Juli Zeh: Schilf

Zeh: SchilfKrimis sind eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser Roman hat es mir dann doch angetan. Es ist eine ziemlich abstruse Geschichte um eine Männerfreundschaft zwischen zwei hochbegabten Physikern. Die Krimielemente reichen von Kindesentführung, über Mord bis hin zu einem todkranken und skurrilen Polizeikommissar. Daneben geht es aber um Quantenphysik, Paralleluniversen und die Frage nach unserer Wirklichkeit. Einmal kräftig geschüttelt und heraus kommt ein ungewöhnlicher Kriminalroman.

So manche Kritiker finden das Plot zu konstruiert, die Figuren zu schematisch und den ganzen Roman zu überambitioniert. Mich hat das wenig gestört. Denn der Roman ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben und spannend zu lesen. Es ist klar, dass die Autorin hier keinen möglichst realitätsnahen Fall schildern will, sondern das Krimigenre benutzt, um über unser Wirklichkeitsverständnis zu philosophieren. Ich finde das ist ihr gelungen. Und es ist ja kein Fehler, wenn man dabei noch gut unterhalten wird.

(Amazon-Link: Juli Zeh: Schilf)

Richter 9 Mord und Totschlag

Ganz und gar nicht erbaulich dieses Kapitel. Da geht es nur um blutrünstige Machtkämpfe. Abimelech, ein Sohn von Gideon, erschlägt seine 70 Brüder, damit er das Sagen hat. Abimelech bekämpft noch weitere Widersacher, die ihm die Macht nehmen wollen, stirbt aber am Ende einen schmachvollen Tod: bei der Eroberung einer feindlichen Burg wirft ihm eine Frau einen Mühlstein auf den Kopf und um nicht von einer Frau umgebracht worden zu sein, bittet er seinen Waffenträger ihn zu erstechen.

Was soll ich daraus für mich und meinen alltäglichen Glauben lernen?!? Ich muss zunächst einmal feststellen, dass hier eine ganz andere Welt und Kultur beschrieben ist. Die Bibel ist mehr als ein frommes Erbauungsbuch, sie ist auch ein Geschichtsbuch. Aber ich kann ganz allgemein daraus lernen, dass Gott letztendlich das Böse bestrafen wird. „So vergalt Gott dem Abimelech das Böse, dass er seinem Vater angetan hatte, als er seine siebzig Brüder tötete.“ (V.56)

Dazu fällt mir auch ein Ausschnitt aus der Bergpredigt ein. Dort nimmt ein gewisser Jesus das alttestamentliche Gebot „Du sollst nicht töten“ auf und sagt, dass nicht nur derjenige des Gerichts schuldig ist, der buchstäblich tötet, sondern schon derjenige, der seinem Bruder zürnt oder ihn beleidigt (Mt. 5,21f).

| Bibeltext |

Josua 20 Rache macht blind

In diesem Kapitel geht es um die Bestimmung von Freistätten. In diese Städte konnte jemand fliehen, der ohne Vorsatz jemand getötet hatte. Bevor die damals für Mord übliche Todesstrafe übereilt vollzogen wurde, konnte so in Ruhe überprüft werden, ob es vorsätzlicher Mord war oder ein Unfall. So wie ich das verstehe, verhinderte dies vor allem die vorschnelle Blutrache der Angehörigen des Getöteten. Die hoch emotionale Spirale von Gewalt und Gegengewalt wurde unterbrochen, um nüchtern zu prüfen, welche Schuld tatsächlich vorliegt.

Ein wenig erinnert mich das an die besonnene Reaktion des norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg auf die brutalen Anschläge und Tötungen des Attentäters Breivik. Natürlich ist der Zusammenhang ein anderer. Breiviks Schuld ist klar und offensichtlich. Aber auch Stoltenberg hat erkannt, dass blinde Rache keine Lösung ist. Beeindruckend, wie Stoltenberg Gewalt nicht mit Gegengewalt bekämpfen will, sondern mit mehr Demokratie und mehr Offenheit.

| Bibeltext |

Matthäus 5, 21-26 – Mord- und Totschlag

Also ich tu‘ mich mit den sogenannten Antithesen in der Bergpredigt schwer. Jesus spricht alttestamentliche Gebote an (in diesem Abschnitt: „Du sollst nicht töten“) und verschärft sie bzw. deutet sie auf neue, tiefere Weise. Ich bin völlig damit einig, dass das Töten schon viel früher anfängt: Mit den Gedanken und mit den Worten anderen gegenüber. Deswegen ist es gut schon vorher einzuschreiten, schon vorher versuchen, Konflikte zu lösen und zu bereinigen.

Das ist ja das Problem bei vielen Geboten und Gesetzen: Sie setzen lediglich klare Grenzlinie, aber sie setzen eben nur diese Linie und beachten nicht den Weg bis zu dieser Linie. In diesem Fall heißt die Grenzlinie: Du sollst nicht töten. Das ist absolut tabu. Aber auf dem Weg zum Mord gibt es viele Stationen, die man eigentlich auch verhindern sollte. Jesus sagt zurecht: Die Probleme beginnen schon vorher, schon bevor man diese Grenzlinie erreicht.

So weit so gut. Womit ich ein echtes Problem habe, ist die Verbindung mit dem ewigen Gericht (Jesus spricht ausdrücklich vom Höllenfeuer!). Wer seinen Bruder (oder Schwester) beleidigt oder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, der ist genauso schuldig wie jemand, der einen umgebracht hat… Also wenn wir anfangen so zu messen, dann ist Mord- und Totschlag in unseren Gemeinden gang und gäbe. Und dann landen wir alle im Höllenfeuer. Warum verknüpft Jesus hier moralisches Handeln mit dem Bestehen im Gericht?

Die einzige Möglichkeit, die ich sehe um das aufzulösen ist, dass man sagt: Ja, gerade weil alle schuldig sind (auch wenn sie nicht tatsächlich jemand umgebracht haben) und weil alle vor Gottes Gericht nicht bestehen können, gerade deswegen musste Jesus für uns ans Kreuz und die Strafe auf sich nehmen. Die Antithesen machen also vor allem unsere Sündhaftigkeit vor Gott deutlich. Allerdings konnten den Aspekt von Jesu Sterben für uns die damalige Zuhörer nicht im Blick haben. Die Bergpredigt war ja bekanntlich vor Tod und Auferstehung Jesus… Und außerdem ist man dann schnell dabei, den moralischen Anspruch Jesu wieder zu relativieren: „Naja, so leben wie Jesus das in der Bergpredigt fordert, kann eh niemand. Darum lasst uns fröhlich sündigen und Gottes Vergebung dankbar in Anspruch nehmen.“

Was will Jesus also: Will er nur provozieren und überdeutlich machen, dass niemand vor dem Heiligen Gott bestehen kann – außer durch Gnade? Oder rechnet er ernsthaft damit, dass jemand tatsächlich ohne Zorn auf andere leben kann (und wer’s nicht kann: ab ins Höllenfeuer)?