Johannes 20, 11-18 Noch ein Missverständnis

Was für eine Szene! Ich finde das eine der eindrücklichsten Stellen im Johannesevangelium. Hier finden die für Johannes typischen Missverständnisse ihren Höhepunkt. Maria findet das leere Grab. Dann sieht sie Jesus. Aber sie erkennt ihn nicht! Diese Schwierigkeit den Auferstandenen auf den ersten Blick zu erkennen, finden wir auch bei anderen Auferstehungsgeschichten. Aber Johannes treibt es hier auf die Spitze. Maria hält Jesus für den Gärtner und beschuldigt ihn sogar, den Leichnam Jesu beiseite geschafft zu haben! Da ist das geschehen, worauf das ganze Evangelium hinausläuft – Jesus hat den Tod besiegt und ist auferstanden – und Maria versteht die Situation völlig falsch! Wie bei so vielen johanneischen Missverständnissen, denken die Menschen auf irdischer Ebene, während Gott in Jesus Christus auf einer ganz anderen Ebene handelt.

Aber Jesus genügt ein Wort, um das Missverständnis aufzudecken: „Maria!“ Allein die Anrede macht alles klar – wobei auch dann noch nicht alles völlig klar ist: Maria will Jesus festhalten, sie will ihn gewissermaßen als irdischen Jesus bei sich behalten. Aber der Auferstandene ist nicht einfach ein wieder ins irdische Leben Zurückgekehrter. Er wird bei seinen Nachfolgern in Zukunft auf andere Weise gegenwärtig sein. Aber auf jeden Fall öffnet die Anrede Jesu Maria die Augen für seine Identität. Ich fürchte so manches mal verstehe ich Jesus und Gott auch auf einer unzureichenden irdischen Ebene. Vielleicht begegnet er mir so manches mal in meiner irdischen Welt und ich erkenne ihn gar nicht. Auch ich habe es nötig, dass er mich beim Namen ruft und mir die Augen für seine Gegenwart öffnet.

Wie so oft im Johannesevangelium scheint aber Marias Missverständnis auf einer hintergründigen Ebene doch eine tiefere Wahrheit aufzudecken. Denn Jesus ist tatsächlich so etwas wie der Gärtner. Natürlich kein gewöhnlicher Gärtner, sondern durch Tod und Auferstehung ist er der Beginn einer neuen Schöpfung. Er ist sozusagen der Gärtner eines neuen Garten Edens. In ihm beginnt die neue Schöpfung. Und so wie Adam und Eva den ersten Garten Eden bebauen und bewahren sollten, so ist Jesus der Gärtner der neuen Schöpfung.

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Johannes 10, 1-10 Die Tür zum Leben

Hat Jesus auch mal was gesagt, was alle sofort verstanden haben? Das Johannesevangelium ist voll von Missverständnissen. Jesus sagt etwas oder tut etwas und die Zuhörer verstehen es falsch, kapieren nicht sofort was er will oder wollen ihn auch manches mal gar nicht verstehen. Selbst seine Jünger haben ihre Schwierigkeiten: „Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was ihnen damit sagte.“ (V.6)

Dieses Gleichnis von der Tür, dem Hirten und den Schafen ist auch ohne Erklärung nicht so einfach zu verstehen. Und bei Gleichnissen ist es ja sowieso immer so, dass sie nicht exakt eine festgelegte übertragene Bedeutung haben, sondern dass sie ganz bewusst offen sind für Interpretationen. Bei einem Bild (ein Gleichnis ist ein Bild in sprachlicher Form) kommt es eben auf den Blickwinkel an. Es weckte bei verschiedenen Betrachtern verschiedene Gefühle.

Jesus legt sein Gleichnis hier selbst aus. Ein Vergleichspunkt in diesem Gleichnis ist die Tür. Jesus selbst bezeichnet sich als die Tür zu den Schafen. Dass Gläubige in Gleichnissen mit Schafen verglichen wurden und geistliche Anführer oder Gott selbst mit einem Hirten ist in der Bibel gang und gäbe. Das Bild der Tür (oder des Tores bzw. Gatters zu den Schafen) ist eher ungewöhnlich. Die Bedeutung dagegen ist recht klar: Jesus ist nicht nur der Hirte der Schafe, sondern auch der Zugang. Wenn jemand die Schafe leiten will und nicht den Zugang über Jesus sucht, dann ist er ein Dieb und ein Räuber – das heißt, er ist nicht der rechtmäßige Eigentümer und hat nicht das Wohl der Schafe im Blick. Zugleich ist Jesus auch für die Schafe die Tür, durch die sie gehen können, um Weide zu finden. Jesus will uns nicht einsperren, sondern uns ins Frei führen, damit wir „das Leben und volle Genüge haben“ (V.10).

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Johannes 4, 27-42 Was macht satt?

Mich hat bei diesem Text vor allem V.34 angesprochen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Jesu Jünger waren im Dorf und haben etwas zu Essen besorgt. Jetzt sagt ihnen Jesus, dass er schon etwas gegessen hat. Wieder mal ein typisches Missverständnis: Jesus redet von einer anderen Speise, einer Speise die einen anderen Hunger stillt.

Was macht mich satt? Was stillt meinen tiefen inneren Hunger? Ich kenne so manches, was mich oberflächlich satt macht. Ich kenne so manches, was mich von meinem inneren Hunger ablenkt. Jesus wird satt, indem er Gottes Willen tut. Das erlebe ich auch, aber leider immer nur ansatzweise und bruchstückhaft. Viel zu oft gebe ich mich mit der oberflächlichen Befriedigung meines Hungers zufrieden. Viel zu oft verdränge ich diese tiefe innere Leere, die gefüllt werden will.

Schön finde ich an diesem Text, dass er anders endet als die Begegnung mit Nikodemus. Der vorbildlich fromme Nikodemus bleibt beim Fragen stehen. Die samaritanische Außenseiterin wird dagegen zu einer Zeugin, welche auch andere Menschen zu Christus führt.

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Johannes 4, 11-18 Ein Quell der Missverständnisse

Eines der typischen Missverständnisse bei Johannes: Jesus spricht in V.10 vom „lebendigen Wasser“. Dabei meint er aber nicht mehr das Brunnenwasser, sondern im übertragenen Sinn von einem Wasser, das zum ewigen Leben führt. Die Frau versteht ihn zunächst nicht. Was auch nicht weiter verwunderlich ist. „Lebendiges Wasser“ konnte sprachlich damals auch frisches Quellwasser bezeichnen. Sie fragt sich zurecht, woher Jesus solch frisches Wasser herbringen will, da er doch nicht mal ein Schöpfgefäss hat, um aus dem Brunnen zu schöpfen. Auch nach der etwas rätselhaften Erklärung von Jesus (V.13f) versteht sie nicht richtig und meint Jesus spricht von einer Art Zauberwasser, das ihren irdischen Durst stillt.

Wir als Leser wissen das natürlich besser und wir lächeln ein wenig über dieses Missverständnis. Aber geht es mir denn in meiner Beziehung mit Jesus anders? Versteh ich denn immer, was Jesus zu mir sagt? Gibt es da nicht auch genügend Missverständnisse? Auch bei mir ist es ja so, dass ich oft falsche Erwartungen an Jesus habe, dass meine Erwartungen zu irdisch und menschlich gedacht sind. Dabei möchte Jesus mir etwas von ganz anderer Qualität geben.

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Johannes 3, 1-12 Neugeburt

Interessant dass im Johannesevangelium gleich nach der Tempelreinigung Nikodemus zu Jesus kommt. Die Tempelreinigung ist ein Affront gegen die Vertreter der offiziellen und geregelten Religion. Und Nikodemus ist ein Vertreter dieses religiösen Establishments. Er ist Mitglied des Hohen Rates und damit einer der höchsten Vertreter des jüdischen Glaubens. Allerdings wird schon hier deutlich, dass er sich gerade in dieser Rolle nicht in aller Offenheit an Jesus wenden kann, sondern er kommt im Schutz der Nacht.

Er wählt einen unverfänglichen Gesprächseinstieg und signalisiert damit seine Offenheit gegenüber Jesus. Aber wie so oft im Johannesevangelium hält sich Jesus nicht mit Äußerlichkeiten auf, sondern kommt gleich zum Zentrum. Er antwortet auf eine Frage, die Nikodemus noch gar nicht gestellt hat: Wer Gottes Reich sehen will, der muss von neuem geboren werden (V.3). Das ist für das ganze Evangelium eine zentrale Aussage. Es geht Jesus nicht um menschliche Anstrengungen, sei es im moralischen oder im religiösen Bereich, um Gott näher zu kommen. Nein, das Zentrale ist, dass wir neu geboren werden. Das ist ein uns unverfügbares Geschehen, das widerfährt uns, das können wir nicht erzwingen, es ist ein Geschenk Gottes.

Natürlich taucht auch in diesem Gespräch ein typisch johanneisches Missverständnis auf. Nikodemus versteht Jesus auf der Wortebene und fragt sich, wie ein alter Mensch neu geboren werden kann (V.4). Aber Jesus geht es nicht um eine Neugeburt im Kreissaal, sondern eine Neugeburt aus „Wasser und Geist“ (V.5). Mit diesen Stichworten ist wohl auf die Taufe angespielt. Jesus macht mit diesen Begriffen „Wasser und Geist“ deutlich, dass es nicht allein auf den äußerlichen Ritus des Wassers ankommt, sondern dass Gottes Geist wirken muss. Und dieser Geist ist uns unverfügbar, er weht wo er will (V.8). Nicht die Taufe als sakramentale Handlung ist wirksam, sondern Gottes Geist, der in ihr wirkt. Neu geboren werde ich nicht weil ich mich für Jesus entscheide und dies durch die Taufe bekenne – das gehört als Voraussetzung mit dazu. Neu geboren werde ich allein, weil Gottes Geist in mir wirkt.

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