1. Thessalonicher 2, 1-12 Die Kirche und das liebe Geld

Obwohl sich Paulus auf mütterliche (V.7) und väterliche (V.11) Weise liebevoll um die Gemeinde gekümmert hat, muss er sich hier offensichtlich mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe Menschen verführt um selbst einen finanziellen Gewinn daraus zu ziehen. Für uns ist das natürlich schwer zu beurteilen, wir kennen nur die Argumente des Paulus. Aber so wie wir das Leben und die Überzeugungen des Paulus aus seinen Briefen kennen, ist es eigentlich nicht vorstellbar, dass diese Verleumdungen zutreffen. Paulus geht es nicht um’s Geld, sondern um Gott.

Wir sehen, dass das Thema Kirche und Geld schon damals ein heikles Thema war. Schon bei Paulus bestand der Argwohn, dass unter Christen nicht redlich mit dem Geld umgegangen wurde. Die Empörung ist ja bis heute in der Öffentlichkeit zu Recht sehr groß, wenn ein kirchlicher Würdenträger leichtfertig und eigennützig mit Geld umgeht. Andererseits ist es immer leicht, sich über andere zu empören und ihre Fehler aufzubauschen. Die Frage gilt ja nicht nur für einen Missionar wie Paulus oder einen kirchlichen Amtsträger, sondern an jeden Christen: passt mein persönlicher Umgang mit dem Geld zur Botschaft des Evangeliums? Natürlich ist es gut, auf Missstände hinzuweisen. Aber genauso wichtig ist es, dass wir uns selbst an die eigene Nase fassen.

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Lukas 19, 1-10

Eigentlich ist diese Geschichte auch eine Heilungsgeschichte. Der Geheilte war aber nicht körperlich krank oder auf sonstige Weise äußerlich hilfsbedürftig. Aber er hatte eine andere Krankheit: Reichtum und Gier. Er ist ein Verlorener, der von Jesus gesucht und gefunden wird (V.10).

Aus irgendeinem Grund will er unbedingt Jesus sehen. War es reine Neugierde? Oder hat er tief in sich gespürt, dass er Heilung brauchte und dieser Jesus ihm vielleicht helfen kann? Jesus nimmt ihn wahr und sucht die Begegnung. So wie er keine Scheu vor den Kranken und Aussätzingen hatte, so hat er auch keine Scheu vor den Reichen. Durch die Begegnung mit Jesus wir Zachäus geheilt. Er kann seinen Reichtum loslassen. Er wird befreit von dem Dämon Mammon, der ihn besessen hat. Und Jesus stellt fest: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ (V.9)

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1. Timotheus 6 Geschäft mit religiösen Sehnsüchten

Ganz zum Schluss des Briefes werden die Irrlehrer ausdrücklich mit einem Stichwort gekennzeichnet. Sie gehören zur „sogenannten Erkenntnis“ (auf griechisch: Gnosis). Das war eine religiös-philosophische Geistesströmung, die unterschiedliche Ausprägungen annehmen konnte und mit der sich v.a. im 1. Jh. n. Chr. die junge Kirche auseinandersetzen musste. In der vielgestaltigen Strömung wurden Elemente aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen integriert – ähnlich der heutigen Esoterik. Ein wesentliches Merkmal der Gnosis war eine Skepsis gegenüber allem Materiellen und Leiblichen. Das konnte sich einerseits in einer extremen Leibfeindlichkeit äußern (vgl. 1. Tim. 4,3), es konnte aber auch ins Gegenteil umschlagen, in eine extreme moralische Gleichgültigkeit gegenüber allem Leiblichen. Diese Haltung beruht auf der Annahme, dass alles Materielle von einem bösen Gott geschaffen wurde. Erlösung findet man durch die „Erkenntnis“ des wahren Göttlichen, das als göttlicher Lichtfunke in jedem von uns wohnt.

Bezeichnend in diesem Kapitel ist auch, dass das Streben nach Reichtum und Gewinn bei den Irrlehrern kritisiert wird. Das verbindet sich ja bis heute gerne: Seltsame esoterische Lehren, die durchaus eine gewisse Schnittmenge mit guter Lehre haben, aber in Endeffekt etwas völlig anderes sind, und das Gespür dafür, dass man mit religiösen Gefühlen und Sehnsüchten auch gute Geschäfte machen kann. Als aktuelles Beispiel fällt mir da die „Gebetsessenz“ von einem gewissen Jürgen Fliege ein. Angeblich eine Art „Ursuppe“, über welche Jürgen Fliege gebetet hat, die dadurch besondere Heilkräfte besitzen soll und die sich dann prächtig für 39,95 Euro (95 ml-Flasche, 420 Euro pro Liter) verkaufen lässt… (vgl. hier auf EsoWatch)

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Hesekiel 27 Globalisierung in der Antike

In diesem Klagelied über Tyrus wird eindrucksvoll der Reichtum der Handelsstadt geschildert (übrigens spannend, dass Hesekiel über den Feind ein Klagelied anstimmt!). Tyrus war wohl ein zentraler Umschlagsplatz für Waren, die über das Meer aus dem gesamten Mittelmeerraum und über das Land aus dem gesamten palätstinisch-syrisch-arabischen Gebiet kamen. Beeindruckend fand ich, welch Fülle von welch Fülle von Handelspartnern und Handelswaren hier aufgezählt werden. Da ging ganz schön was ab!

Man denkt immer in antiken Zeiten lebten die Menschen in ihrer kleinen, heilen Welt – aber dieser Text zeigt, dass es schon damals ähnliche Globalisierungstendenzen gab wie heute – nur auf einem etwas begrenzterem Gebiet und nicht in unserem heutigen Tempo. Schon damals wussten die Politiker und Wirtschaftsbosse in Tyrus die Macht des Marktes zu ihren eigenen Gunsten einzusetzen. Schon damals regierte das Geld und die Waffen. Aber damals wie heute macht uns die Bibel deutlich, dass wirtschaftliche und auch politische Macht nicht bleibend ist…

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Irene Nemirovsky: Herr der Seelen

Irene Nemirovsky ist eine große Erzählerin und Schriftstellerin. Sie wurde 1903 in der Ukraine geboren. 1919 floh ihre Familie nach Paris, wo sie Literaturwissenschaft studierte. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1929 mit dem Roman „David Golder“. Als Jüdin wurde sie verhaftet und starb noch im selben Jahr in Auschwitz.

In dem Roman „Herr der Seelen“ geht es auch um einen Einwanderer, der versucht in Frankreich Fuß zu fassen. Die Hauptperson ist der Arzt Dario Asfar. Dario ist Zeit seines Lebens ein Getriebener, er steckt ständig in Geldsorgen und kämpft um Anerkennung und Respekt. Er kommt mit seiner Frau nach Frankreich und die beiden bekommen einen Sohn.

Nach anfänglicher Erfolglosigkeit (die vor allem mit seinem Status als sichtbar fremdländischer Einwanderer zu tun hat), scheint sich sein Glück zu wenden. Er findet reiche bürgerliche Patienten, die sich lieber auf seelischer Ebene behandeln lassen wollen, anstatt konkret ihr Leben zu ändern. Dario wird zum Herr der Seelen, einem Scharlatan, der seine Patienten durch lange psychoanalytische Therapien an sich bindet. Allerdings wird er seine Geldsorgen nie los, da seine Ansprüche steigen und er nach außen den Schein eines reichen, erfolgreichen Arztes wahren muss, um seine Patienten zu behalten. Auch im Erfolg bleibt er ein gehetztes, hungriges Tier.

Widersprüchlich ist die Liebe zu seiner Frau. Auf der einen Seite liebt er sie von Herzen – aber eher als eine Kameradin, die ihn in seinem Kampf durch’s Leben unterstützt. Andererseits hat er zahlreiche kostspielige Affären mit jungen Frauen und verliebt sich auf platonischer Ebene in die engelhafte Frau eines Patienten. An ihr liebt er vor allem die moralische Integrität, die nicht zuerst auf Geld und Erfolg aus ist, sondern die sich an inneren Werten orientiert. Gerade das, was er selbst nicht hat.

Dramatisch zugespitzt wird diese Lebensgeschichte durch den Sohn des Arztes, der nach und nach hinter den verschlagenen Charakter seines Vaters kommt. Eigentlich wollte Dario mit seinen manchmal auch unmoralischen Bemühungen um Erfolg dafür sorgen, dass sein Sohn einmal ein besseres und sorgenfreieres Leben führen kann als er. Doch am Ende muss er feststellen, dass er mit Geld die Liebe und den Respekt seines Sohnes nicht erkaufen kann.

Ein vielschichtiger Roman, der gut erzählt ist (wobei Nemirovsky manches mal, zu etwas platten Überzeichnungen neigt). Die Beziehungsgeflechte und Personen werden recht neutral dargestellt, so dass man oft schwankt: Soll man diesen Dario nun hassen oder bemitleiden? Gut gelungen ist in meinen Augen auch die Doppelzüngigkeit von Geld und Erfolg. Auf der einen Seite muss Dario an Geld kommen, damit er selbst und seine Familie überhaupt überleben können. Als erfolgloser Arzt wäre er dem Untergang geweiht. Andererseits erliegt er auch der Macht und Faszination des Mammons. Er verstrickt sich in der endlosen Sucht nach mehr und verliert dabei das, was er bei seinen Patienten angeblich heilen will: seine Seele.

Zitate

  • „Nie wird mir warm genug sein! Ne werde ich mich sicher genug, geachtet genug, geliebt genug fühlen, Clara. Nichts ist entsetzlicher, als kein Geld zu haben. Nichts ist abscheulicher, schändlicher, heilloser als die Armut!“ (S.201)
  • „‚Ich trage in mir ein Licht, das nichts täuscht‘, sagte sie sanft. ‚Sprechen sie von Gott? Ich weiß, daß Sie gläubig sind. Ah, ihr seid Kinder des Lichts! Ihr habt nur edle Leidenschaften, ihr seid unendlich schön… Ich aber, ich bin aus Finsternis, aus dem Schlamm der Erde.“ (S.209)