Lukas 7, 11-17 Stärker als der Tod

Was für ein Gegensatz: Jesus geht mit einer grossen Menge in die Stadt hinein und entgegen kommt ihnen eine Witwe mit ihrem toten Sohn, ebenfalls begleitet von einer grossen Menge. Der Freudenzug des Lebens trifft auf den Trauerzug des Todes.

Jesus sieht die Witwe, die alles verloren hat: den Mann, den Sohn, … Und es jammert ihn. Der Tod geht Jesu zu Herzen. Die Frau muss gar nichts sagen, gar nichts bitten. Jesus weiss alles. Er sieht ihren Schmerz. Untypisch für eine Wundergeschichte kommt der Glaube gar nicht zur Sprache. Nur das Mitleid und Erbarmen Jesu.

Er muss keine besondere Handlung vollführen, sondern er spricht nur. So wie Gott am Anfang gesprochen hat und das Leben erschaffen hat. So spricht Jesus jetzt auch zu dem Toten. Und er kehrt zurück „und Jesus gab ihn seiner Mutter“. Damit ist er nicht endgültig vom Tod errettet. Er ist später wieder gestorben. Jesus räumt nicht einfach allen Tod und alles Leid aus der Welt – aber er zeigt zeichenhaft, dass er stärker ist als der Tod und jeder Schmerz.

| Bibeltext |

Jeremia 47 Mitleiden statt Schadenfreude

In diesem Kapitel finden sich Weissagungen gegen die Philister. Die Philister waren ein Städtebund von fünf größeren Städten, die westlich von Jerusalem und Hebron lagen. Zwischen den Philistern und den Israeliten gab es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen. Neben den Kanaanitern waren sie so etwas wie die Erzfeinde von Israel. Bekannt ist vor allem die Geschichte des Kampfes zwischen David und dem Philister Goliath. Jeremia kündet den Philistern Unheil vom Norden her an.

Interessant bei diesem Abschnitt finde ich vor allem, dass Jeremia sich nicht schadenfroh über das Leid der Philister äußert, sondern dass er mitleidet: „O du Schwert des Herrn, wann willst du doch aufhören?“ (V.6; man kann diesen Satz allerdings auch als ein Zitat der Betroffenen verstehen, anstatt als ein Wort des Jeremia; aber es bleibt trotzdem dabei, dass hier eher ein Mitgefühl des Jeremia mitklingt, als Hass und Schadenfreude). Wenn man selbst eine auf die Nase bekommt, dann ist meist die natürliche Reaktion, dass man sich freut, wenn jemand anders (den man nicht gerade gut leiden kann) auch eins auf die Nase bekommt. Hier zeigt Jeremia mal wieder innere Größe: Mitleiden statt Schadenfreude!
Bibeltext

Support the best?

Hab heute ein T-Shirt mit einem ziemlich ekligen Spruch gesehen: „Support the best – God fuck the rest“. Getragen hat es ein großer, muskulöser Mann mit blond gefärbten Haaren. Ich weiß nicht, ob er wirklich über diesen Spruch auf seinem Shirt nachgedacht hat. Das erinnert nämlich auf fatale Weise an eine Zeit, in der man auch glaubte, die anscheinend besten Eigenschaften eines Volkes, einer Rasse müsse man fördern und die anderen, die Schwachen, Kranken, Behinderten,… wären lebensunwertes Leben, das man ausmerzen müsse. Traurig!

Aber auf gewisse Weise stimmt dieser Spruch dann auch wieder. Auf einer ganz anderen Ebene als er verstanden werden will. Denn es ist tatsächlich so, dass wir Menschen uns immer an den Besten orientieren und jeder zu den Besten dazu gehören möchte. Gott aber wendet sich vor allem den Schwachen und Hilflosen zu, den Unterdrückten und Ausgestoßenen. Da muss man nur einmal eins der Evangelien durchlesen.

In der hebräischen Sprache wird unser niveauloses und aller Schönheit und allem Zauber beraubtes Wort „fuck“ ausgedrückt mit „eins werden“. Gott wird eins mit dem Rest, er vereinigt sich mit den Schwachen und Zerbrochenen, mit den Verwundeten, Ausgebeuteten, Einsamen und Traurigen. Er hilft den Hilflosen.

1. Petrus 3, 8-12 – mit-leiden

Bin bei diesem Abschnitt vor allem an einem Wort hängen geblieben: „mitleidig“. Wir sollen mitleidig sein. Moderne Übersetzungen umschreiben das gerne mit „Mitgefühl haben“, aber ich finde dieses „mitleidig“ gar nicht schlecht. Es ist im Grunde eine ganz wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen. Dort steht „sympathäs“: Damit ist nicht die im deutschen so flach klingende Sympathie gemeint, sondern „Pathos“ bedeutet: Leid und Leidenschaft. Es geht also wirklich ganz wörtlich um das mitleiden. Kein überhebliches, mitleidiges herunter schauen auf jemand, sondern das mit dem anderen leiden und tragen, sich in das Leid des anderen hinein begeben und im zur Seite stehen.

Ich finde es klasse, wenn andere wirklich mitleiden können. Und zwar nicht nur so tun, sondern wirklich mit dem anderen leiden und dem anderen dadurch etwas was von der Last abnehmen. Allerdings sehe ich auch bei so manchen Christen die Gefahr, dass sie im Mitleid ertrinken. Dass sie sich das Leid anderer so sehr ans Herz gehen lassen, dass sie selbst keine Kraft und Energie mehr haben. Aber wenn man sich dann vom Leid des anderen selbst in den Strudel der Verzweiflung ziehen lässt, dann ist das Mit-Leiden keine wirkliche Hilfe mehr…
Bibeltext

Matthäus 9, 35-38 – Tröstliches Gejammer

Eine Stelle, die mich berührt. Besonders in der Luther-Übersetzung. Jesus sieht die Menschenmenge und er sieht ihre Verlorenheit. Sie waren wie eine Schafherde ohne Hirte. Luther übersetzt: „Es jammerte ihn.“ Auch wenn das eine Formulierung ist, die heute nicht mehr gebräuchlich ist und ich selbst nie so reden würde, wird da doch viel kraftvoller deutlich, was Jesus in diesem Moment bewegt. Bei modernen Übersetzungen heißt es einfach lapidar: Er hatte großes (oder tiefes) Mitleid mit den Menschen. Aber Mitleid kann relativ harmlos sein. Jesus jammerte es. Das Herz drehte sich ihm im Leibe um, sein Herz blutete innerlich, als er die Menschen sah. So sieht uns Jesus auch heute noch an.

Jesaja 15 – Eine Insel des Mitleidens

In Jesaja 15 finden sich Gerichtsworte gegen Israels Nachbarvolk Moab. Es ist nicht deutlich, ob es um Prophezeiungen geht, oder ob Tatsachen geschildert werden. Moab klagt, schreit, jammert und heult über das Elend, das es trifft.
Mitten drin ein Aufschrei des Propheten: „Mein Herz schreit über Moab“ (Jes. 15,5). Keine Schadenfreude über das Leid der anderen, sondern persönliche Erschütterung und Mitleid. Es ist gut, dass so etwas auch im Alten Testament auftaucht. Es gibt also nicht nur das elitäre Denken: Wir sind Gottes Volk und alle anderen kann Gottes Zorn nicht hart genug treffen. Nein, auch einem Jesaja kann es das Herz herumdrehen, wenn er das Leid der anderen sieht.