Matthäus 4, 18-22 – Folge mir nach

Matthäus berichtet von der Berufung der ersten Jünger. Jesus geht am See entlang, sieht Petrus und Andreas beim Fischen und ruft sie in die Nachfolge. Und „sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.“ Ging das wirklich so schnell und ohne jegliche Vorbereitung? Oder ist das eine Zusammenfassung, die manches, was sonst noch passiert ist weg lässt? Vielleicht haben Petrus und Andreas ja schon was von Jesus gehört, vielleicht haben sie ihn schon predigen gehört und sich überlegt, dass das ja eine sehr beeindruckende Person und Botschaft ist. Oder kam Jesus einfach als Unbekannter und seine Ausstrahlung war so überwältigend, dass die beiden Brüder alles stehen und liegen ließen, um ihm nachzufolgen?

Wenn ich heute schaue, wie lange es dauert und wie mühsam es ist, bis Menschen wirklich in die Nachfolge Jesu gehen, dann kann ich mir kaum vorstellen, dass das so schnell und unproblematisch ging. Aber andererseits: Wenn man wirklich die Stimme Jesu hört, kann man dann noch widerstehen? Die Frage ist, wie wir heute diesen Ruf Jesu transportieren können. Was können wir tun, damit die Leute nicht unseren Ruf hören: „Komm in die Kirche!“, sondern Jesu Ruf: „Folge mir nach!“?

Matthäus 1, 1-17 – Langweiliger Stammbaum?

So, nachdem ich die Korintherbriefe durch habe kommt jetzt das nächste Buch dran: Matthäus. Nach den eher abstrakten und problemorientierten Briefen freu ich mich auf die anschaulichen Geschichten des Evangeliums…

Allerdings geht’s gleich mal auf nicht besonders spannende Weise los: Mit einer langen Liste von Namen – der Stammbaum von Jesus. Rein vom schriftstellerischen her müsste man sagen: Kein besonders geglückter Einstieg. Am Anfang muss doch etwas spannendes stehen! Etwas, das den Leser fesselt und zum weiterlesen animiert!

Aber wenn man den Stammbaum genauer anschaut, dann hat er zumindest auch seine spannenden Seiten. Interessant ist z.B. der Vegleich mit dem Stammbaum Jesu bei Lukas (Lk.3,23-38). Ich hab die beiden jetzt nicht genau verglichen, aber eines ist offensichtlich: Matthäus geht beim Stammbaum bis zu Abraham zurück und Lukas bis zu Adam. Schon bei solch einer trockenen Aufzählung der Vorfahren Jesu kann also jede Menge Theologie drin stecken: Matthäus betrachtet Jesus aus jüdischem Blickwinkel. Bei ihm ist Jesus Nachkomme Abrahams. Bei ihm steht Jesus ganz in jüdischer Tradition. Lukas hat einen weiteren Blick. Für ihn ist Jesus der Mensch schlechthin. Lukas hat die ganze Menschheit im Blick und betont, dass Jesus für alle gekommen ist.

Auffällig sind bei Matthäus auch die vier Frauen, die (neben Jesu Mutter Maria) in dem Stammbaum auftauchen. Rahab und Rut waren keine Israelitinnen. Tamar und die Frau des Uria galten als Sünderinnen (wobei ja bei der Frau der Uria der Ehebruch nicht von ihr ausging, sondern vom großen König David). Das ist schon erstaunlich, dass Matthäus, der in einer patriarchalischen Gesellschaft aufwuchs in der Frauen keine große Bedeutung hatten, dass er überhaupt diese Frauen erwähnt. Und dann auch noch Ausländerinnen und Sünderinnen! Damit deutet auch der Judenchrist Matthäus gleich zu Beginn an, dass Jesus weit über den frommen jüdischen Bereich hinaus wirken möchte. Er ist gerade auch zu den Nichtjuden und zu den Sündern gekommen. Zum Glück für uns!

2. Korinther 3, 1-3 – Schlechtes Briefpapier?

„Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.“ (2.Kor.3,3)

Wir Christen sind ein Brief Christi. Schade nur, dass diesen Brief kaum jemand lesen will. Erst heute morgen hab ich von jemanden gehört, dass er an Glaube und Kirche nicht interessiert ist, weil ihm in seinem Leben nichts fehlt. Ist ja auch logisch: Was tun wir mit den ganzen pseudo-persönlichen Werbebriefen, die uns den großen Gewinn versprechen? Richtig! Die landen im Müll! Was tun wir mit den ganzen Prospekten, die uns Dinge anpreisen, die wir gar nicht brauchen können? Ab in den Papierkorb! Und was tun Nichtchristen mit einem Brief Christi, obwohl sie doch alles haben was sie brauchen? Ignorieren und unbeachtet beiseite legen!

Oder liegt es daran, dass wir Christen so ein schlechtes Briefpapier abgeben und der Geist Gottes nur sehr undeutlich auf unsere fleischerne Tafeln des Herzens schreiben kann? Vielleicht werden wir ja sehr gut gelesen von den Menschen um uns herum, aber es gefällt ihnen nicht, wie oberflächlich und abgedroschen die gute Nachricht auf unserm verschrumpelten Briefpapier klingt?

1. Korinther 9 – Grenzen der Chamäleonmission

In diesem Kapitel stellt Paulus unter anderem seine Missionsstrategie dar:

„Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne…“ (1. Kor. 9,19-20; in den folgenden Versen wendet Paulus diesen Grundsatz auch auf diejenigen, die unter dem Gesetz sind an, auf die diejenigen ohne Gesetz und auch die Schwachen). Dann folgt als Abschluss: “ Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1. Kor. 9,22b)

Ein genialer Grundsatz, der bis heute zutrifft und an dem wir viel zu oft scheitern. Wer ist denn allen Ernstes bereit, sich für andere wirklich (und nicht nur in Worten oder ein paar symbolischen Handlungen) zum Knecht zu machen? Allen alles werden – das erinnert mich an ein Chamäleon. Das passt sich auch an seine Umgebung an. Je nachdem von welchen Farben es umgeben ist, passt es sein Aussehen an.

Der Vergleich macht aber auch eine Grenze deutlich: Auch wenn das Chamäleon seine Farbe ändert, wenn es äußerlich anders aussieht, so bleibt es doch ein Chamäleon. Auch Paulus ist sich dieser Einschränkung bewusst: Er schreibt, dass er denen mit Gesetz wie einer mit Gesetz wird und schränkt dann ein: „obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin“ (V.20). Und da liegt dann eine Gefahr: Die Gefahr, dass wir zu Heuchlern werden. Die Gefahr, dass wir nur so tun, als ob uns die Menschen wichtig wären. Dass wir nur so tun, als ob es uns interessiert, wie sie leben, welche Freuden sie haben und welches Leid sie tragen. Und je nach Situation passen wir unser Äußeres an, bleiben aber im Inneren eigentlich unbeteiligt. Dann trifft der Vorwurf, dass viele Nichtchristen uns als Heuchler sehen, uns zurecht (vgl. Artikel „Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch“).

Für mich ergibt sich daraus zweierlei: Zum einen ist es wichtig, dass wir uns zwar in die Welt von Kirchenfernen hinein begeben, dass wir zugleich aber offen und ehrlich mit unserem „Andersein“ umgehen und dazu auch stehen. Zum anderen heißt das, dass wir wirkliches Interesse für die Persönlichkeit, die Geschichte und die Welt von Anderen entwickeln. Die Menschen merken sehr schnell, ob es uns wirklich um sie geht oder ob wir nur versuchen eine „Missionsstrategie“ umzusetzen.

—–

Bild: pixelio.de | khcamozzi

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 8) – Schlussbemerkungen

Zum Abschluss dieser Reihe über das Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons jetzt noch eine Zusammenfassung der Schlussbemerkungen von Kinnaman und dem Nachwort von Lyons. (Die Seitenangaben bei Zitaten beziehen sich jeweils auf die englische Originalausgabe. Die Zitate sind keine offizielle deutsche Übersetzung, sondern wurden von mir übersetzt.)

Auch wenn es uns nicht gefällt, aber es ist so: Das Christentum wird zunehmend kritisch betrachtet. Wie sollen wir darauf reagieren. Kinnaman fasst es scheinbar lapidar zusammen: „Nachfolger Christi müssen lernen auf Leute so zu reagieren, wie Jesus es tat.“ (S. 206) Nach dem Motto: Was würde Jesus tun? Dazu gibt er dann noch ein paar konkretere Hinweise:

  • Mit der richtigen Perspektive auf Kritik reagieren: Zunächst einmal ist es ganz normal, dass die Botschaft vom Kreuz nicht vestanden wird und dass wir deswegen auf Kritik stoßen. Deswegen sollten wir unpopuläre biblische Botschaften nicht einfach unter den Tisch kehren. Darüber hinaus kann man bei Streitgesprächen Jesu beobachten, dass Jesus sich nicht von der Kritik bestimmen ließ; er reagierte nicht nur, sondern er lenkte Gespräche aktiv auf Themen, die ihm wichtig waren. Zum dritten konnte Jesus sehr genau die Motive hinter der Kritik einschätzen. Kommt die Kritik aus feindlicher Absicht, oder weil sich ein Mensch verletzt fühlte? Wenn wir nur defensiv und ärgerlich reagieren verpassen wir viel zu oft die Möglichkeit zur eigenen spirituellen Veränderung.
  • Beziehungen und Freundschaften pflegen: Jesus beeinflusste seine Jünger vor allem durch Beziehungen und Freundschaft. Er hat ihnen kein Handbuch für den richtigen Glauben mitgegeben, sondern er hat ganz einfach Leben mit ihnen geteilt. Dazu gehört auch, dass wir einander lieben. Genau das hat Jesus über seine Nachfolger gesagt: An ihrer Liebe zueinander wird man sie erkennen.
  • Kreativ sein: Jesus war ein Meister der kreativen Kommunikation. Er verstand es die unterschiedlichsten Menschen auf immer neue Weise anzusprechen und zu faszinieren. Gerade junge Menschen unserer heutige Zeit sehen sich nach kreativen Übersetzungen und Verdeutlichungen der scheinbar altbekannten Botschaft.
  • Anderen Menschen dienen: Wir brauchen das, was Jesus selbst hatte: tiefgehendes Interesse und Verständnis für Außenstehende. Das heißt nicht, dass wir perfekt sein müssen – das ist keiner. Aber auf praktischer Ebene heißt das vor allem anderen, dass wir lernen müssen anderen zuzuhören. Für das alles gibt es keine magische Formel, sondern es ist harte, geistliche Arbeit.

Wenn wir Andere erreichen wollen, dann müssen wir unsere eigene selbst-zentrierte und abgenutzte Spiritualität überprüfen und lernen, echte Liebe und Interesse für Andere zu zeigen.

In ähnlicher Weise betont Lyons in seinem Nachwort, dass viele moderne Christen den Kontakt zu dem allumfassenden Evangelium verloren haben, welches weiter reicht, als bis zur persönlichen Errettung. Es geht nicht nur um die Bekehrung, sondern es geht um ganzheitliche Nachfolge. Zum Kern des christlichen Lebens gehört für ihn, dass das wahrhaftigste Erkennen im Tun geschieht.

Zum Schluss des Buches folgen noch einige visionäre Ausblicke von verschiedenen Christen, wie denn das Christentum in 30 Jahren aussehen könnte. Dieser Teil hat mich nicht so besonders angesprochen, weil die meisten als Vision einfach nur das genaue Gegenteil all der kritisch wahrgenommenen Punkte anführen. Das ist ja schön, aber da wird nicht mehr viel Neues gesagt. Nur ein Zitat von Rick Warren habe ich mir als besonders treffend markiert: „Seit einiger Zeit sind nun die Hände und Füße des Leibes Christi amputiert und wir beschränken uns auf einen großen Mund. Wir reden viel mehr als wir tun. Es ist Zeit, dass wir diese Glieder an den Rumpf anfügen…“ (S. 245)

Für mich ist dieses Buch provozierend und motivierend. Es provoziert, weil uns bequemen und egoistischen Wohlstands- und Wohlfühlchristen ein Spiegel vorgehalten wird. Mit unserer Art den Glauben zu leben haben wir uns in vielen Punkten von Jesus selbst entfernt und wir leben einen „unchristlichen“ Glauben. An manchen Stellen fühlte ich mich auch überfordert, denn wirklich so selbstlos zu leben wie es Jesus tat, überfordert jeden. Aber in dem Buch wird ja unter anderem auch gefordert, dass wir auch in unserem Versagen und unserer Unfähigkeit authentisch bleiben sollen. Das Buch motiviert, weil nicht nur über Missstände gejammert wird, sondern immer auch konkrete Hinweise für Veränderung gegeben werden. Und es motiviert, weil immer wieder deutlich wird, dass viele Menschen durchaus offen für die wirkliche Botschaft Jesu sind.

Durch die Reformation und Martin Luther haben wir das Wort Gottes wieder ganz neu entdeckt: Gott spricht uns frei, er spricht uns gerecht und das ganz unabhängig von all unserer Leistung. Das ist richtig und wichtig, aber es ist nicht alles. Als gerechtfertigte Menschen, die Frieden mit Gott gefunden haben, stehen wir immer wieder neu vor der Herausforderung diesen Frieden in unserm Alltag mit Leben zu füllen. Nicht deswegen, weil wir uns damit vor Gott etwas verdienen könnten, sondern deswegen weil wir als Leib Christi nicht nur von Christus reden sollen, sondern sein Handeln in die Welt tragen sollen.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 7) – verurteilend

In den Interviews und Umfragen, die dem Buch zu Grunde liegen wurde deutlich, dass die Christen zwar übereinstimmend sagen, dass es wichtig ist die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben, aber viele Außenstehende haben nicht das Gefühl dass es ihnen gelingt. Ein 25-jähriger Mann sagte: „Sie hassen die Sünde und den Sünder.“ 87 Prozent der jungen Außenstehenden sagen, dass die Beschreibung „verurteilend“ genau das gegenwärtige Christentum charakterisiert (selbst 53 Prozent der jungen Christen sehen das so). Das sagt wie immer nichts direkt darüber aus, ob wir es wirklich sind, aber so werden Christen auf jeden Fall wahrgenommen.

Im Hintergrund stehen natürlich Moralvorstellungen in der westlichen Kultur, die sich immer mehr von christlichen Wertmaßstäben entfernen. Wenn wir Christen dazu Stellung beziehen (und das sollen wir – das ist auch Kinnaman wichtig: dass wir Gottes Erwartungen an uns auch nicht verändern oder abschwächen sollen), dann wird das von anderen schnell als verurteilend gesehen. Wirklich bedenklich ist aber, dass die Menschen dabei das Gefühl haben, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren, Recht zu haben und Leute zu verurteilen, als darauf den Menschen wirklich zu helfen, Jesus ähnlicher zu werden (Tja, ist ja auch viel leichter, jemandem verurteilend zu sagen: „Das macht man nicht!“, als jemandem ernsthaft zu helfen, sein falsches Verhalten zu verändern). Aber wenn wir Leute nur veruteilen, dann drängen wir sie eher weiter weg von Gott, anstatt ihnen Gott nahe zu bringen.

Nur 20 Prozent der befragten jungen Menschen außerhalb von Gemeinden beurteilen die Atmosphäre in Kirchen als liebevoll und andere akzeptierend. Wir sind nicht für unsere Liebe bekannt! (Vgl. Joh. 13,35: Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.)

Was genau machen wir falsch, so dass uns andere als „verurteilend“ sehen?

  • Aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen (z.B. gegenüber Tattoos) sprechen wir oft ein falschen Urteil
  • Aber auch das richtige Urteil zur falschen Zeit kann voll daneben sein (das Timing ist wichtig)
  • Auch ein richtiges Urteil das aus falscher Motivation gesprochen wird ist schwierig (Unser Motiv sollte Liebe sein und nicht Hass: Viele Außenstehende, die zerbrochenen Menschen, die Jesus am meisten brauchen, nehmen Christen als haßerfüllt wahr)
  • Das Gegenstück zur Verurteilung bestimmter Personen ist die Begünstigung anderer Personen (wir haben so manche Vorstellungen in uns, welche Menschen am ehesten das Potential haben Christen zu werden und welche am besten in unsere Gemeinden passen würden)

Zum biblischen Hintergrund: Gericht ist eine ganz zentrale biblische Botschaft. ABER: Die Bibel warnt klar davor, dass wir Menschen verurteilend sein sollen. Gott urteilt – nicht wir Menschen. Gericht ist die Sache Gottes, da sollten wir uns heraus halten.

Wie können wir anderen Respekt zeigen?

  • Zuhören
  • Andere nicht in Schubladen stecken
  • Zugeben, dass wir nicht auf alle Fragen eine Antwort haben
  • Versuchen sich in den anderen hinein zu denken
  • Ehrliche Gespräche führen, ohne durch Tricks zu versuchen, bei jeder Gelegenheit den Missionarischen raushängen zu lassen
  • Freundschaften pflegen um der Freundschaft willen (und nicht weil der andere eine Missionsobjekt ist)

Margaret Feinberg meint zu diesem Thema: „Ich möchte, dass Christen dafür bekannt sind, die liebevollsten Menschen zu sein – die Art von Menschen, die lieben bis es weh tut. Aber bis jetzt scheint es eher so zu sein, dass wir anderen eher noch mehr weh tun, anstatt ihnen Heilung zu bringen.“ (S. 199) Mark Foster schreibt: „Ich bin mir nicht sicher, wie das genau passiert ist, aber es scheint so als ob Gnade, welches doch das zentrale Hauptanliegen des Christentums ist, darum kämpft zu überleben.“ (S.201)

Ich selbst bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch, ich mag es nicht, wenn über andere getuschelt, geredet und gerichtet wird. Ich sage wahrscheinlich oft zu wenig als zu viel. Aber ich merke wie mich dieses Kapitel auch betrifft. Es sind weniger die Worte die ich spreche, als vielmehr mein Handeln (oder eben auch Nicht-Handeln), meine Schubladen in die ich Menschen stecke und mein Aus-dem-Weg gehen von Menschen, die mir nichts sympatisch sind. Auch das sind alles Verurteilungen. Lieben bis es weh tut – da bin ich weit weg davon.

Wenn ich mir im Geist Jesus und unser gegenwärtiges Christentum gegenüberstelle, dann beschämt mich das. Jesus hat auch geurteilt, er konnte knallhart sein – aber er war es vor allem den Frommen gegenüber, denjenigen gegenüber, die meinten bei ihnen sei alles in Ordnung, denjenigen gegenüber die andere verurteilt haben. Gegenüber den Zerbrochenen, den Huren, den Zöllnern, den Sündern zeigte er eine ganz große Offenheit. Nicht indem er die Sünde verharmlost hätte – die hat er immer ganz deutlich angesprochen und kritisiert – aber Jesus hat es wirklich geschafft, den Sünder zu lieben, ihn anzunehmen, ihn zu akzeptieren. Er wollte Menschen nicht verurteilen und sie abschreiben, sondern er wollte ihnen helfen und sie in Gottes Nähe bringen.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 3) – Bekehre dich!

Christen sind zu beschäftigt damit, andere Leute zu bekehren anstatt sich wirklich um sie zu kümmern – das ist ein weiterer Punkt wie Christen (in den USA) von Außenseitern wahrgenommen werden. Viele haben das Gefühl, dass sie – noch bevor ein Wort gesprochen wurde – bei Begegnungen mit Christen schon wissen, was sie wollen: Sie wollen bekehren! Christen vermitteln den Eindruck, dass sie nicht wirklich am Gegenüber als individueller Person interessiert sind, sondern es nur als Missionsobjekt betrachten.

DIe Autoren sprechen einige falsche Vorstellungen an, wenn es um Evagelisation geht. Eine falsche Vorstellung ist z.B. dass man mit logischen Argumenten Menschen vom Glauben überzeugen kann. Das stimmt aber nicht: der wichtigste Faktor, um Christ zu werden ist, dass es „sich richtig anfühlt“ – d.h. also dass das Gefühl viel wichtiger ist, als der Verstand. Für die Situation in den USA gilt auch, dass die meisten jungen Menschen keine völligen Außenseiter sind, sondern sie sind ent-kirchlichte Menschen. Fast jeder hat Erfahrungen (oft sogar eine Bekehrungs-Erfahrung) mit dem Glauben gemacht und hat sich dann im Lauf der Jahre wieder innerlich vom Christentum entfernt. Es gibt in Amerika ein breites Interesse am Christentum, aber es geht nicht sehr tief. Gerade solche Menschen sind sehr sensibel gegenüber platten Missionsgesprächen.

Schuld an dieser Sicht der Christen ist auch, dass der Zugang zum Glauben oft zu einseitig und einfach auf die Bekehrung reduziert wurde. Wenn der Weg in die Nachfolge Christi nur auf eine einfache und wenig fordernde Entscheidung fokusiert wird, dann wird daraus ein Glaube folgen, der nicht sehr lange hält. Der Startpunkt der Nachfolge darf aber kein Ersatz für die Nachfolge selbst sein! Gegen diesen Trend ist es wichtig Glaube nicht allein an der Bekehrungserfahrung fest zu machen, sondern Glaube als eine spirituelle Transformation anzusehen, die tiefer geht und die das ganze Leben durchzieht.

„If outsiders stop listening, we cannot just turn up the volume.“ (S. 84; „Wenn Außenstehende aufhören zu zuhören, dann bringt es nichts einfach nur die Lautstärke hoch zu drehen). Wir müssen nicht lauter schreien, sondern tiefer gehen. D.h. dass wir Beziehungen zu Menschen suchen und pflegen müssen und dass wir ein Umfeld schaffen müssen, in welchem tiefe spirituelle Transformation stattfinden kann.

Wie bei jedem Kapitel folgen auch in diesem 4. Kapitel des Buches verschiedene Stimmen von christlichen Leitern und Persönlichkeiten. Rick McKinley meint zu diesem Thema, dass wir das Evangelium nicht reduzieren sollten auf eine „Was-ist-für-mich-drin“-Botschaft, die Leute denken lässt, dass Jesus nur dazu existiert ihr Wohlbefinden zu steigern. Ich verstehe das so, dass wir von Anfang an klar machen, dass Nachfolge etwas kostet, dass sie nicht nur ein kleines Puzzleteilchen für ein angenehmes Leben ist, sondern dass es dabei um’s Ganze geht. Chuck Colson meint, dass das Christentum am Anfang gewachsen ist, weil Christen das Evangelium getan haben (und nicht nur davon geredet haben) und weil sie eine Gemeinschaft hatten, in welcher die Menschen einander wirklich liebten.

Wahrscheinlich ist die Situation hier bei uns in Deutschland noch einmal ein bisschen anders und nicht alles so einfach übertragbar. Ich glaube nicht dass ein Großteil der Christen hier durch zu agressive und oberflächliche Mission auffällt. Ich beobachte da eher eine zu große Vorsicht. Aber auch für uns gilt, dass es wichtig ist die Menschen zu sehen und nicht die Missionsobjekte. Und auch die Versuchung die Kosten der Nachfolge herunter zu spielen ist eine universelle Versuchung, unabhängig von Zeit und Kultur. Mir wurde bei diesem Kapitel wieder neu deutlich, was wir eigentlich schon lange wissen: Die Beziehungen zu Menschen sind wichtig, viel wichtiger als alle Großveranstaltungen und alle Evangelisationsprogramme.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch

In Kapitel 3 gehen Kinnaman und Lyons auf die erste Beurteilung ein, wie Außenstehende uns Christen sehen: sie sehen uns als heuchlerisch und scheinheilig („hypocritical“). Scheinheilig ist jemand der eine bestimmte Aussage macht, aber dann ganz anders handelt. Erstaunlich ist, dass das die meisten jungen Menschen gar nicht besonders stört: Sie wissen ganz genau, dass jeder heuchlerisch ist. In unserer Welt will jeder gut dastehen und jeder versucht sich selbst ins beste Licht zu rücken. Es wird ganz einfach damit gerechnet, dass Christen das auch tun. Das ist traurig: Christen sind nicht dafür bekannt, dass sie ein transparentes und authentisches Leben führen, sondern dass sie versuchen ein Bild aufrecht zu erhalten, nach dem bei ihnen alles in Ordnung ist. Das Image der Scheinheiligkeit bekommen wir Christen ganz einfach deswegen, weil unser Leben nicht mit unserer Botschaft übereinstimmt.

Wie können wir dem begegnen? Spannend ist der Lösungsversuch, den die Autoren vorschlagen: Sie sagen, dass wir selbst schuld sind, weil wir ein falsches Bild vom Christentum vermitteln. Wir vermitteln das Bild, dass Glaube im Wesentlichen eine Anzahl von Regeln und Verboten ist, die es gilt einzuhalten. „Gut zu sein“ ist nicht nur in den Augen von Außenseitern das Wichtigste am Christentum, sondern die Christen selbst reduzieren ihren Glauben viel zu sehr auf moralische Faktoren. Natürlich merken wir selbst, dass wir diesen ganzen moralischen Anforderungen nicht genügen, aber anstatt ehrlich damit umzugehen, versuchen wir die Probleme zu überspielen und uns besser darzustellen als wir sind.

Wenn wir nicht als heulerisch da stehen wollen, dann gibt es nur einen Weg: Transparenz. Wir müssen zugeben, dass es auch für Christen stimmt, was die Bibel sagt: Wir leben in einer gefallenen Welt und wir brauchen Gott um mit unserem Versagen und unseren Sünden klar zu kommen. Sünde wird nicht dadurch beseitigt, dass wir so tun, als ob sie uns nicht beträfe. Es ist notwendig, dass wir immer wieder Buße tun, dass wir zu Gott umkehren. Und es ist notwendig, dass diese Buße auch nach außen sichtbar wird. Die Autoren fragen: „Are you honest with yourself about your own struggles? Do they motivate you to turn your heart – and that of others – toward God, seeking his ways to handle these issues? Or are you focused on maintaining the rules and regulations?“ (S.58) Jud Wilhite schreibt dazu (S.61), dass das eigentliche Problem nicht die Heuchelei sei, sondern die moralische Überlegenheit, die viele Christen ausstrahlen. Das Problem ist, dass wir die Unperfektheit unseres Lebens nicht mehr wahrnehmen und zugeben.

Ich kann diese Gedankengänge sehr gut nachvollziehen und möchte das unterstreichen. Auf meinem Weg zum Glauben waren es nicht die scheinbar strahlend perfekten Christen, die immer alles richtig machen, die mich beeindruckt haben. Im Gegenteil: Es waren einige Christen, die ihr Christsein ehrlich gelebt haben. Mit all den Kämpfen und Niederlagen, mit all der Unperfektheit, mit all dem Versagen. Mich hat ihre Ehrlichkeit und Offenheit beeindruckt, mich hat beeindruckt, dass sie eben nicht, wie alle andere in unserer Gesellschaft, einfach nur gut dastehen wollten. Mich hat beeindruckt, dass sie trotz und durch alles Versagen hindurch ihre Würde behalten haben. Mich hat nicht beeindruckt, dass sie Fehler vermieden haben, sondern wie sie mit den Fehlern umgegangen sind. Wenn wir die Botschaft der Vergebung predigen, dann können wir das doch nur dann, wenn wir deutlich machen, dass auch wir selbst immer wieder neu aus dieser Vergebung leben.

Anlass zur Sorge

Deutschland steht im Finale der EM und die halbe Nation jammert darüber wie wir uns ins Finale gespielt haben. „Welt-online“ meint zum Beispiel, dass es trotz des Sieges Gründe gibt, besorgt zu sein. Ja, mich erfüllt es auch mit großer Sorge, dass Deutschland nicht souverän und spielerisch brilliant das Finale erreicht hat. Da stimmt doch was nicht, dass wir im Halbfinale nicht überlegen und problemlos gewonnen haben! Ich bin empört darüber, dass wir nur über Kampf und gute Chanceauswertung das Finale erreicht haben. Sollten wir dann auch noch Europameister werden, dann sollten wir am besten den Titel gleich zurückgeben, weil wir nicht so schön und überzeugend gespielt haben wie die Holländer (naja, zumindest die ersten drei Spiele der Holländer). Von einer deutschen Mannschaft kann man doch wohl erwarten, dass sie keine Formschwankungen zeigt, sondern dass sie nur solche tollen Spiele wie gegen Portugal abliefert. Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt! 😉

Hey, was ist los mit uns? Warum können wir uns nicht einfach nur freuen sondern sehen immer nur das Negative? Wahrscheinlich gibt es kein Land auf dieser Welt, das ähnlich reagieren würde, wie wir. Ist das typisch deutsch, dass wir riesige Ansprüche haben und dann gleich beleidigt sind, wenn statt 110% nur 95% erreicht werden? Damit meine ich nicht nur die anderen, sondern auch mich selbst. Auch bei mir kommen diese Gedanken und Bedenken.

Vielleicht tun wir uns als Deutsche mit dieser Einstellung auch in vielen Gemeinden mit der missionarischen Ausstrahlung so schwer. Jesus Christus starb für uns, er schenkt uns Vergebung und neues Leben, wir dürfen den Herrn der Welt Vater nennen und der Heilige Geist wohnt und wirkt in uns… Aber anstatt uns zu freuen sehen wir soooooooo viel Gründe, die uns trotzdem Anlass zur Sorge geben…

Ein krasses Schwimmbad-Gespräch

Hab heute ein Gespräch im Schwimmbad mit angehört (lies sich leider nicht vermeiden – es wurde so laut gesprochen, dass man nicht einfach weghören konnte…): Ein ca. 14 jähriger Junge prallt vor zwei ca. 10 Jährigen mit allem möglichen. Sein Vater ist LKW-Vater und verdient 8.000 Euro im Monat; er war schon mit seinem Vater in Moskau; zu Hause steht ein Plasma-Fernseher und er hat natürlich eine Play-Station 3; er selbst legt sich zu Hause auf den Balkon und seine Mutter bedient ihn; sein Onkel ist stinkreich und hat einen schwarzen BMW; dann war da noch die Rede von Porsche; und die Jungs, die ihn gerade so komisch angemacht haben, die würde sein Kumpel aus der Klasse zu Kleinholz machen, weil er der stärkste Kerl der Schule ist; und sein reicher Onkel der würde den besten Anwalt den man sich kaufen kann engagieren und der würde jeden in den Knast bringen; … und so ging es endlos weiter; natürlich mit dem passenden Macho-Gehabe und einer Sprache die mit Kraftausdrücken nicht spart…

Ich sass da und hab nur gedacht: Krass!!! Das ist so weit weg von meiner „christlichen“ Welt, dass ich innerlich nur den Kopf schütteln konnte. Dieses Denken und das ganz Gehabe drum herum ist mir total fremd. Eine totale Fixierung auf Geld und Ansehen. Eine totale Oberflächlichkeit. Kein Wunder dass sich solche Leute irgendwann gegenseitig wegen irgendwelchen Nichtigkeiten gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Mir hat das auf der einen Seite Angst gemacht: Wie wird es sein, wenn immer mehr Menschen so denken und handeln? Und zugleich hab ich mir gedacht: Solche Menschen erreichen wir mit unseren normalen, gut-bürgerlichen Gemeinden und Gottesdiensten nie im Leben! Die Worte einer ganz normalen Sonntagspredigt (und ich behaupte mal: auch eine gute Predigt bei einem Jugendgottesdienst) würde bei diesem Jungen wahrscheinlich nur ein Stirnrunzeln und totales Unverständnis hervor rufen. Wie würde Jesus wohl mit so jemand umgehen???