Römer 11, 11-16: Hoffnungsperspektive

Dass ein Großteil von Israel Jesus als den Messias nicht anerkennt ist für Paulus ein Straucheln, aber kein endgültiges Fallen (V.11). In vorsichtigen Worten deutet Paulus an, dass Israel zwar jetzt verworfen ist, dass sie aber einmal angenommen werden (V.15). Wenn die Wurzel heilig ist, also die Väter Israels von Gott erwählt und angenommen, so gilt dies auch für die Zweige, also ganz Israel (V.16). Paulus sucht hier nicht nach einer Entschuldigung für Israel, aber er will eine Hoffnungsperspektive aufzeichnen. Er gibt sein Volk noch nicht verloren, sondern rechnet damit, dass Gott zu seinen Zusagen der Erwählung steht.

Auch ich bin im Glauben oft am Straucheln. Auch ich lebe so manches mal im Alltag so, als ob es Gott nicht gibt. Auch ich erkenne Gottes Wege und seinen Willen nicht immer klar und deutlich. Und so darf auch ich aus der Hoffnungsperspektive leben: Derjenige, der mich in Liebe angenommen hat, wird auch seinen Weg mit mir vollenden. Das soll fehlenden Glauben und fehlendes Vertrauen nicht entschuldigen, aber es zeigt eine Perspektive der Hoffnung auf, die vor Verzweiflung bewahrt.

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Römer 9, 6-13: Rätselhafte Gnadenwahl

Manchmal sind Gottes Wege mit uns Menschen schwer nachzuvollziehen. So geht es mir auch bei diesem Text. Ausgangspunkt ist für Paulus die Frage nach Israel: Wenn Israel das erwählte Volk Gottes ist, warum verschließt sich die Mehrheit dem Sohn Gottes? Sein Argument in Kurzform ist: Schon früher hat Gott nicht einfach die leibliche Abstammung allein für die Träger der Verheißung gelten lassen, sondern er hat in seiner freien Wahl den Träger der Verheißung erwählt (V.11f). Besonders deutlich wird das bei Jakob und Esau. Noch vor der Geburt, noch bevor beide irgendwelche Dinge richtig oder falsch machen konnten, hat Gott schon entschieden, wenn er sich erwählt.

Nach heutigem Empfinden ist das nur schwer nachvollziehbar. Warum bekommt einer ohne jeden Grund einfach den Vorzug gegenüber einem anderen? Das lässt sich nicht logisch begründen. Hier wird Gott für mich rätselhaft. Aber vielleicht ist das genau der Punkt des Paulus: Auch er kann es sich nicht logisch erklären, warum sein Volk Jesus als den Messias ablehnt.

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Johannes 12, 20-36 Jesus sprengt Erwartungen

Komische Reaktion! Da wollen zwei Menschen Jesus sehen (d.h. sie wollen ihn kennen lernen) und Jesus antwortet mit einem nicht ganz einfachen Wort über das Sterben. Er deutet sein eigenes Sterben an und betont, dass dies nötig sei, damit Frucht wachsen kann. Aber auch seine Nachfolger sollen ihr irdisches Leben „hassen“, damit sie das ewige Leben erhalten (V.25). Klingt nicht gerade attraktiv und einladend für die beiden Menschen, die gerade ihr Interesse bekundet haben, Jesus näher kennen zu lernen!

Jesus entspricht nicht den üblichen Erwartungen. Das zeigt sich auch in V.34: Das Volk hat vom Messias ganz andere Vorstellungen. Sie gehen davon aus, dass der Messias nicht sterben wird, sondern in Ewigkeit herrschen will. Auf dem Hintergrund manch alttestamentlicher Stellen ist das auch gar nicht so abwegig (Jes. 9,5-6Hes. 37,25, Ps. 89,37). Aber auch hier antwortet Jesus nicht wie erwartet und klärt die Menschen über ihre falschen Vorstellungen auf, sondern fordert sie einfach auf, dem Licht zu vertrauen. Keine Erklärung, keine logischen Argumente,…

Das liegt wohl auch daran, dass man Jesus erst von Kreuz und Auferstehung her recht verstehen kann. Vorher muss es für die Menschen immer recht schwierig gewesen sein, Jesus wirklich zu verstehen. Aber es warnt auch uns davor, ein allzu genaues und festgelegtes Jesusbild zu haben. Jesus lässt sich nicht in unsere menschlichen und religiösen Schablonen pressen.

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Johannes 7, 14-30 Keine Beweise, sondern eine Einladung

Seltsam, dass Jesus es zuerst ablehnt auf das Laubhüttenfest zu gehen und dann doch hingeht. Aber er geht eben nicht offiziell als Messiasanwärter und Herausforder der religiösen Machthaber, sondern quasi inkognito als Lehrer im Tempel. Trotzdem kommt auch hier das Gespräch mit seinen Zuhörern zu der entscheidenden Frage: Ist er der Christus (V.26)? Jesus geht auf die menschlichen Messiaserwartungen nicht groß ein, aber er macht deutlich, mit welchem Anspruch er auftritt: „Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat.“ (V.16) Er nimmt für sich die Autorität Gottes in Anspruch (vgl. auch V.28f).

Nun ist das ein Anspruch, den man nicht so leicht beweisen kann. Jesus bietet dementsprechend keine Beweise an, sondern er spricht eine Einladung zum Vertrauen aus: „Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede.“ (V.17) Ob Jesus wirklich von Gott kommt kann man nicht abstrakt beweisen (und im Umkehrschluss auch nicht abstrakt widerlegen!), man kann es nur ausprobieren, ob seine Lehre tragfähig ist und ob sie wirklich von Gott kommt. So ist das bis heute…

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Johannes 1, 43-51 Vom Finden

Das Finden ist ein zentrales Wort in den ersten Versen. Philippus sagt: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben.“ (V.45) Das heißt, sie haben den gefunden, den das Alte Testament als den von Gott gesandten Messias verheißen hat. Sie haben zum Glauben gefunden, sie haben Jesus gefunden. Aber spannend ist, was davor geschieht. Das zum Glauben finden ist keine einseitige Angelegenheit des Jüngers. Voraussetzung für sein Finden ist, dass er von Jesus gefunden wurde: „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus“ (V.43). Auch hier geht es nicht um ein zufälliges über den Weg laufen, sondern Jesus findet einen Menschen, nach dem er gesucht hat. Auch wir können Jesus nur finden, wenn wir zuerst von ihm gefunden wurden.

Das Finden hat hier sogar noch eine dritte Dimension: „Philippus findet Nathanael“ (V.45). Derjenige, der von Jesus gefunden wurde, wird selbst zu einem Menschen, der andere für Jesus findet. Philippus wurde von Jesus gefunden und das öffnet ihm die Augen, so dass auch er andere Menschen finden kann. Jesus kann auch heute noch selbst Menschen ganz direkt finden und ihnen den Weg zum Glauben öffnen. Aber er kann auch uns gebrauchen, um Menschen zu finden und sie zu Jesus einzuladen: „Komm und sieh es!“ Wir brauchen nicht selbst zu überzeugen, dass Jesus tatsächlich der erhoffte Retter ist. Wir brauchen nur einladen: Komm und schau es dir selbst an. Probier es aus.

Das ganze erste Kapitel hat dann in V.51 seinen Höhepunkt. Im ganzen Kapitel tauchen gängige Hoheitsbezeichnungen für Jesus auf (z.B. Gottes Sohn und König von Israel in V.49). Am Schluss bezeichnet Jesus sich selbst ausgerechnet mit dem Titel „Menschensohn“ (V.51). Das ist eigentlich gar kein Hoheitstitel, sondern in der Alltagssprache einfach die Bezeichnung für einen Menschen. Jemand der Sohn eines Menschen ist, der gehört zur Gattung Mensch. Insofern ist jeder von uns ein Menschensohn bzw. Menschentochter.

Im Zusammenhang wird es hier jedoch zu einem Hoheitstitel. Der Menschensohn ist derjenige, über dem sich der Himmel öffnet. Das ist eine Anspielung auf 1. Mo. 28,12, wo sich Jakob im Traum der Himmel öffnet und er die Engel Gottes sieht. Jesus sagt von sich, dass er der Ort auf Erden ist, an dem sich der Himmel öffnet, an dem sich irdische und himmlische Welt verbinden. Außerdem ist der Titel „Menschensohn“ auch eine Anspielung auf ein Vision von Daniel. In Dan. 7,13 sieht der Prophet jemand „mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn“. Von diesem Menschensohn sagt Daniel, dass er in einem Reich ohne Ende herrschen wird.

„Menschensohn“ betont also einerseits, dass Jesus einer von uns ist. Ein Mensch wie wir. Es betont aber anderseits auch seine Hoheit. In ihm öffnet sich für uns der Himmel. In ihm können wir von Gott gefunden werden und in ihm können wir Gott finden.

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Johannes 1, 19-28 Wegbereiter

Es ist im Johannesevangelium auffällig, welchen breiten Raum Johannes der Täufer in der Darstellung einnimmt. Schon im Prolog (Joh.1,1-14) wird zweimal auf ihn verwiesen. Auch danach folgt keine Geburtsgeschichte Jesu, sondern sofort die Auseinandersetzung mit der Rolle des Täufers. Man kann vermuten, dass es zur Zeit der Abfassung des Evangeliums eine Konkurrenz zwischen Jünger Jesu und Jünger des Täufers gab. In manchen Kreisen wurde wohl auch Johannes der Täufer als endzeitlicher Retter gesehen. Das Johannesevangelium betont dagegen deutlich, dass schon der Täufer selbst sich ganz bewusst als Wegbereiter Jesu verstanden hat. Er sah sich selbst nicht als der erwartete Messias, sondern er wollte auf Jesus verweisen.

Die hier dargestellte Demut des Täufers beeindruckt mich. Echte und ernst gemeinte Demut, die nicht aus Minderwertigkeitskomplexen heraus entsteht, ist heute auch unter Christen selten. Mir geht es ja selbst so. Versuche wir wirklich dem Herrn den Weg zu ebnen? Oder sind wir nicht oft genug unsere eigenen Herren? Suchen wir im Glauben nicht in erster Linie Glück und Erfüllung für uns selbst? Suchen wir nicht in erster Linie Trost und Halt für unser unruhiges Herz? Können wir wirklich demütig weg von uns selbst schauen und nur auf Gott sehen? Geht das denn überhaupt? Wenn ich mich selbst anschaue und auch andere Christen, dann sehe ich soviel „Ich, ich, ich!“ und so wenig „Du“. Das ist so manches mal verborgen unter einem frommen Deckmantel einer scheinbaren Demut. Aber dieser Deckmantel ist meist sehr dünn.

Sacharja 9, 9-12 Der arme König

Im Alten Testament ist dies ein wichtiger Text für die Messiaserwartung. Der Messias ist der von Gott zum König gesalbte. Er wird kommen und das Königreich des Volkes Gottes aufrichten. Spannend an diesem Text ist, dass dieser künftige König nicht als reich und mächtig in weltlichem Sinn geschildert wird. Er reitet auf einem Esel, das war das Lasttier der armen Leute damals – Könige ritten auf Pferden. Er wird nicht durch militärische Macht herrschen, sondern im Gegenteil, „der Kriegsbogen soll zerbrochen werden“ (V.10). Trotzdem wird seine Herrschaft alle Welt umfassen. Hier scheint sich die Erwartung eines Heilskönigs mit der Vorstellung eines leidenden Gottesknechtes zu verbinden.

Wenn Jesus von Nazareth hunderte von Jahren später auf einem Esel nach Jerusalem reitet, dann macht er damit sehr deutlich, was für einen Anspruch er hat. Er will dieser Heilskönig sein. Er will nicht mit militärischer Macht herrschen, sondern er will gerade in seiner Armut den Menschen helfen.

Hat sich diese Verheißung in Jesus Christus nun erfüllt? Ja und nein. Er ist tatsächlich auf einem Eseln nach Jerusalem geritten. Aber es sind bei weitem nicht alle Kriegsbogen zerbrochen. Er herrscht bei weitem nicht über alle Welt. Auch als Christen warten wir noch auf die endgültige Erfüllung dieser Verheißung. Sein Friedensreich hat schon angefangen, aber es ist noch nicht vollendet.

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Sacharja 6, 9-15 Unerfüllte Verheißung?

Noch einmal tauchen hier zwei künftige Heilsfiguren auf. Mit „Spross“ (V.12) bezeichnen die Propheten den Messias. Neben ihm soll einen Priester geben und die beiden werden einmütig und in Frieden (V.13) Gottes Volk anführen. Auffällig ist, dass hier zwar der Name des damaligen Hohenpriesters Jeschua fällt – dieser wird jetzt schon zeichenhaft gekrönt – dass aber der Name Serubbabel nicht mehr erwähnt wird. In Sach. 4,6-10 wird er noch als derjenige angekündigt, der den Tempelbau vollenden wird. Jetzt wird ein zukünftiger „Spross“ erwartet, der den Tempel bauen wird (V.13).

Offensichtlich hat sich die messianische Erwartung an Serubbabel so nicht erfüllt. Nicht Serubbabel ist der zukünftige Messias, sondern Sacharja wartet auf jemand Anderes. Hier zeigt sich innerhalb eines biblischen Buches, dass Prophezeiungen nicht immer ihre automatische Erfüllung nach sich ziehen. Oder hat sich Sacharja geirrt? Aber dann hätte man die ursprüngliche Erwartung an Serubbabel ja konsequenterweise aus dem Buch gestrichen und verschwiegen. Nein, in Serubbabel hat sich die Verheißung des Wiederaufbau des Tempels ansatzweise erfüllt, aber noch nicht vollendet. Nun wartet Sacharja auf einen Anderen, einen Größeren (das Neue Testament spricht von einem, der Gottes Tempel in drei Tagen auf eine andere Weise wieder aufbaut…).

Sacharja selbst sagt zu dieser neuen Erwartung: „Das soll geschehen, wenn ihr gehorchen werdet der Stimme des Herrn“ (V.15). Er selbst macht deutlich, dass Gott seine Verheißungen nicht automatisch und unabhängig von unseren menschlichen Reaktionen erfüllt. Göttliche Verheißungen schließen unsere menschliche Reaktion nicht aus, sondern sie schließen sie ein. Wenn Gott handelt, heißt das nicht, dass wir nicht handeln brauchen…

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Sacharja 4, 1-14 Die beiden Ölsöhne und der eine Gesalbte

In dieser Vision tauchen zwei Gesalbte (wörtlich: „Ölsöhne“) auf. Sie stehen wohl für politische und religiöse Führungspersönlichkeiten, also für König und Priester. Die Vision scheint von den damaligen Erwartungen beeinflusst zu sein. Denn man erwartete die Wiederherstellung Israels unter dem Hohenpriester Jeschua (vgl. Kap. 3) und durch den in messianischen Farben geschilderten Serubbabel, der damals Statthalter von Juda war (vgl. 4,9f und Haggai 2,21-23). Allerdings lesen wir danach nichts mehr von Serubbabel – die Erwartungen haben sich wohl so nicht erfüllt.

Im Neuen Testament wird Jesus Christus als der eine wahre König und Hohepriester gesehen. In ihm vereinen sich als dem einen Gesalbten alle Erwartungen. Wir sehen wieder einmal, dass nicht alle Prophetien einfach eins zu eins aufgehen. Es sind Zukunfts- und Hoffnungsbilder, die etwas andeuten, aber nicht exakt voraussagen. In der damaligen Zeit haben sich die Erwartungen im Hohepriester Jeschua und dem Statthalter Serubbabel ansatzweise erfüllt. Die beiden sorgten für den Wiederaufbau des Tempels, trotz mancher Widerstände. In Jesus Christus ist diese Prophezeiung der „Ölsöhne“ auf veränderte Weise fortgeführt worden. Die endgültige Aufrichtung der Herrschaft des Messias steht noch aus und wird wohl auch etwas anders aussehen, als wir uns das jetzt noch vorstellen können.

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Apostelgeschichte 22, 1-21 Persönliche Erfahrung und biblische Grundlage

Paulus hebt in seiner Verteidungsrede besonders seinen jüdischen Eifer und seine persönliche Erfahrung hervor. Er kennt durch seine Ausbildung das alttestamentliche Gesetz sehr genau. Er sieht sich als Eiferer für Gott. Er spricht vor seinen jüdischen Zuhörern vom „Gott unserer Väter“ (V.14). Auffällig ist, dass in seiner ganzen Rede der Name Jesus nur einmal fällt (V.8). Diese Rede macht deutlich: Paulus sieht sich nach wie vor als Jude. Aber er sieht eben in Jesus von Nazareth „den Gerechten“ (V.14), also den Messias.

Paulus versucht hier nicht durch theologische Argumente zu überzeugen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte. Das ist das, was bis heute andere am meisten von Jesus Christus überzeugt: Was haben wir mit ihm erlebt? Wie hat er unser Leben verändert? Allerdings war für Paulus auch seine theologische Ausbildung wichtig, um diese Erfahrungen einordnen und richtig deuten zu können. Wenn die biblische Grundlage fehlt, dann bleiben nur noch religiöse Gefühle. Und die können ziemlich beliebig sein.

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