Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen

Wind: Dem Rad in die Speichen fallenEine kompakte, informative und gut lesbare Biographie über Dietrich Bonhoeffer. Mir hat diese Biographie sehr gut gefallen. Sie umfasst Bonhoeffers ganzes Leben und beschränkt sich in der Kürze auf die wichtigsten Informationen und Stationen. Trotzdem ist das Buch gut lesbar und spannend. Für einen ersten Einblick und Überblick über Bonhoeffers Leben ist das Buch sehr gut geeignet.

Während der Theologe Bonhoeffer nicht so ausführlich dargestellt wird, kommt der Mensch stärker zur Geltung. Gerade die innere Zerrissenheit und Entwicklung aus dem bürgerlichen Milieu hin zu einem Widerstandskämpfer gegen den Staat und die Nazis fand ich eindrücklich hervor gearbeitet. Es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass aus einem pflichtbewussten und privilegierten Staatsbürger ein Umstürzler wird.

Neu deutlich wurde mir auch die Vielschichtigkeit der Bekennenden Kirche. Es gab gegenüber dem zunehmend nationalsozialistischen Staat und der Reichskirche keinen einheitlichen Kurs, sondern durchaus verschiedene Meinungen wie stark man sich abgrenzen soll und welche Kompromisse man eingehen kann. Bonhoeffer gehörte auch unter der Bekennenden Kirche zu den Radikalen und ging in seinem Widerstand viel weiter als manch andere Vertreter der Bekennenden Kirche.

Bonhoeffer ist und bleibt – gerade in seiner inneren Zerrissenheit und Vielschichtigkeit – eine beeindruckende Persönlichkeit.

(Amazon-Link: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer)

Ana Novac: Die schönen Tage meiner Jugend

Zu diesem Buch kann man nicht viel schreiben: es ist erschütternd und beklemmend. Es beschreibt unbeschreibliches. Die Holocaustüberlebende Ana Novac berichtet in ihren Tagebuchaufzeichnungen über ihren Überlebenskampf in verschiedenen deutschen Konzentrationslagern (unter anderem Auschwitz). Die damals 14-jährige hat heimlich ein Tagebuch geführt, hat selbst überlebt und auch ihre Aufzeichnungen konnten gerettet werden. Ein einzigartiges Zeitzeugnis.

Verstörende Aufzeichnungen sind das. Nicht nachträglich aufgeschrieben, sondern noch im KZ geschreiben. Erzählt in einem kühlen Ton, der an manchen Stellen in Sarkasmus oder Ironie umschlägt (nur so ist auch der Titel erklärbar). Ein Blick in eine andere Welt, eine grausame Welt. Ein Blick in den Abgrund. Szenen wie aus Albträumen. Das Schreiben half Ana Novac die Last der Geschehnisse zu ertragen.Und trotz allem eine Feier des Lebens.

Support the best?

Hab heute ein T-Shirt mit einem ziemlich ekligen Spruch gesehen: „Support the best – God fuck the rest“. Getragen hat es ein großer, muskulöser Mann mit blond gefärbten Haaren. Ich weiß nicht, ob er wirklich über diesen Spruch auf seinem Shirt nachgedacht hat. Das erinnert nämlich auf fatale Weise an eine Zeit, in der man auch glaubte, die anscheinend besten Eigenschaften eines Volkes, einer Rasse müsse man fördern und die anderen, die Schwachen, Kranken, Behinderten,… wären lebensunwertes Leben, das man ausmerzen müsse. Traurig!

Aber auf gewisse Weise stimmt dieser Spruch dann auch wieder. Auf einer ganz anderen Ebene als er verstanden werden will. Denn es ist tatsächlich so, dass wir Menschen uns immer an den Besten orientieren und jeder zu den Besten dazu gehören möchte. Gott aber wendet sich vor allem den Schwachen und Hilflosen zu, den Unterdrückten und Ausgestoßenen. Da muss man nur einmal eins der Evangelien durchlesen.

In der hebräischen Sprache wird unser niveauloses und aller Schönheit und allem Zauber beraubtes Wort „fuck“ ausgedrückt mit „eins werden“. Gott wird eins mit dem Rest, er vereinigt sich mit den Schwachen und Zerbrochenen, mit den Verwundeten, Ausgebeuteten, Einsamen und Traurigen. Er hilft den Hilflosen.

Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah

Ein wundervolles Buch von Schmitt. Wieder mal! Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Eleganz er es auf relativ wenig Seiten schafft, eine tiefgehende Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die fesselt, berührt und nachdenklich macht.

Es geht um einen kleinen jüdischen Jungen, namens Joseph. Er ist zu Beginn der Erzählung sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Nazi-Deutschland. Als die Situation für die Juden immer brenzliger wird, entschließen sich seine Eltern, ihn zu verstecken. Über Umwege landet er bei Pater Bims, der in seinem katholischen Waisenhaus außer Joseph noch mehr jüdische Kinder versteckt. Joseph bekommt einen gefälschten Pass und verliert den Kontakt zu seinen Eltern. Das Buch erzählt nun, wie Joseph die Zeit im Waisenhaus bis zum Ende des Krieges übersteht und wie ihm sein älterer Freund und Beschützer Rudy und vor allem Pater Bims ans Herz wachsen.

Aber bei Schmitt geht es natürlich um mehr als „nur“ eine spannenden Überlebendgeschichte aus dem dritten Reich. Es geht um das jüdische Volk und im Besonderen auch um den jüdischen Glauben (auch in seiner Beziehung zum christlichen Glauben). Pater Bims will aus Joseph keinen Katholiken machen, sondern im Gegenteil: Er bringt ihm den jüdischen Glauben nahe. Der Pater sieht sich selbst als eine Art Noah: So wie Noah damals in der Arche die Tiere vor dem Aussterben bewahrt hat, so möchte er die jüdische Tradition vor dem Untergang bewahren. Er beschäftigt sich selbst mit der hebräischen Sprache, mit den jüdischen Gebräuchen und trägt auch durch die Rettung von jüdischen Kindern zum Fortbestand des Judentums bei. Seine Waisenhaus  ist auch so etwas wie die Arche Noah. Und Joseph ist als Jude, der die Katastrophe des Natinalsozialismus überlebt, ein Kind von Noah: Er rettet in seiner Person die jüdische Kultur in die Zukunft.

Schmitt ist ein richtiger Sprachkünstler. Man merkt an vielen Stellen, dass er richtig um treffende und originelle Formulierungen gerungen hat. Und trotzdem scheint sein Schreibstil immer leicht und mühelos zu klingen. Er zeichnet die Personen scharf und eindrücklich. Ganz besonders gefallen hat mir in diesem Buch der Charakter der „Kruzitürk“ (Sie wird von allen so genannt, weil sie gerne und oft flucht und dabei vorzugsweise diesen Ausdruck gebraucht…). Ein richtiges, deftiges Original wird uns hier vor Augen gemalt, mit harter Schale und darunter doch irgendwo ein weicher Kern.

Hier ein Zitat (die Stelle an der „Kruzitürk“ eingeführt wird):

„Madmoiselle Marcelle galt als Kinderschreck, und als sie sich zu mir hinunterbeugte, blieb die übliche Wirkung nicht aus: Ich hätte um ein Haar laut aufgeschrien. War es das diffuse Licht? Die Beleuchtung von unten? Madmoiselle Marcelle ähnelte allem, nur keiner Frau, eher einer Kartoffel auf einem Vogelkörper. Ihr Gesicht, matt, braun, gefleckt und unförmig, wirkte mit seinen grobgeschnittenen, faltigen Zügen und den zusammengekniffenen Lidern wie eine frisch geerntete Rübe, in die ein Bauer mit seiner Hacke einen schmalen Mund und zwei kleine Ausbuchtungen – die Augen – geschlagen hatte; schütteres, an den Wurzeln weißes und an den SPitzen rötliches Haar ließ vermuten, dass es im Frühjahr möglicherweise neu wuchs. Auf dünnen Beinen, ihren wie bei einem Rotkelchen vom Hals bis zur Leiste bauchiger Rumpf vornübergebeugt, die Hände in die Hüften gestemmt und die Ellbogen wie Flügel nach hinten gelegt, beäugte mich Madmoiselle Marcelle, ehe sie nach mir pickte.“ (S.33)

Köstlich!!!