Johannes 1, 43-51 Vom Finden

Das Finden ist ein zentrales Wort in den ersten Versen. Philippus sagt: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben.“ (V.45) Das heißt, sie haben den gefunden, den das Alte Testament als den von Gott gesandten Messias verheißen hat. Sie haben zum Glauben gefunden, sie haben Jesus gefunden. Aber spannend ist, was davor geschieht. Das zum Glauben finden ist keine einseitige Angelegenheit des Jüngers. Voraussetzung für sein Finden ist, dass er von Jesus gefunden wurde: „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus“ (V.43). Auch hier geht es nicht um ein zufälliges über den Weg laufen, sondern Jesus findet einen Menschen, nach dem er gesucht hat. Auch wir können Jesus nur finden, wenn wir zuerst von ihm gefunden wurden.

Das Finden hat hier sogar noch eine dritte Dimension: „Philippus findet Nathanael“ (V.45). Derjenige, der von Jesus gefunden wurde, wird selbst zu einem Menschen, der andere für Jesus findet. Philippus wurde von Jesus gefunden und das öffnet ihm die Augen, so dass auch er andere Menschen finden kann. Jesus kann auch heute noch selbst Menschen ganz direkt finden und ihnen den Weg zum Glauben öffnen. Aber er kann auch uns gebrauchen, um Menschen zu finden und sie zu Jesus einzuladen: „Komm und sieh es!“ Wir brauchen nicht selbst zu überzeugen, dass Jesus tatsächlich der erhoffte Retter ist. Wir brauchen nur einladen: Komm und schau es dir selbst an. Probier es aus.

Das ganze erste Kapitel hat dann in V.51 seinen Höhepunkt. Im ganzen Kapitel tauchen gängige Hoheitsbezeichnungen für Jesus auf (z.B. Gottes Sohn und König von Israel in V.49). Am Schluss bezeichnet Jesus sich selbst ausgerechnet mit dem Titel „Menschensohn“ (V.51). Das ist eigentlich gar kein Hoheitstitel, sondern in der Alltagssprache einfach die Bezeichnung für einen Menschen. Jemand der Sohn eines Menschen ist, der gehört zur Gattung Mensch. Insofern ist jeder von uns ein Menschensohn bzw. Menschentochter.

Im Zusammenhang wird es hier jedoch zu einem Hoheitstitel. Der Menschensohn ist derjenige, über dem sich der Himmel öffnet. Das ist eine Anspielung auf 1. Mo. 28,12, wo sich Jakob im Traum der Himmel öffnet und er die Engel Gottes sieht. Jesus sagt von sich, dass er der Ort auf Erden ist, an dem sich der Himmel öffnet, an dem sich irdische und himmlische Welt verbinden. Außerdem ist der Titel „Menschensohn“ auch eine Anspielung auf ein Vision von Daniel. In Dan. 7,13 sieht der Prophet jemand „mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn“. Von diesem Menschensohn sagt Daniel, dass er in einem Reich ohne Ende herrschen wird.

„Menschensohn“ betont also einerseits, dass Jesus einer von uns ist. Ein Mensch wie wir. Es betont aber anderseits auch seine Hoheit. In ihm öffnet sich für uns der Himmel. In ihm können wir von Gott gefunden werden und in ihm können wir Gott finden.

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Apostelgeschichte 7, 54 – 8, 3 Das Evangelium breitet sich aus

Diskussionen über die Bedeutung von Gesetz und Tempel, sowie prophetische Gerichtsbotschaften gab es schon im Alten Testament. Alles was Stephanus bis jetzt gesagt hatte sorgte zwar für Ärger und Wut, wäre aber noch halb so schlimm gewesen für die Zuhörer. Aber als er nun sagt, dass er den Menschensohn (damit meint er Jesus) zur Rechten Gottes sieht, bringt er das Fass zum Überlaufen. Aus dem geordneten Prozess gegen ihn wird ein Aufruhr, der in Lynchjustiz endet.

Aber gerade diese dunkle Stunde wird zu einem entscheidenden Impuls für die Verbreitung des Evangeliums. Die griechisch sprechenden Judenchristen werden aus Jerusalem vertrieben und fliehen in das Gebiet von Judäa und Samarien. So beginnt sich die Verheißung von Apg. 1,8 zu erfüllen, dass die Christen Jesu Zeugen werden „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“. Vielleicht kann Gott auch heute noch unsere dunklen Stunden nutzen, um uns zu Zeugen werden zu lassen…

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Daniel 7, 1-15 Der Menschensohn

In dieser Vision geht es wohl um die vier Königreiche, welche auch in Nebukanezars Traum in Dan.2 auftauchen. Im Gegensatz zu diesen tierischen Mächten, die aus der widergöttlichen Chaosmacht des Meeres heraufsteigen und immer grausamer werden, wird ein Herrscher vom Himmel kommen, der die Gestalt eines Menschensohns hat. Nach dem Gericht über die Tiere wird er in einem ewigen Reich über alle Völker herrschen. Nach Dan.7,18.27 ist dabei an das personifizierte Volk Israel zu denken.

Vom Neuen Testament her drängt sich unmittelbar der Vergleich mit Jesus Christus auf. Jesus selbst hat sich bevorzugt als „Menschensohn“ bezeichnet. Diesen Titel hat er von sich selbst weit häufiger als alle anderen Selbstbezeichnungen gebraucht. Menschensohn kann zunächst einfach „Mensch“ bedeuten. Ein Sohn des Menschen gehört (im Unterschied zu den Tieren oder himmlischen Mächten) zu der Gattung der Menschen. Auf dem Hintergrund von Dan.7 konnte diese Bezeichnung ab auch als messianischer Hoheitstitel verstanden werden.

Jesus verstand sich selbst also vor allem vor dem Hintergrund dieses Textes aus Dan.7. Als „Menschensohn“ gehört er zu der Gattung Mensch und doch hat er himmlischen Ursprung (so wie der Menschensohn in Dan.7 vom Himmel her kommt). Er richtet kein neues irdisches und vergängliches Reich auf, sondern herrscht über alle Völker in Ewigkeit. Nüchtern betrachtet, scheint er an diesem Anspruch gescheitert zu sein. Er wurde vom römischen Weltreich hingerichtet und bis heute kommen und gehen die irdischen Reiche. Aber der Glaubende erkennt, dass im Gekreuzigten und Auferstandenen ein ganz anderes, ewiges Reich begonnen hat, welches dieser „Menschensohn“ einmal vollenden wird.

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