eingesetzten Vasallenkönigs Zedekia kritisiert. Anstatt dass sich dieser an seinen im Namen Gottes geschworenen Eid hält, streckt er seine Fühler nach Ägypten aus und hofft dadurch von Babylonien loszukommen. Hesekiel kündigt im Namen Gottes an, das dies nicht gut gehen wird. Aber er kündigt zugleich auch einen Neubeginn von Gott her an: Gott wird selbst einen neuen Baum pflanzen, einen herrlichen Zedernbaum, unter dem Vögel aller Art Schutz finden (V.23). Gott wird den hohen Baum (damit ist der sich selbst für schlau haltende Zedekia gemeint) erniedrigen und er wird den niedrigen Baum erhöhen (damit ist wohl der Messias als zukünftiger Friedenskönig gemeint).

Jesus hat diese Stelle gekannt und aufgegriffen. Zum einen im Gleichnis vom Senfkorn (Mt. 13,32): das Himmelreich wird ein großer Baum sein in welchem die Vögel des Himmels wohnen können. Und zum anderen in Mt. 23,12: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Faszinierend wie sich manche Linien durch die Bibel hindurch ziehen.

Egal ob bei Hesekiel oder bei Matthäus: Gott hat eine Vorliebe für die Demütigen und Niedrigen. Sie sind in Gottes Augen besonders wertvoll, weil sie sich nicht auf ihre eigene Kraft und Schlauheit verlassen, sondern auf Gott. Wahre Größe erreicht nicht der, der selbst groß sein will, sondern der der auf den Größten vertraut.

| Bibeltext |

Jeremia 41 Schwer von Begriff

Und noch immer haben manche nicht erkannt, was dran ist. Anstatt in Demut zu Gott umzukehren und zu fragen, was er von seinem Volk möchte, handelt ein gewisser Jischmael selbstsüchtig, hinterhältig und beleidigt. Er ist aus königlichem Geschlecht und gönnt es dem Gedalja nicht, dass er von den Babyloniern als Statthalter eingesetzt wurde. Deshalb geht er hin und erschlägt ihn einfach. Dann flieht er zu den Ammonitern.

Kaum zu fassen: Man müsste denken, nach dieser großen Katastrophe- dem Untergang Jerusalems – müsste auch der letze begreifen, dass es Zeit für einen Neuanfang ist. Aber manche wollen es nicht kapieren, sie denken einfach in den alten Bahnen weiter…
Bibeltext

Jeremia 39 Endlich die große Katastrophe

Seit 40 Jahren (!) predigt Jeremia auf immer neue Weise dasselbe: „Wenn ihr nicht umkehrt zu Gott, dann wird es eine große Katastrophe geben.“ Er wurde nur von wenigen gehört. Jetzt (endlich?!) tritt die große Katastrophe ein: Jerusalem wird von den Babyloniern eingenommen, zerstört (nach 2.Kön.25,9 auch der Tempel) und die Ober- und Mittelschicht nach Babylonien deportiert.

Wie sich Jeremia wohl gefühlt hat? Ich glaube er wurde von ganz unterschiedlichen Gefühlen zerrissen: Auf der einen Seite leidet er mit seinem Volk (immer wieder wird das im Jeremiabuch deutlich). Die Zerstörung seiner Heimat muss auch für ihn schrecklich gewesen sein. Vielleicht hatte er bis zum Schluss die Hoffnung, dass sein Volk umkehrt oder dass Gott Gnade vor Recht ergehen lässt. Andererseits war er vielleicht auch erleichtert: Endlich macht Gott seine Drohungen wahr. Endlich können alle sehen, dass ich die letzten 40 Jahre keinen Blödsinn erzählt habe, sondern Gottes Wort weiter gegeben habe.

Vielleicht hatte er auch damals schon die Hoffnung, dass jetzt endlich – nach der großen Katastrophe – auch die Zeit für einen Neuanfang zwischen Gott und seinem Volk gekommen ist. Man sagt das ja auch von manchen Suchtkrankheiten: Ab einem gewissen Punkt kann Heilung nur noch nach dem großen Zusammenbruch geschehen. Erst wenn der Süchtige am Boden zerstört ist und wirklich mit aller Konsequenz den Karren an die Wand gefahren hat, wird er auch innerlich bereit, für einen Neuanfang. Vielleicht ist es im Glauben manchmal ähnlich: Solange man sich durch eigenes Strampeln noch über Wasser halten kann, verzichten viele auf die rettende Hand Gottes…
Bibeltext

Jeremia 32 Das Ende ist der Neuanfang

Das scheint nicht so besonders weise und diplomatisch zu sein: Da steht der große, übermächtige Feind vor den Toren der heiligen Stadt Jerusalem und anstatt den Menschen Mut und Hoffnung zu geben sagt Jeremia: „So spricht der Herr: Siehe, ich gebe diese Stadt in die Hände des Königs von Babel und er soll sie erobern.“ (V.4) Die logische Konsequenz ist, dass Jeremia verhaftet und in den Kerker gesteckt wird. Mit seiner Botschaft verdirbt er ja völlig die Widerstandsmoral der Jerusalemer.

Aber Jeremia macht auf einer anderen Ebene Hoffnung. Er kauft gerade in dieser schwierigen Zeit, in welcher der völlige Untergang Judas droht einen Acker! Auch das erscheint nicht besonders schlau und geschickt. Aber es ist ein Zeichen der Hoffnung: Nach dem Ende mit Schrecken wird es einen Neuanfang geben, nach dem Unheil sollen in diesem Land wieder Äcker gekauft werden (V.42f). In meiner Stuttgarter Erklärungsbibel ist das sehr schön auf den Punkt gebracht: „Das Volk denkt angesichts der Belagerer an das Ende, Gott spricht bereits vom neuen Anfang.“

Vielleicht trifft das auch in unserem Leben manchmal zu: Was uns wie das Ende erscheint, ist in Wahrheit ein neuer Anfang von Gott her…
Bibeltext

Psalm 74 – Zerbruch und Neuanfang

Diese Psalm ist ein sogenanntes Klagelied des Volkes. Das Volk klagt vor Gott, dass der Tempel von feindlichen Völkern zerstört wurde. In verschiedenen Variationen wird gefragt, warum Gott das zulassen konnte und warum er nicht endlich eingreift. Neben die Klage tritt die Bitte, dass Gott endlich die Feinde vertreiben soll. Das ganze könnte historisch in die Situation von 587 v. Chr. passen, als Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde.

Mich hat dieser Psalm dazu inspiriert zu überlegen, ob es nicht auch bei mir manchmal Heiligtümer gibt, die zerbrechen und zerstört werden – und ich so ganz neu gezwungen werde, Gott auf einer anderen Ebene zu suchen. Der Tempel galt als Ort der Gegenwart Gottes, vielleicht war es damals dran, auf ganz neue Weise zu erfahren und lernen, wie Gottes Gegenwart aussieht? Vom Effekt her war es auf jeden Fall so, dass die Israeliten ihren Glauben neu durchdenken mussten und neue Erfahrungshorizonte im Glauben öffnen mussten. Alte Traditionen und Rituale waren ohne Tempel (und für diejenigen im Exil auch noch weit weg von Jerusalem) nicht mehr so ohne weiteres möglich. Es mussten sich neue Formen des Glaubenslebens herausbilden.

Ich denke schon, dass das auch bei uns immer wieder passiert und auch passieren muss! Immer wieder muss so manchen äußere Form unseres Glaubens zerbrechen, damit wir wieder ganz neu und ursprünglich auf Gott selbst zurück geworfen werden. Immer wieder müssen wir neue Formen finden, um auf neue und lebendige Weise Gott zu begegnen. Das heißt nicht, dass die ältere Form schlecht war, sondern nur, dass wir uns vielleicht schon zu sehr an sie gewöhnt haben und sie uns nicht mehr innerlich berührt hat. Und es kann dann auch sein, dass wir irgendwann ganz alte, längst vergangene Formen der Frömmigkeit wieder neu entdecken und sie uns wieder leichter zugänglich sind. So wie z.B. in der emerging church viele alte Traditionen und Frömmigkeitsübungen wieder neu entdeckt werden.

Der Untergang des Tempels war sicherlich ein tragischer Zerbruch, aber er war zugleich auch eine Chance zum Neuanfang – wenn in unserem Glauben etwas zerbricht, dann ist das ganz bestimmt immer schmerzvoll, aber es kann auch eine Chance zum Neuanfang sein.
Bibeltext